Zeit für echten Unternehmer-Ethos
Zeit für echten Unternehmer-Ethos

Zeit für echten Unternehmer-Ethos

Warteschlange vor einem spanischen Jobcenter © GEOLITICO Warteschlange vor einem spanischen Jobcenter © GEOLITICO
Heute beuten Kapitaleigner ein Heer von Arbeitssklaven aus. Eine menschenwürdige Wirtschaft muss den  Gegensatz von „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ endlich aufheben.

Das Wort „Arbeitsmarkt“ gehört heute im öffentlichen Leben ganz selbstverständlich zum gängigen Vokabular, das keinerlei Anstoß mehr erregt und über das kaum jemand nachdenkt. Es bedeutet aber nichts weniger als die menschliche Ungeheuerlichkeit, dass Einkommen suchende Menschen ihre Arbeitskraft auf dem (virtuellen) Markt zum Verkauf gegen eine „Entlohnung“ anbieten müssen. Verkaufen bedeutet, dass der Käufer die erworbene „Ware“ nach seinen Vorstellungen verwenden kann.

In der „Marktwirtschaft“, gegen die hier nichts gesagt werden soll, findet auf dem Markt der freie Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen Produzenten, Händlern und Konsumenten statt. Waren sind durch Naturbearbeitung oder Pflege erzeugte Güter, die in den Handel gelangen, und Dienstleistungen werden von selbstständigen Spezialisten wie beispielsweise Rechtsanwälten oder Steuerberatern angeboten, um für andere Probleme zu lösen oder Aufgaben durchzuführen.

Ungeheure Ausbeutung

Die Arbeitsleistung eines Menschen ist in diesem Sinne keine Dienstleistung. Sie wird innerhalb eines Unternehmens zur Warenproduktion oder innerhalb eines Dienstleistungs-Betriebes in einem Arbeitsverhältnis erbracht. Erst recht ist sie natürlich keine Ware. Es ist daher pervers, wenn menschliche Arbeitskraft auf einem „Markt“ zum „Verkauf“ angeboten werden muss.

Der Mensch kann seine Arbeitskraft zudem nicht von sich loslösen, verkaufen und selbst zu Hause bleiben. Sie ist ja ein Teil von ihm, ein Ausdruck seiner Fähigkeiten, seiner Gefühle und seiner Willenskraft. Muss er seine Arbeitskraft verkaufen, muss er sich selber insoweit mitverkaufen – zu den Bedingungen und zu dem Preis, die am Markt herrschen. Ihr Preis ist das „Arbeitsentgelt“, also Lohn oder Gehalt.

Nach den Marktgesetzen ist der Preis umso niedriger, je mehr das Angebot an Arbeitsleistungen die Nachfrage übersteigt. Dies ist in der immer weiter fortschreitenden Automatisierung die Regel und wird sich, bis auf wenige Ausnahmen, im derzeitigen Wirtschaftssystem nicht ändern, sondern weiter zunehmen.

Das übergroße Angebot an „Arbeitskräften“ hat gegenüber der prinzipiell weiter abnehmenden Nachfrage zu einer ungeheuren Ausbeutung der „Arbeitnehmer“, die eigentlich „Arbeit-geber“ heißen müssten, geführt. Das sind rund neunzig Prozent der Erwerbstätigen. Aus Sorge um den notwendigen Lebensunterhalt für sich und ihre Familien sind sie gezwungen, sich als Ware behandeln zu lassen und sich mit ihrer Arbeitskraft zu immer unwürdigeren Bedingungen und Löhnen zum Verkauf anzubieten. In ihrer Not müssen sie vielfach eine Arbeit akzeptieren, die sie moralisch eigentlich ablehnen, sei es z. B. in der Produktion von Umweltgiften, in der chemischen Industrie oder in der Waffenproduktion.

Von einem Zeitvertrag zum nächsten

Immer mehr Menschen müssen sich mit einem „Preis“, also einem Arbeitsentgelt begnügen, das nahe an oder unterhalb der Armutsgrenze liegt und vielen trotz einer Vollzeitarbeit zum Lebensunterhalt nicht ausreicht, so dass sie entweder nachts noch weitere Arbeit annehmen, oder zusätzliche staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen müssen. Dieser sogenannte Niedrig- oder Billiglohnsektor, zu dem besonders noch die Perversität der „Leiharbeitsfirmen“ beiträgt, betrifft in Deutschland bereits 20 bis 25 Prozent der abhängig Beschäftigten.

Weiter verschärft wird ihre Lebensunsicherheit durch die immer mehr zunehmenden befristeten Arbeitsverträge. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsbildung (IAB) aus dem vergangenen Jahr ergab (laut „Spiegel-online“ vom 8. September 2013), „dass der Anteil befristeter Neueinstellungen zwischen 2001 und 2011 von 32 auf 45 Prozent stieg.“ Über viele Jahre müssen sich die Berufseinsteiger dann von einem Zeitvertrag zum nächsten hangeln.

Es ist grotesk: Das Wirtschaftsleben ist dazu da, der menschenwürdigen irdischen Existenzsicherung zu dienen. Die große Masse der im Wirtschaftsleben Tätigen erhält aber von denen, für die sie arbeiten müssen, ein Arbeitsentgelt gerade nicht mit diesem Ziele, sondern systematisch so wenig wie möglich, so dass viele sogar unter oder am Existenzminimum leben und noch darum kämpfen müssen.

Unternehmen und Privateigentum

Der moderne „Arbeitsmarkt“ ist der Nachfolger des früheren Sklavenmarktes, auf dem entrechtete Menschen wie Tiere verkauft und gekauft wurden. Der Arbeitssklave der Gegenwart wird zwar nicht in seiner ganzen Persönlichkeit als rechtlose Ware betrachtet, aber insoweit er sich mit seiner Arbeitskraft zu weitgehend diktierten Bedingungen verkaufen muss, befindet er sich in einer sklavengleichen Lage.

Das ist tiefste Verletzung der Menschenwürde, die nach Art. 1 des Grundgesetzes „zu achten und zu schützen Aufgabe aller staatlichen Gewalt ist“. Die Organe des Staates schützen die Menschenwürde aber nicht, sondern ermöglichen im Gegenteil gerade durch entsprechende Gesetze deren permanente Verletzung. Denn die Kapitaleigner, in deren Dienst und Abhängigkeit die Politiker heute vielfach stehen, brauchen ihres Profites wegen ein Heer von ausbeutbaren Arbeitssklaven.

Die Wurzel des Problems liegt im Privateigentum an Produktionsmitteln und Kapital, dem daraus abgeleiteten Eigentumsanspruch an den produzierten Gütern und dem Gewinn aus ihrem Verkauf. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ein Unternehmer braucht die Verfügungsbefugnis über die Produktionsmittel und das Kapital der Firma, um diese nach seinen Fähigkeiten leiten und weiterentwickeln zu können. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen dem Eigentum an einem privaten Wohnhaus, Auto oder Mantel und dem Eigentum an einem Wirtschaftsunternehmen.

Das Privateigentum dient dem persönlichen Verbrauch, und die unbegrenzte Verfügungsbefugnis ist hier berechtigt. Ein Wirtschaftsbetrieb dient aber nicht dem privaten Verbrauch des Unternehmers, sondern gemeinsam mit notwendigen Mitarbeitern der Bedürfnisbefriedigung vieler anderer Menschen. Es hat also eine soziale Aufgabe, und die Verfügung über Kapital und Gewinn oder gar der Verkauf des ganzen Unternehmens hat enorme soziale Auswirkungen für andere Menschen, für die Mitarbeiter und zumeist auch die Konsumenten.

Soziales Verantwortungseigentum

Das macht notwendig, dass für das mit solchen sozialen Auswirkungen verbundene Eigentum eine besondere Eigentumsform gebildet werden muss, die das Verfügungsrecht des Eigentümers auf die sozial verantwortliche Führung des Unternehmens selbst begrenzt, gleichsam ein soziales Verantwortungseigentum, das einen treuhänderischen Charakter trägt.

Dies schließt den Verkauf eines Unternehmens zum privaten Nutzen aus, wodurch ja die „Arbeitnehmer“ sozusagen mitverkauft und mit ihren Angehörigen oft einem ungewissen Schicksal ausgeliefert werden. Und es schließt aus, dass der nach Abzug von Investitionsrücklagen erzielte Gewinn allein in die Taschen des/der Eigentümer(s) fließt. Der Gewinn kann ja niemals vom Unternehmer allein erwirtschaftet werden, sondern nur von allen Mitarbeitenden gemeinsam. Diese sind für Funktion und Erfolg des Unternehmens genauso notwendig wie der Unternehmer selbst. Über den Gewinn darf dieser daher auch nicht alleine verfügen.

Das bedeutet, dass die „Arbeitnehmer“ nicht als abhängige Untergebene, als unfreie Arbeitssklaven, sondern als freie Mitarbeiter behandelt werden müssen, die sich mit einem Unternehmensleiter zusammentun, um die unterschiedlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen, die alle benötigt werden, zu einem gemeinsamen Unternehmen zusammenfließen zu lassen.  Die Einkommen der Mitarbeiter, die sie für sich und ihre Angehörige brauchen, um Konsumgüter zum Lebensunterhalt zu kaufen, dürfen daher betriebswirtschaftlich nicht als „Personal-Kosten“, als lästige „Unkosten“ behandelt werden, die so gering wie möglich zu halten seien.

Der Zweck der Wirtschaftsunternehmen insgesamt ist es, für die leibliche Existenz der Menschen zu sorgen, über das Einkommen auch für die eigenen Mitarbeiter. Im Anspruch darauf sind alle Mitarbeiter im Unternehmen gleichberechtigt. Daher kann der Unternehmer nicht den Reingewinn, der aus der Leistung aller hervorgegangen ist, als Einkommen für sich allein beanspruchen. Aus dem Gewinn müssen eben auch die Einkommen der Mitarbeiter entsprechend ihrem Anteil entnommen werden. Auch der leitende Unternehmer kann nur ein Einkommen beziehen, das dem Anteil seiner produktiven Leistung entspricht und den er für seinen privaten Konsum benötigt.

Mitarbeiter materiell und menschlich aufwerten

Das kann natürlich nicht bedeuten, dass die sinnvolle Trennung von Arbeitsleitung und Arbeitsleistung aufgehoben wird und alle Mitarbeiter überall mitbestimmen. Die in der Sache notwendige Arbeitsteilung führt zu einem aufeinander abgestimmten Gefüge von Arbeitsbereichen, in den die jeweils fachkundig Tätigen dort aber auch die Verantwortung tragen, d. h. nicht nur Befehlsempfänger sind, sondern sich aus ihrer Fachkenntnis und dem Einblick in den Gesamtzusammenhang mit ihrer Arbeit in das Ganze einfügen. Aus wenig oder unmotivierten abhängigen „Arbeitnehmern“ werden engagierte Mitarbeiter, die sich mit ihrer Aufgabe und dem gemeinsamen Betrieb identifizieren.

Dies alles muss in der Betriebsverfassung und in den Mitarbeiterverträgen rechtlich festgelegt werden. Dies ist  im Betriebsverfassungsgesetz nachzulesen. Und der Rechtsstaat, der die Würde des Menschen zu schützen hat, muss dafür die rechtlichen Rahmenbedingungen setzen. So wird der Mitarbeiter materiell und menschlich in eine Arbeitsgemeinschaft integriert und mit seiner Arbeitsstätte sowie dem Gesamtbetrieb verbunden. Dadurch wird der heutige unsinnige Gegensatz von „Arbeitgeber“ und „Arbeitnehmer“ endlich aufgehoben, und die Gewerkschaften würden überflüssig werden.

Das Merkwürdige ist ja, dass die Gewerkschaften an dieser im herkömmlichen Eigentum an den Produktionsmitteln begründeten zerstörerischen Polarität schon lange nicht mehr rütteln. Weil die Gewerkschaftsführer dann ihren hochdotierten Job verlieren?

 Literatur:

Folkert Wilken: Die Entmachtung des Kapitals durch neue Eigentumsformen, Freiburg 1959

Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage, Dornach 1961

 

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel