Irre Mainstream-Thesen zu Assad
Irre Mainstream-Thesen zu Assad

Irre Mainstream-Thesen zu Assad

Angeblich soll Syriens Präsident Assad die Schlacht um das Kulturerbe in Palmyra absichtlich verloren haben, weil er den Westen zum Eingreifen zwingen wollte. 

Wie man’s macht ist’s falsch. Da mussten wir uns jahrelang in einer einseitigen Gräuelpropaganda der Konsens-Medien anhören, dass Syriens Staatspräsident Baschar al-Assad sein armes Volk, das doch nur nach Frieden, Freiheit und Frühling trachtete, dahinschlachte und sowieso an allem schuld sei. Zwischentöne, etwa dass er nicht gegen das Volk, sondern gegen Rebellen zweifelhafter Gesinnung kämpfte, waren so wenig gefragt wie Gegenpositionen. Ganz heimlich und unkommentiert verschwand dann das Baschar-Bashing in dem Maße, wie der IS seinen Siegeszug antrat.

Nun aber, wo jener IS Palmyra, also ein Kulturerbe der Menschheit, eingenommen hat und dessen Vernichtung droht, wird Assad wieder gebraucht. Einerseits als militärisches Schutzschild, vor allem aber als Generalsschuldiger: Nicht eine Bewegung von mörderischem Wahn befallener Moslems, nicht die Destabilisierungspolitik des Westens, nein, der böse Kinderfresser Assad ist schuld. Jedenfalls wenn man dem ewiggestrigen Leitartikel der „Welt“[1] glaubt.

Verlieren um zu siegen?

Man dürfe nicht vergessen, schreibt Eva Marie Kogel in ihrem sich weitgehend auf Agenturbehauptungen stützenden Kommentar, dass es „vor allem die perfide Strategie des syrischen Regimes war, die den Dschihadisten in die Hände gespielt hat.“ Diese Aussage wird sogar begründet, wenn auch nur mit Behauptungen. Jahrelang habe das Regime alles dafür getan, die Islamisten gewähren zu lassen.

Oasenstadt Palmyra © GEOLITICO

Oasenstadt Palmyra © GEOLITICO

Diese These ist in ihrer Verkürzung so dreist, dass beim Schreiben der Erwiderung die Tastatur verklemmt. Mit Geld, Waffenlieferungen, Geheimdienstarbeit, militärischer Ausbildung und international gleichgeschalteter Propaganda hat der Westen seit Jahren die angeblich freiheitliche Opposition, die schon seit langem unter weitgehender Kontrolle von Islamisten unterschiedlicher Provenienz stand, unterstützt und auch sonst nichts unversucht gelassen, die rechtmäßige syrische Regierung am Kampf gegen die Islamisten zu hindern.

Für Frau Kogel, die junge Absolventin der Axel-Springer-Nachwuchsakademie und studierte Arabistikerin mit einer Dissertation zu Korantexten, hat das alles nie stattgefunden. Die Wahrheit sei, dass Assad verloren habe, weil er nicht habe gewinnen wollen. Und warum sollte jemand freiwillig verlieren wollen, fragt sich der verstörte Leser? Weil es die Strategie des perfiden Assad gewesen sei, die Welt vor die Wahl zu stellen, ob man ihn oder die Islamisten wolle. Verlieren, um zu siegen – was für eine verquere, an den Barthaaren des Propheten herbeigezogene Denkweise.

Es geht um mehr als Kunstschätze

Nun wissen wir künftig, warum Fußballmannschaften verlieren, nämlich weil so das Management dazu gebracht werden soll, in der nächsten Saison die Mannschaft zu verstärken. Wir wissen, warum es so viele Baustellen gibt, nämlich weil wir schnellere Autos kaufen sollen, um die Zeit wieder einzuholen. Wir wissen, warum die Kinder mal wieder außer Rand und Band sind, nämlich weil sie uns dazu bringen wollen, das gut zu finden.

Weil dieser Assad nun in der Kogel-Logik an allem schuld ist, ist es für sie zwangsläufig auch gut und richtig gewesen, ihm keine Unterstützung bei der Verteidigung der unersetzlichen Kulturwerte und zum Schutz der dort lebenden Menschen zukommen zu lassen:

„Wer den Vereinigten Staaten mangelndes Engagement vorwirft und nach mehr militärischem Einsatz ruft, der macht es sich zu einfach. Die USA hatten gute Gründe, nicht in den Kampf um die Stadt einzugreifen. Dort hätten sie lediglich den Feind des Feindes bekämpft.“

Da bescheinigt Kogel in diesem Zusammenhang tatsächlich Assad Nihilismus, wo doch ihr ganzes Gedankengut und in der Tat auch das des Westens von wirklichem Nihilismus erfüllt ist: Die Menschheit verlieren zu lassen, um mit absurden Thesen recht zu behalten. Die US-Militärkoalition hält sich also zurück, weil man nicht mit Assad kooperieren will. Assad muss alleine kämpfen – er hat in Palmyra verloren, wird vielleicht noch viel mehr verlieren. Aber letztlich verlieren wir alle, denn es geht nicht nur um antike Kulturschätze, sondern um Freiheit und Zivilisation an sich.

Wie einst Adolf Hitler

Natürlich hat Assad weder die Freiheit noch die Menschenrechte erfunden, natürlich bin ich im Grundsatz gegen außerstaatliche Interventionen, doch vom IS werden letzte moralische Grenzen gesprengt und Angriffskriege geführt wie einst von Adolf Hitler.

Kaempfer des Islamischen Staats © GEOLITICO

Kaempfer des Islamischen Staats © GEOLITICO

Wenn es einen Grund für die zivilisierte Welt geben könnte, gemeinsam gegen den Terror vorzugehen, dann hier und zwar auf Seiten von Assad und damit der rechtmäßigen syrischen Regierung. Und das nicht nur, weil der Westen mit seinem unverantwortlichen Zündeln in der Region erst den Arabischen Herbst ausgelöst hat.

Für den geschockten Leser der „Welt“ bleibt vorerst nur die Abarbeitung an der Frage, wie solche Kommentare in einer angesehenen Zeitung möglich sind. Dabei geht es nicht nur um die zu verlautbarende Position, sondern um die hanebüchenen logischen Konstruktionen darin.

Nur nicht aus der Reihe tanzen!

Vielleicht braucht man solche Verdrehungen der Kausalität, um zu den Ergebnissen zu kommen, zu denen man eben kommen will. Aber es ist mit Sicherheit auch ein Ergebnis der Mitarbeiterphilosophie und – Auswahlkriterien des Springer-Konzerns.

Wer an der Springer-Akademie aufgenommen wird, hat sich in einem schwierigen Ausleseverfahren durchgesetzt. Er hat bewiesen, dass er die Bundespräsidenten vorwärts und rückwärts aufsagen kann, dass er sich in der Parteipolitik bestens auskennt, dass er über angelerntes Standardwissen zu Kultur und Geschichte verfügt.

Er hat aber auch bewiesen, dass er nicht aus der Reihe tanzt, dem Mainstream folgt und möglichst keine Kreativität an den Tag legt, die gegenwärtigen Vorgesetzten bei ihrer Karriere gefährlich werden könnten. Kurz und gut: Er (oder in diesem Falle eben sie) ist eine ziemliche Pfeife.

Anmerkung

[1] Eva Marie Kogel, „Die gefährlichen Geister des Diktators Assad“, Die Welt vom 21. Mai 2015

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel