Medien als Lakaien der Macht
Medien als Lakaien der Macht

Medien als Lakaien der Macht

Der Journalismus hat sich von einer korrigierenden Gegenkraft zur willfährigen Gefolgschaft der Mächtigen entwickelt. Dabei gab er seine elementaren Prinzipien auf.

Wenn über Kanzlerin Merkel auf Seite eins einer angesehenen Zeitung berichtet wird, sie wolle einen Streit „versachlichen“, weil es in der eigenen Partei „immer schrillere Töne“ gebe, ist das keine politische Information, sondern ein Hinweis auf den Zustand unserer Medien. Ein Artikel, der in seiner Machart nicht als Einzelfall, sondern als Teil des Mainstreams schrill und unsachlich wertet, zeigt, dass der Wertekanon der Presse in eine Krise geraten ist. Unübersehbar dreist wird hier schon in der Wortwahl unverfroren parteigenommen – eigentlich eine Todsünde des Journalismus, jedenfalls dessen, der sich noch an Werte gebunden fühlte.

Tatsächlich ging es hier um die Debatte zur Armutseinwanderung, bei der einige Mitglieder der ehemaligen Volkspartei CDU nicht mehr bedingungslos der Führung bei ihrer Einwanderungspolitik folgen wollten. Und deshalb sagt uns dieses Zitat auch noch ein zweites: Der Journalismus hat sich von einer korrigierenden Gegenkraft zur willfährigen Gefolgschaft der Mächtigen entwickelt.

Versagen von Sorgfalt und Intellekt

Allerdings konnte er diesen Weg nicht gehen, ohne eine ganze Reihe von elementaren Prinzipien aufzugeben, die in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft weit über die bloße Machtkonformität hinausgehen. Wenn ein Reporter etwa ganz unpolitisch schreibt, er sei mit Dschungelkönig Kusmagk in dessen R4 gefahren, der „schon über 160.000 Stundenkilometer hinter sich hat“, dann ist das ein Versagen von Sorgfalt und Intellekt, das weit über die kürzlich hier belächelten Schlampigkeiten oder einen politischen Dienstleistungscharakter der Presse hinausgeht.

Die Degeneration der journalistischen Medien hat so ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Dies konnte auch deswegen so umfassend und wenig beachtet geschehen, weil sich die kritischen Kreise schon Jahrzehnte zuvor in dieser Einseitigkeit letztlich verharmlosend auf den Aspekt „Manipulation“ eingeschossen hatten. Weil man schon überall eine relevante systemkonforme Beeinflussung witterte, als es noch ein relativ freies Spiel journalistischer Kräfte gab, ist man jetzt wort- und kraftlos, den wirklichen Verfall der Souveränität der vierten Gewalt zu beschreiben.

 Reizthemen durchnudeln

Schwerwiegend beispielsweise ist das Ignorieren der Informationspflicht und des Gebots der Wahrhaftigkeit. In einem Artikel über eine Studie zum Zusammenhang der Agenda 2010 mit dem anschließenden Wirtschaftsaufschwung erfährt man beispielsweise zwar, dass das Wiedererstarken gar nichts mit den Eingriffen in das deutsche Sozialsystem zu tun gehabt habe, doch findet sich in dem langen Text weder eine Quellen- noch eine Namensangabe. Jeder kann also öffentlich ein Lied furzen, wenn es der Zeitung nur gefällt. Und dass es der Zeitung gefällt, steht schon in der Überschrift „Forscher entlarven Hartz-IV-Wunder als Mythos“. Schon vor dem Lesen, wird dem Informationswilligen mitgeteilt, wie er zu lesen und zu denken habe.

Statt journalistische Errungenschaften zu pflegen werden lieber vermutete Reizthemen endlos durchgenudelt, oder noch schlimmer, sie werden konstruiert. Unter der Überschrift „Pädophilie-Vorwurf gegen die Grünen verstärkt sich“ fand sich in einem 80 Zeilen langen Artikel nach einigen Wiederholungen vom Vortag ein Text über die Rolle von Horst Seehofer in der bayerischen Politik. Weil das den Redakteuren anscheinend nicht sexy genug war, wurde dem kurzerhand ein damals gerade aktuell aufgeblasener Aufreger vorangestellt. Der Leser, der an Horst Seehofer interessiert gewesen wäre, hätte alle Artikel lesen müssen, um fündig zu werden. Muss man die Zeitungen jetzt also von hinten nach vorne oder von unten nach oben lesen?

Informationsbedürfnis virtuell mit Spam befriedigt

Vielleicht sollte man es ganz sein lassen. Nach einem Meteoriteneinschlag im Ural wurden im Fernsehen alte Aufnahmen einer (viel heftigeren) Gasexplosion in Turkmenistan gezeigt. Demnächst hat dort Putin gezündelt. Im Internet kursieren etliche glaubwürdige Hinweise, dass etliche der im deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigten Gräuelbilder von Gewalttaten syrischer Regierungstruppen in Wirklichkeit Aufnahmen aus dem Irakkrieg sind. Als das aufgeputschte Skandälchen zur NSA-Bespitzelung des Merkel-Handys der verordnete Aufreger der Woche war, brachte eine Zeitung seitenfüllend ein Infrarotbild der amerikanischen Botschaft und schrieb dazu, in der Selbstwahrnehmung investigativ, an den grüngefärbten Stellen liefen tatsächlich und unerhörterweise Energieanlagen. Den Beispielen ist gemein, dass dem Leser nicht nur keine Informationen vorgesetzt werden, sondern dass sein Informationsbedürfnis virtuell und übersteigert mit Spam befriedigt wird.

Aus nichts eine Riesengeschichte zaubern

In dieser Virtualisierung der Information liegt das eigentliche Problem, sollte danach oder dabei auch noch manipuliert werden, ist es bloß das negative Sahnehäubchen obendrauf. Die Presse feiert die heiße Luft, die sie von sich gibt, und damit sich selbst. Als ein Lehrer einer Berliner Schule sich wegen einer Liebesbeziehung zu einem Minderjährigen selbst anzeigte, erfand eine Zeitung „Eine Schule im Ausnahmezustand“. In dem Aufmacher erfuhr der Leser, dass die Schule zweisprachig sei und beste Ergebnisse beim Abitur aufzuweisen habe, doch von Aufregung oder gar einem Ausnahmezustand findet sich nichts.

Die Seite wird gefüllt mit Allgemeinplätzen eines Schulleiters, der dem besagten Lehrer gar nicht kennt, „aber Erfahrung mitbringt“. Beispielsweise sei er während des Marathonattentats in Boston gewesen. Aha! Die armen Autoren des Artikels müssen einem leidtun: Man spürt bei der Lektüre ihres Scheiterns geradezu die Anweisung der Redaktionsleitung, aus nichts eine Riesengeschichte zu zaubern. Das Thema ist wichtig, die Information ist nichtig.

Missinformation in ihrer ideologischen Variante

Natürlich wird in einer Gesellschaft, die politisch-korrekte Randthemen aus gutem Grund zu Überlebensfragen stilisiert, die Missinformation auch in ihrer ideologischen Variante gespielt. So heißt es, von Juni 2014 an könne der Online-Kunde EU-weit auf einheitliche Widerrufsregelung „bauen“. Im automatisierten Bemühen, das Wirtschaften der EU zu schönen, wird die künftige Schlechterstellung des Verbrauchers zum schützenden Akt umformatiert. Das gleiche Motiv liegt zugrunde, wenn getitelt wird, „Währungsfonds verpasst Deutschland eine Ohrfeige“, und dann weiter im Text die Argumente des IWF zur Griechenland-Sanierung heruntergeleiert werden, als wären es von Gott persönlich auf Tontafeln heruntergereichte Offenbarungen.

Ideologische Position werden auch fortgeschrieben, wenn es in der Überschrift heißt, „Fukushima-Arbeiter stärker verstrahlt als befürchtet“ und im ersten Satz ein „vermutlich“ nachgereicht werden muss. Über die gesundheitliche Relevanz der vermuteten 20 Prozent höheren Belastung findet sich kein Wort. Als der damalige Umweltminister Peter Altmaier gegen die für die deutsche Autoindustrie katastrophalen geplanten CO2-Regeln der EU Widerstand leistete, hieß es bei dpa, die Bundesregierung kämpfe für eine „Aufweichung eines europäischen Kompromisses“. Den Beweis durfte dann ein unbekannter Autoexperte antreten, der nicht etwa den Verlust der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Automobilindustrie und damit Hunderttausender von Arbeitsplätzen, sondern „Rückschläge für Elektroautos“ befürchtete.

Plumpes politisches Gut-böse-Schema

Der Moralverlust der Medien war kaum einmal so deutlich wie in dem Fall der australischen Radiomoderatoren, die mit einem gefakten Anruf in der Gebärstation des britischen Thronfolgers dafür sorgten, dass die getäuschte Krankenschwester sich genötigt sah, kurz darauf aus dem Leben zu scheiden. Die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung verschwimmen. Das ist so, wenn die Wirtschafts- oder Wissenschaftsjournalisten vor der Kamera den Kasper geben, und das ist so, wenn der ARD-Tatort mit aufgetragener Sozialkritik und plumpem politischen Gut-böse-Schema zum Volkserziehungskrimi wird.

Überall gibt es zusätzlich den Trend zur Kampagne. Ist ein Thema – zu recht oder zu unrecht – erst einmal am laufen, gibt es kein Halten mehr; jeder Fliegenschiss zum Thema ist einen Aufmacher wert. Wenn ein ohnehin nicht ganz ernstzunehmender Wolfgang Thierse eine launige Bemerkung zu Schwaben in Berlin macht, bricht sofort eine künstlich aufgebauschte Debatte los.

Brüderles harmloses Kompliment

Und weil zu den journalistischen Tugenden nun auch nicht mehr der Schutz der Informanten und der Betroffenen gehört, sondern in einer kurzsichtigen Gesellschaft durch die Politik der verbrannten Erde ersetzt wird, haben wir alle noch eine Erinnerung, was für eine menschenfeindliche Kampagne losbricht, wenn ein Rainer Brüderle einer Journalistin, deren Professionalität er vertraute, ein harmloses Kompliment macht.

Ein Journalist hat Verantwortung. Er steht an der Nahtstelle zwischen dem Geschehen und der interessierten Leserschaft. Für eine gute Arbeit braucht er inhaltliche Kenntnisse, formale Fähigkeiten, die Liebe zum Beruf und ein Gespür für das, was seine Kundschaft interessiert. Der Journalist des Niedergangs legt einen vierfachen Offenbarungseid ab: Er wird an alle thematischen Fronten geschickt, so dass er meistens überfordert ist; er ist schlecht ausgebildet, weil die Verleger Geld sparen wollen und inkompetente Kräfte anheuern; er arbeitet nicht für die Sache, sondern für seine Karriere und er glaubt, seine Leserschaft nicht informieren, sondern erziehen zu müssen.

Die Redaktionsleitung will es so

Die Konzentration gilt quer durch alle Medien der Botschaft, nicht der Form, dabei ist doch die klar definierte Form (Bericht, Nachricht, Reportage) die Grundlage jeder journalistischen Arbeit, während sich die Botschaft auf die eigens dafür geschaffene Form des Kommentars zu beschränken hat. Diese Grenzen sind schon lange verwischt. Ein Journalist, der heute vom Klimawandel faselt, ohne den Unterschied von Klima und Wetter zu kennen, fühlt sich stolz als Bestandteil eines großen Weltrettungsmechanismus. Ein Journalist, der die politischen Parolen des Niedergangssystems nachplappert, sieht sich als integrer Bestandteil der Demokratie. Ein Journalist, der solange die Witwe schüttelt, bis sie ihm eine rührselige Geschichte erzählt, glaubt, seine Leserbedürfnisse adäquat zu befriedigen. Und wenn die Antworten nicht so sind, wie erhofft, dann wird es eben anders geschrieben. Nicht nur, dass das der Redaktionsleitung nicht auffällt, sie will es geradezu so.

Wer da den Informanten mit einer Gegenposition konfrontiert, wer kritisch nachfragt, wer sich zu lange mit Fakten aufhält, wer nicht das Altbekannte abschreibt, sondern nach neuen Gesichtspunkten sucht, wer Dummheiten ignoriert oder hinterfragt, der wird in diesem neuen Journalismus erst belächelt und dann aussortiert. Früher nannte man das Hofberichterstattung, aber die gab es nur am königlichen Hof und war da auch in Ordnung.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel