Berliner Alltag zum Fremdschämen
Berliner Alltag zum Fremdschämen

Berliner Alltag zum Fremdschämen

Berlin im Fruehjahr © GEOLITICO Berlin im Fruehjahr © GEOLITICO
Das ist Berlin: 10.000 Wohnungslose gibt es inzwischen, Radfahrer bekämpfen Fußgänger und Autofahrer. Und die Political Correctness treibt die seltsamsten Blüten.

Berlin ist immer noch die grünste Stadt der Welt, jedenfalls im Frühjahr. Dies gilt zumindest subjektiv auch dann, wenn jüngste Statistiken das Gegenteil beweisen wollen. Berlin ist aber nicht nur deshalb ein Ort zum Genießen – jedenfalls wenn man die Hornhaut an den richtigen Stellen hat.

Ich habe nun bloß das Problem, dass mir diese Hornhaut immer dann abhanden kommt, wenn ich mich mehrmals im Jahr mehrere Monate fernab der Heimat an einem ähnlich schönen Ort aufhalte. Und dann entwickelt sich die Rückkehr mehr und mehr zu einem Spießrutenlauf.

Flüchtling müsste man sein

„Das ist nicht mehr mein Land“, möchte ich ausrufen, wenn die bürgerliche Enddreißigerin ihr Rad genau an der Stelle vor der Post anschließt, wo der Treppenaufgang den Bürgersteig ohnehin zur schwer passierbaren Engstelle macht. Sprachlos bin ich, wenn der Verkäufer der Obdachlosenzeitung auf besagtem Treppenaufgang diesen Vorgang mit dem Angebot einer kostenfreien, aber spendenobligatorischen Dienstleistung auch noch begeistert kommentiert: „Prima, hier haben Sie gleich einen bewachten Parkplatz.“

Der zivilisiert unzivilisierte Berliner alter Prägung hätte stattdessen ungefähr gesagt, „Ey, Olle, versperr mal meinen Kunden nicht den Zugang“, und womöglich bei der Dame einen Erkenntnisprozess freigesetzt. Stattdessen gibt es eine devote Anbiederung an sozialschädliches Verhalten.

Asoziale Seilschaften gibt es inzwischen überall. Es ist nämlich nicht nur ein individuelles Fehlverhalten, wenn vor der Bank-Filiale in einer Hauptstraße der Stadt seit Monaten ein Obdachloser wohnt. Immerhin kann oder will der Staat ihm keine alternative Unterkunft oder gar Perspektive bieten. Seit dem 1. April sind die meisten für den Winter eingerichteten Notquartiere geschlossen, und die Betroffenen dadurch in wahrsten Sinne auf die Straße gesetzt. 10.000 Wohnungslose gibt es inzwischen in der Hauptstadt, darunter geschätzte bis zu 6000 Obdachlose. Flüchtling müsste man sein.

„Hoppla, hier komme ich!“

Gleichzeitig duldet der Staat die vor der Bank und anderswo generierte Verwahrlosung des öffentlichen Raums. Vor Schwimmbädern, in Parkanlagen und in den Hauseingängen wird diese neue Wohnkultur in rasantem Tempo hoffähig, und das natürlich mit allen Begleitumständen von der Vermüllung über die Verängstigung der Anwohner bis zum Urinieren an Hauswände.

Doch weiter im neuen Kustosschen Berlin-Frust: Wenige 100 Meter vom Penner-Elend entfernt läuft mir gemessenen Schritts eine junge Frau auf der Fahrbahn vor das Auto und zwingt mich zur Vollbremsung. Das geschieht ohne Blickkontakt und ohne die Miene zu verziehen, schließlich bin ich als Autofahrer ja der Feind, und sie darf als unbeschränkt freies Individuum des Niedergangs eben tun, was sie will. „Hoppla, hier komme ich“, als Massenphänomen.

Wahrscheinlich hat die RowdyIn auch noch nie erlebt, dass sich jemand beschwert. Mit ähnlicher Geisteshaltung wurde kurz darauf der friedlich-hilflose Taxifahrer konfrontiert, der eine komplette Grünphase versäumte, weil immer neue Fußgänger bei Rot über die Kreuzung liefen.

Gerecht und im Recht?

Die höchstentwickelte Schöpfung dieses neuen Devolutionsprozesses ist natürlich der Radfahrer. Als öffentlich verbriefte Speerspitze gegen den Klimawandel und Symbol für den Triumph menschlicher Arbeitskraft über den technischen Fortschritt ist er automatisch gerecht und im Recht.

Den Exzess dieses Prinzips erlebte ich an der Glienicker Brücke, wo früher Ost und West friedlich zum Austauschen von Spionen zusammentrafen. Geschätzte zwei Meter bleiben hier für den Fußgänger zwischen Fahrradspur und Geländer, zwischen Straße und dem Sturz in die Fluten der Havel. Weil aber die Fahrradspur an diesem Sonntag derart befahren ist, dass der zweirädrige Gegenverkehr dort keinen Platz hat, auch den Weg auf die andere Seite der Straße scheut und sowieso der Weg das Ziel ist, beschließt dieser kurzerhand, den schmalen Fußgängerstreifen für sich in Anspruch zu nehmen.

Im Windschatten der Political Correctness

Wie selbstverständlich erwarten die in Sekundenabstand passierenden Fahrradkolonnen, Fußgänger müssten sich irgendwie zwischen zwei gegenläufigen Fahrradströmen auf dem Bordstein balancierend schadlos halten. Weil aber Fahrradwege inzwischen überall dort sind, wo Fahrradfahrer sich aufhalten, brüllt der vorausfahrende Familienvater auf eine verzweifelte Beschwerde des Verfassers dieser Leidensschrift hin im Brustton des Gerechten die zeitgemäße Antwort: „Das hier ist ein Fahrradweg!“.

Sind all diese Beispiele noch bekannte Phänomene, die nur in Zahl und Vortrag in neue Dimensionen geraten, so gibt es auch noch eine völlig neue Spielform des Asozialen. Beim Bäcker warten neben mir eine farbenfreudig gekleidete mittelalte Frau vermutlich indischer Herkunft und ein ziemlich heruntergekommener Deutscher. Als die Frau ihren Kuchen entgegennimmt, bietet er ihr tatsächlich an, ihre Rechnung zu begleichen.

Im Windschatten der Political Correctness versucht er, sich in Kenntnis seines sozialen Status‘ sich als Ausländerfreund in den neuen sozialen Hierarchien Aufwertung zu verschaffen. Irritiert lehnt die Frau freundlich ab. Ein Frühjahr mit Fremdschämen. Deutschland im Herbst.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel