Mitleid als Religionsersatz

Graffitti auf dem Plaster der Straße Unter den Linden in Berlin © Foto und Illustration GEOLITICO Graffitti auf dem Plaster der Straße Unter den Linden in Berlin © Foto und Illustration GEOLITICO
Das Ausland fragt sich, warum Deutschland mit den Flüchtlingen seine innere Stabilität aufs Spiel setzt. Aber 63% der deutschen Intellektuellen sind völlig angstfrei. Wie kommt das?

Am Anfang war die Reem. Im Sommer des vergangenen Jahres, als es schon zu viele Flüchtlinge gab, aber die derzeitige Katastrophe nur von zynischen Propheten oder gottlosen Zynikern hätte vorausgesagt werden können, trat das gleichnamige zwölfjährige Flüchtlingsmädchen angesichts einer drohenden rechtmäßigen Abschiebung der Familie medienwirksam im Fernsehen auf und spielte mit ihren Tränen auf der Klaviatur der empfindlichen Seelen eines dekadenten Volkes.

Vielleicht hat sie sogar die Bundeskanzlerin auf die schiefe Bahn gebracht, die bei der damaligen Gegenüberstellung für viele angeblich als eine herzlose, emotionslose, empathieunfähige, ja eine geradezu unmenschliche Vertreterin ihrer Zunft rüberkam. Unabhängig von allen sie natürlich sehr wohl parallel beeinflussenden Kräften des Postkapitalismus galt es nun für die Politikerin, dieses Bild eiligst zu widerlegen, indem sie das Kind mit dem Bade ausschüttete.

Emotionale Fantasie

Die Folgerung aus diesen Vorgängen lautet: Wer weint, hat recht – erst recht, wenn er arm oder ein Kind oder gar ein armes Kind ist. Ihm ist die begehrte Aufmerksamkeit der emotionslüsternen Medien gewiss. Wenn eine Angela Merkel vergisst, dass das Amt einer Bundeskanzlerin mehr Verstand als Gefühl erfordert, steht sie Seite an Seite mit ihrem Wählervolk im demonstrativen Mitleid vereint – so lange, bis das Mitleid versiegt, weil es allen gleich schlecht geht.

Seit damals haben wir gesehen, wie zunehmend jeder Unsinn mit der Notwendigkeit des Mitleids begründet wurde. Da spielte es dann auch keine Rolle mehr, dass die von ihren Eltern entsprechend erzogene Reem in ihrer tränenreichen Litanei eben mal die Eliminierung Israels gefordert hatte. Am Ende galt nämlich ein anders Recht als die Rechtsprechung, und die früh geübte Gewalthetzerin durfte in Deutschland bleiben.

Die Instrumentalisierung der menschlichen Fähigkeit des Mitleidens ist, obwohl diese sich eigentlich auf nahestehende Individuen bezieht, mitnichten ein Einzelfall, sondern derzeit ein Ticket, das überall Wirkung zeigt. Man denke nur an das Kirchenasyl, bei dem ohne jede rationale Grundlage einzelnen Personen gegen jedes Gesetz Schutz gewährt wird, während gleichzeitig ein Vielfaches an Betroffenen diese Hilfe nicht erfährt. Nur die Tatsache, dass es inzwischen so einfach geworden ist, in dieses Land zu kommen und hier zu bleiben, lässt die Zahl der Kirchenasyle zurückgehen.

Je mehr emotionale Fantasie ein Individuum aufbringt, desto mehr scheint dies seinen Verstand zu blockieren. Die soziale Evolution und vielleicht auch schon ihre biologische Vorgängerin haben beide Kräfte aus guten Grund antagonistisch im Menschen zur Bewältigung unterschiedlicher Aufgaben verankert.

In archaischen Epochen war es wichtig, dem oft schutzlosen Individuum auch emotionalen Halt zu geben. Der Stamm, die Gruppe, die Horde, sie alle sorgten durch den Mitleidsreflex getrieben bis zu einem bestimmten Grad der Zumutbarkeit für das Überleben der Alten und Schwachen und stärkten damit den Zusammenhalt und die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft.

Lieber Flüchtlinge als klappernde Touristen

Später gab es die Entwicklung des Sozialverhaltens, eine Erziehung zu Ausgleich und Frieden sowie eine Kanalisierung von Aggressionen. All das war und ist wichtig, um gesellschaftliche Reibungsverluste zu minimieren. Das Mitleid hilft, in seinem sozialen Umfeld bei vom Schicksal Gebeutelten Zuversicht wiederherzustellen, aber auch bei eigenen Problemen auf entsprechende Unterstützung hoffen zu können. Mitleid war also immer ein Geben, um auch nehmen zu können. Sozusagen ein Win-win-Mechanismus.

„Bedingung des Mitleids ist die Nähe, d.h., faktisches Mitleid kann sich immer nur auf anschaulich gegebenes Leid beziehen“, heißt es deshalb auch bei Wikipedia. Doch in der Welt des Niedergangs, also in einer Welt der emotionalen und globalen Desorientierung, gerät das alles aus dem Gleichgewicht. Die neue (Medien-)Wirklichkeit projiziert das Mitleid außerhalb der Gemeinschaft und lässt Mitleid zum Selbstzweck werden: zum emotionalen Kick. Gefühle der Menschen werden so getriggert, unabhängig davon, wer profitiert. Das Mitleid ist globalisiert und damit seines evolutionären Sinns entkleidet.

Biologen in Ulm haben kürzlich diesen oben beschriebenen persönlichen, notwendig regional beschränkten Zusammenhalt an Bienen als evolutionäres Merkmal nachgewiesen. Die Weibchen der roten Mauerbiene bevorzugen bei der Partnerwahl Männchen aus der eigenen Umgebung. Um sich dementsprechend als volkszugehörig auszuweisen erzeugt das Männchen mit seinen Flugmuskeln bestimmte „regionale“ Vibrationen.

Man könnte darüber schmunzeln, wenn nicht alles so traurig wäre, dass noch vor wenigen Jahren der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sogar die zugezogenen Schwaben wieder aus Berlin weghaben wollte, weil sie Berlin veränderten. Und noch heute bekämpft besonders die Partei der Grünen (zahlende) Touristen, weil deren Koffer auf dem Pflaster klappern und diese überhaupt die schöne Idylle der bürgerlichen Wohnviertel stören. Nur bei Flüchtlingen ist das anders, und alle werden in emotionale Geiselhaft genommen.

Emotionale Selbstbefriedigung

In der entwickelten Gesellschaft des Niedergangs wird also das Mitleiden von Profiteuren instrumentalisiert und von einer weltanschaulich überforderten Bevölkerung als Dosenöffner für alles und jedes akzeptiert. Mitleid entwickelt sich mehr und mehr von einer spontanen Emotion zu einer Weltanschauung, zu einer neuen Religion.

Damit entartet das Mitleid zu einer emotionalen Selbstbefriedung. Der Blick für die Verhältnismäßigkeit, für das Wechselspiel von Verstand und Gefühl geht verloren. In Schweden erhielt ein Flüchtling 30.000 Kronen, damit er seine Klage gegen einen Integrationshelfer wegen rassistischer Unterdrückung zurückzog. Dessen Verbrechen gegen den armen Moslem war der Versuch, ihm beizubringen, einer Frau die Hand zu geben.

Die Entscheider hatten anscheinend auch hier vergessen, dass Mitleid auch Mitarbeit und Dankbarkeit voraussetzt und seinem Wesen nach nicht eingefordert werden kann. Nicht bei Individuen ohne Weiteres erkennbar, aber sehr wohl als gesellschaftliches Phänomen stellen die Flüchtlinge Ansprüche materieller und ideeller Art und treffen auf autochthone Anhänger der neuen Mitleidsreligion, die das einseitige Geben anstelle eines konstruktiven Miteinanders als Erstes Gebot verinnerlicht haben.

Natürlich handelt es sich dabei auch aus diesem Blickwinkel höchst selten um das Geben als Individuum, sondern um die Forderung an die Großzügigkeit der Gemeinschaft – wohlgemerkt zugunsten von Menschen außerhalb dieser Gemeinschaft. Evolutionär gesehen ist das in den aktuellen Dimensionen zwar kein kollektiver Selbstmord, aber ein Selbstmord des Kollektivs.

In der Lesart der neuen Gläubigen sind solche Aussagen natürlich ein Sakrileg. So wie amerikanische Kreationisten die Evolution leugnen, so leugnen die „Mitleidisten“ die Wahrnehmung jeder Facette der Realität, die ihrem Glaubensgrundsatz widerspricht. Argumentationen beschränken sich auf „Man kann noch nicht…“, „man darf doch nicht…“, „…das sind doch arme Menschen“. Allein die Möglichkeit, man könnte einen einzigen Bedauernswerten unter Millionen Nassauern falsch behandeln, führt dazu, allen alle zugesprochenen Privilegien zukommen zu lassen.

Dies würde ja sonst dem Gleichheitsgrundsatz widersprechen, und da sind wir schon beim Zweiten Gebot des neuen Aberglaubens: „Alle Menschen sind gleich.“ Man kann Menschen zwar mit gleichen Rechten ausstatten, aber sie alle gleichzubügeln, vermag nur die Ideologie. Je höher der Bildungsgrad desto empfänglicher sind die Menschen des Niedergangs für solche Ideologien. Unfähig, eine zu komplex gewordene Umwelt noch mit ihrem so selbstwertgeschätzten Verstand interpretieren zu können, überbrücken sie gedankliche Sackgassen mit willkürlichen Glaubenssätzen. Einfache Menschen hingegen sind eher gewohnt, intuitiv zu denken und eigene sowie gesellschaftliche Erfahrungen einzubeziehen. Zwar ist auch diese Methode kein Patentrezept für Erkenntnisse, aber sie ist wesentlich leistungsfähiger beim Erfassen komplexer Zusammenhänge.

Die Rolle des Großen Bruders

Dieses Vertrauen auf die Fähigkeiten des Unterbewusstseins und auf das reale Wissen aus Erfahrungen ist im übrigen eine Grundlage des „Kybernetischen Denkens“, und wer will, kann über diese Mechanismen in meinem Buch „Chaos mit System“ noch einiges nachlesen.

Als Infratest im letzten November die Deutschen befragte, ob die Flüchtlingsmassen bei ihnen Angst erzeugten, gaben sich sage und schreibe 63% der befragten Intellektuellen angstfrei. Wesentlich realistischer waren die Hauptschüler, die aber immer noch zu 39% Sorgen leugneten oder tatsächlich keine hatten. Spätestens bei den Kölner Neujahrsfeierlichkeiten wird die Realität viele wieder eingeholt haben, wobei auch hier die Gebildeten sicher nachhaltiger an ihren Lebenslügen festhalten werden. Bezeichnend, dass die Medienpropagandisten und andere involvierte Eierköpfe diese Statistik dazu benutzten, um „zu belegen“, dass Fremdenangst ein Unterschichtsphänomen sei.

Nur 17% der Befragten dieser Studie hatten im übrigen Verständnis für Pegida, was zeigt, welche Wirkung die Medienhetze in der Bevölkerung hat. Tatsächlich waren gegenüber dem Vorjahr trotz der sich mehr und mehr abzeichnenden Flüchtlingsproblematik um fünf Prozentpunkte weniger Menschen bereit, Pegida in einem positiven Licht zu sehen. Das lässt sich nur damit erklären, dass in dem Maße, in dem die Wirklichkeit für die Menschen schwerer erklärbar wird, ideologische Apparate, also beispielsweise neue Religionen oder von Sendungsbewusstsein erfüllte Medien, die Rolle des Großen Bruders übernehmen können.

Jene machen sich zu Nutze, dass ohne Wahrheitsvermutung (und den Glauben an das Gute) kein soziales Leben möglich ist. So schütteln sie in der Flüchtlingsfrage, und nicht nur da (Putin, Syrien, Klimawandel), die unglaubwürdigsten Konstruktionen aus dem Ärmel und können sich auf die menschliche Konstitution verlassen, die denkt: Es wird doch nicht alles falsch sein können. Die Menschen können und wollen irgendwann die Lügenbotschaften in ihrer Fülle nicht mehr aussortieren, weil sie auf eine relevante Menge von Wahrheit konstituiert sind. Je einfacher die falschen Erklärungsmuster daherkommen, und da sind wir wieder beim „Mitleid“, desto attraktiver sind sie.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel