Gefährliche radikale Verblendung

Auf deutschen Straßen patrouilliert die Scharia-Polizei: Unsere Toleranz schafft die Intoleranz der Anderen. Wir dürfen die Freiheit nicht zur Disposition stellen!

Früher gab es auf den Straßen den Schutzpolizisten, den Schupo. Die Zeiten ändern sich, der Schupo ist verschwunden, und dafür patrouilliert nun der Schapo von der Scharia-Polizei. Wir wissen nicht, ob es sich dabei um den einmaligen Auftritt einiger Irrer, die es ja auch unter Muslimen geben soll, handelt oder um einen Paradigmenwechsel der deutschen Kulturgeschichte. Sicher ist nur, dass es zu Letzterem kommen wird, wenn die Leitkultur sich nicht zur Wehr setzt.

Die letzten Meldungen aus dem Themenkreis der neuen Kolonisation (offizielle Diktion: „Migration“) klangen nicht gerade ermunternd: Rekordeinwanderungszahlen vornehmlich aus weniger entwickelten Ländern, Tausende terrorbereite Islamisten in Deutschland, zunehmender Rückfluss deutscher Terroristen aus Syrien.

Je stärker Weltanschauungen in relevanten Mengen auf engem Raum aufeinandertreffen, desto mehr steigt das Konfliktpotenzial. Das ist einer dieser naturbestimmten Leitsätze, die man heute nicht mehr äußern darf und die deshalb umso schmerzlicher an Relevanz gewinnen. Der irgendwo zwischen bemitleidenswert und dreist anzusiedelnde Auftritt der selbsternannten Scharia-Polizei in Wuppertal vom September ist ein Ausdruck dieser Konfliktlage.

Illegale Paralleljustiz

Für die, die es wirklich nicht mitbekommen oder schon wieder vergessen haben, noch einmal kurz die Fakten. Eine Gruppe junger Männer in orangefarbenen Westen mit der Aufschrift „Sharia Police“ war nachts durch die Wuppertaler Innenstadt gezogen und hatte feiernde Jugendliche zur Aufgabe ihres nach ihrer oder muslimischer Sicht Gott-ungefälligen Handelns aufgefordert. Als Organisator zündelte der ehemalige Feuerwehrmann und heutige konvertierte Prediger Sven Lau. Nach den Vorfällen behauptete er, es habe sich nur um eine geschickte Werbeaktion gehandelt.

Die Reaktion der politischen Öffentlichkeit inklusive des Zentralrats der Muslime („Zweckentfremdung unserer Religion“) war erfreulich resolut. Die Bundesregierung erklärte, sie wolle das Auftreten solcher „Scharia-Polizisten“ in Deutschland nicht hinnehmen und dagegen vorgehen. Innenminister Thomas de Maizière versicherte, er wolle „eine illegale Paralleljustiz nicht dulden“.

Sollte das Letztere ein freudscher Versprecher gewesen sein, müsste man sich natürlich schon fragen, welche legale Paralleljustiz er denn demnächst dulden werde. Die CDU forderte darüber hinaus Strafen und ein Verbot der „Scharia-Polizei“. Der NRW-Innenminister ordnete an, den Muslimen bei einem Wiederauftreten höchst offiziell die Jacken abzuziehen. Die Zeit wird weisen, wie viel davon nur die üblichen Besänftigungsversuche im Interesse einer virtuellen Integration waren.

Islamfreundliche Unterrichtsgestaltung

Wuppertal ist in jedem Falle sicher nicht der Untergang des Abendlandes. Doch unter der Oberfläche verschärft sich die Situation und wird zu ähnlichen oder schlimmeren Vorfällen führen. Dabei geht es nicht nur, aber auch um die Ausgrenzung muslimischer Mädchen vom Sportunterricht. Lehrer und Verbände klagen auch zunehmend über gemobbte nichtislamische Schüler an Brennpunktschulen und salafistische Gebetsflashmobs, ohne dass die Lehrer eine Handhabe dagegen hätten. Symbole der Terrorgruppe Islamischer Staat dürfen bundesweit offen gezeigt werden, weil die Strafbarkeit von „Sympathiewerbung“ für kriminelle oder terroristische Gruppierungen des Auslands 2002 auf Betreiben der Grünen von der rot-grünen Bundesregierung abgeschafft wurde.

Schon 2011 wurden in Rheinland-Pfalz interne Richtlinien des Kultusministeriums zu einer islamfreundlichen Unterrichtsgestaltung bekannt. Danach wurde unter anderem „die Organisation des Sexualkundeunterrichts in geschlechtshomogenen Gruppen“ empfohlen. Der Sport- und Schwimmunterricht solle von der Pubertät an nach Geschlechtern getrennt stattfinden. Klassenfahrten und sogar Klassenarbeiten sollten möglichst nicht während des Fastenmonats Ramadan stattfinden. So werden ohne Not und im Interesse falsch verstandener Toleranz wesentliche, mühsam in Aufklärung und Emanzipationsbewegung erarbeitete Werte zumindest zur Disposition gestellt.

Mir ist nicht bekannt, wie die Praxis in Rheinland-Pfalz jetzt gehandhabt wird – auf solche Ideen überhaupt zu kommen ist allerdings in jedem Fall ein absolutes Alarmsignal. Nicht zuletzt, weil vorher keinerlei Debatte innerhalb der Politik oder des Bildungssystems darüber geführt wurde. Der Philologenverband brachte es auf den Punkt, als er kritisierte, hier würden Integration und Segregation miteinander verwechselt.

Aussteiger-Programm verendet

Über die kulturellen Verwerfungen und die daraus entstehenden sozialen Problemlagen und Konfliktsituationen wird hier ein anderes Mal zu sprechen sein. Ein Beispiel sei aber noch gestattet, um zu zeigen, wie das System auch an anderen Fronten der Migration scheitert. Gerade ist ein „Hatif“ genanntes Aussteiger-Programm des Verfassungsschutzes stillschweigend verendet. Unter dem Titel „Heraus aus Terrorismus und islamistischem Fanatismus“ hatte es sich an „ideologisch und religiös radikalisierte Muslime“ wenden sollen. Der gute Wille war da, aber die Zielgruppe wollte einfach nicht anbeißen. Die eigens eingerichtete 24-Stunden-Hotline soll dem Vernehmen nach oft wochenlang nicht genutzt worden sein.

Der Kessel beginnt also zu sieden, auch wenn es die wenigsten wahrhaben wollen. Wenn der Berliner Tagesspiegel unter Hinweis auf die Religionsfreiheit schreibt, das Vorgehen der Staatsanwaltschaft in Wuppertal sei überzogen und zur Bekämpfung von Extremisten ungeeignet gewesen, und wenn er das Verhalten der Scharia-Polizei verharmlosend mit Aktionen der Heilsarmee vergleicht, ist das genau die Ignoranz irgendwo zwischen Defätismus und Laissez-faire, die den fatalen Umgang unserer Gesellschaft mit einem drängenden Problemen definiert.

Fatal aber, wenn die eigentlich als wertkonservativ geltende „Welt“ unter der Überschrift „Stoppt die Hysterie um die Scharia-Polizei!“ behauptet, die „Rhetorik deutscher Politiker“ stoße neben Extremisten auch moderate Muslime vor den Kopf. Nicht nur moralisch oder weltanschaulich ist das ein neuer Tiefpunkt politisch-korrekten Journalismus’, sondern auch intellektuell. Soll man jetzt Extremisten nicht vor den Kopf stoßen, oder soll man sie beliebig handeln lassen, damit man den moderaten Muslimen nicht selbiges antut? In dem Text eines gewissen Till-R. Stoldt wird dann weiter verharmlost was (nicht) verharmlost werden kann. So hätten elf kleine Jungs „grinsend“ ihre Spielchen getrieben, „clever kommuniziert“ und wären dabei „immer höflich“ geblieben.

Vergewaltiger vom Gericht laufengelassen

Als wie höflich man es wohl empfindet, wenn einem nachts elf bärtige und uniformierte Proletentypen umringen und zur moralischen Umkehr auffordern? Doch die Übeltäter sind für Till-R. ganz andere, nämlich deutsche Politiker, die in „Fernsehstatements einige Jahre bundesdeutscher Integrationspolitik karikierten“. Der Mann setzt Integrationspolitik mit der Legalisierung rechtsbrechender Propaganda gleich. Schließlich gehöre zum islamischen Recht auch das Vertrauen auf Gott, gütig gegen Eltern zu sein, zu beten und zu fasten. Bei dem zuhause möchte ich nicht zu Besuch sein. Final gelingt dem Autor noch der hanebüchene Umkehrschluss, dass, wenn man die deutschen Politiker ernst nähme, in Deutschland der Glaube an Gott oder die Barmherzigkeit gegenüber den Eltern verboten wäre.?!

Das ist mehr als Schund-Journalismus, das ist Unterstützung von Extremismus, egal in welchem Stadium sich diese Variante des Extremismus noch befindet. Und wenn in einer Zwischenüberschrift behauptet wird, deutsche Regierungsmitglieder träfen „Aussagen wie in einer Gesinnungsdiktatur sowjetischen Formats“, stellt sich die Frage, ob solche ehrenrührigen Aussagen noch durch die Pressefreiheit gedeckt sind.

So jedenfalls beginnt es, und es endet damit, wie vor gut einem Jahr in Großbritannien geschehen, dass ein muslimischer Vergewaltiger vom Gericht laufengelassen wird, weil er sich aufgrund seines kulturellen Hintergrundes gar keiner Schuld habe bewusst sein können. Der Moslem, der ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt hatte, konnte dem Richter klarmachen, ihm sei in einer Koranschule gelehrt worden, dass Frauen wertlos seien. Der 18-Jährige ergänzte, er habe aufgrund seiner islamischen Erziehung nicht gewusst, dass die Vergewaltigung nach britischem Recht illegal war. Selbstverständlich – man glaubt einfach nicht, es dem Richter sagen zu müssen – ist eine Vergewaltigung selbst nach islamischen Recht in der Regel nicht die Regel. Was sich hier aber zeigt, ist die Unsicherheit der etablierten Kultur, mit der einwandernden neuen Kultur umzugehen.

Propaganda gegen die Freiheit

Der Islamkritiker und Blogger Daniel Greenfield ergänzte seinen Artikel zu dem Thema mit den Worten: „Doch wehe denen, die einen Schweinekopf vor einer Moschee abladen und später behaupten, sie hätten nicht gewusst, dass dies illegal sei… Es gibt zweierlei Gesetze. Eines für Muslime und ein anderes für eingeborene Briten.“ Der vielleicht schlimmste Ausdruck dieser nur euphemistisch mit Unsicherheit zu umschreibenden Gemütslage des Abendlandes war in Deutschland mit Sicherheit die Legalisierung der religiös motivierten Beschneidung männlicher Kleinkinder im Jahre 2012.

So wenig, wie die Wuppertaler Aktion ein wirkliches Drama war, so sehr ist es die Art und Weise, wie wir mit solchen Situationen umgehen. Wie wir mit unserer Toleranz die Intoleranz der Anderen systematisch aufpäppeln. Unsere Toleranz ist eine erworbene Kulturleistung, die im Niedergang paradoxerweise dazu führt, dass sich diese Kultur selbst abschafft. Denn wenn wir die Feinde der Freiheit bei ihrer Propaganda gewähren lassen, dann ist es nicht weit zur Institutionalisierung der Unfreiheit. Nicht von ungefähr haben die Initiatoren in Wuppertal angekündigt, demnächst Schariazonen in deutschen Städten einrichten zu wollen.

Eigentlich nennen sie das ja „Shariah Controlled Zone“. Warum eigentlich auf Englisch? Weil auch die konvertierten Deutschen kein richtiges Deutsch können? Weil die Idee aus London stammt, wo schon vor einem Jahr die islamistische Migranten-Polizei durch die Straßen marschierte? Oder weil eine islamische Internationale dahintersteckt? Egal, denn in jedem Falle hört hier der Spaß auf. In einer solchen schariakontrollierten Zone sollen die Verhaltensregeln der radikalen Muslime gelten: kein Alkohol, kein Glücksspiel, keine Musik, nicht einmal Pornografie.

Alarmstimmung angesagt

Die Wuppertaler Islam-Aktivisten haben angekündigt, nun nicht mehr als Polizisten, sondern sozusagen als moraline Streetworker unterwegs zu sein. Doch der Wolf im Schafspelz ist gleichwohl ein Wolf. Spiegel-online hat hier einmal durchaus recht, wenn er die Wuppertaler als ein Alarmzeichen für unsere Gesellschaft beschreibt, das weit über den Islam hinausgeht. In Teilen der Gesellschaft laufe einiges grundsätzlich falsch. Warum seien junge Männer so empfänglich für Parolen von Rattenfängern? Woher komme diese Lust an Provokation und Gewalt? Ein weites Feld, das in diesem Blog bekanntlich wöchentlich beackert wird.

Deshalb sei hier auch noch zu ergänzen erlaubt, dass kürzlich ein kritischer Post von Konrad Kustos zu den von ihm im Prinzip durchaus geschätzten Montagsdemonstrationen in den Foren zu einem fanatischen und an Destruktivität nicht zu überbietenden Shitstorm geführt hat, der in persönlichen Beleidigungen und Bedrohungen mündete. Wenn also selbst Friedenskämpfer ihre Sache nur noch mit Gewalt selbst gegenüber eigentlichen Verbündeten zu vertreten können meinen, wenn sie, wie geschehen, Vernunft, Logik und die korrekte Anwendung von Sprache als Teufelswerk verdammen, dann ist wohl wirklich Alarmstimmung angesagt.

Vielleicht sollten wir daraus aber auch schließen, dass trotz aller erforderlichen Maßnahmen zur Sicherung unserer freiheitlichen Lebensweise (die erheblichen Zerstörungen einmal ausgeklammert, die das herrschende System selbst anrichtet) der Großteil radikaler Aktionen und Verlautbarungen von (noch) einflussarmen Minderheiten und Individuen stammt. Minderheiten, die in ihrer radikalen Verblendung und persönlicher mentaler, moralischer und geistiger Notlage vor allem heiße Luft hinauskrakeelen. Dieser heißen Luft müssen wir einen kühlen Kopf entgegensetzen. Im Gegensatz zur Toleranz darf die Freiheit bei der Bekämpfung der Unfreiheit nicht zur Disposition gestellt werden.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel