Die Zivilisation ist krank
Die Zivilisation ist krank

Die Zivilisation ist krank

Victoria Beckham schwört auf eine Gesichtsmaske aus Vogelscheiße. Andere gehen nackt in Kuppelshows oder fahren in Unterhosen U-Bahn. Wir sind konsequent dekadent.

Mehr als 30 Jahre nach der Trauung des britischen Thronfolgers Charles mit der längst unter größter Medienaufgeregtheit verschiedenen Lady Di ist ein verschimmeltes Stück Hochzeitskuchen von dieser Feier in den USA versteigert worden. Immerhin 1375 Dollar erbrachte die makabere Show – guten Appetit wünsche ich nachträglich.

Einen höheren Gebrauchswert hat sicherlich das Comic-Heft, in dem erstmals Superman auftrat, deshalb wechselte es kürzlich für 3,2 Millionen Dollar den Besitzer. Dafür muss eine arme, alte Frau lange stricken. Weder alt noch arm ist Victoria Beckham, die zum Erhalt ihrer Schönheit auf „Bird Poop Facial“ schwört, d.h. auf eine Gesichtsmaske aus Vogelscheiße. Da hilft es auch nicht, wenn man liest, dass der Dreck ausschließlich von Nachtigallen stammt und irgendwie gereinigt wurde. Für ihre Schönheit muss/will die Gattin eines doch eher mäßigen Fußballstars eben leiden.

Geistige Armut

Wenn man den Zustand einer Gesellschaft an solchen Auswüchsen messen könnte, müssten wir jetzt schon diagnostizieren, dass unsere Zivilisation nicht mehr richtig tickt, doch erfordert die Sorgfalt, sich vor einem solchen Urteil auch noch den Unterbau anzusehen. Schon an dieser Stelle kann allerdings verraten werden, dass das Urteil dadurch nicht besser, sondern eher schlimmer wird.

Kommen wir vorher noch einmal zurück zu den Leiden der Reichen. Die Jugend des Geldadels versucht die Leere ihrer Existenz gerne damit zu kompensieren, dass sie ihren obszönen Luxus im Internet präsentiert. Unter dem Titel „Rich Kids of Instagram“ macht ein Blogger dies seit einigen Jahren öffentlich. Da wird vor dem Privatjet posiert und die immense Rechnung vom letzten Parfüm-Einkauf oder Restaurantbesuch (ab 100.000 Dollar aufwärts) in die Aufnahmeoptik gehalten.

In diesem Beitrag ist es aber nicht Thema, dass so etwas möglich ist, sondern, dass es anscheinend nötig ist. Wie (geistig und emotional) arm muss dieser Nachwuchs der Elite sein, wenn er glaubt, sich langfristig besser zu fühlen, indem er andere neidisch macht?

Kriminalität und Realitätsflucht

Damit machen sie allerdings beim Fuß-Volk Lust auf einen Lebensstil, der ihnen schon geschadet hat und den dieses sich nie leisten können wird. Sie kreieren so gesamtgesellschaftliche Frustration, Kriminalität und Realitätsflucht. Dafür bedarf es natürlich gar nicht mehr der Instagram-Kids. Das schafft der Niedergang schon ganz alleine.

Wie könnte es sonst möglich sein, dass die traditionelle Stierhatz in Pamplona inzwischen zu einer weltweit attraktiven Veranstaltung geworden ist? Wohlgemerkt: Nicht der Stier wird dort gehetzt, sondern Tausende von Menschen, die sich diesem Nervenkitzel aussetzen. Automatisch denken wir an S-Bahn-Surfen oder die verabredeten Massenschlägereien von Hooligans. Solche Todessehnsucht gewinnt an Boden, weil sie als ultimatives Gefühl noch die Leere zu füllen im Stande scheint. In diesem Jahr jedenfalls gab es in Pamplona 42 Verletzte, unter ihnen ein Australier, der auf dem 850 m langen Parcours gleich dreimal aufgespießt wurde.

Zur Selbstschädigung bedarf es aber nicht einmal fremder Hilfe: Geschätzt rund 800.000 meist junge Menschen in Deutschland verletzen sich wiederholt selbst und absichtlich. Die Jugendlichen schildern, dass sie sich gefühlsleer fühlen und nur noch durch Selbstverletzungen intensiv wahrnehmen können[1].

Die Leere wird prägende Kraft

Eine andere Variante der sozialen Hilflosigkeit ist ein neuer Trend, sich zu verabreden, ohne Hosen mit der U-Bahn zu fahren. Das Ganze erfährt steigende Beliebtheit, wie es heißt, unter anderem in Brasilien, Israel, USA und Island (hat Island eigentlich eine U-Bahn?). Dass die Unterwäsche vom Designer kommt, ist natürlich selbstverständlich. Spießig wird allerdings darum gebeten, keine knappen Tangas zu tragen.

Ein Teilnehmer erklärte seine Motivation so: „Ich hatte nichts Besseres vor. Es ist schließlich Sonntag, und ich kann so ein Bier trinken und Spaß haben.“ Als in der hier zugrundeliegenden Zeitungsreportage ein normaler U-Bahn-Reisender in die Truppe gerät, zieht sich der „Normale“ ebenfalls die Hose aus. Begründung: Angezogen sein unter Halbnackten, das wollte er nicht. Keine Chance für die Intakten unter Nackten: Seuchen sind ansteckend. Möge es in der U-Bahn nie zu einem Shitstorm kommen.

Die Leere wird im Niedergang tatsächlich zur prägenden Kraft, und damit wird der Begriff „Zivilisationskrankheit“ völlig neu definiert: Die Zivilisation ist krank. Vielleicht liegt hier auch die Wurzel für Political Correctness und Bessermenschentum begraben: Gerade die eigentlich konstruktiven und sozial bewegten Menschen können das zwischenmenschliche und menschliche Elend nicht mehr ertragen und versuchen, mit untauglichen, dirigistischen Mitteln gegenzusteuern.

Heilsbringende Wolkenkuckucksheime

Dabei sind weder der menschliche Geist noch die Apparate menschlicher Erkenntnis und menschlichen Handelns auch nur ansatzweise in der Lage, auf die Herausforderungen der Gegenwart zu reagieren. Die Umwälzungen unseres Kosmos sind so schnell und gewaltig, dass es weder Patentrezepte noch organisierte Eingriffsmöglichkeiten (egal ob Revolution oder autoritäre Besserwisserei) geben kann. Hoffnung verspräche nur ein grundsätzlicher Wandel unserer Denkstrukturen – worüber es in meinem Buch „Chaos mit System“ immerhin ein ganzes Kapitel Nachdenkenswertes gibt.

Stand der Dinge ist aber, dass der Mensch für die Achterbahnfahrt ins Unglück auch noch Eintrittsgeld bezahlt. Gesucht wird die Abkehr von traditionellen Werten, die ersetzt werden durch den Glauben an heilsbringende Wolkenkuckucksheime, die Anbetung des Nichts und das Zelebrieren der Destruktion. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Für diejenigen unter Euch und Ihnen, die sich nicht mehr an alle meine Beiträge exakt erinnern können, nenne ich nur noch einmal die Stichworte Überforderung, Äußerlichkeiten, Individualismus, Überfluss und Leistungsverweigerung.

Der Sammelbegriff für all das ist jedenfalls Dekadenz. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben derzeit fast zwei Drittel der 18-24-Jährigen in Deutschland im Haus der Eltern. 1970 lag das Auszugsalter noch bei 20 Jahren. Man wohnt preiswert, Mutter kocht und wischt, das Auto steht ja sowieso vor der Tür, und die Nacht wartet nur auf das Videogame oder den Clubbesuch. Man glaubt ein Überflieger sein, aber meistens reicht es nur zur Couch-Potato. Das ist inzwischen so institutionalisiert, dass in Berlin sogar schon jedes zehnte Neugeborene mit mehr als 4000 Gramm besorgniserregend übergewichtig ist.

Denken?

Was denken also die Leute, die ihren Wonneproppen beispielsweise „Isla Rowan“ nennen und ihm zur Geburt auch noch einen Halloweenanzug schenken lassen? Was denken die alten Männer, die sich mit Viagra und Testosteron aufpeppen, weil sie nicht akzeptieren, dass das Nachlassen der sexuellen Aktivität dem Alter angemessen und zum Erhalt der eigenen Gesundheit notwendig ist? Was denkt sich ein Fernsehsender, der in einem Kreißsaal (mit Unterstützung der Klinikleitung) eine Realityshow dreht, oder der in einer nackt auszutragenden Kuppelshow die Kandidaten banalste Sätze sagen lässt und das Ganze dann auch noch ein „anspruchsvolles Sozialexperiment“ nennt?

All diese Menschen denken – und das ist das Problem – nicht viel und vor allem nicht genug. Sie sind strukturelles Opfer des Niedergangs, also eines Chaos’ mit System. Mehr als alles andere zeigt diesen Prozess ein Text, der als Kettenmail und im Internet schon einige Zeit unterwegs ist und der diesen Post anstelle des gewohnten Fazits beschließen soll:

„Wer als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren lebte, kann kaum glauben, dass er so lange ohne mentalen Zusammenbruch überleben konnte. Beim Straßenfußball durfte damals nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Manche Schüler waren nicht so schlau wie andere, sie rasselten durch Prüfungen und wiederholten Klassen. Das führte nicht zu emotionalen Elternabenden oder gar zur Änderung der Leistungsbewertung. Taten hatten manchmal Konsequenzen. Das war klar, und keiner konnte sich verstecken. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Flasche mit Bleichmittel. Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und ohne Airbags. Wenn einer von uns gegen das Gesetz verstoßen hat, war klar, dass die Eltern ihn nicht aus dem Schlamassel heraushauen. Im Gegenteil: Sie waren der gleichen Meinung wie die Polizei! So etwas! Wir hatten nicht: Playstation, Nintendo 64, X-Box, Videospiele, 64 Fernsehkanäle, Filme auf Video, Surround-Sound, eigene Fernseher, Computer, Internet-Chat-Rooms. Wir hatten Freunde. Wir trafen sie ohne Termin und ohne Wissen unserer gegenseitigen Eltern. Keiner brachte uns, und keiner holte uns … Wie war das nur möglich? Wir aßen Kekse, Brot mit dick Butter, tranken sehr viel und wurden trotzdem nicht zu dick. Wir blieben den ganzen Tag weg und mussten erst zu Hause sein, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy dabei. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung. Und mit alldem wussten wir umzugehen.“

Anmerkung

[1] Konrad Kustos, „Lust der Selbstverstümmelung“, GEOLITICO am 23.11.2014

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel