Die Angst vor dem Fremden
Die Angst vor dem Fremden

Die Angst vor dem Fremden

Xenophobie ist eine tief im Menschen verwurzelte Vorsicht. Und diese Vorsicht ist ein Überlebensinstinkt. Wie gehen wir damit in der Flüchtlingsdebatte um?

Wir werden mehr“, titelte eine noch immer große deutsche Abonnementszeitung begeistert hinsichtlich wachsender Bevölkerungszahlen in Deutschland. Tatsächlich steigerte sich die Einwohnerzahl Deutschlands zwischen 2013 und 2014 von 80,8 Millionen auf 81,1 Millionen, aus dem Ausland kamen dabei 470.000 Menschen mehr als weggingen und knapp 700.000 Babys wurden geboren.

Es ist dabei schon eine bemerkenswerte Konstruktion, das Personalpronomen „wir“ zu verwenden, denn „wir“ können ja gar nicht mehr werden, es sei denn, wir nähmen an Gewicht zu oder wir könnten uns teilen. Die Bevölkerung Deutschlands mag dagegen sehr wohl zunehmen, doch ob es da etwas zu bejubeln gibt, hängt von qualitativen Kriterien und vom Standpunkt der Betrachtung ab.

300.000 Asylbewerber in 2015

Mehr Menschen bedeuten ja nicht automatisch mehr Menschen, die sich auch mit diesem Land identifizieren, also ein „wir“ rechtfertigen würden. Wenn man es von der Warte der bereits anwesenden, also der real existierenden Deutschen aus sieht, werden wir in der Natur der Sache liegend anteilig sogar weniger. Das kann durchaus Sorgen bereiten – oder Angst.

Seit 2008 hat sich die Zahl der jährlichen Einwanderer verfünfundvierzigfacht. Damals gab es noch einen Asylkompromiss der Parteien, um den Zustrom zu begrenzen, heute ist die Reaktion völlig gegensätzlich. Von 2009 bis 2012 stieg Deutschland in der Rangliste der OECD bezüglich weltweiter Migrationszielstaaten von Platz neun auf Platz zwei. Kein anderes OECD-Land konnte ähnliche Steigerungsraten vorweisen. 300.000 Asylbewerber werden für 2015 erwartet.

Das liegt allerdings auch an der Verteilungslogik der EU, denn die menschenfreundlichen Italiener, die die afrikanischen Boatpeople tränenreich willkommen heißen, reichen die meisten an Länder wie Schweden und Deutschland weiter. Im dritten Quartal 2014 hatten knapp 177.000 Flüchtlinge in 28 EU-Staaten um Asyl gebeten.

Mit 56.100 fiel am Ende der Löwenanteil, fast ein Drittel, auf Deutschland. Im Vergleich: Frankreich erfreute sich nur an 14.700 Bewerbern. Setzt man das zu den Einwohnerzahlen ins Verhältnis liegt allerdings Schweden an der Spitze und Deutschland mit 695 pro einer Million im Mittelfeld. Aber auch hier ist es interessant, dies mit der Slowakei (10), Portugal (15) und Italien (295) zu vergleichen.

Einschränkung der Freiheit

Es wird aber schon daran gearbeitet, auch diese Relationen weiter zu verschieben. Dazu werden europäische Experten zitiert, es dürfe nicht nur die Bevölkerungsgröße als Kriterium zählen, sondern auch die Wirtschaftskraft, die Fläche oder die Arbeitslosenquote. Da sieht es bei Deutschland natürlich schlecht aus, migrationsmäßig jedenfalls. Fleiß und Leistung sollen also wieder einmal zusätzlich bestraft werden. Nun mag man einwenden, die Zahl der Asylbewerber sage noch nichts über die tatsächliche Migration aus, sie tut es aber doch. Bei 600.000 bisher abgelehnten Asylbewerbern in Deutschland wurden nur sage und schreibe 15.000 ab- oder zurückgeschoben, 10.000 gingen mit Prämien in der Tasche freiwillig.

Wenn man die Konsequenzen mitdenkt, mitdenken will und auch mitzudenken in der Lage ist, kann die eingangs zitierte deutsche Mehrwerdung den deutschen Ureinwohner schon ängstigen. Und trotz aller Bekundungen, es sei alles nur zu unserem Besten, wachsen die Zweifel. Die Zweifel (vergl. „Laut UN ist fast jeder Rassist“) hinsichtlich unserer persönlichen und kollektiven Wohlfahrt kommen zusammen mit der wachsenden Sorge, dass die Kräfte, die hier offensichtlich aus Eigeninteressen die Realität verbiegen, bereit sind, zu diesem Zwecke auch Freiheitlichkeit und Demokratie einzuschränken.

Die berufliche Entlassung von Demonstranten, das Predigtverbot für einen Pfarrer, einen „aus Notwehr“ (für die Täter anscheinend folgenlos) niedergestochenen Demonstranten und ein Parteiausschlussverfahren (CDU) sind einige der ersten Warnzeichen nur mal beispielhaft aus dem demokratisch legitimierten Umfeld der Pegida-Demonstrationen gegriffen.

Wir dürfen nicht mehr „Fremde“ sagen, weil es sich ja um „Mitmenschen“ handelt, und nicht mehr Ausländer statt Migranten, obwohl es ja im gemeinten Zusammenhang dasselbe ist. Dabei ist es doch unstrittig, dass es sich um Mitmenschen handelt, warum also muss es strittig sein, dass es Fremde sind? Das Wort „Fremde“, ist eigentlich ziemlich einfach zu definieren, es sind nämlich Leute, die bisher nichts mit uns und wir nicht mit ihnen zu tun hatten. Diese Definition besagt noch nichts darüber, wie man mit diesen Fremden umzugehen gewillt ist.

Zwangseinweisungen in Privatwohnungen?

Angesichts solcher begrifflicher Virtualität wundert es nicht, dass in den Medien migrationshintergründige Gewalttäter oft nicht mit Namen, stattdessen gar manchmal mit deutsch klingendem Pseudonym genannt werden, um die subjektive Sicherheit des verunsicherten Bürgers zu erhöhen. Doch die Realität kommt trotz aller Begriffsakrobatik bei den Menschen immer wieder in der Realität an. Günter Grass war nur ein normativer Eisbrecher für reale zu erwartende Nachteile, als er ungestraft unter Verweis auf Nachkriegsvorkommnisse die Zwangseinweisung von Flüchtlingen in Privatwohnungen forderte.

Im deutschen Alltag der Nachmigration dürfte es in der Grasschen Wohngemeinschaft wohl nicht nur Probleme beim Schnitzelbraten und Shisha-Rauchen ( vergl. „Nebel im politischen Bewusstsein“) geben. Man kann aber zuversichtlich sein, dass Herrn Grass dieses Schicksal persönlich nicht ereilen wird. Ein Bruch der grundgesetzlich garantierten Unverletzlichkeit der Wohnung ließe sich jedenfalls wohl nur mit einer Notstandsmaßnahme rechtfertigen. Ist es das, was wir schon oder bald haben? Eine Notstandssituation? Nein, nicht so bald, höchstens, wenn man den Begriff auf das Demokratieverständnis unserer Gesellschaft beschränkt.

Auch wenn die Wohnung noch sicher ist, mehren sich die Belastungen im Alltag. Berlin meldete kurz vor Weihnachten, nun doch weitere Flüchtlinge in Sporthallen unterbringen zu müssen. Nach der Sporthalle der TU erwischte es auch die zentrale Dreifachhalle der FU. Das hatte nicht nur unbefristete Folgen für den größten Teil des Hochschulsports, sondern auch für den Sportunterricht dreier anhängender Schulen. Das ist natürlich nur ein beliebig gewählter Aspekt des Dilemmas, denn inzwischen geht es soweit, dass auch alteingesessene Türken und Araber angesichts der neuen Konkurrenz um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Erlaubte und nicht erlaubte Angst

Der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche und heutige Internet-Einzelkämpfer Roland Tichy hat trotz seines geldkonservativen Ansatzes Verständnis für die hiesigen Menschen:

„Viele leben von einer einfachen Rente und haben entsprechende Zukunftsangst, und verstehen nicht, dass sie durch niedrigere Renten die großen Geschenke bezahlen müssen, die diese Bundesregierung ihren reichen und mächtigen Lieblingswählern macht.“

Auch der Dresdener CDU-Lokalpolitiker Maximilian Krah nahm sich als einer der wenigen die Freiheit, über die Ängste der hier lebenden Menschen zu sprechen:

„Es ist deshalb an der Zeit zur Kenntnis zu nehmen, dass man ungesteuerte Einwanderung, oft genug von hoch problematischen, allein reisenden jungen Männern aus islamischen Staaten, nicht gut finden muss. Dass es massive Probleme gibt, weil die Ankommenden nicht daran denken, sich zu integrieren, und dass diese Probleme von einer Toleranzindustrie, die jede Kritik als unmoralisch diskreditiert, tabuisiert werden, so dass sie ungelöst bleiben. Wir müssen endlich akzeptieren, dass nicht alle Einwanderer gleich sind, dass nicht jeder, der Asyl beantragt, wirklich verfolgt ist, nicht jeder, der Flüchtlingsschutz begehrt, wirklich einen Fluchtgrund hat. Und, ganz wichtig, dass nicht jede Bürgerin und nicht jeder Bürger, der auf diese schlichten Wahrheiten hinweist, dumm, ahnungslos oder Nazi ist.“

Die real existierenden „Ängste wolle man zwar seitens des Mainstream erklärtermaßen „ernstnehmen“, aber im Sinne einer Therapie, nicht einer Diskussion auf Augenhöhe.“

Und Alexander Grau vom Cicero folgt, wenn es um das seelische Befinden der Urdeutschen geht, ebenfalls nicht dem poco Mainstream, sondern wird sogar sarkastisch:

„Doch offensichtlich gibt es in unserem Land legitime Ängste und nicht legitime Ängste. Erlaubt ist etwa die Angst vor der Klimakatastrophe oder vor dem Atomtod, schlechter Ernährung, dem Terror, aber nicht dem Islamischen. Nicht erlaubt ist die Angst vor dem Islam oder davor, die eigene Identität zu verlieren.“

Und es sei ein durchaus legitimes Anliegen, die kulturelle Homogenität der eigenen Heimat, so wie man sie kennt und in ihr groß geworden ist, zu bewahren und zu erhalten.

Das Denken kann man nicht verbieten

Grau schreibt über einen Klimawandel, der nun doch noch über uns kommt: Es herrscht das Klima der Angst, über eigene Ängste zu reden. Das ist Zynikern wie Thomas Oppermann, dem SPD-Fraktionsvorsitzenden, zu verdanken. Er umdribbelte im mit „Wir müssen Pegida bekämpfen“ getitelten Interview in der „Welt“ eine der seltenen kritischen Fragen mit unerhörter Ignoranz:

„Frage: ‚Die Zahl von Flüchtlingsheimen beschäftigt viele Menschen…’ Antwort: ‚Aber es entstehen nicht nur Ängste, sondern wir erleben auch eine neue Hilfsbereitschaft der Deutschen.’“

Kein Wort findet er zu den angefragten Ängsten seiner Wähler, weil sie ihm egal sind – die Wähler wie die Ängste. Er nimmt die Frage sogar zum Anlass, Demokratie und Einwanderung gleichzusetzen:

„Frei nach Willy Brandt wollen wir sagen: Wir wollen mehr Einwanderung wagen! Wer das abgelehnt, nimmt Wohlstandsverluste für alle Menschen in Deutschland in Kauf. Mancher Pegida-Demonstrant würde ohne Einwanderer sofort seinen Job verlieren.“

Und er hängt auf skeptische Nachfrage noch daran:

„Aber es ist die Wahrheit. Gegen die Wahrheit kann man nicht erfolgreich demonstrieren.“

Er meint natürlich die Wahrheit der Macht, und gegen die lässt sich so schwer demonstrieren wie argumentieren. Aber das Denken lässt sich – wie die Angst – nicht verbieten, höchstens verbiegen.

Kollektive Ängste haben Gründe

Die Ursprungsdeutschen wissen aus Erfahrung, dass der Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen, wenn er nicht nach klaren hierarchischen Vorstellungen organisiert ist, zu erheblichen Konflikten und Reibungsverlusten führt. Ebenso wissen die Menschen intuitiv, dass das Integrationsvermögen eines Landes quantitativ begrenzt ist. Sie wissen, dass, wenn eine quantitative Grenze überschritten ist, es für alle Beteiligten schmerzhaft wird. Diese quantitative Grenze war in Deutschland, besonders in den Städten, schon bei Eintritt der neuen europäischen Freizügigkeit und der gegenwärtigen Flüchtlingswelle weit überschritten.

500 Millionen Euro gibt es nun jährlich für die Flüchtlingsbewegung und ihre Unterbringung obendrauf, und nur den Kommunen ist es zu verdanken, dass der Bund nicht die aus einer Erhöhung der Staatsverschuldung genährten Reserven für deutsche Flutopfer dafür verbraucht hat.

Selbst wenn die Menschen zu unrecht Ängste vor einer Überfremdung hätten und die sogenannten Vorurteile nicht aus dem Unterbewussten kondensierte reale Problemstellungen wären, müssten verantwortungsvolle Politiker die Gedanken und Gefühle dieser Menschen ernstnehmen. Das ist ihr Job in einer Demokratie, erst recht, weil kollektive Ängste Gründe haben und nicht wegzureden sind, höchstens zu verdrängen und das nur mit oft fatalen Folgen.

Kollektives Totschweigen

Wenn man also Angst zwar nicht verbieten kann, kann man sie sehr wohl durch Einschüchterung multiplizieren. „Planet Wissen“ definiert das so:

„Angst ist das Gefühl der Unheimlichkeit und des Ausgesetztseins in der Welt. Oft geht Angst mit psychischen Störungen einher. Doch sie ist auch nützlich: Ohne Angst hätten die Menschen früher nicht überleben können.“

Ja, ja, früher. Nun wollen die neuen Aufklärer die Angst gegen jede wissenschaftliche und sachliche Logik dennoch wegmobben. Dabei ist die Angst vor Fremden, die Xenophobie, tief im Menschen verwurzelt und ein Ausdruck von Vorsicht. Und solche Vorsicht ist ein Überlebensinstinkt. Den wegzumoralisieren soll moralisch sein? Wer Ängste äußert, wird moralisch ausgegrenzt und notfalls von der Antifa als bewaffnetem Arm der Gutmenschen (vergl. „Dummer Journalismus“)auch bedroht und angegriffen. Der Meinungsaustausch im Sinne eines Selbstschutzes wird unter Verweis auf „Humanismus“ („Tödlicher Humanismus“) und „Menschenrechte“ kurzerhand unterbunden.

Probleme werden dabei nicht nur totgeschwiegen, sondern es wird ein kollektives Totschweigen erzwungen. Da haben wir also wieder den hier schon mehrfach besprochenen Effekt: Der große menschliche Geist soll im Geiste der Aufklärung, der Religion der menschlichen Selbstüberschätzung, die Evolution außerkraftsetzen. Ein Plan voller Hybris, der zum Scheitern verurteilt ist.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel