Gerhard Schröders 80. Geburtstag, Putin und die SPD

Gerhard Schroeder und George W. Bush / Quelle: Wikipedie; White House photo by Paul Morse, Public domain, via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bush_and_Schr%C3%B6der.jpg Gerhard Schroeder und George W. Bush / Quelle: Wikipedie; White House photo by Paul Morse, Public domain, via Wikimedia Commons; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bush_and_Schr%C3%B6der.jpg

Vom Arbeiterkind zum Kanzler. Die Aufsteigergeschichte Gerhard Schröders war sinnbildlich für die Sozialdemokratie. Und heute?

Ein Van mit abgedunkelten Scheiben nähert sich einem Golfplatz. Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein. Ein gutgelaunter älterer Herr steigt mit seiner Frau aus und grüßt freundlich das Dreh-Team. Gerhard Schröder packt die Golfschläger aus und beginnt mit dem Spiel während der Reporter ihm hinterherläuft und Fragen stellt. Natürlich geht es um den Krieg in der Ukraine und Schröders Haltung dazu. Der Altkanzler antwortet souverän, so wie in der ganzen sehenswerten Dokumentation „Außer Dienst? Die Gerhard Schröder Story“ zu seinem 80. Geburtstag am 7. April.

Fleißkärtchen für die SPD

Eine andere Szene, frühe 1980er Jahre, ein TV-Studio. Gegenüber sitzen sich Bundeskanzler Helmut Kohl und der Juso-Chef Gerhard Schröder. Es kommt zu einem harten Schlagabtausch zwischen den beiden Alphamännern. Kohl ist es am Gesicht abzulesen, wie unangenehm er seinen Kontrahenten findet. Schröder, damals noch linker Flügel der SPD und laut eigenem Bekunden konsequenter Marxist, nimmt Kohl geschickt in die Zange. Das Verhältnis der beiden Politiker sollte in den folgenden Jahren schlecht bleiben und war bei Kohl von dezidierter Herablassung geprägt.

Schröders Werdegang ist sinnbildlich für die Bundesrepublik der 1950er-1980er Jahre. Damals gelang es Arbeiterkindern durch Talent und Fleiß sozial aufzusteigen. Gerhard Schröder wurde eines der prominentesten Beispiele für das Aufstiegsversprechen der SPD. Er hat seine Herkunft immer wieder selbst zum Thema gemacht und damit die sozialdemokratische Bildungspolitik der 70er Jahre in den Fokus gerückt. Bis heute hält er am sozialdemokratischen Aufstiegsversprechen fest und lässt sich trotz aller Kontroversen um ihn nicht aus seiner Partei verdrängen. Wie kam es zu den Verwerfungen zwischen ihm und der SPD?

Neue Männer braucht das Land

Abendliche Szene im Bundeskanzleramt in Bonn, 27. Oktober 1998. Gerhard Schröder steht neben Helmut Kohl, der seinem Nachfolger offiziell das Amt übergibt: „Ich wünsche Ihnen eine glückliche Hand.“ Zuvor war der SPD-Mann mit der Mehrheit seiner rot-grünen Koalition im Bundestag zum siebten Bundeskanzler gewählt worden. Worte wie „historisch“ oder „neue Zeiten“ fallen und historisch war tatsächlich, dass es zur ersten rein linken Bundesregierung seit 1949 kam. Mit Schröders Kanzlerschaft erlebte das Land auch erstmals einen vollständigen Koalitions- und Regierungswechsel.

Die Erwartungen an ihn und seinen Partner Joschka Fischer nach 16 Jahren Ära Kohl waren hoch. Selbst konservative Wähler hatten genug vom Kanzler der Einheit, dessen 1982 ausgerufene geistig-moralische Wende schnell im politischen Sumpf sang- und klanglos versank. Für Schröder war dieser Tag der Höhepunkt seiner Karriere, die in der niedersächsischen Provinz begann.

Als Ministerpräsident in Hannover gehörte er neben Oscar Lafontaine und Rudolf Scharping zu den Anwärtern auf die Kanzlerkandidatur. Schröder galt vielen in der SPD als der schwierigste und am wenigsten zu berechnende in der SPD-Führungsreserve. Daher setzten die Genossen auf den konzilianten Mann aus Rheinland-Pfalz, der das Bundesland 1991 der CDU nach gut vierzig Jahren entriss. Lafontaine, selbst ausgesprochen ehrgeizig, und Schröder mussten sich dem Willen der Parteigranden fügen und Scharping als Kanzlerkandidat den Vortritt lassen. Vorerst.

Der Wahlkampf, als Troika mit Scharping im Zentrum und seinen Nebenbuhlern als Flankenschutz konzipiert, geriet zum Debakel. Helmut Kohl gewann die Wahl 1994 ein letztes Mal und wirkte trotzdem aus der Zeit gefallen. Für Lafontaine und Schröder war klar, beim nächsten Mal muss es einer von ihnen beiden machen, aber wer? Das sollte noch beraten werden, jedoch musste zuerst Scharping an der Parteispitze verschwinden. In einem raffinierten Intrigenspiel und mit einer fulminanten Rede schoss sich Lafontaine an die Spitze der SPD. Später ging seine Wahl als Putschparteitag von Mannheim in die Annalen der Parteigeschichte ein.

Gipfel der Macht und Absturz eines Stars

TV-Elefantenrunde, der Abend der Landtagswahl vom 1. März 1998. Gerhard Schröder holt erneut die absolute Mehrheit in Niedersachsen. Die laufende Diskussion wird jäh unterbrochen, indem der Moderator zu einer Live-Stellungnahme des SPD-Generalsekretärs Franz Müntefering übergibt. Jener gibt aufgrund des exzellenten Wahlergebnisses und der Popularität Schröders dessen Kanzlerkandidatur für den Herbst 1998 bekannt. Ungläubiges Staunen bei den Partei-Chefs im Studio, und Westerwelle hört der Zuschauer noch sagen: „Das ist ja eine Frechheit, dafür die Runde zu unterbrechen.“ Auch Helmut Kohl ist der Ärger anzusehen, dessen Amtszeit an diesem Abend angezählt ist.

Die medial inszenierte Männerfreundschaft zwischen Schröder und Lafontaine hielt über den Wahltag nicht lange hinaus. Das Zerwürfnis soll vom neuen Kanzler und seinen Gefolgsleuten von Anfang an eingepreist worden sein, so raunte es die Seite um den kurzzeitigen Bundesfinanzminister Lafontaine. „Is this the most dangerous man in Europe?“, fragte scheinheilig besorgt die englische Boulevardpresse.

Für Schröder war schnell klar, dass der linke Kurs seines Busengenossen bei der Wirtschaft schlecht ankam. Mit einer Taktik der fortgesetzten Nadelstiche und Zermürbung trieb Schröder Lafontaine ins Aus. Rücktritte vom Parteivorsitz und Ministeramt folgten – Lafontaine zog sich schmollend ins Privatleben zurück. Vorerst.

Basta! Dieser Ausspruch gehört zu Schröders Politikstil während seiner Kanzlerschaft. Basta sagte er zur SPD, als die Emotionen hochkochten wegen der Agenda 2010-Reformen, die vielen Genossen wie ein Verrat an der DNA der Partei gleichkam. Doch Schröder setzte sich durch und fortan trug die SPD das Stigma, sozialpolitische Sauereien zu machen. Basta sagte der Kanzler auch zu Präsident George W. Bush, der Deutschland mit in den Krieg im Irak ziehen wollte. Der Amerikaner hat ihm das nicht vergessen oder besser vergeben – fortan war das Tischtuch zwischen den beiden zerschnitten. Im Gegensatz zu einem anderen Alphatier, der seine ersten politischen Erfahrungen in Dresden machte.

Ewige Männerfreundschaft

Winterszene, Januar 2001 bei St. Petersburg. Gerhard Schröder und seine dritte Frau Doris steigen in einen mit wärmenden Decken ausstaffierten Schlitten ein. Ihnen gegenüber der neue russische Präsident Putin mit seiner Frau. Gut gelaunt fahren die Ehepaare durch die pittoreske Schneelandschaft. Neue herrliche Zeiten im deutsch-russischen Verhältnis sollten diese Bilder ausstrahlen. Und in der Tat, die Zeit mit Schröder als Kanzler eröffneten beste Beziehungen mit Wladimir Putin, der aus seiner Zeit als KGB-Resident in Dresden Land und Leute schätzen lernte.

Ein weiterer Höhepunkt der Beziehungen zwischen Schröder und Putin war dessen auf Deutsch gehaltene Rede im Bundestag 2001. Dort verkündet der Russe nichts weniger als eine strategische Partnerschaft mit Berlin, die von gegenseitigem Vertrauen geprägt sein sollte. Die deutsche Wirtschaft rieb sich begeistert die Hände: Der Rubel rollte wieder! Zum Sinnbild für die intensivierten Beziehungen geriet North Stream 1, das die deutsche Industrie mit billigem Gas aus Sibirien versorgte. Nach der gescheiterten Männerfreundschaft mit Lafontaine hatte Schröder seinen wahren Männerfreund in Putin endlich gefunden. Nur wären da nicht die Besetzung der Krim, der Krieg in der Ukraine und die SPD!

Kleingeister und Wichte

Als der Reporter Schröder in der TV-Doku zu seinem 80. Geburtstag nach seinem Verhältnis zur aktuellen SPD-Führung fragt, antwortet der Jubilar mit herablassender Ironie. Über Generalsekretär Kühnert, dessen Namen er nicht in den Mund nimmt, meint er, dieser sei ein „armer Wicht“. Auf einem kleinen Empfang anlässlich seiner 60-jährigen Mitgliedschaft in der SPD scherzt er über die Unterschriften der Parteivorsitzenden Saskia Esken und Lars Klingbeil unter der Urkunde. Na, sie haben doch unterschrieben. Ja, allerdings durch einen Unterschriftenautomaten.

Und immer wieder die Fragen nach seinem Verhältnis zu Putin. Und immer wieder dieselben Antworten. Putin und er seien und bleiben Freunde. Den Krieg in der Ukraine halte er für einen Fehler und die Außenpolitik der Ampel-Regierung für fatal. Basta!

Inzwischen hat sich das Geburtstagskind mit Oscar Lafontaine versöhnt, der Gerüchten zufolge bei der privaten Geburtstagsfeier an diesem Wochenende mit seiner Frau Sarah Wagenknecht zu Gast sein soll. Schröders vierte Frau, die umtriebige Koreanerin Seyon Schröder-Kim, soll friedensstiftend gewirkt haben. Als Friedensstifter im Krieg in der Ukraine sieht sich der Altkanzler nicht mehr. Er habe es zu Beginn versucht, aber nun müssten aktive politische Schwergewichte den Konflikt diplomatisch lösen.

Schröders 70. Geburtstag war eine große Sause mit Putin in dessen Heimatstadt St. Petersburg. Zu seinem 80. dürfte es der russische Präsident bei telefonischen Glückwünschen belassen müssen. Gerhard Schröder tritt nicht als der klassische Elder Statesman auf wie seine Vorgänger Helmut Schmidt oder Willi Brandt. Aber das war vielleicht auch nie sein Ziel. Er sei immer etwas anders als die anderen gewesen, wie er in der ARD-Fernsehdokumentation verschmitzt lächelnd meint. Er ist mit sich im Reinen. Basta.

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1 Monat her

Ich moechte Politiker wie Schroeder, Brandt, Lafontaine zurueck. Selbst der Umfaller Scholz scheint in der jetzigen Situation als die letzte Bastion …

Nathan
Nathan
1 Monat her

Es wäre schön, wenn Schröder etwas über die auch schon zu seiner Zeit stattgefundene Nato-Osterweiterung gesagt hätte, die doch ein Affront Russland gegenüber gewesen ist. Gerade bei seinen Treffen mit Putin. Scheinbar hat das damals wirklich keiner so wahrgenommen. Wer schwimmt, merkt ja leider nicht bewußt, daß das Wasser ihm ja schon bis zum Halse steht. Wie in den „goldenen Zwanzigern“? Und erst heute??

fufu
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Reply to  Nathan
1 Monat her

„Den Krieg in der Ukraine halte er fuer einen Fehler“. Wer nicht ? Aber wenn westliche Strategen oeffentlich von einem Enthauptungsschlag gegen Russland fabulierten fragt man sich wer ist denn der Aggressor…??? Man haette sich von Schroeder eine deutlichere Positionierung gewuenscht, Putin wahrscheinlich auch… auf solche Freunde kann man gut und gerne verzichten.

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