Das Internet wird zur Glotze

Früher gab’s Serien nur im TV, heute sind sie auf DVD’s und in Onlinevideotheken ständig verfügbar. Und ihre Macher setzten auf exzessives Rezipieren – also die Sucht.

Unsere heutige Konsumgesellschaft ist stets auf eine Steigerung bedacht – immer mehr von allem, und jederzeit muss jedes Produkt verfügbar sein. Dieser Trend macht auch vor unseren Sehgewohnheiten nicht halt. Früher waren TV-Serien wochenweise proportioniert, ganze sieben Tage hatte man Zeit, Distanz zu gewinnen und das Geschehene zu verarbeiten. Heute werden Serien dafür produziert, in Form von mehreren Folgen hintereinander rezipiert zu werden. Die Folge ist ein nahezu exzessiver Eskapismus in fiktionale Welten – bloß eine weitere Form der Entfremdung oder eine logische Konsequenz technischer Möglichkeiten?

Nun ist es also soweit: Die Tage von „Wetten, dass..?“ sind gezählt. Nach 33 Jahren zieht das ZDF die Konsequenzen aus den stetig gesunkenen Zuschauerzahlen. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler nennt hierfür zwei Gründe: Das Format hat an Anziehungskraft verloren, und die Sehgewohnheiten haben sich verändert. Letzteres Phänomen wird noch viele weitere Dinge im linearen Fernseh-Alltag umkrempeln. Die Einführung des Videorekorders war rückblickend der erste Schritt. Durch ihn wurde es möglich, Sendungen aufzuzeichnen, diese zeitversetzt zu sehen und bespielte Kassetten zu verleihen. Der nächste große Schritt waren die DVD-Boxen. Alle Folgen einer Serie auf einmal zu kaufen und hintereinander zu gucken war jetzt möglich.

Internet hat den Vertrieb diversifiziert

Parallel hierzu haben sich die technischen Möglichkeiten des Internets stets weiterentwickelt. Immer größere Bandbreiten machten die Übertragung von Videos in guter Qualität möglich; zunächst revolutionierte Youtube die Verfügbarkeit von Videos im Netz. Die Verlagerung der Kommunikation über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter trug erheblich zur Viralität von Videos bei. Online-Mediatheken von großen Fernsehanstalten machten sich diese Form der Multiplikation zunutze – Daily Soaps oder andere Serien muss man nun nicht mehr aufnehmen, sie werden online zur Verfügung gestellt. So erhöht sich zwar die Reichweite einer Sendung, doch die Quoten werden davon negativ beeinflusst.

Online-Videotheken und Streaming-Dienste haben die Sehgewohnheiten schließlich grundlegend verändert und illegalen Streaming-Portalen den Kampf angesagt, die aktuelle Filme anboten und die Seiten große Popularität genossen. Nichsdestotrotz haben illegale Film-Portale nur geringfügig an Beliebtheit verloren, bei der Auflistung der meistbesuchten Websites in Deutschland sind Movie4k.to oder Kinox.to stets unter den Top-40 mit dabei. Und dennoch sind legale Streaming-Plattformen auf dem Vormarsch.

Logische Konsequenz: Legale Online-Videothek

Unbegrenzten und legalen Seriengenuss bietet beispielsweise das amerikanische Videostream-Portal Netflix für einen festen Betrag im Monat – und es hat damit großen Erfolg. Mit knapp 24 Millionen Abonnenten verfügt Netflix über die finanziellen Mittel, eine eigene Serie produzieren zu lassen und sie über den eigenen Dienst zu verbreiten. Das Bemerkenswerte dabei: Alle Folgen von „House of Cards“ wurden auf einmal veröffentlicht. Exzessive Rezeption ist hier ausdrücklich erwünscht.

Der amerikanische Netflix-Chef Hastings ist sich darüber im Klaren, dass sein Dienst Seriengenuss zum Exzess werden lässt: „Wenn Sie erstmal alles auf Klick abrufen können, werden Sie süchtig. Starten Sie eine Serie wie ‚Breaking Bad‘ nicht ohne ein paar freie Tage. Wenn Sie mal angefangen haben, schauen Sie immer weiter. Das wird ihre Produktivität ruinieren.“

Unabhängig von linearen Programmen

Und diese Entwicklung ist auch hierzulande zu beobachten. Neben Maxdome bietet auch WATCHEVER eine Film-Flatrate an, wobei es bei Maxdome allerdings keinen unbegrenzten Zugriff auf alle Filme gibt. Bei WATCHEVER gibt es ausnahmslos das monatliche Bezahlmodell und dann einen Zugriff auf das komplette Programm, exzessives Rezipieren von Serien und Filmen ist auch hier erwünscht. „Braquo“ ist eine Eigenproduktion des französischen Unternehmens WATCHEVER – der amerikanische Trend lässt nicht lange auf sich warten.

Unsere Rezeptionsgewohnheiten folgen den technischen Entwicklungen und entsprechen dem digitalen Zeitgeist. Alles ist jederzeit verfügbar, man ist unabhängig von linearen Programmen. Dass man mit Laptops oder Tablets sogar unabhängig von Orten wird, bringt eine neue Dimension ins Spiel. Ob dies dazu führt, dass Rezeption noch intensiver betrieben wird oder ob eine Regression eintritt, bleibt allerdings abzuwarten.

Bildrechte: Flickr Alex Cuddles with Uncle Tim Michael Bentley CC BY Bestimmte Rechte vorbehalten

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