Sucht nach denaturierter Schönheit
Sucht nach denaturierter Schönheit

Sucht nach denaturierter Schönheit

Allein die Deutschen geben rund 1,8 Milliarden Euro pro Jahr für permanentkosmetische Eingriffe aus. Sogar Minderjährige lassen sich bereits operieren.

Die Zahl der medizinisch nicht notwendigen Schönheitsoperationen in Deutschland steigt so rasant, wie die der Menschen sinkt, die Politikerversprechungen noch glauben. 2011 begaben sich rund eine Million Deutsche der Schönheit zuliebe unters Messer. Manchmal hilft das, aber manchmal sehen die, die dem Schicksal nachhelfen wollten, hinterher nicht viel besser aus als Frankenstein persönlich. In jedem Falle handelt es sich dabei nicht bloß um ein gesellschaftliches Phänomen, sondern um ein gesellschaftliches Problem.

Kein Thema sind jene Operationen, mit denen die Opfer von Brustkrebs oder Verbrennungen möglichst originalgetreu wiederhergestellt werden. Nicht einmal das Anlegen von Segelohren soll hier infrage gestellt werden. Doch beim näheren Betrachten des Geschäfts mit der künstlichen Schönheit offenbart sich, dass mit dem durch den Schönheits- und Jugendwahn induzierten Eingreifen in den Bauplan der Natur sowohl der Einzelne als auch die Gesamtgesellschaft verlieren müssen.

1,8 Milliarden Euro für permanentkosmetische Eingriffe

Natürlich könnte man meinen, das alles sei eine Frage des Geschmacks. Warum soll es nicht auch Menschen geben, die Ballonbrüste und Schlauchbootlippen mögen? Warum soll ein gewachsenes Selbstbewusstsein für den Operierten nicht nützlich sein? Warum geht das überhaupt Außenstehende etwas an? Kurz geantwortet: Weil mit dieser Praxis Normen fallen, die den Menschen aus gutem Grund vor sich selber schützen.

Nach aktuellen Schätzungen geben allein die Deutschen zwischen 800 Millionen und 1,8 Milliarden Euro pro Jahr für permanentkosmetische Eingriffe aus. Da werden Busen verkleinert und vergrößert, Falten gestrafft, Haare verpflanzt und Sommersprossen weggelasert. Es geht darum, fit zu sein für den Wettbewerb, entweder im Beruf oder bei der Partnersuche. Es geht um ein besseres Selbstwertgefühl. Es geht darum, der ständig wachsenden Erwartungshaltung der Außenwelt wenigstens scheinbar gerecht zu werden. Es geht darum, das menschheitsgeschichtliche Ausgeliefertsein an die Natur nicht mehr hinzunehmen und Dinge zu tun, weil man sie eben tun kann.

Aus Alice Schwarzer Heidi Klum machen

Dummerweise ist es gar nicht so einfach, der Natur ins Handwerk zu pfuschen. Reden wir nicht über die Damen, denen kürzlich gebrauchtes und verschmutztes Industriesilikon unter die Brustwarzen geschoben wurde, denken wir aber einmal an mögliche Kunstfehler, inkompetente Ärzte, die am Boom mitverdienen wollen, unklare Rechtslagen, unerfüllbare Versprechungen, und vor allem ästhetische Differenzen zwischen dem gewählten Schönheitsbild und dem, was in der Realität ankommt. Kein Chirurg der Welt kann aus Alice Schwarzer nämlich Heidi Klum machen – nicht einmal äußerlich.

Dennoch muss optimiert werden, was nicht zu optimieren ist. Nicht siegen, dabeisein ist wichtig, oder: Der Versuch heiligt die Mittel, könnten die Parolen lauten. Mehr als 130.000 Menschen haben sich alleine bei den 400 dazu befragten Ärzten mit dem Nervengift Botox und sogenannten Fillern gegen Falten behandeln lassen. Dazu braucht es aber auch keinen Arzt zweifelhafter Qualität mehr, sondern nur den Botox-to-go-Laden um die Ecke. Schließlich hat der Schönheitssüchtige nichts für ihn Bedeutsames zu verlieren. Bis auf seine Schönheit allerdings: Dokumentiert ist der Fall, bei dem eine Frau, die eine Hautstraffung bestellt hatte, mit neuen Brustimplantaten aus der Narkose erwachte.

Anfälligkeit für Schönheitsoperationen klassenspezifisch

Der Soziologe Otto Penz hat ermittelt, dass die Anfälligkeit für Schönheitsoperationen durchaus klassenspezifisch ist. In der oberen Klasse – definiert durch einen Hochschulabschluss – hätten Natürlichkeit und Individualität Gewicht. In der unteren Klasse – bei Penz bestehend aus Arbeitern oder Dienstleistern – legen gerade diejenigen mit den geringsten finanziellen Mitteln den größten Wert darauf, Schönheitsideale zu erfüllen. Man kann im übrigen vermuten, dass sich der Effekt bei den oberen Zehntausend wieder umkehrt, denn hier ist die Konkurrenz und damit der Zwang zur Äußerlichkeit ebenfalls besonders groß.

Der gefühlte oder tatsächliche Zwang zur überwirklichen Schönheit ist also auch symptomatisch für die Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Für die Unterschicht ist das ein tragisches Schicksal: Man steht in permanenter Konkurrenz und glaubt, sich über das Äußere aus den Niederungen erheben zu können. In der Tat kann man nur das Äußere und nicht den Verstand oder die Bildung operieren. Früher war es bei den Proleten und besonders den Kleinbürgern ungeschriebenes Gesetz, sich möglichst viel Bildung zu erwerben, um einen Aufstieg möglich zu machen. Heute erscheint das lebenslange Lernen natürlich viel zu umständlich, wenn es scheinbar durch eine Operation zu ersetzen ist.

„Körperverletzung auf Verlangen“

Dummerweise funktioniert diese Abkürzung im Aufstiegsrennen aber nicht nachhaltig. Oft klappt es nämlich mit der Verschönerung nicht, dazu später etwas mehr, aber selbst wenn es klappt, setzt es nur einen ungesunden Wettkampf in Gang. Während eine gesteigerte Bildung der ganzen Gesellschaft nützte, führt die gesteigerte Schönheit gesamtgesellschaftlich nur dazu, die Ansprüche immer höher zu schrauben. Es entsteht ein teurer und gefährlicher Wettbewerb der Unnatürlichkeit. Spätestens bei den Rekonstruktionsversuchen nach gescheiterten Operationen trägt zwar die Schmerzen der Patient, die Kosten aber die Gemeinschaft der Krankenversicherten.

Die Vorstellung, dass Menschen an einem gesunden Körper medizinische Eingriffe vornehmen lassen und damit nicht nur ihre Gesundheit und ihre persönliche Integrität aufs Spiel setzen sondern sich ganz nebenbei auch erhebliche Schmerzen und Kosten einhandeln, ist eine ungeheuerliche. „Eine kosmetische Operation ist eine Form der Körperverletzung auf Verlangen“, sagt der plastische Chirurg Johannes Bruck ganz ehrlich, oder besser gesagt: zynisch.

Pornografie beeinflusst das Körperbild

Der medizinisch nicht notwendige Eingriff in einen menschlichen Organismus ist längst kein Tabu mehr. Tatsächlich plädierten kürzlich die Kinderchirurgen auf ihrem Weltkongress dafür, Jugendlichen, die sich dick- und rundgefressen haben, operativ den Magen zu verkleinern. Das wäre dann in Deutschland ein noch unerschlossenes Verdienstpotenzial von 800.000 Menschen. Das Operieren ist so oder so längst zu einem Geschäft geworden, und der Chirurg profitiert mittels Schönheitsoperation eben nicht mehr nur von tatsächlichen oder behaupteten Gebrechen, sondern auch von gesellschaftlicher Desorientierung seiner Patienten.

Umso schlimmer, dass die Vorgaben, die dem Operateur gegeben werden oder die dieser umgekehrt seinen Patienten vorschlägt, sich mehr oder weniger nicht aus einer natürlichen Ästhetik des Einzelnen entwickeln, sondern als verfremdete, denaturierte und übersteigerte Schönheitsideale über die Medien transportiert werden. Abgedrehte Modedesigner und Visagisten definieren jetzt, was die Leute schön zu finden haben. Soziologen meinen sogar, dass derzeit in der Unterschicht das Körperbild von jungen Frauen und Männern zunehmend durch den Einfluss von Pornografie verändert wird.

Täuschung als zentrale Moralvorstellung

Die CDU hatte kürzlich einmal laut darüber nachgedacht, wenigstens Minderjährige durch ein Verbot nicht medizinisch notwendiger Operationen zu schützen. Doch die Abgrenzung, was notwendig ist oder nicht, verhindert gesetzliche Regelungen weitgehend. So kommt es dazu, dass schon jetzt 10% aller ästhetisch-plastischen Eingriffe an Mädchen und Jungen vorgenommen werden. In Zukunft müssen wir also mehr und mehr damit rechnen, dass die Verstümmelung von Kindern auf deren eigenen Wunsch oder durch Mode-Torheit der Eltern üblich wird. Entsprechende Ärzte lassen sich sicher finden. Und sage mir keiner, unser Staat könnte oder wollte das verhindern: Schließlich hat der vor nicht allzu langer Zeit mit der Erlaubnis religiös-ideologisch motivierter Beschneidungen von Jungen alle Schleusen geöffnet.

Wir müssen außerdem bedenken: Das, was nach der Operation auf dem Tisch liegt, ist nicht automatisch wirklich schöner, selbst wenn einem natürlichen Ideal nachgeeifert würde. Das Lebensumfeld bemerkt sehr wohl, wenn die Mimik nicht mehr richtig funktioniert oder die Proportionen plötzlich nicht mehr zu der Person passen. Wenn dem Jugendwahn folgend das tatsächliche Alter virtuell reduziert wird, entsteht eine ungesunde Spannung zwischen der inneren Leistungsfähigkeit und dem äußeren Anschein. Aber einer Gesellschaft, in der die Täuschung zu einer zentralen Moralvorstellung wird (moderne Handys besitzen eine Funktion, mit der ein Angerufenwerden vorgetäuscht werden kann), ist eben nicht nur das Belügen von anderen, sondern auch von sich selbst das Mittel der Wahl.

Wir können nicht mehr lassen, was wir können

Das Aufhübschen gab es natürlich auch schon vor dem Niedergang, etwa durch Schminke oder in sehr begrenztem Maße durch leichte Arsenvergiftungen (und über die Ästhetik in Stammesgesellschaften und deren eigene Niedergangsrelevanz wird es demnächst einen eigenen Post geben). Doch der Stand der Wissenschaft setzte dem Eingriff in natürliche Prozesse lange Zeit enge Grenzen. Solche Eingriffe waren eher Krieg und Folter vorbehalten und hatten somit einen offensichtlich unerfreulichen Charakter.

Das ist also das Besondere an der heutigen Situation – und nicht nur bezogen auf Schönheitsoperationen: Wir sind erstmals gesamtgesellschaftlich überhaupt in der Lage, mit unserem Körper über die reine Lustbefriedigung hinaus Dinge zu tun, die uns schaden. Wir können uns jetzt sozusagen strategisch schaden. Und wie der Zauberlehrling nutzen viele die vermeintliche Chance. Was früher der drohende Atomkrieg war, ist heute die freiwillige, ideologisch induzierte Selbstverstümmelung eines zunehmenden Teils unserer Gesellschaft. Und das entspricht genau der Definition, die ich in meinem Buch „Chaos mit System“ für den Niedergang gefunden habe: Wir können immer mehr, doch unser Verstand wächst nicht mit, um das, was wir können, zu lassen.

Ein dummer Wunsch

Die Natur hat ungeheuer komplizierte Mechanismen entwickelt, um den Körper für den Überlebenskampf leistungsfähig zu halten. Was dabei herauskommt, ist das, was wir als Schönheit empfinden – jedenfalls solange dieses Schönheitsideal nicht durch die Zivilisation überformt wird. Wenn der Körper nun alt, krank oder schwach wird, sind wir, ob wir wollen oder nicht, von der Evolution so programmiert, dass wir das als zunehmend unästhetisch ansehen. Zu glauben, dass diese Wahrnehmungsästhetik nachhaltig durch Chirurgen oder Chemikalien getäuscht werden kann, ist nicht einmal ein frommer, sondern höchstens ein dummer Wunsch.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel