Unterrichtsausfall macht Schule
Unterrichtsausfall macht Schule

Unterrichtsausfall macht Schule

Bildung ist uns lieb und teuer. Dennoch fällt an allen Schulen immer wieder Unterricht aus. Die Länder erheben dazu keine genauen Daten. Warum eigentlich nicht? Kommentar von Gotthilf Steuerzahler.

Der Unterrichtsausfall an den Schulen unseres Landes ist seit Jahren ein Dauerbrenner in der bildungspolitischen Diskussion. Während die Opposition des jeweiligen Bundeslandes den viel zu hohen Unterrichtsausfall anprangert, ist nach Auffassung der betreffenden Landesregierung alles in Ordnung und wird der vorgeschriebene Unterricht nur in ganz geringem Umfang nicht erteilt.

Aber wie ist Unterrichtsausfall überhaupt definiert? Zunächst ist von dem laut Stundenplan zu erteilenden Unterricht auszugehen, wobei Klassenfahrten, Wandertage, Schülerpraktika, berufsvorbereitende Maßnahmen, Projektwochen und -tage usw. als regulärer Unterricht angesehen werden. Wird der Unterricht nicht von der vorgesehenen Lehrkraft erteilt, ist das nicht ohne weiteres als Unterrichtsausfall zu bewerten.

Zahlen der Rechnungshöfe

Vielfach kommt es in diesen Fällen zu Vertretungen, sei es fachgerecht oder fachfremd. Zum Teil erfolgt Vertretung auch in der Form, dass verschiedene Klassen oder Kurse zusammengefasst und von einer Lehrkraft unterrichtet werden. Als Vertretung gilt auch das sogenannte „Eigenverantwortliche Arbeiten“, bei dem Schüler vorbereitete Aufgaben erhalten, die sie dann innerhalb der Unterrichtsstunde – ohne Anwesenheit einer Lehrkraft – bearbeiten. Also alles in allem eine sehr großzügige Definition davon, was als Unterricht angesehen wird. Nur wenn der Unterricht ersatzlos entfällt und die Schüler einfach nach Hause geschickt werden, handelt es sich nach diesem Verständnis um Unterrichtsausfall.

Genaues Zahlenmaterial über den Unterrichtsausfall in den einzelnen Bundesländern gibt es nicht. Dazu müssten alle Schulen eines Bundeslandes entsprechende Statistiken führen, was angeblich einen zu großen Arbeitsaufwand verursachen würde. Soweit Zahlen vorhanden sind, beruhen diese auf mehr oder weniger umfassenden Stichproben, welche die Schulministerien angeordnet haben.

In die Diskussion um den Unterrichtsausfall haben sich seit einigen Jahren auch die Landesrechnungshöfe eingeschaltet mit dem Ziel, der Bildungspolitik eine bessere Datengrundlage bereitzustellen. Aber auch die Rechnungshöfe waren nicht in der Lage, Zahlen für alle Schulen des betreffenden Bundeslandes zusammenzutragen, auch sie konnten lediglich Stichproben machen, die allerdings breit angelegt waren. Im Ergebnis zeigte sich, dass die Rechnungshöfe einen wesentlich höheren Unterrichtsausfall feststellten als die Schulministerien, obwohl auch die Rechnungshöfe die vorstehend beschriebene großzügige Definition zugrunde legten, was als Unterricht anzusehen ist. In Untersuchungen, die schon einige Jahre zurückliegen, ermittelten die Rechnungshöfe einen Unterrichtsausfall in Höhe von etwa 10 Prozent.

Warum Unterricht ausfällt

In neueren Untersuchungen gingen die Werte für den Unterrichtsausfall in einigen Bundesländern zurück und lagen bei etwa 3 bis 5 Prozent. Es hat sich also in den letzten Jahren durchaus einiges zum Besseren verändert. Die von den Schulministerien ermittelten Werte waren deutlich niedriger als die Zahlen der Rechnungshöfe, zum Teil wurde nur ein Unterrichtsausfall in einer Größenordnung von 1 bis 2 Prozent festgestellt. Die Erklärung für diese Unterschiede dürfte darin zu finden sein, dass die Rechnungshöfe bei ihren Stichproben das gesamte Schuljahr auswerteten, die Schulministerien hingegen nur einen Zeitraum von wenigen Wochen untersuchten und dann hochrechneten. Bei dieser Vorgehensweise wurden ausfallträchtige Zeiträume wie Beginn und Ende des Schuljahres regelmäßig nicht berücksichtigt!

Für den Unterrichtsausfall gibt es eine ganze Reihe von Ursachen. An der Spitze stehen schulorganisatorische Gründe sowie Erkrankungen des Lehrpersonals. Ob es zu Unterrichtsausfall aus schulorganisatorischen Gründen kommt, zum Beispiel durch Lehrerkonferenzen, Dienstbesprechungen, Elternsprechtage oder vorzeitiges Unterrichtsende an Tagen der Zeugnisausgabe, hat die jeweilige Schule in hohem Maße selbst in der Hand.

Anwesenheitspflicht von Lehrkräften

So fanden sich bei den Untersuchungen der Rechnungshöfe neben negativ auffälligen Schulen immer wieder auch positive Gegenbeispiele, bei denen aus demselben Anlass keine oder nur wenige Stunden ausgefallen waren. Hier besteht ein Optimierungspotential von erheblichem Umfang.

Auch bei der Planung von Klassenfahrten und Exkursionen sollten die Schulen verstärkt darauf achten, welcher Unterrichtsausfall in anderen Klassen damit verbunden ist. Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte sollten grundsätzlich in die unterrichtsfreie Zeit gelegt werden. Auch sollte der Einsatz von Lehrkräften für sonstige dienstliche Aufgaben so weit als möglich vermieden werden.

Auf die anhaltende Diskussion über den Unterrichtsausfall haben einige Bundesländer in der Form reagiert, dass sie eine Personalreserve geschaffen haben, mit deren Hilfe Vertretungsunterricht insbesondere bei Erkrankungen von Lehrkräften organisiert werden kann.

Weitere Möglichkeiten zur Vermeidung von Unterrichtsausfall bestehen darin, dass die Schulen vermehrt die Anwesenheitspflicht von Lehrkräften auch außerhalb ihrer Unterrichtsverpflichtung anordnen. Damit ist im Bedarfsfall eine Vertretung möglich und der Unterrichtsausfall vor allem in der 1. und 6. Stunde kann vermieden werden.

Elektronische Daten

Was den Streit über den genauen Umfang des Unterrichtsausfalls anbetrifft, so kann dieser angesichts der heutigen Möglichkeiten der Datenverarbeitung sicherlich ohne allzu große Schwierigkeiten beendet werden. In den Schulen liegt derzeit in elektronischer oder schriftlicher Form eine Vielzahl von Daten vor, aus denen der Unterrichtsausfall an jeder einzelnen Schule exakt und ohne großen Aufwand ermittelt werden kann. Die entsprechenden Daten müssten nur in einer Statistik zusammengeführt werden.

Wenn die erforderlichen Angaben definiert und den Schulen vorgegeben würden, könnten das jeweilige Schulministerium und die Schulaufsichtsbehörden anhand dieser Zahlen größere Zusammenhänge erkennen und dem Unterrichtsausfall entgegenwirken. Auch die einzelnen Schulen selbst, denen ja zunehmend größere Freiräume eingeräumt werden, wären anhand ihrer Zahlen in der Lage, den Unterrichtsausfall zu verringern.

Aus der Sicht von uns steuerzahlenden Bürgern wäre dies überaus wünschenswert. Denn angesichts der Milliarden an Steuergeldern, die in unser Bildungssystem fließen, sollte möglichst viel von diesen Ressourcen in Form von qualifiziertem Unterricht bei den Schülerinnen und Schülern ankommen, meint voller Überzeugung.