Die Banken gehören uns!
Die Banken gehören uns!

Die Banken gehören uns!

Warum länger über Schulden jammern? Wenn wir sie zum Dumpingpreis zurückkaufen, retten wir uns selbst. Occupy Wallstreet hat es mit Studentenkrediten vorgemacht.

Diese Post dürfte bei über 2.761 Studenten und Absolventen großen Jubel, aber auch großes Erstaunen ausgelöst haben: In einem Brief wurde ihnen mitgeteilt, dass sich ihre Schulden aus Studentenkrediten in Luft aufgelöst haben. Absender dieser guten Nachricht waren die Aktivisten „Rolling Jubilee“, ein Ableger von Occupy Wall Street. Plötzlich verpufften Schulden in Höhe von insgesamt 3,8 Millionen Dollar.[1]

Was nach reiner Zauberei klingt, ist das tägliche Geschäft von Banken, die sich auf den Handel von Kreditschulden spezialisiert haben. Kreditschulden von Bürgern, Firmen und Institutionen werden zu einem Paket gebündelt und zu einem Bruchteil des eigentlichen Schuldenbetrages verkauft. Je nach zu erwartender Rückzahlungsquote wirft das Papier eine ordentliche Rendite ab oder bringt einen erheblichen Verlust ein. Diese Art des Wettens auf Schuldtitel führte u.a. in den USA und schließlich weltweit zur Finanzkrise und damit einhergehend zu einer massiven Banken- und Kapitalismuskritik. Im Oktober 2011 mündete diese Kritik in weltweite Proteste und Demonstrationen gegen das Banken- und Finanzsystem. Die global agierende Occupy-Bewegung gehörte zu den Hauptinitiatoren.

„71 Prozent mussten sich verschulden“

Jetzt enthüllten die Occupy-Aktivisten mit ihrer Schuldenerlass-Initiative „Dept Collective“, wie schnell Geld vernichtet werden kann – aber dieses Mal eben zum Vorteil  einfacher Kreditnehmer. Für die Studentenkredite haben die Aktivisten 3 Cent pro Dollar bezahlt, insgesamt 106,709.48 Dollar. Das Geld wurde über Spenden gesammelt. Den dahinter stehenden Gedanken formulierte die Gruppe so:

„Wenn du der Bank ein paar Tausend Dollar schuldest, gehörst du der Bank. Wenn du der Bank aber ein paar Millionen schuldest, gehört die Bank dir. Zusammen gehören die Banken uns.“

Mit ihrer Aktion machte die Occupy-Gruppe nicht nur auf das desaströse Finanzsystem aufmerksam, sondern auch auf ein massives Bildungsproblem. Eine gute Ausbildung ist für die meisten Studenten in den USA nur noch durch Schulden zu finanzieren. Vor vier Monaten erschien bei Telepolis ein Artikel, der die folgenschwere Studentenverschuldung durchleuchtet:[2]

„So sind die Studienkredite, also die Verschuldung, in den USA auf 1,2 Billionen US-Dollar angestiegen und hat sich damit während der letzten 10 Jahre verdreifacht. Nach Immobilienkrediten sind die Studentenkredite der zweitgrößte Posten und weitaus mehr als die Autokredite oder Kreditkartenschulden … die durchschnittliche Verschuldung der Einzelnen ist angestiegen, sie hat sich in den letzten 10 Jahren verdoppelt und liegt nun bei 30.227 US-Dollar … 71 Prozent mussten sich verschulden. 18,3 Prozent der Graduierten waren entweder arbeitslos, arbeiteten weniger, als sie wollten, oder hatten es aufgegeben, einen Job zu suchen.“

Insgesamt zahlen 39 Millionen US-Bürger einen Kredit zur Studienfinanzierung ab – mancher sogar „bis ins Grab“. Die Aktivisten von Occupy zeigten mit ihrer Aktion aber auch einen dritten und entscheidenden Punkt: Der Bürger kann sich gegen das abstruse Finanzsystem wehren. Dafür sind nicht nur Engagement, eine spendenfreundlichen Community und Kreativität nötig. Auch ein gutes Verständnis für wirtschaftliche, politische und soziale Zusammenhänge ist erforderlich, wofür eine gute Ausbildung die Voraussetzung ist. Wenn diese aber nur über Schulden zu erlangen ist, dann steht der wirtschaftliche Nutzen über dem geistigen Wert, ist das Studium also nur noch profitorientiert.

Von unten organisierte Entschuldung

In dieser Denke ist es für Studenten und Absolventen schwierig, sich von einem System zu befreien, das sie finanziell abhängig gemacht hat, in dessen Rad sie sich Tag für Tag drehen. So bleibt nur eine sehr vage Hoffnung, dass diese von unten organisierte Entschuldung nicht einmalig bleibt – vielleicht gar gesellschaftsübergreifend als Modell begriffen wird. Spenden sammeln, gebündelte Kredite kaufen, Jubelbriefe verschicken. Ein schöner Gedanke. Und sicher nicht naiv.

Die EZB beklagte jüngst, dass die Geschäftsbanken ihr billiges Geld nicht an Unternehmen weitergeben. Aus Verzweiflung will die EZB nun gebündelte Kreditschulden veräußern lassen. Also genau die Papiere, von denen hier die Rede ist und die die Finanzkrise auslösten. Was sich liest wie ein schlechter Scherz, kann man nur als Appell an die eigene Notwehr verstehen: Wenn wir die Kredite dieses Mal selbst zum Dumpingpreis kaufen, dann retten wir mit unserem verdienten Geld in erster Linie uns selbst – und nicht wiederholt spekulationsabhängige Finanzinstitute.

 

Anmerkungen

[1] Jana Kasperkevic, „Occupy activists abolish $3.85m in Corinthian Colleges students‘ loan debt“, The Guardian: http://www.theguardian.com/money/2014/sep/17/occupy-activists-student-debt-corinthian-colleges

[2] Florian Rötzer, „USA: Verschuldung der Studenten wächst“, Telepolis: http://www.heise.de/tp/artikel/41/41778/1.html

Über Björn Kügler

Björn Kügler ist freier Schreiber. Auf GEOLITICO beschäftigt er sich vornehmlich mit gesellschafts-politischen und sicherheitspolitischen Themen. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Weitere Artikel