Die kriegerische Energie des IS
Die kriegerische Energie des IS

Die kriegerische Energie des IS

Flagge des Islmamischen Staates / Quelle: By Yo (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons Flagge des Islmamischen Staates / Quelle: By Yo (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons
 Was macht den IS so gefährlich? Die religiöse Idee besetzt das Bewusstsein und verdrängt das eigene Denken. Sie wird zwanghaft und nimmt fanatische Formen an. 

Ein wesentlicher Bestandteil des islamischen Glaubens ist die Erwartung des Weltenendes und Jüngsten Gerichts, das schon nach dem Koran nahe bevorstehen soll. Sein Herannahen wird durch den Posaunenstoß eines Engels angekündigt, worauf alle Lebewesen sterben und die ganze Welt zerstört wird. Allah stellt darauf die Ordnung wieder her, und nach einem zweiten Posaunenstoß werden alle Lebewesen wieder ins Leben zurückgerufen. Alle versammeln sich dann am Ort des Gerichts, „auf der verwandelten Erde Jerusalem“. Allah steigt aus dem Himmel zur Erde nieder, und jeder Mensch empfängt sein Buch, in dem Engel seine guten und bösen Taten aufgezeichnet haben.

Allah zieht jeden einzelnen zur Rechenschaft, indem die Taten eines jeden auf einer großen Waage gewogen werden, wobei der Glaube alle Sünden aufwiegt. Nachdem Allah sein Urteil gesprochen hat, schreiten die Gerichteten über die große Brücke, welche die Hölle überspannt. Die Verdammten versinken in die peinvolle Hölle, während die Guten ins Paradies ewiger Freuden gelangen, die in der bekannten sinnlich-erotischen Weise ausgemalt werden. Während die Ungläubigen und Heuchler ewig in der Hölle bleiben, können manche Sünder nach einiger Zeit der Läuterung wieder befreit werden.[1]

Zeichen

Wenn auch der Zeitpunkt des Weltenendes allein Allah bekannt ist, so kündigt sich sein Nahen doch durch bestimmte Zeichen an. Im allgemeinen werden die Zeitverhältnisse immer schlechter, und vor allem werden religiöse Gefühle, religiöse Gedanken und religiöse Handlungen abnehmen, die Beachtung der religiösen Vorschriften wird vernachlässigt, die Gottesdienste werden nicht mehr getätigt und unmoralisches Verhalten wird gesellschaftsfähig. Der Alkoholkonsum steigt, Unzucht wird offen ausgelebt, und Mord und Zwietracht nehmen ungeheure Ausmaße an. Die Juden und die Muslime kämpfen gegeneinander, und die Erde revoltiert durch zunehmende Erdbeben[2].

Durch das Auftreten eines „Mahdi“ (Gott-Geleiteten) wird zwar vorübergehend die Rechtsordnung des Goldenen Zeitalters der Kalifen wieder hergestellt und der Unglaube zurückgedrängt, auf Dauer lässt sich aber der Verfall nicht aufhalten. Denn es tritt der „Daddschal“, ein falscher Messias auf (vergleichbar dem Antichrist), der versuchen werde, die Religion des Islam und die Muslime zu beschädigen, sie zum Bösen aufzurufen und Zwietracht unter ihnen zu säen. Sein rechtes Auge ist blind, und zwischen den beiden Augen wird das Wort „Kafir“ für „Ungläubiger“ stehen. Er werde vor allem durch viele übernatürliche Phänomene die Menschen verführen.

Die Rettung bringt der wiederkommende Jesus, dessen Geburt schon als die eines großen Propheten im Koran geschildert wird. Er tötet den Daddschal mit einer Lanze und richtet für eine Reihe von Jahren ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit auf. Er nimmt den Islam an und richtet nach der Scharia. Er wird heiraten, Kinder erzeugen und alle Schweine schlachten. Er wird die Juden und die Christen vor die Alternative stellen: Islam oder Schwert. Alle lebenden Menschen werden dann also den Islam annehmen oder angenommen haben. Nach vierzigjähriger Herrschaft auf Erden wird Jesus sterben und in Medina neben Mohammed beigesetzt werden.[3]

Die Entscheidungsschlacht

Doch bevor der Messias erscheint, wird es zu einer finalen Schlacht, zum Armageddon zwischen den wahrhaft Gläubigen und den Ungläubigen kommen, die mit dem Sieg der Muslime endet und die Wiederkehr Jesu und damit das Ende der Welt einläutet. Diese Schlacht wird nach einem überlieferten Ausspruch (Hadith) Mohammeds in Syrien stattfinden.

„Die letzte Stunde wird erst kommen, wenn die Römer bei Al-A’maq oder Dabiq aufmarschieren. Dann wird ein Heer aus Medina, bestehend aus den besten Leuten der Erde, aufbrechen und sich ihnen entgegenstellen.“ [4]

 Mit Römern ist das damalige Byzanz (Ostrom) gemeint, das stellvertretend für die Ungläubigen steht. Das feindliche Heer wird in einer Allianz aus vielen Ländern antreten. „Sie werden sich gegen euch unter 80 Flaggen vereinen, und unter jeder Flagge sind zwölftausend (Männer)“, heißt es in einer überlieferten Aussage. Ein Drittel der Muslime, so Mohammed, werde fliehen, ein weiteres Drittel werde getötet, und das letzte Drittel der Muslime werde schließlich siegen.[5]

Die beiden genannten Orte Al-A’maq und Dabiq liegen in Syrien nordöstlich von Aleppo, etwa 10 km von der türkischen Grenze entfernt im Herrschaftsbereich des „Islamischen Staates“. Diesen islamischen Fanatikern, die der fundamentalistischen Strömung des auch in Saudi-Arabien herrschenden Wahhabismus angehören und sich als Krieger für die reine Lehre des Islam verstehen, ist die eschatologische Bedeutung dieser Orte wohlbekannt. Insbesondere der etwas mehr als 3.000 Einwohner zählende Ort Dabiq markiert für sie den Endsieg über die Ungläubigen. Sie haben daher auch ihr monatlich auf Englisch erscheinendes Hochglanz-Propaganda-Magazin symbolträchtig „DABIQ“ genannt.[6]

Antriebe und Ziele des IS

Sie glauben, dass alle Zeichen eingetreten seien und das Jüngste Gericht herannahe. Sie sind von der Überzeugung durchdrungen, dass die Entscheidungsschlacht unmittelbar bevorstehe, ja, dass sie berufen seien, sie herbeizuführen. Sie halten sich für das verheißene „Heer aus Medina“, das sich mit der wachsenden militärischen Anti-IS-Koalition von bisher 15 Ländern, die seit mehr als einem Jahr Luftangriffe gegen sie fliegt, der prophezeiten Allianz aus vielen Ländern gegenübersieht. Da sie sich des prophezeiten Sieges sicher sind, legen sie durch provokative grausamste Hinrichtungen westlicher und christlicher Geißeln alles darauf an, den Westen auch zum Einsatz von Bodentruppen zu bewegen. Denn nur dann kann ihr vor 1.400 Jahren verheißener Sieg auch total sein.

In einem IS-Propaganda-Video, das im Oktober 2014 veröffentlicht wurde, sprach ein deutscher Dschihadist Michael N. alias Abu Dawud al-Almani, der aus dem nordrhein-westphälischen Gladbeck stammt:

„Wir befinden uns hier an einem historischen Ort. Dieser Ort heißt Dabiq. Oh, ihr Römer, oh, ihr Deutschen, ihr Engländer, ihr Franzosen, ihr Holländer, ihr Italiener, ihr Amerikaner, die ihr euch versammelt, um den Islam zu bekämpfen. Kommt! Wir warten auf euch. Seit über 1400 Jahren warten wir auf euch. Und das Versprechen von Allah ist wahr!“

Das Hauptziel des „Islamischen Staates“ besteht also offensichtlich darin, die von Mohammed prophezeite apokalyptische finale Schlacht zu schlagen, damit die Tage des Jüngsten Gerichtes anbrechen können, die den totalen Sieg des Islam über alle religiösen Irrlehren und die ewige Seligkeit für alle Rechtgläubigen bringen werden.

Den IS nur als eine islamistische Terrorgruppe zu bezeichnen, ist eine gewaltige Unterschätzung. Er ist ein länderübergreifendes islamisches Staatsprojekt, dessen Antriebsenergien und Ziele noch einer ganz anderen Dimension entstammen als ein gewöhnlicher Dschihad zur Ausbreitung des Islam.

Bedeutung des Kalifats

Anführer ist seit 2010 der 1971 geborene Ibrahim al-Badri aus Samarra im Irak, der in Bagdad Koranwissenschaft studiert und mit einem Magister abgeschlossen hat. Der Universitätsdirektor urteilte gegenüber Reportern 2015 über seinen Werdegang:

„Er hatte bescheidene Noten, war ein ruhiger Student. Er ist nicht qualifiziert für eine Führungsposition, wie er sie jetzt beansprucht. Er hat den Koran studiert: dabei geht es in erster Linie darum, auswendig zu lernen, nicht um Analysen oder Interpretationen.“ (Zitiert nach Wikipedia).

Seine Doktorarbeit galt der Interpretation eines islamischen Gedichtes. Von Februar bis Dezember 2004 war er in dem Gefangenenlager Camp Bucca der US-Streitkräfte interniert, in dem alte Saddam-Gefährten, Generäle und Geheimdienstler gemeinsam mit Islamisten saßen. Das Gefängnis wurde zur Kaderschmiede für den „Islamischen Staat“, was dem Camp den Namen „Akademie“ einbrachte (Wikipedia).

Er wurde im Mai 2010 Führer der Organisation und zum Emir gewählt. Am 9. April 2013 rief er den „Islamischen Staat im Irak und der Levante“ (ISIS) aus und am 29. Juni 2014 das Kalifat auf syrischem und irakischem, also staatsübergreifendem Gebiet. Denn niemand kann Kalif, Herrscher der Gläubigen, in nur einem Staat sein. Damit ist er, nach Ansicht seiner Anhänger, als „Kalif Ibrahim“ fortan Befehlshaber der Muslime und oberster Führer des Islamischen Staats.

Sein Kampfname Abu Bakr al-Baghdadi (der aus Bagdad), den er sich zugelegt hat, ist Programm. Abu Bakr war der Schwiegervater Mohammeds und herrschte nach dessen Tod als dessen Nachfolger (arabisch Kalif) über die Gläubigen. Bagdad war später Sitz des Kalifats der Abbasiden (750-1258), das auf die Osmajjaden in Damaskus folgte und ein Weltreich von Spanien bis an die Grenzen Indiens begründete.

„Wenn man die Symbolik radikalisierter Sunniten entschlüsselt, dann heißt dies: Der ´Islamische Staat` tritt in der Tradition der Abbasiden die Nachfolge der Omajjaden an, womit Saudi-Arabien gemeint ist. Der IS ist nunmehr der Hüter des wahren Glaubens, so wie einst Abu Bakr das Erbe Mohammeds bewahrte. Und der IS wendet sich an die gesamte islamische Welt, wird ihr ´geistiges` und ´spirituelles` Zentrum – so wie einst Bagdad. Die Kalifatsidee war auch deswegen ein kluger Schachzug, weil sie radikalisierten Sunniten sehr viel mehr Identifikationsoberfläche bietet als AL-Qaida. Die steht für 9/11 und Osama bin Laden, weist aber nicht in die Zukunft. AL-Qaida war gestern, der IS markiert Heute und Morgen.“[7]

Der neue Kalif handelt bewusst mit historischer Symbolik, die auf die fanatischen Kämpfer ihre tiefe Wirkung ausübt. Das Kalifat wurde am ersten Tag des Ramadan ausgerufen und am ersten Freitag danach hielt er in der Moschee von Mossul seine erste Freitagspredigt. Mit schwarzem Turban und Umhang bekleidet, wie sie auch Mohammed bei der Rückeroberung Mekkas im Jahr 630 getragen haben soll, bestieg er, im Dschihad verletzt, nur humpelnd die Kanzel, reinigte in frommer salafistischer Geste mit einem Zahnhölzchen seinen Mund, bevor er Koranverse, also „Worte Gottes“ in den Mund nahm, und hielt in klassischem Hocharabisch seine Predigt.

Demütig präsentierte sich Abu Bakr al-Baghdadi vor den Kämpfern als ein „Gleicher unter Gleichen“, der die schwere Bürde des Kalifats auf sich genommen habe. Und er sprach dieselben Worte, die Abu Bakr, der Schwiegersohn Mohammeds, bei der Amtseinführung als Kalif im Jahr 632 gesprochen hatte:

„Gehorcht mir, so wie ich Allah und seinem Gesandten gehorche. Wenn ich Allah und seinem Gesandten nicht gehorche, so müsst auch ihr mir nicht gehorchen.“ [8]

Solche Rituale wirken tief in das Unterbewusstsein der Kämpfer und schmieden eine verschworene religiöse Gefolgschaft.

Der historische Rückgriff auf Mohammeds schwarze Kleidung führte auch zu den schwarzen Fahnen des IS und die häufig schwarze Kleidung seiner Kämpfer. Schwarze Flaggen und Uniformen gehörten aber ebenfalls zur höfischen Etikette der Abbasiden im achten Jahrhundert, die das goldene Zeitalter des Islam repräsentieren. Diese Symbolik ist für den gläubigen Muslim nicht ein äußerliches Beiwerk, sondern von großer Wirkung auf Gefühl und Kampfeswillen für das erhabene Ziel des Endkampfes.

Unterwerfung und Dogma

Das Wort Islam bedeutet „Unterwerfung“, und ein Muslim ist „einer, der sich Allah unterwirft“. Er nimmt dadurch Teil an der Allmacht Allahs. Nach dem Koran kann man kein wahrer Muslim sein, wenn man sich nicht Allah unterwirft:

„O ihr, die ihr glaubt! Gehorcht Allah und gehorcht dem Gesandten (Mohammed) und denen, die Befehl unter euch (Muslimen) haben.“                                             Sure 4, 59 nach The Noble Quran

Dieser absolute Gehorsam gilt nicht nur dem Koran, den Worten Allahs, sondern auch den „Hadithen“, den verbindlichen Schilderungen der Dinge, die Mohammed während seines Lebens gesagt und getan hat, also seiner Lehre und seinem Vorbild.[9] In allem lebt der Wille Allahs, der durch den Kalifen und seine Unterführer hindurchwirkt. Zu den Hadithen gehört auch, wie schon erwähnt, die Prophezeiung des Endkampfes bei Dabiq, der gleichsam den absoluten Höhepunkt des im Koran befohlenen Dschihads, des Heiligen Krieges, darstellt.

Wir haben es also im Islam mit generellen Dogmen zu tun, deren Wahrheitsgehalt und Gehorsamsanspruch unumstößlich ist und denen gegenüber der Mensch keine Möglichkeit und kein Recht hat, mit seiner subjektiven Vernunft etwa eine distanziert prüfende und beurteilende Haltung einzunehmen. Koran und Hadithen können, so wird ihre behauptete Wahrheit abgesichert, von vornherein nicht der Vernunft widersprechen; sie sind die objektive Vernunft selbst. Damit sind die Würde individueller Erkenntnis des Menschen und seine Handlungsfreiheit ausgeschaltet. Er handelt ohne selbst erworbene Einsicht, führt in blindem Gehorsam aus, was befohlen ist. Er ist kein vollwertiger Mensch, sondern nur ein höherer Automat für den Willen anderer. Was das Tier als Instinkt von innen führt, treibt hier den Menschen als Dogma von außen an.

Da die meisten Muslime eigenes Denken und moralisches Gewissen nicht ganz unterdrücken können, halten sie sich nur an die positiven Inhalte des Islam und ignorieren die Befehle zum Hass auf die Ungläubigen und zum mörderischen Dschihad. Dies führt nur bei einzelnen zur Abkehr vom Islam, denn die familiären und gesellschaftlichen Fesseln sowie der Fluch der ewigen Verdammnis wirken stark. Einem ehemaligen Professor für die Geschichte des Islam an der Kairoer Al-Azhar-Universität, der schon mit zwölf Jahren den gesamten Koran auswendig konnte, gelang es. Unter dem Namen Mark Gabriel schildert er:

„In dem Bestreben, dem Dschihad und der Tötung von Nichtmuslimen aus dem Weg zu gehen, griff ich nach jeder Auslegung des Korans, doch überall wurden diese Praktiken befürwortet. …

Allah, der Gott, der im Koran geoffenbart wird, ist kein liebender Vater. … Der Islam ist voller Diskriminierung – gegen Frauen, gegen Nichtmuslime, gegen Christen und ganz besonders gegen Juden. Der Hass ist in diese Religion eingebaut. Die islamische Geschichte, die mein besonderes Fachgebiet war, war nur als ein einziger blutiger Strom zu charakterisieren. … Ich kann nicht mehr sagen, dass der Koran direkt vom Himmel und von Allah kommt. Dies kann nicht die Offenbarung des wahren Gottes sein.“[10]

Die Menschen aller islamischen Völker sind mit ihrem Bewusstsein noch stark in den Abstammungsgemeinschaften der Familie, Sippe und des Stammes verhaftet, die als das dem Einzelnen übergeordnete Kollektiv in der Gestalt des väterlichen Anführers autoritativ sein Leben bestimmen. Schon von daher ist der Gehorsam tief verankert und eingeübt, der sich in der allumfassenden Gemeinschaft des Islam gegenüber dem göttlichen Vater fortsetzt.[11] So pflegen die meisten im Innern einen mehr oder weniger friedlichen Islam. Wachsende radikale Strömungen aber, mit keinerlei eigenen intellektuellen und moralischen Skrupeln ausgestattet, nehmen den Islam mit allen Konsequenzen ernst. Seine Ideen haben für sie eine unantastbare ewige Wahrheit und müssen durchgesetzt werden.

Der Fanatismus

Wer sich einer Idee nicht erlebend gegenüberstellt, gerät unter ihre Knechtschaft, stellte Rudolf Steiner sinngemäß am Ende seiner grundlegenden Schrift „Die Philosophie der Freiheit“ warnend fest. Dies ist vor allem dann leicht der Fall, wenn es sich um religiöse, überhaupt die Existenz des Menschen betreffende bedeutungsvolle Ideen handelt, die mit einer übermenschlichen Autorität ausgestattet sind. Die Idee hält das Bewusstsein besetzt und verdrängt das eigene Denken. Sie wird zwanghaft und nimmt fanatische Formen an. Fanatismus ist „das Besessensein von einer Idee oder Vorstellung“, heißt es treffend auf Wikipedia. Die Idee ergreift unter Ausschaltung der eigenen denkerischen und moralischen Instanz unmittelbar den Willen, der rauschhaft nach Taten drängt, die keinen inneren Widerspruch des Menschen oder äußeren Widerstand anderer dulden.

Doch Gedanken sind gewöhnlich von schattenhafter Natur, die ebenso wenig wie ein Schatten oder ein Spiegelbild zwingen können. Es ist eine wesenhafte Kraft hinter den Ideen, die mit ihnen die Seele des Menschen ungehindert besetzen und durchdringen kann, unter Umgehung von Hirn und Herz direkt in den Willen schießt und mit Macht zum Handeln treibt. Es handelt im Grunde nicht die innere geistige Instanz des Menschen selbst; er wird sozusagen gehandelt; etwas anderes handelt durch ihn.

Wer als Christ die Worte und Taten Christi versteht und ernst nimmt, der nach den Evangelien seine übersinnlichen Gegner als Teufel und Satan offen ansprach und deren Dämonen aus Menschen austrieb, um sie wieder zu freien, selbst handelnden Menschen zu machen, wird hier nicht nur eine Besessenheit von Ideen, sondern darüber hinaus eine Besessenheit von satanischen Wesen erahnen.

Im Gegensatz zum westlichen Menschen ist für den Orientalen sowieso das Leben in der jenseitigen Welt wichtiger als das irdische Leben. Die Vorstellungen des nahen Jüngsten Gerichts und der vorangehenden Entscheidungsschlacht bei Dabiq, die herbeizuführen der IS sich auserwählt glaubt, wirken bei den islamischen Fundamentalisten daher in tiefgreifender Weise. Der eines natürlichen Todes gestorbene Gläubige muss auf das Paradies noch bis zum Gericht Allahs am Jüngsten Tag warten. Dem im Dschihad, im Kampf gegen die Feinde des Islam gefallenen Krieger oder Selbstmörder sind jedoch nach Mohammed die Freuden des Paradieses unmittelbar sicher. So kommt dem objektiven apokalyptischen Auftrag der subjektive Jenseits-Egoismus des Einzelnen noch zu Hilfe. Beide verbinden sich zu einem ungeheuren fanatischen Energie-Potenzial der Vernichtung.

Für die Kämpfer des IS sind die Vorstellungen und Gebote des Islam unantastbare ewige Wahrheiten, an denen zu zweifeln, ein todeswürdiges Verbrechen ist; ebenso wie alle Ungläubigen, die den Islam nicht annehmen oder sich seiner Herrschaft nicht unterwerfen, des grausamsten Todes schuldig sind. Das sind keine Vorstellungen, die vor der reinen Vernunft und Moral des Menschen bestehen. Sie können nicht „die Offenbarung des wahren Gottes sein“, der den Menschen Erkenntnis und Moral gegeben hat, zu prüfen, wozu sie sich entscheiden.

Ein Christ könnte sich sagen: Es ist, als ob das Wesen, das diese hasserfüllten Vorstellungen und Gebote, sowie die angebliche Prophezeiung der nahen Endzeit und Entscheidungsschlacht einst Mohammed unerkannt einflüsterte, die fanatisierten IS-Kämpfer von sich besessen macht, um seine menschenfeindlichen Ziele durch sie als seine Werkzeugen zu realisieren.

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Helmuth von Glasenapp: Die fünf Weltreligionen, München 1989, S. 325

[2] http://www.islam-blogger.de/2014/08/14/islam-tag-des-juengsten-gerichts-yaum-al-qiyama/

[3] Vgl. Helmuth von Glasenapp: Die fünf Weltreligionen, München 1989, S. 324 f.

[4] Michael Lüders: Wer den Wind sät, München 2015, S. 88

[5] vergl. http://www.welt.de/print/die_welt/politik/article149472293/Seit-ueber-1400-Jahren-warten-wir-auf-euch.html

[6] http://www.stern.de/politik/ausland/islamischer-staat–is-magazin-dabiq—sprachrohr-des-teufels-6564332.html

[7] Michael Lüders: Wer den Wind sät, München 2015, S. 90

[8] Vgl. a. a. O., S. 92

[9] Vgl. Mark A. Gabriel: Islam und Terrorismus, Gräfelfing, 3. Aufl. 2005, S. 45 f.

[10] a. a. O., S. 20 f.

[11] https://fassadenkratzer.wordpress.com/2015/06/12/islam-sippenbindung-und-europaische-geistesentwicklung/

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel