Körperliche Selbstentfremdung

Das Tattoo ist im Mainstream des Jetsets und der Allgemeinheit angekommen.  Warum wir lernen müssen, Schönheit und Einmaligkeit der Natur wieder zu respektieren.

Kann bei der Weltmeisterschaft eigentlich auch ein Foul an sich selbst mit einer gelben oder roten Karte bestraft werden? Was wäre, wenn ein Schütze sich vor dem Elfmeter genüsslich die Unterarme ritzte? Oder sich gar für einen missglückten Pass geißelte? So weit sind wir zwar noch nicht, aber wo wäre der qualitative Unterschied zur Ansicht der Verstümmelung der eigenen Haut, den uns eine große Zahl kickender Ornament-Tapeten Spiel um Spiel zumutet?

Unabhängig von der Stellung, die man zur dauerhaften Beschriftung der eigenen Haut einnimmt, bleibt spätestens seit diesem Fußball-Event zu konstatieren: Das Tattoo ist nicht mehr bloß ein Erkennungsmerkmal gesellschaftlicher Außenseiter wie früher, sondern ist im Mainstream sowohl des Jetsets als auch der Allgemeinheit angekommen. Das aber hat Gründe, die zu kennen wichtiger sind, als eine Minderheit zu verurteilen, die auf dem Weg zur Mehrheit zu sein scheint.

In den USA ist inzwischen schon geschätzt jeder Vierte tätowiert. In Europa sind es rund 10% der Bevölkerung, bei den 18- bis 27-Jährigen aber ebenfalls schon 25%. Und wenn großflächig tätowierte Opernsänger sogar im spießigen Bayreuth Karriere machen, dürfte bald auch das Establishment dem Trend verfallen.

Domäne von Seefahrern und Motarradgangs

Früher signalisierten Hautschwärzungen die Zugehörigkeit zu einem Stamm, einer Gruppe. Die heute gängigen Tattoos brachten im 18. Jahrhundert europäische Seefahrer aus Polynesien mit. Erst war es die Domäne dieser Seefahrer, später von Gefängnisinsassen, Soldaten oder Motorradgangs. Früher wollten Ausgestoßene sich zu ihrer Andersartigkeit bekennen, heute wollen so viele andersartig sein, dass es eine Massenbewegung geworden ist.

Wenn wir ästhetische, kulturelle und soziale Aspekte vorerst einmal ausklammern, bleibt für die Massenindividualisten auf alle Fälle ein gesundheitliches Risiko.„Früher wurde geraucht, heute wird tätowiert“, sagt dazu der Leiter einer Fachgruppe für Produktsicherheit am Bundesinstitut für Risikobewertung, Professor Andreas Luch. Der Toxikologe organisierte kürzlich eine internationale Konferenz zur Tattoo-Sicherheit mit unangenehmen Erkenntnissen. Bei rund 70% der Menschen gebe es Blutungen, Schwellungen oder Verkrustungen, und „bei etwa 6% bleibt etwas zurück“. Bei anderen ist es mehr innerlich mit Schwindel, Abgeschlagenheit oder Fieber.

Völlig ungeklärt ist die Wirkungsweise vieler, immer neuer verwendeter Farben. Der Physiker Wolfgang Bäumler forscht darüber seit fast 20 Jahren und sagt „Die Farben bleiben nicht an der Stelle, wo sie eingestochen werden“. Die Farben wandern also, und deshalb sind „Tattoos in der Nähe von Lymphknoten genauso bunt wie die Tätowierung selbst.“ Praktiker ergänzen dies mit der Gefahr, die von Pfuschern ausgeht: Neben geschätzten rund 6000 legalen Studios rechnet man mit rund 20.000 illegalen.

Eingriff in die Unverletzlichkeit des Körpers

Aber all das ist kein wirkliches Argument, denn vieles, was Spaß macht, ist zwar entweder ungesund oder verboten, hat aber trotzdem seine Berechtigung. Schon gar nicht möchte man sich auf die Seite von Adolf Loos stellen, der schon 1908 in seinem Text „Ornament und Verbrechen“ in übrigens überaus ornamentreicher Sprache nicht nur der schönen Architektur den Todesstoß versetzte sondern auch über Tätowierungen ätzte: „Der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter. Es gibt gefängnisse, in denen 80% der häftlinge tätowierungen aufweisen. Die tätowierten, die nicht in haft sind, sind latente verbrecher oder degenerierte aristokraten. Wenn ein tätowierter in freiheit stirbt, so ist er eben einige jahre, bevor er einen mord verübt hat, gestorben.“

Nein, die Kritik am Tattoo muss sich schon bessere Argumente suchen, als sie als krank oder asozial auszugrenzen. Wir kommen der Sache näher, wenn wir auf die Argumente des Befürworters schauen, wie er sie in meinem Beitrag  zu Schönheitsoperationen äußerte. „Was ist mit der glücklichen Mutter zweier Kinder, die ihre Liebe zu ihren Kindern verewigen will? Ist sie krank? Andere haben eben die Bilder ihrer Kinder in der Brieftasche. Sie hat sie am Körper, so what? Darf man sich nicht personalisieren und seiner Identität Ausdruck verleihen?“

Wenn das gute Gründe für ein Tattoo sind, möchte ich nicht die schlechten hören. Eine Mutter, die ihre Liebe nicht ihren Kindern mitteilt, sondern sich diese in den Arm ritzen muss? Können die Kinder schon lesen, damit sie im Zweifel immer nachgucken können? Ein dauerhafter Eingriff in die Unverletzlichkeit des Körpers lässt sich auch nicht mit Passbildern in der Brieftasche für vier Euro vergleichen. Und zu glauben, dass die unglaubliche Einmaligkeit, die jeder einzelne Mensch und jeder Körper darstellt, erst identitätsfindend mit einem Tattoo „personalisiert“ werden muss, lässt dann in der Tat wenn nicht an der Gesundheit so doch am Verstand des Verfassers zweifeln.

„Das ist wie ein Initiationsritual“

Die Verletzung eines Körpers, besonders des eigenen, ist ein traumatischer Vorgang. Die dafür zu überwindende psychische Hemmschwelle ist hoch, und mindestens ebenso hoch muss der psychische Druck sein, diese Hemmschwelle zu überwinden. Wenn aber die Gesellschaft einen solchen Druck auf weite Kreise ihres Volkskörpers ausübt und auszuüben in der Lage ist, ist die Gesellschaft krank und nicht der von ihr Unterdrückte.

Der Psychologe Dirk Hofmeister forscht im Dienste der Universität Leipzig an diesem Phänomen. Auch er sieht den Glauben, sich individualisieren zu müssen, als einen wesentlichen Grund. Hinzu komme noch, dass Jugendliche so der Welt zeigen wollten, erwachsen zu sein. Mit der Tätowierung bewiesen sie, sich einer schmerzhaften Prozedur ausgesetzt und sie überstanden zu haben: „Das ist wie ein Initiationsritual.“

Man will Trendsetter sein und gleichzeitig dazugehören – und schon geht man in der bunten statt in der grauen Masse unter. „Dann kommt eben das nächste Tattoo“, zuckt Hofmeister die Achseln. Wohlwollend kommentiert dagegen eine Berliner Modeexpertin das Phänomen:„Der Mensch will in der Welt des Massenkonsums mehr sein als nur eine beliebige Nummer. Vor allem junge Leuten versuchen, sich einzigartig zu inszenieren, fast wie eine Marke.“ Wenn das kein erstrebenswertes Ziel – des Niedergangs – ist…

Neue Häute von armen Schweinen?

Wir kommen den Dingen langsam auf den Grund. Umgeben von immer entfernteren Mächtigen und Mächten – Stars, Politikern, aber auch überwältigenden Filminszenierungen oder fast omnipotenten Maschinen – fühlen die normalen Menschen sich so ausgestoßen wie früher die Tattoo-Träger, obwohl sie doch die Allgemeinheit sind. So greifen sie zum archaischen und letztlich wirkungslosen Mittel.

Aber was ist das für eine schrecklich hohle Individualität, die sich auf massenhaft multiplizierte Äußerlichkeiten stützt. Da ist es auch keine Lösung, das Arschgeweih gegen ein anderes Symbol auszutauschen. Wirkliche Individualität erwächst aus der tatsächlichen Unterschiedlichkeit von Menschen und unserer Fähigkeit, diese zu sehen, nicht daraus, diese Unterschiede unter aus Vorlagen ausgesuchten Plakaten zu verstecken.

Also kann die Sache mit dem Tattoo nicht funktionieren, und sie funktioniert auch nicht. Wie jede unbefriedigte Sucht verlangt sie nach immer mehr und gibt immer weniger Befriedigung. Peaches Geldof beschuldigte ihren Vater Bob, der frühzeitig erkannt hatte, dass altruistisches Getue einträglicher ist als Rockmusik, ihr bereits im Alter von 14 Jahren das erste Tattoo erlaubt zu haben. „Ich bereue jedes einzelne. Wenn ich eine neue Haut bekommen könnte, würde ich es tun.“ Die Erkenntnis kam zu spät, sollte es bei ihrem Vater überhaupt eine Erkenntnis gegeben haben, denn nun ist sie tot und auch sonst hätte eben niemand eine solche Fehlentscheidung rückgängig machen können. Neue Häute gibt es erst zu kaufen, wenn man sie von armen Schweinen transplantieren kann.

Originäre Schönheit wird ignoriert

Der ehemalige Trainer von Hertha BSC, Markus Babbel, ließ sich wenige Monate, bevor er den Verein unter skandalösen Umständen im Stich ließ, das Vereinsemblem in den Körper stechen. So ist das mit der oben erwähnten ewigen Liebe: Jetzt muss er ein Leben lang damit herumlaufen – wenn das keine selbstgewählte gerechte Strafe ist. Da wird ihm auch seine ungerechtfertigte Abfindung nicht viel helfen, denn so schön wie früher wird die Haut selbst bei einer rund 1500 € teuren Entfernung mit Laserhilfe nicht. Zudem dauert diese 15 Sitzungen und damit ein ganzes Jahr und funktioniert bei der Farbe grün sowieso nicht.

Fußballspieler sind also die neuen Ikonen eines alten Kults. Der Ansturm auf die Studios wird nicht auf sich warten lassen, wenn selbst ein Freak wie Ronaldo mehr als 27 Millionen Follower auf Twitter hat. Nach dem Trikotwechsel ist künftig wie vor dem Trikotwechsel: Wirkliche Nacktheit wird durch des Bürgers neue „Kleider“ unmöglich. Und darum geht es doch letztendlich: Man fühlt sich nicht wohl in und mit seiner eigenen Haut und will sich einfach eine neue zulegen. Hörte man aber mehr auf den Volksmund, wäre klar, dass man eben nicht aus seiner Haut kann.

So wird also die originäre Schönheit des Körpers ignoriert, und das Gleichgewicht von dem, was wir sind, und dem, was wir sein wollen, geht verloren. Verloren geht auch die Wertschätzung des eigenen Körpers und dessen Unverletzlichkeit. Das Tattoo überdeckt damit nicht nur die Haut, sondern die eigene Persönlichkeit, jedenfalls soll es das tun, weil das Selbstbewusstsein fehlt, zu sich selbst zu stehen. Das eigentliche Problem ist also nicht, dass das Tattoo meist sofort und nach wenigen Jahren des Alterns unausweichlich hässlich ist, sondern die dahinter stehende Dekadenz.

Über Schmerzen (die einzige wirkliche eigene Leistung dabei) wird ein entscheidender Teil der Persönlichkeit ausradiert. Genauso funktioniert tatsächlich ein Initiationsritus. Zwischendurch hatten wir zwar mit Abitur und Konfirmation zivilisiertere Verhaltensweisen entwickelt, aber so zügig funktioniert der Niedergang, dass nun schon längst überwunden geglaubte Motive der Stammeskultur wieder zum Alltag gehören.

Einmaligkeit der Natur

Toleranz ist da fehl am Platze: Der Mensch muss sich nicht nur nicht körperlich selbstentfremden, er darf es nicht. Wobei dies hier kein Verbotsaufruf sein soll, denn wer sich quälen und verstellen will, der wird immer Möglichkeiten finden. Und umgekehrt muss, wer auf gesellschaftliche Genesungsprozesse setzt, die Freiheit, Fehler zu begehen, großzügig gewähren.

Es geht stattdessen um einen Bewusstseinswandel, der hilft, die Schönheit und Einmaligkeit der Natur wieder zu respektieren bzw. überhaupt wahrzunehmen. Der menschliche Körper ist eine unglaubliche Kostbarkeit. Daran herumzupfuschen ist, als gäbe man die Mona Lisa als Malpapier in den Kindergarten.

Eine Frage sei noch gestattet. Hat die Tätowiersucht vielleicht etwas damit zu tun, dass der Körper das letzte unveränderbare Eigentum des Menschen in einer sich permanent verändernden und dabei individuelle Werte verlierenden Welt ist? Und demonstriert damit der Tätowierte seine Bereitschaft, selbst dieses letzte Eigentum aufzugeben, nur um nicht hinter dem allgemeinen Zug der Lemminge zurückzufallen? Bietet er sich sozusagen als Kanonenfutter an für das apokalyptische letzte Gefecht des Niedergangs? Sei es, wie es sei, es gibt gar nicht genug Pokale, die Fußballer als Ausgleich gewinnen könnten, wenn sie zuvor ihre Identität verspielt haben.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel