Gefährliche Illusion der Migration

Graffitti auf dem Plaster der Straße Unter den Linden in Berlin © Foto und Illustration GEOLITICO Graffitti auf dem Plaster der Straße Unter den Linden in Berlin © Foto und Illustration GEOLITICO
Globalisiertes Konsumdenken jenseits aller Leistungsmöglichkeiten oder -bereitschaft ist vielleicht schon heute das stärkste Motiv der weltweiten Migration.

Die Hessische Niedersächsische Allgemeine (HNA) hat im Gegensatz zum Mehrheitsmedienbrei zwei Vorteile: Sie ist stark lokal orientiert, und sie verzichtet grundsätzlich auf Texte und Fotos der Staatsagentur dpa. Vielleicht erfährt man deshalb hier mehr über die real existierende Flüchtlingskultur des Deutschen Herbstes. Etwa, dass einer Ärztin im Flüchtlingslager Calden (Kapazität: 1000 Flüchtlinge, Besetzung: 1400) ein männlicher Patient mit der Faust in den Bauch schlug und dass die Frau dort weiterhin arbeitet, allerdings nur unter Polizeischutz.

Wir können lesen, dass es zu einer Massenschlägerei mit 14 Verletzten (drei Polizisten) unter 400 Flüchtlingen kam, dass es 60 Verletzte in einem Zelt bei einer Reizgasattacke durch rivalisierende Flüchtlinge gab usw. Die Polizei räumte dort ein, dass in den Lagern rechtsfreie Räume entstehen. Auch wenn uns andere Medien mit solchen Details der Flüchtlingspolitik eher selten konfrontieren, können wir uns auch sonst ziemlich genau vorstellen, was passiert, wenn man Menschen unter diesen Bedingungen zusammenpfercht.

Nicht einmal der Sozialismus war so unrealistisch

Offensichtlich gibt es neben ökonomischen Interessen von Seiten des Postkapitalismus einerseits und von Seiten der Migranten andererseits eine starke moralische Triebfeder die Völkerwanderung trotz aller Problematik nicht auf-, sondern aufrechtzuerhalten. Einmal verkürzt dargestellt, ist die Diskussion deshalb so verfahren, weil sowohl Befürworter als auch Gegner der Flüchtlingspolitik in ihrem jeweiligen Koordinatensystem moralisch durchaus im Recht sind: Betrachtet man die Sache mit Blick auf den einzelnen Betroffenen, scheint es selbstverständlich, dass jedes Individuum geschützt und gerettet werden muss. Betrachtet man die Sache über Verfolgte und meinetwegen auch Kriegsflüchtlinge hinaus, also mit Blick auf Millionen, vielleicht bald Milliarden Menschen, die weltweit der eigenen Not entfliehen wollen, wird klar, dass diese Leistung von keiner Macht der Welt ohne empfindliche Nachteile für alle Beteiligten erbracht werden kann.

Die „Fluchthelfer“ konstruieren davon wenig beeindruckt einfach einen Dyslogismus, indem sie behaupten, die Rettung aller Individuen sei machbar, weil sie eben erforderlich sei. Man muss nicht Mathematik oder Logik studiert haben, um zu erkennen, dass hier die Kausalität nicht nur gebeugt, sondern geradezu verkehrt wird. Und wenn man solches zulässt, werden die naturgesetzlichen Grundprinzipien des menschlichen Zusammenlebens in dieser emotionalen Weltsicht gleich mit außer Kraft gesetzt. Neben der Kooperation ist nämlich die Konkurrenz ein konstitutiver Teil unserer Natur und lässt sich nicht durch fromme Gedanken aushebeln.

Die moralisierenden Meinungsführer nehmen für sich in Anspruch, festlegen zu können, dass nicht nur alle Menschen in ihrem Wesen gleich seien, sondern deswegen auch gleiche Ansprüche an die Lebensqualität haben. Danach richten sie dann ihre politischen Maximen aus. So unrealistisch hat aber nicht einmal der Sozialismus gedacht, der immerhin harte Arbeit zur Überwindung existierender Ungleichheiten voraussetzte, bevor man irgendwann ins Himmelreich des Kommunismus einziehen könne. Die Gutmenschengesellschaft hat solche wenigstens abstrakt an der Realität orientierten Differenzierungen scheinbar nicht mehr nötig und wählt die Abkürzung zum Glück über die Virtualität.

Mitleid als politische Handlungsmaxime?

Dabei ist die Win-Win-Situation bei gesellschaftlichen Veränderungen der Ausnahmefall, in der Regel ist dies ein Nullsummenspiel. Einer gewinnt, was der andere verliert – wenn nicht sogar sich blockierend alle verlieren. Deshalb kann es auch keine globale Moral geben, sondern objektiv nur ein Verschieben von Macht- und Vorteilspositionen für einzelne Interessengruppen. Früher war die wichtigste dieser Interessengruppen im globalen Machtspiel die Nation, heute, im Zeitalter der Globalisierung, agieren sowohl die Mächtigen als auch die Ohnmächtigen internationaler. Das klingt ziemlich wertfrei, ist es aber nicht.

Wenn ein Land ökonomische, soziale oder kulturelle Leistungen erbringt, sollte für es gelten, was auch dem fleißigen Arbeiter versprochen wird: Leistung muss sich bezahlt machen. Dagegen wird gerne argumentiert, die wohlhabenden Länder hätten sich ihre Vorteile durch Kolonialismus und Ausbeutung erschlichen, wobei historische Tatsache ist, dass zumindest der Kolonialismus den Kolonialisten ökonomisch mehr geschadet als genutzt hat.

Bei der Ausbeutung ist das komplizierter, aber man kann davon ausgehen, dass erheblich mehr Ausbeutung innerhalb der wohlhabenden Länder selbst stattgefunden hat als beispielsweise in den Export- oder Produktionsnationen der Dritten Welt. Und schließlich liegt der offensichtliche Wettbewerbsvorteil der entwickelten Welt in ihrem historischen Vorsprung bei der Entwicklung ihrer Kultur und ihrer Produktivkräfte. (Ein Umstand, der auch bei der Gleichheitsillusion in der deutschen Migrationsdebatte gerne verdrängt wird.)

Von den Moralisten wird aber dennoch so getan, als wäre Mitleid eine politische Handlungsmaxime und bedinge eine übergeordnete moralische Pflicht zur Hilfeleistung. Beugten wir uns dieser Illusion, bräche im Umkehrschluss der Leistungsgedanke weg. Eine wichtige konstruktive Kraft, nämlich der Wille voranzukommen und Lebenssituationen nicht durch Flucht, sondern Veränderung aus eigener Kraft zu bewältigen, würde ersetzt durch die Fähigkeit, möglichst öffentlichkeitswirksam Krokodilstränen weinen zu können und damit Transferleistungen zu erbetteln.

Jedes Lebewesen beißt sich durch

Wo sollte eine solche quasi kosmisch übergeordnete Pflicht zur Hilfeleistung auch herkommen? Gottgegeben ist sie jedenfalls nicht, und die Menschenrechte, 1948 von Politikern wohlmeinend zusammengebastelt, sind bewusst vage formuliert und werden obendrein überall ungehindert gebrochen, wo es einer Macht gefällt. Nichtsdestotrotz ist Hilfeleistung ein wesentliches Kriterium entwickelter Gesellschaften, nur muss sie sich eben dem Machbaren und anderen Rechten und Pflichten gegebenenfalls unterordnen.

Setzte man dieses Prinzip außer Kraft, müssten komplexe menschliche Regelwerke die Gesetze des Marktes und der Evolution ersetzen. Regelwerke, die beispielsweise festlegten, dass dem einen geholfen wird und dem anderen nicht oder dass solange geholfen wird, bis der Helfende erschöpft zusammenbricht. Ein solches Regelwerk ist nicht nur nicht durchführbar, sondern nicht einmal vorstellbar.

In der Tat ist kein Lebewesen, egal ob Mensch oder Tier, durch Geburt besser als das andere oder hat mehr Lebensrechte, aber jedes Lebewesen beißt sich durch – und dies unterschiedlich erfolgreich. Die menschliche Gesellschaft kann für ihre Mitglieder nur durch geschriebene und ungeschriebene Gesetze darauf einwirken, dass dieses „Durchbeißen“ möglichst auch im Interesse der Allgemeinheit erfolgt.

Entscheidendes Kriterium einer sozialverträglichen Kanalisierung dieser schöpferischen Energie ist, dass diese Regelungen immer auf der niedrigstmöglichen Ebene erfolgen. Ein Rotlichtverstoß wird nicht vom Bundesgerichtshof geregelt und ein Streit möglichst ohne jeden staatlichen Eingriff beigelegt. Die Nähe von Geschehen und Regelungsmechanismus ermöglicht angemessene, realitätsbezogene Entscheidungen bei geringem Aufwand, während diese bei größerem Abstand immer diffuser und realitätsferner werden. Beispielsweise ist es besser, eine alte Frau kann dem jungen Mann, der ihr regelmäßig beim Einkaufen geholfen hat, etwas vererben und damit (Hilfe-)Leistung nachträglich fördern als dass dieses Erbe eine Stiftung für anonyme Zwecke erhält.

Medien verändern die Wahrnehmung

Aus diesem Grundsatz lässt sich die Theorie der „Konzentrischen Kreise der Kooperation“ ableiten, der ich in meinem Buch „Chaos mit System“ aufgrund ihrer übergeordneten Bedeutung breiteren Raum eingeräumt habe. Soziale Regelkreise müssen von der individuellen Basis bis zu globalen Entscheidungen hierarchisch organisiert sein, so dass soziales Verhalten möglichst direkt belohnt bzw. dessen Fehlen sanktioniert werden kann.

Dieses Prinzip der hierarchischen Rückkopplung analog der evolutionären Orientierung auf die Konzentrischen Kreise der Kooperation betrifft im Übrigen auch andere Regelmechanismen. So wird man in seiner Familie eher Schutz finden als im Bürgeramt, und man wird durch dieselbe evolutionäre Prägung getrieben eher zum Anhänger des lokalen Fußballvereins als eines beliebigen anderen.

Globalisierung und Medieneinfluss verändern die Wahrnehmung dieser Konzentrischen Kreise erheblich. Im menschlichen Bewusstsein entsteht die Illusion, dass der Tsunami in Thailand für die Deutschen die gleiche Bedeutung hat wie beispielsweise eine hiesige Flutkatastrophe. Doch dem ist nicht so. Wer hier hilft, kann eher sehen, wie und ob seine Hilfe erfolgreich ist, er schafft eine Bereitschaft beim Geholfenen, auch ihm einmal oder anderen zu helfen und er stärkt mit seiner Hilfe das Kollektiv, das auch für sein Wohlergehen zuständig ist.

Stattdessen wird nun gerne gespendet, wohin auch immer die Nachrichten mit ihren verfälschenden Bildern uns suggerieren, spenden zu sollen. Wer verteilt dann das Geld, und wer bekommt es? Was geschieht damit, und trägt es dazu bei, neue Katastrophen zu minimieren? In Thailand beispielsweise waren die Opfer an Menschenleben so hoch, weil die Tourismus- und Wohlstandsindustrie im Gefahrengebiet gebaut hat. Jede Wette, dass die Katastrophenhilfe dafür genutzt wurde, genau dort und für die alten Eigentümer neue Paläste zu errichten. Und es bedarf keiner Wette, um zu illustrieren, dass die gegenwärtige Migration zu zusätzlichen Härten für jene führt, die es hierzulande schon vorher schwer hatten.

„Die oder wir“?

Solange sie friedlich ist, ist die Konkurrenz unter Ländern und anderen Interessenszusammenschlüssen eine gute Sache zur Entwicklung der Produktivkräfte. In diesem Wettbewerb entscheidet sich, welcher Gruppe es am besten geht. Dies folgt dem unsterblichen Naturgesetz der Evolution: „Die oder wir“. Sind wir nicht durchaus trotz erheblicher moralischer Bedenken bereit, unzählige Tiere hinzurichten, um eine befriedigende Nahrungsversorgung für uns sicherzustellen? Mit welchem Recht schwingen wir uns da zum Richter über Leben und Tod auf, wenn nicht nach dem evolutionären Recht des „Die oder wir“?

Unter Menschen allein greifen natürlich noch zusätzliche wichtige soziale Regelmechanismen (z.B. „Konfliktvermeidung“), aber das Grundprinzip ist dasselbe. Zwar ist auch Mitleid ein solch elementares Gesetz der Evolution, aber sie beschränkte sich zur Überlebenssicherung immer auf Vorgänge innerhalb der Familie, der eigenen Gruppe oder höchstens der Gruppe nahestehende Menschen.

Was ist also, wenn sich zwei Verbrecherbanden vor meiner Tür gegenseitig massakrieren? Lasse ich mitleidig die unterlegene herein, um ihr zu helfen? Nein, denn sie gehören alle nicht zu meinem von mir zu unterstützenden Umfeld. Also rufe ich, weil meine Konzentrischen Kreise nicht berührt sind, als übergeordnete Ebene die Polizei.

Die Verleugnung dieses Prinzips bringt die natürliche Weltordnung ins Taumeln. Plötzlich ist es vorstellbar, globalen Konkurrenten ohne Gegenleistung Finanz- oder Sachmittel oder andere Aufwendungen zukommen zu lassen, die dem eigenen Solidaritätsverbund mit vielleicht ganz ähnlichen Notlagen dann abgehen. Die Torte wird nicht größer, nur weil man gute Absichten hat oder beim Aufschneiden die Augen schließt.

Falsch verstandene Hilfsbereitschaft

Dadurch ist ein global organisierter Humanismus aus lokaler Sicht sogar geradezu asozial, weil er sich gegen die solidarische Organisation in Gemeinschaften richtet. Man denke nur an die Zerschlagung des deutschen Sozialsystems und des bisherigen Lohn- bzw. Beschäftigungsniveaus, die von Wirtschaftsunternehmen und ihren Think Tanks durch die Forcierung wenn nicht sogar Mitinitiierung der Flüchtlingsbewegung betrieben wird.

Moral ist nicht automatisch global. Die Welt unterliegt einem immerwährenden Wettbewerb. Wer dies ignoriert, verliert. Ein globales Sozialsystem ist nicht organisierbar, was schon die bestehenden Probleme mit dem nationalen Pendant vor Augen führt. Soziale Systeme werden ausgenutzt, wenn dem nicht permanent entgegengearbeitet wird. Lokal ist diese Gegensteuern schon schwierig, global unmöglich.

Eine solche Denkweise, getragen von falsch verstandener Hilfsbereitschaft und Schuldgefühlen, führt dazu, dass Nassauer-Mentalitäten bei gleichzeitigem Verlust des Leistungsgedankens in großem Maßstab geschaffen werden. Schon jetzt ist globalisiertes Konsumdenken jenseits aller Leistungsmöglichkeiten oder -bereitschaft vielleicht der wesentlichste Trigger der weltweiten Migration. Am Ende hat dann aber trotz aller virtuellen Träume immer die Realität umso schmerzhafter recht, was selbst dann nicht heißt, dass sie die Wahrnehmung der Verblendeten auch erreicht.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel