Die EZB kann die Krise nicht lösen
Die EZB kann die Krise nicht lösen

Die EZB kann die Krise nicht lösen

EZB-Chef Mario Draghi und die Politik sind ökonomische Analphabeten. Sie verwechseln Ursache und Wirkung: Nicht der Zins steht dem Wachstum im Weg, sondern der Euro, schreiben Dagmar Metzger, Christian Bayer und Steffen Schäfer in der ReiheFREITAGSGEDANKEN”.

Mario Draghi hatte es den Märkten versprochen, die Märkte hatten es erwartet und der Zentralbankchef hat geliefert. Die Zinsen wurden noch einmal gesenkt von einem Rekordtief auf ein weiteres Rekordtief, dazu gibt es von nun an einen Strafzins, wenn Banken ihre Überschussliquidität bei der EZB parken. Plötzlich mehren sich nun die Stimmen, die die Enteignung der Sparer beklagen. Zu Recht – aber wo waren diese Stimmen als die Enteignung vor einigen Jahren einsetzte? Wer sich erst jetzt darüber beschwert, ist reichlich spät aufgestanden…

Nein, das wirklich Erschreckende an den nun angekündigten Maßnahmen ist einmal mehr der ökonomische Analphabetismus, den sie offenbaren. Die seit Jahren praktizierten Leitzinssenkungen hatten wenig bis gar keinen Erfolg, die Kreditvergabe anzukurbeln und damit auch, nach dem Verständnis der EZB zumindest, die wirtschaftliche Erholung. Wie sollte es auch anders sein? Es waren die unnatürlich niedrigen Zinsen im Süden, die erst einen künstlichen Boom und in der Folge die Euro-Finanzkrise entstehen ließen.

Manipulation der Zentralbanken

Genau dieses Mittel soll nun die Finanzmärkte wieder ins rechte Lot bringen? Der Zins ist der Gradmesser einerseits für den Wert des Geldes und andererseits für das Risiko der Geldanlage. Er kommt in einem freien Markt ohne jedes Zutun durch Zentralbanken oder Politiker zu Stande. Wer daran herumspielt, beraubt die Wirtschaft (im eigentlichen Sinne den Menschen!) ihres wichtigsten Kompasses. Die Finanzkrise belegt dies eindrucksvoll – die Manipulation der Zinskurve durch die Zentralbanken ist ein Kernproblem unsers Finanzsystems und keinesfalls die Lösung.

Auch verwechseln Draghi und Co. Ursache und Wirkung: Nicht die Kreditvergabe führt zu einer positiven Wirtschaftsentwicklung, sondern umgekehrt – hoffnungsvolle Zukunftsperspektiven und positive Wirtschaftsaussichten führen zu einer stärkeren Kreditnachfrage(!). Wenn Draghi nun die Banken mit Liquidität vollpumpt, wird dies nicht dazu führen, dass in den Krisenländern mehr Kredite nachgefragt werden.

In Spanien, Italien, Portugal, Irland, von Griechenland ganz zu schweigen und auch Frankreich darf man hier nicht vergessen, ist die Situation verzweifelt. Wer dort irgendwie kann, versucht sich zu entschulden und keinesfalls noch mehr Schulden zu machen. Wer dort aufschuldet, macht dies, weil ihm keine andere Wahl bleibt und er in der „glücklichen“ Situation ist, noch über Vermögenswerte zu verfügen, die noch nicht verpfändet wurden. Banken, die Kredite an Unternehmen oder Privatpersonen in solcher Situation ausreichen, werden so mittelfristig nur noch mehr faule Kredite in ihren Büchern anhäufen – als gäbe es davon nicht schon genug.

Die Krise bleibt

Nun wird der eine oder andere einwenden, dass die EZB doch dieses Problem genau dadurch adressiert, dass sie zum einen die Liquiditätstender bis wenigstens 2016 laufen lässt, den Banken insgesamt 400 Milliarden Euro an Krediten bis 2018 gewährt und vor allem den direkten Ankauf der berüchtigten asset backed securities (ABS) vornehmen wird. Sicher ist für die Banken insbesondere letzterer Punkt ein Grund zum Jubilieren: So werden sie ihre faulen Kredite los. Nur wird dies keinerlei Einfluss auf die Kreditnachfrage haben, denn die Menschen in den Krisenländern bleiben überschuldet, bleiben arbeitslos, bleiben ohne Zukunftsperspektiven – mit anderen Worten: Sie bleiben in der wirtschaftlichen Agonie gefangen.

Tatsächlich macht sich die EZB nur zur Bad Bank für Großbanken und Investmenthäuser. Was auch immer man an Finanzleichen im Portfolio loswerden möchte, lässt sich nun via ABS an die Zentralbank verhökern. Zur Not schaltet man den ein oder anderen befreundeten oder gar eigenen Hedgefonds dazwischen, um jede verdächtige Spur innerhalb der Kreditverbriefung endgültig zu verwischen oder auch Kredite mit zu verwursten, die eigentlich nicht für das Ankaufsprogramm vorgesehen waren. Denn das tückische an der Verbriefungspraxis ist doch, dass am Ende niemand mehr weiß, was in diesen Kreditpaketen eigentlich genau steckt und vor allem was sie wert sind.

Offensichtlich hat die EZB sich nicht sonderlich mit der US-amerikanischen Seite der Finanzkrise auseinandergesetzt. Denn nur dank der Verbriefung per ABS konnten die US-Banken ihre toxischen Immobilienkredite in die ganze Welt hinaus verkaufen und diese somit auch an der Krise teilhaben lassen – vielleicht erinnert sich noch der eine oder andere Landesbänker daran. Das war zwar kein großer Spaß für alle, auf jeden Fall aber für alle ein teurer. Die EZB plant nun genau solche Pakete bei sich in großem Stile zu bündeln. Prost Mahlzeit! kann man da nur noch sagen, gerade im Hinblick auf den deutschen Steuerzahler, der am Ende dafür aufkommen wird müssen, wenn es gilt, die EZB-Bilanz auszugleichen.

Risiko der Blasenbildung

Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, wird auch noch die haarsträubenste Begründung für alle diese Maßnahmen geliefert: Dieses Vorgehen sei notwendig, um die Inflationsrate nach oben zu ziehen und so – Achtung, jetzt kommt der dicke Hund! – die Wirtschaft wieder in Gang zu bekommen. Wirtschaftswachstum braucht also Inflation. Wer so argumentiert, glaubt vermutlich auch, dass Zimbabwe 2008/2009 ein wirtschaftlich prosperierendes Land gewesen sein muss, lag die Inflationsrate des afrikanischen Landes damals doch schließlich bei knapp 100 Prozent – pro Tag!

Nein, die Liquiditätsmaßnahmen der EZB werden nicht bei den Bürgern der Krisenländer ankommen, stattdessen werden sie weiter die Blasenbildung an den Immobilien- und Aktienmärkten befeuern und zeitgleich, das ist ein weiterer absurder Aspekt, dort das Risiko scharfer Korrekturen oder gar des Platzens der Blasen erhöhen. Nicht umsonst warnte die EZB jüngst eben genau davor: Die Suche der Investoren nach Rendite (die die EZB mit ihren Zinsmanipulationen überhaupt erst auslöste) könne die „Möglichkeit eines scharfen und ungeordneten Abbaus der jüngsten Kapitalflüsse“ beinhalten, so hieß es in dem Ende Mai von der Zentralbank veröffentlichten Stabilitätsbericht.

Hexenmeister und Scharlatane

In dieses Bild passt auch die extrem niedrige Volatilität an den Aktienmärkten. Sie liegt auf einem ähnlichen Niveau wie 2007 kurz vor Ausbruch der Finanzkrise. Es fehlt eigentlich nur noch, dass nun die Kleinanleger in Scharen in den Markt getrieben werden. Wie gut, dass nun plötzlich zahlreichen Redaktionen der Republik auffällt, wie die Niedrigzinsen die Sparer enteignen…ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Man kann es drehen und wenden wie man will, die EZB kann die Krise nicht lösen, weil es ihr mit den ihr zur Verfügung stehenden Instrumenten nicht gelingen kann, eine wirtschaftliche Erholung in den Krisenländern in Gang zusetzen. Dieser Erholung steht nämlich eben jener Gegenstand im Weg, den die EZB unbedingt erhalten wissen möchte – der Euro selbst. Den Euro erhalten und zeitgleich echten, nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung im Süden generieren, entspräche der Quadratur des Kreises. Diese aber kann auch der größte Hexenmeister nicht vollbringen und nur der größte Scharlatan verspricht sie öffentlich.