Crashpropheten glauben nicht an AfD
Crashpropheten glauben nicht an AfD

Friedrich + Weik glauben nicht an AfD

Marc Friedrich und Matthias Weik / Quelle: Privat Marc Friedrich und Matthias Weik / Quelle: Privat
Friedrich & Weik wurden wegen ihrer Bücher als Crashpropheten bekannt. Im Interview erläutern sie Fehler von Rot-Grün und warum sie von der AfD nichts halten.

GEOLITICO: Herr Friedrich, Herr Weik, Sie schreiben einen Bestseller nach dem anderen, in denen Sie den Menschen über die Geschehnisse an den Finanzmärkten aufklären. Was glauben Sie, haben Sie mit Ihren Büchern bisher bewirkt?

Marc Friedrich: Wir bestätigen viele Menschen, wir wecken aber auch viele auf und regen sie zum Nachdenken an. Viele Leser schreiben uns, dass sie anfangen, ihre Finanzen neu zu strukturieren. Das ist schon alle Arbeit wert.

Matthias Weik: Es ist doch schon viel erreicht, wenn es uns gelingt, Menschen zum Nachdenken anzuregen. Denn wenn ihnen langsam bewusst wird, was gerade mit ihren Lebensversicherungen passiert oder mit ihren Rentenpapieren oder der gigantischen Immobilienblase, dann werden auch einige anfangen zu handeln. Aber so ein Wandel braucht Zeit.

Friedrich: Und viele Menschen haben gar nicht die Zeit, sich um diese essentiellen Dinge zu kümmern, weil sie im Hamsterrad gefangen sind. Sie werden immer mehr zu Sklaven fremder Unternehmen.

Das müssen Sie erklären.

Weik: Wir etwa haben heute zum ersten Mal am Flughafen Frankfurt bei der Lufthansa selber eingecheckt. Wir mussten uns um die Bordkarte kümmern, die Banderole verkleben, beim Security Check die Kisten selber holen usw…

Friedrich: Die Lufthansa hat uns ungefragt angestellt als kostenlose Mitarbeiter. Die Arbeitsplätze der Mitarbeiter, die das vorher gemacht haben, wurden wegrationalisiert. Und die Bürger werden immer mehr zu kostenlosen Arbeitskräften der Konzerne. Schauen Sie: Der normale Arbeitnehmer kommt von der Arbeit, muss dann den Haushalt machen, sich um die Kindern kümmern. Er muss selbst Online-Banking machen und dafür auch noch Gebühren zahlen. Demnächst kommen noch die Negativzinsen.

Der Titel Ihres neuen Buches ist weniger alarmistisch als die früheren. Im Untertitel fordern Sie ein neues Wirtschaftsdenken. Was stellen Sie sich darunter vor?

Friedrich: Wir stellen dar, dass der Finanzkapitalismus im Zuge des Neoliberalismus den Realkapitalismus gekapert und ausgequetscht hat. Verantwortlich dafür sind Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Bill Clinton – und vor allem Rot-Grün. Die haben alles dereguliert. Das war auch okay, denn der Kapitalismus hat uns seit Beginn der Industrialisierung große Wohlstandszuwächse gebracht. Nur eine Branche hätten sie nicht deregulieren dürfen: die Finanzbranche. Die kann sich nämlich selbst nicht regulieren. Die neigt zu Spekulationswut und Exzessen.

Weik: Der Finanzkapitalismus verteilt Vermögen ungerecht. Wenn 62 Menschen genau so viel besitzen wie die Hälfte der Erdbevölkerung, dann läuft doch irgendetwas schief. Das andere Problem ist: Der Mensch irrt ja bekanntlich. Wenn das Vermögen in immer weniger Händen ist und diese Vermögenden in ihren Entscheidungen irren, dann haben wir doch ein Riesenproblem. Und wir sehen doch jetzt schon, dass da sehr viel Unfug geschieht, der zu immer mehr sozialer Ungerechtigkeit führt. Irgendwann aber werden sich die Leute das nicht mehr bieten lassen und Parteien wählen, die wir alle nicht wollen.

Friedrich: Wir sind so reich wie noch nie, aber dieser Wohlstand wird nicht mehr verteilt. Früher sickerte er von oben nach unten durch. Heute nicht mehr. Heute haben einige wenige immer mehr, und immer mehr haben immer weniger.

Der französische Ökonom Thomas Piketty vertritt eine andere Auffassung als Sie. Er hat mathematisch nachgewiesen, dass die Akkumulation des Kapitals seit Beginn der Industrialisierung immer stärker war als die Lohn- und Einkommenszuwächse. Demnach ist nie etwas von oben nach unten durchgesickert, sondern die Vermögenden bekamen immer das größere Stück vom zu verteilenden Kuchen…

Weik: Das stimmt. Der Kapitalismus ist nicht perfekt. Aber: In den letzten 8 Jahren sind die Vermögen der Superreichen eben so stark gestiegen wie nie zuvor. Und die Löhne sind es eben nicht.

Friedrich: Seit 2008 wurden die Reichen unter dem Deckmantel der Krisenbekämpfung so reich wie noch nie. Das ganze billige Geld ging in die Aktien- und Immobilienmärkte. Und wer besitzt solche Sachen in großem Stil? Die Superreichen.

Auf diese Weise zerstört sich der Kapitalismus selbst, denn er braucht das Geld in den Händen der Konsumenten und Produzenten, um zu überleben. Hatte Karl Marx also doch recht?

Friedrich: Wir sind im Endstadium.

Weik: Aber wir haben noch fünf Billionen Euro Sparvermögen, mit denen wir das System mit Hilfe von Negativzinsen noch eine Weile künstlich am Leben erhalten können. Das heißt, indem wir die Bürger sukzessive enteignen, den jungen Leuten die Gelegenheit nehmen, fürs Alter vorzusorgen. Wie kann man einfach so eine junge Generation verbrennen und die Alten enteignen?

Sie loben in ihrem Buch die Väter der sozialen Marktwirtschaft. Genügt es, wenn wir uns darauf zurückbesinnen?

Friedrich: Nein. Wir müssen aus sämtlichen ökonomischen Denkrichtungen das Beste herausziehen und etwas Neues machen. Von Karl Marx bis hin zu den Vertretern der österreichischen Schule müssen wir Gräben zuschütten und Brücken bauen.

Weik: Dazu brauchen wir allerdings die richtigen Leute. Mit unseren Eliten wird das leider nicht gehen. Wir haben – weltweit – ein riesengroßes Elitenproblem.

Friedrich: Es findet eine Negativauslese statt. Wir haben mit vielen Politikern gesprochen und sind bestürzt darüber, wie wenig Fachkompetenz die haben und wie weit sie sich von der Realität entfernt haben.

Sie sagen, wir haben ein Elitenproblem sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft. Wer soll denn dann das neue Denken entwickeln und etablieren?

Weik: Wir könnten etwa das Denken in den Vorständen der Konzerne ganz schnell ändern, wenn wir etwa die Boni verrenten. Das Geld bekommen die Top-Manager erst, wenn sie in Ruhestand gehen. Plötzlich werden die Manager sehr am langfristigen Unternehmenserfolg interessiert sein.

Friedrich: Und die Politik muss sich emanzipieren. Derzeit ist sie der verlängerte Arm der Wirtschaft und der Lobbyisten. Vor allem sind die abhängig von der Finanzwelt, weil alle Staaten bei den Banken in der Kreide stehen.

Das neue Buch von Marc Friedrich und Matthias Weik "Kapitalfehler"

Das neue Buch von Marc Friedrich und Matthias Weik „Kapitalfehler“

Weik: Aber wir müssen die Politik auch zur Verantwortung ziehen. Kann es sein, dass in Berlin niemand dafür verantwortlich ist, wenn beim Flughafenbau Milliarden Steuergelder in den Sand gesetzt werden? Wenn massive Steuergeldverschwendung auch nur ansatzweise so geahndet würde wie Steuerhinterziehung, dann hätten wir solche Zustände nicht.

Werden wir mal konkret: Wird sich so etwas durch eine neue Partei wie die AfD ändern?

Friedrich: Nein!

Warum nicht?

Friedrich: Das sage ich Ihnen ganz klar: Weil jede Partei irgendwann vom System inhaliert wird. Schauen Sie nach Griechenland: Da koaliert eine rechtsextreme Partei mit einer linken Partei. Die haben alles Mögliche versprochen, blieben aber doch unter der Knute der Troika. Das Kapital gewinnt immer, denn Geld regiert die Welt.

Aber dann muss man fragen: Wie können sich die Menschen denn von der Herrschaft der wenigen Superreichen befreien?

Friedrich: Parteien werden leider nichts ändern, auch keine Frau Le Pen oder die AfD. Der Kessel muss von unten den Druck erhöhen. Wie immer wird der Wandel von unten von den Menschen kommen. Ansonsten wir nichts passieren und die Elite am Status Quo festhalten bis zum teuren und bitteren Ende. Wir müssen einen Wandel herbeiführen wie 1789 in Paris oder 1989 in Leipzig. Nur so wird sich etwas ändern!