Die Kranken kommen zu kurz
Die Kranken kommen zu kurz

Die Kranken kommen zu kurz

Untersuchungszimmer © Karin Lachmann Untersuchungszimmer © Karin Lachmann
Aus finanziellen Gründen ist die Leistungsfähigkeit der deutschen Hochschulmedizin in Gefahr. Die Folgen wären nicht nur für den Forschungsstandort schwerwiegend, schreibt Gotthilf Steuerzahler.

Den 36 Universitätskliniken in Deutschland geht es schlecht, viele von ihnen schreiben rote Zahlen. Dabei kommt ihnen im deutschen Gesundheitssystem eine zentrale Rolle zu. Die Universitätskliniken sind zum einen für die Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses, für die Krankenversorgung und zugleich für die medizinische Forschung zuständig.

Bereits vor über zwanzig Jahren, im Oktober 1993, wies der damalige Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery, auf die Missstände an den Universitätskliniken hin. In einem Aufsatz für „Die Zeit“ schieb er damals:

Schon ist erkennbar, daß Krankenhäuser niedrigerer Versorgungsstufen wie auch niedergelassene Ärzte versuchen, ,teure’ Patienten aus ihrem eigenen, strapazierten Budget in das nicht minder gedeckelte Budget der Großkliniken umzuleiten.“

Und weiter:

„Die Freiräume für Wissenschaft und Forschung, die bis zur Hälfte der täglichen Arbeitszeit betragen können, sind reine Utopie. In den klinischen Fächern sind 80 bis 120 Über- und Bereitschaftsdienststunden monatlich die Regel: Forschung findet nur noch in der knappen Freizeit statt.“

Zweifelhaftes Finanzierungssystem

Während die Fachwelt heute darüber einig ist, dass das bestehende Finanzierungssystem nicht ausreicht, die Betriebskosten der Kliniken zu decken, hegen staatliche Stellen den Verdacht, sie würden– ungewollt – die Krankenkassen subventionieren; umgekehrt glauben diese, ihre für die Krankenversorgung bestimmten Gelder würden in Forschung und Lehre fließen.

Für ihre Forschungsaufgaben erhalten die Kliniken Geld vom jeweiligen Bundesland. Die Krankenversorgung wird über die Krankenkassen finanziert. Die verschiedenen Aufgabenbündel lassen sich hinsichtlich der Kostenzuordnung nur schwer voneinander trennen.

Hinzu kommt ein massiver Investitionsstau, insbesondere bei den Klinikbauten, welche heutigen Anforderungen häufig nicht mehr entsprechen. Deutschland fällt im internationalen Vergleich deutlich zurück.

Die schwierige finanzielle Situation der Universitätskliniken geht auf die Einführung eines neuen Vergütungssystems für die deutschen Krankenhäuser vor einigen Jahren zurück. Das Vergütungssystem basiert auf Fallpauschalen, die für alle Krankenhäuser gleich sind. Die Sonderstellung der Universitätsklinken wird in diesem System nicht berücksichtigt. Als Zentren der Spitzenmedizin haben die Universitätskliniken die Aufgabe der Innovation, das heißt sie sollen neue Methoden und Erkenntnisse in Bezug auf die Diagnose und Therapie von Krankheiten entwickeln.

Ferner sind sie Zentren der Maximalversorgung, in denen die medizinisch schwersten und komplexesten Fälle behandelt werden. Die sich in diesem Zusammenhang ergebenden, zum Teil extrem hohen Kosten werden nicht ausreichend durch die Fallpauschalen abgedeckt. Ähnliches gilt für seltene Krankheiten, die vielfach nur an Universitätsklinken behandelt werden können. Anders als sonstige Krankenhäuser können die Universitätskliniken sich nicht auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisieren und damit ihre Kosten senken.

Operationssäle sind besonders teuer

Die Klinikleitungen haben in den letzten Jahren unter dem Druck der Fallpauschalen die Kosten ihrer Häuser reduziert. An anderer Stelle mussten sie aber steigende Aufwände hinnehmen, zum Beispiel für die Vergütung des ärztlichen Personals. Es gibt bei den Universitätskliniken aber immer noch Kostensenkungspotentiale, die noch nicht realisiert worden sind.

Ein Beispiel hierfür ist der Bereich der Operationssäle. Mit Investitionskosten von drei Millionen Euro und jährlichen Betriebskosten (einschließlich Personal) von bis zu einer Million Euro pro Operationssaal handelt es sich um einen besonders kostenintensiven Bereich, dessen effiziente Organisation wirtschaftlich von erheblicher Bedeutung ist. Große Universitätskliniken verfügen über dreißig und mehr Operationssäle, die überwiegend den einzelnen medizinischen Fachdisziplinen (Augenheilkunde, Herzchirurgie, Orthopädie usw.) fest zugeordnet sind.

Viele Operationssäle könnten eingespart werden

Untersuchungen haben ergeben, dass bei einigen Universitätskliniken Operationssäle vorhanden waren, die nicht oder nur gelegentlich genutzt wurden. Jedoch fallen auch für nicht genutzte Operationssäle Kosten an, zum Beispiel für Instandhaltungs-, Wartungs-, Hygiene- und Reinigungsmaßnahmen, die zur Aufrechterhaltung der Betriebsbereitschaft erforderlich sind. Das Vorhalten solcher Operationssäle ist unwirtschaftlich, sie sollten stillgelegt und die Raumressourcen für andere Zwecke genutzt werden.

Die Auslastung der übrigen Operationssäle war häufig unbefriedigend. Vielfach waren sie nur zu zwei Dritteln oder noch weniger ausgelastet. Bei einem verbesserten Management des OP-Bereichs könnten die operativen Eingriffe auf eine geringere Zahl von Operationsräumen konzentriert und diese damit besser ausgelastet werden. Dazu müsste die starre Zuordnung der OP-Säle zu einzelnen Fachdisziplinen aufgegeben werden. Im Ergebnis könnten dann weitere Operationsräume eingespart werden.

Die Nutzung der verbleibenden Operationssäle könnte durch eine Reihe von organisatorischen Maßnahmen weiter gesteigert werden. Vielfach werden die Operationspläne sehr kurzfristig (erst am Vortag der Operation) aufgestellt. Die Erfahrung zeigt, dass eine Wochenplanung zweckmäßiger ist, um vorausschauend für eine bessere Auslastung der zur Verfügung stehenden Raumressourcen zu sorgen. Leerlaufzeiten, unter anderem wegen Wartens auf den Anästhesisten bzw. Operateur könnten vermieden werden, ebenso zu lange Vorbereitungs- und Wechselzeiten. Teilweise kommt es zu Wechselzeiten von bis zu 90 Minuten zwischen den Operationen, während bei einer effizienten Organisation die Wechselzeiten nicht länger als 30 bis 35 Minuten dauern.

Das Finanzierungssystem muss geändert werden

Den Universitätskliniken ist bewusst, dass sie die Wirtschaftlichkeit im OP-Bereich verbessern müssen. An einigen Standorten wurden Operationssäle stillgelegt und die Raumressourcen einer anderen Verwendung zugeführt. Nahezu überall sind Bestrebungen festzustellen, die Auslastung der Operationssäle zu erhöhen und ein zentrales Operations-Management einzuführen. Vielfach ist inzwischen die interdisziplinäre Nutzung von Operationssälen üblich geworden. Beim Neubau von Operationsräumen erhalten ablauforganisatorische Gesichtspunkte ein größeres Gewicht.

Die geschilderten Entwicklungen sind erfreulich. Alle internen Maßnahmen zur Kostensenkung dürften aber nicht ausreichen, um die finanzielle Krise der Universitätskliniken zu beenden. Um wirklich Abhilfe zu schaffen, muss das Finanzierungssystem geändert werden, und zwar dahingehend, dass es den kostenintensiven Besonderheiten der Universitätskliniken Rechnung trägt. Wenn dies nicht geschieht, ist die Leistungsfähigkeit der deutschen Hochschulmedizin in Gefahr. Die Folgen wären nicht nur für den Forschungsstandort Deutschland schwerwiegend. Am Ende kämen vor allem die Kranken zu kurz.

Dieser Text stammt aus dem kostenlosen Newsletter Claus Vogt Marktkommentar.

10 Kommentare zu Die Kranken kommen zu kurz

  1. ja warum ist das wohl so warum kommen kranke zu kurz die Frage ist doch ganz einfach zu erklären . Würden kranke besser behandelt würden ja die sogenannten Krankenkassen und Pharmaindustrien keine so ergaunerten Gewinne mehr erwirtschaften können. Eigentlich müssten dieses sozialistischen Zwangsbeiträge Gesundheitskassen und nicht Krankenversicherungen genannt werden
    Qui Boono !!!!!!!!!!!!!!

  2. wieder einmal Test

    • @Libelle

      wieder einmal ein Test

      Nochmal ein Typ für Sie. Schaffen Sie sich ein WordPresskonto an, wenn Sie noch keines haben.

      Nach dem Einlogen können Sie alle von Ihnen verfolgte Blogs, unter abonnierte Webseits verwalten… konfigurieren.

      Falls der Blog noch nicht vorhanden sein sollte, ganz oben unter „Zum Folgen hier die Webseit-URl eingeben“ www.geolitico.de eingeben. Danach auf die kleinen Pfeile vor den gelisteten Blogs klicken und gewünschtes einstellen.

      Viel Erfolg

      dragaonordestino

      • @ dragaoNordestino

        Es ist sehr lieb von Ihnen dass Sie sich so viel Mühe geben mit mir!

        Aber ich bin schon ziemlich alt, weiblich und froh dass ich überwiegend ganz gut allein mit meinem Computer klar komme. Meine „Hilfskontakte“ möchte ich nicht überstrapazieren.
        Schon deshalb nicht weil ich mir kein WordPress-Konto anlegen möchte nur um einem Blog folgen zu können.

        Da ich diese Probleme auf anderen Blogs nicht habe, werde ich mich wohl eher hier noch seltener blicken lassen. Viel ist hier ja auch nicht mehr los.

        Aber noch einmal Dank für ihre Hilfe und Geduld!

  3. ich war 4 Wochen in der uni-haut-Klinik in Osnabrück.
    eine größere abzocke für blödsinnige nichtsbringende Behandlungen habe ich noch nie erlebt.alles ein einziger betrug.

  4. Wieso kommt mir bloss bei solchen Artikeln „Flassbeck economics“ in den Sinn.? Einfach deshalb weil dieser schon seit Jahren die Menschen alarmiert, dass Exportweltmeister, mit einem massiven Importdefizit von 300 Milliarden Euro, nicht nur die anderen Partner der WU an die Wand fährt, sondern über kurz oder lang, auch den deutschen Binnenmarkt kaputt schlägt.

    Anders ausgedrückt, Deutschland lebt seit Jahren massiv unter seinen Verhältnissen. Es sind eben nicht nur Brücken, Strassen, Gas und Wasserleitungen die nicht mehr renoviert werden, sondern es betrifft fast alles was eine moderne Gesellschaft am laufen hält.

    Dazu kommt, dass mit der Föderalismusreform in der BRD, der Bund sich aus der Finanzierung zurückgezogen hat, dass Ganze ist nun Ländersache, jedoch fehlt aufgrund leerer Länderkassen, der Hochschulmedizin Geld für dringend notwendige Investitionen.

    Und so führt eins zum anderen. Willkommen im Bund der Bananenrepubliken

    http://www.dragaonordestino.net/Drachenwut_Blog_DragaoNordestino/Freies-Konsensforum/Deutschland-gegen-Europa.php

    • Noch eine Anmerkung zu meinem obenstehenden Kommentar:

      Juni 2010

      Wir zahlen alle für den beachtlich miesen Zustand einer Wissenschaft und ihrer Mitläufer in Politik und Medien

      Im 21. Jahrhundert sollte eine Wissenschaft nicht gänzlich von Denkfehlern geprägt sein, so denkt man. Aber die Wissenschaft von der Ökonomie belehrt uns eines Schlechteren. Sie ist in Deutschland nahezu total von dogmatischen Irrlehrern beherrscht. Und die vorherrschende Politik und die meisten Medien folgen ihr. Im gegenwärtigen Streit um die richtige Wirtschafts- und Finanzpolitik, um Sparen und Konjunkturförderung, wird dies überdeutlich. Deutschland ist damit ziemlich isoliert. Aber es ist nicht auszuschließen, dass die Sturheit der deutschen Politik und Wissenschaft auch weiterhin großen Schaden anrichtet….

      unter nachfolgendem Link weiterlesen:

      http://www.nachdenkseiten.de/?p=5953

  5. Sehr witzig, das Bildungssystem, die Infrastruktur etc. kommen ebenfalls zu kurz , seit Jahren werden sie unterfinanziert/heruntergefahren.
    Wir kennen die Gründe und der aktuelle Grund wird zum Totalkahlschlag führen, denn Ressourcen sind nun mal begrenzt, inklusive des menschen Arbeitskraft und Arbeitswille.

  6. Martin Oldenburg // 28. September 2016 um 15:00 // Antworten

    Habe als chronisch Erkrankter sattsam negative Erfahrungen im Klinikbereich sammeln müßen. Was dort einem geboten wird, ist i.d.R. unterirdisch! Anamnese, gesicherte Diagnose sowie zielführende Therapie glatte Fehlanzeige.
    Dieses Krankheitssystem drückt sich vor der Entscheidung:Ist man Patient (Mensch) oder nur Kunde !!
    Habe eh kein Vertrauen mehr in die sog. Schulmedizin.

    • Das Problem, das nicht nur im Gesundheitssystem vorherrscht, besteht darin dass es um Durchökonomisierung in allen Lebensbereichen geht. Pharmaindustrie und Schulmedizin arbeiten Hand in Hand. Die Krankenhäuser, ich formuliere es sarkastisch, werden sozialistisch geführt im Sinne dass nur Leitlinien die die Pharmaindustrie und die Schulmedizin vorgibt umgesetzt werden.
      Alternative Heilverfahren, Homööpathie haben dort keine Existenzberechtigung.
      Die Schulmediziner sind viel zu sehr mit der Pharmaindustrie verbandelt, als dass man Ihnen Vertrauen entgegen bringen könnte.
      Medizin ist keine Wissenschaft, schon gar nicht Schulmedizin, sondern eine Heilkunst. Kaum einer von der Ärzten hat Hippokrates gelesen, denn dort steht unter anderem auch der Begriff Heilkunst.
      Dass der Arzt den Patienten als gleichberechtigt sieht, ist für unsere heutige Ärzteschaft ein Fremdwort.
      Ärzte und Pharmaindustrie leben von Krankheiten. Das bedeutet, dass sie überhaupt kein Interesse haben an der Gesundheit des Menschen.

      Wenn man nun auf die Idee käme, bei niedergelassenen Ärzten ein Vergütungssystem zu installieren, dass sich am Gesundheitszustand des Patientenkreises orientiert wäre schon viel geleistet. Mit anderen Worten je weniger der niedergelassene Arzt zu tun hat um so höher seine Vergütung. Das heisst, er muss interessiert sein dass sein Patientenkreis möglichst gesund ist. Und das wiederum bedeutet, dass sich der Arzt um Gesundheit bemüht und somit auch zurück zu seiner Heilkunst finden könnte einschl. alternativer Heilverfahren.
      Dieser Vergütungsansatz findet meiner Meinung nach nicht das Wohlgefallen der Pharmaindustrie und der Schulmedizin. Aber nur auf diesem Wege könnte eine Lösung für unser wirklich kranken Gesundheitswesen gefunden werden.

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*