Beim Lesen totschämen

Die Medien sind einerseits Transporteure des Niedergangs wie auch seine prominentesten Opfer. Über verantwortungslose Verantwortliche sowie Gängelung und Verdummung.

In Kiew erschossen sich Menschen auf offener Straße“, schrieb kürzlich das bürgerliche Renommier-Magazin „Zeit“ (-online). Donnerwetter, das ist ja auch eine Meldung: Nicht nur dass die da Bürgerkrieg haben, sie scheinen auch öffentliche Selbstmorde zu begehen. Doch keine Sorge, es handelt sich nur um die fehlende sprachliche Kompetenz des Autors Steffen Dobbert (von Beruf Sportreporter) und die Unfähigkeit einer medialen Instanz mit intellektuellem Führungsanspruch, selbst einfache Fehler vor der Drucklegung zu korrigieren.

Da wundert es nicht, wenn eine andere Qualitätszeitung in der Überschrift schreibt: „Wir bleiben so lange hier, wie wir gebaucht werden“. So geht es täglich die Medien rauf und runter. Einfache Schreibfehler paaren sich mit inhaltlichen Mängeln und schlichter Schlamperei, was die Akzeptanz und das Vertrauen in unsere Informationsmedien grundlegend erschüttert. Die Fehltritte sind im Einzelnen zwar oft ziemlich komisch, aber in der Summe wirft es ein beängstigendes Bild auf das Können, die Sorgfalt und die Leistungsbereitschaft in unserer Gesellschaft.

Allmählich tut es wirklich weh

Zu oben genanntem Zitat schrieb ein Kommentator im Thread: „Werter Herr Dobbert, könnten Sie sich – trotz Ihrer EU-Besoffenheit – vielleicht dazu durchringen, sich unmissverständlich auszudrücken? Wie wäre es mit „… erschossen Menschen in Kiew einander auf offener Straße“? Allmählich tut es wirklich weh, in einer Zeitung, die sich Bildung auf die Fahnen schreibt, ein derart schlechtes Deutsch zu lesen! Vielen Dank!“. Da sind die entscheidenden Punkte zusammengefasst, nämlich die Arroganz des Mediums, die manipulative inhaltliche Einseitigkeit des Autors sowie seiner Redaktion und die mangelhafte formale Kompetenz beider.

Sensationalistisch heißt es anderswo in der Überschrift „Die kalte Progressioon schröpft ihre Bürger“. Das tut so weh, dass man gar nicht mehr fragt, wie eine Progression denn Bürger haben, geschweige denn schröpfen könne. Gleich zweimal in einem Blatt erfahren wir prominent „Kathryn Bigelow dreht Film über die Tötung Osama Bin Ladens“, nur dass es in der Version des Kulturteils ein Film „… über Tot von Bin Laden“ ist. Da kann man sich beim Lesen schon totschämen, während die Zeitungsmacher da schulterzuckend darüber hinweggehen.

Flossen weg von dieser Zeitung

Wohlmeinend wird dem politischen Frühstarter und -verlierer David McAllister nach seiner Wahlniederlage zugerufen „Will kommen im Leben“. Ist das eine Aussage zu seinem Sexualleben oder eine gescheiterte Referenz an die uns scheitern lassende Rechtschreibreform? Dazu passt, wenn im Kulturteil berichtet wird, der Film „Unbroken“ erzähle das Schicksal eines Mannes, der „gefangen genommen“ werde. In dem scheinbaren Vergewaltigungsdrama treibt der arme Mann dann auch noch auf einem Floss im Pazifik.

Flossen weg von dieser Zeitung, möchte man sagen. Aber es ist eben kein Einzel-, sondern ein Strukturproblem aller Medien – nicht nur, weil es anderswo heißt, der Verleger Hans Barlach sei kalt gestellt worden. Durchaus realistisch angesichts des ungeplanten Verlaufs der Aktion könnte allerdings die Überschrift „SEK stoppt Fluchauto mutmaßlicher Einbrecher“ gemeint gewesen sein.

Politisch korrekte Schlampereien

Fehler passieren uns allen, auch mir, doch eine Zeitung, die von Hunderttausenden gelesen wird, muss sich Korrektoren leisten können und wollen oder Schlussredakteure haben, denen so etwas auffällt. So einer müsste also sehen, wenn es in der Bildunterschrift ganz offensichtlich falsch heißt „… ind er Datenwolke“. Oder gibt es indische Datenwolken? Sprachlich kongenial zum Thema heißt es in einem Bericht über den Vierlingssegen einer türkischen Familie mit elf Kindern in einer Zwischenüberschrift: „Die Sehnsucht der Schwestern nach einen Brüder“. Das Gute ist: Auch der Journalist könnte sich notfalls von Hartz IV ernähren.

Der Grenzbereich zur politisch-korrekten Hofberichterstattung, zu deren Schlampereien es demnächst einen eigenen Post geben wird, ist tangiert, wenn in einem Bericht über eine Berliner Lichterinstallation, die als „Lichter für Toleranz und Vielfalt“ beschrieben wurde, noch einmal ein fast wortgleiches Politikerzitat angefügt wird, nur dass es dann heißt „Die Installation versteht sich als Zeichen für gesellschaftliche Vielfahrt und Toleranz“. Aber hoffentlich wenigstens mit Tempo 30.

Unterschied zwischen Raub und Diebstahl

Fehlende Kompetenz paart sich auch mit fehlender Sorgfalt, wenn man nicht merkt, was man da eigentlich schreibt. Wenn es etwa in der Überschrift heißt „Kinder mögen Süßes, das bestimmt die Genetik“. Der Genetik ist ja bestimmt einiges anzulasten, aber dass sie schon die Geschmacks-Gene von kleinen Kindern ändern können, dürfte vorerst ein (Medien-)Gerücht bleiben. Lediglich stillos ist es, wenn die Überschrift fragt „Wer bitte zerstört einen Kuschel-Raum?“ Anscheinend hatte ja schon jemand die Kita verwüstet, und man muss nicht mehr um Nachahmer bitten. Und wenn die “Letzte Lotto-Ziehung live im Fernsehen“ angekündigt wird, kommt man erst nach einigem Überlegen darauf, dass es sich um die letzte Lotto-Live-Ziehung gehandelt haben mag und das Ende dieses staatlich organisierten Volksbetrugs keineswegs eingeläutet wurde.

Was aber ist von der fachlichen Kompetenz unserer aktuellen Journalistengeneration zu halten, wenn ungestraft in der Überschrift zu lesen ist „Diebe gehen immer brutaler gegen Wohnungsmieter vor“? Vielleicht hat man ihnen den Verstand geraubt? Wenigstens in der Polizeiredaktion sollte man doch den Unterschied zwischen Raub und Diebstahl kennen.

Neil Young ist nicht Neil Armstrong

Richtig schlimm wird es, wenn der Leser mit falschen Fakten desinformiert wird. Als der große amerikanische Fernsehsender NBC den Astronauten Neil Armstrong mit dem Sänger Neil Young verwechselte, wird sich der noch lebende Altrocker schon darüber gewundert haben, dass man über ein Staatsbegräbnis für ihn nachdenke. Als Faustregel gilt, dass die größten sprachlichen Schlampereien im Sport und die schlimmsten inhaltlichen Fehler ausgerechnet in der Wissenschaftsredaktion passieren.

Ist den Typen nicht aufgefallen, dass es sich nicht wirklich um eine rasante Steigerung handelt, wenn neuerdings der Rhein seit 15 Millionen Jahren durch Europa fließen soll, wo doch vorher zehn Milliarden Jahre angenommen wurden? Und warum schreibt man in einer Überschrift, dass sich geologisch die Kontinente Amerika und Europa nähern (tatsächlich schreiben sie sogar annähern, was ich aber im Sinne besserer Verständlichkeit hier schon korrigiert habe), während es im Text offensichtlich darum dreht, dass sie sich entfernen?

Wenn es um die Wurst geht

Ein völlig wirrer Artikel über kommende Raumschiffgenerationen wird noch getoppt durch die dazugehörige Bildunterschrift „Nautilus-X ist nicht windschnittig, doch das muss die Raumfähre in der Schwerelosigkeit des Alls nicht sein“. Da hätte ein studierter Wissenschaftsredakteur vielleicht mal merken können, dass der Windschnittigkeit, wie der Name schon sagt, die Gravitationsverhältnisse vollkommen egal sind, sondern es dabei auf den Wind oder vielmehr die Atmosphäre bzw. in diesem Fall das Vakuum des Weltraums ankommt.

Tragikomisch ist auch die Meldung, dass schon Babys Sprachen voneinander unterscheiden können, weil im Englischen die Artikel kürzer sind als die Hauptwörter. Na klar, das ist ja auch im Deutschen und Französischen vollkommen anders. Nur noch tragisch ist es aber, wenn der Inhalt im Interesse einer Botschaft verfälscht wird. Da heißt es beispielsweise in der Unterüberschrift „Wer täglich mehr als 40 Gramm Fleisch ist, riskiert den Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, obwohl es in dem Text nur um die Wurst geht und die Risiken, die speziell beim Räuchern, Salzen oder Pökeln dieser speziellen Fleischzubereitung entstehen.

Bewegung und weniger Genüsse

Auffällig, dass gerade bei Themen, die von neuen Ideologien wie Klimawandel, Wellness oder Political Correctness besetzt sind, die von den Chef-Journalisten gebastelten Überschriften dem oft eher sachlichen Text besonders eklatant widersprechen. Etwa so: „Jeder hat die Chance, in Gesundheit zu altern“. Eine zynische Überschrift und hier auch ein zynischer Text, die zusammen für zumindest jeden chronisch oder erbkranken Menschen ein Schlag ins Gesicht sind. Genauso verwerflich ist die in so vielen ähnlichen Artikeln transportierte Unterstellung, mit mehr Bewegung und weniger Genüssen würde es uns allen bis ins hohe Alter gutgehen. Und wem es nicht gutgeht, der ist also selber schuld und muss, wenn er dem Arbeitslosenmarkt nicht mehr bis ins hohe Alter zur Verfügung steht, sehen, wo er bleibt.

Manche glauben, das Problem mit den Medien sei, dass sie immer mehr zu einem Instrument der Gängelung und der Verdummung werden. Dies ist zwar richtig, aber nicht nur. Auch die Medien selbst sind Opfer von Gängelung und Verdummung. Der Springer-Verlag hat es beispielhaft vorgeführt, als er bei der Berliner Morgenpost die Mitarbeiterzahlen so weit reduzierte, dass ein seriöses Arbeiten schlicht unmöglich wurde. Die traditionsreiche Zeitung war, wie auch das Hamburger Abendblatt und eine Reihe auflagenstarker Zeitschriften für ihn ein bloßes Renditeobjekt, das solange ausgequetscht wurde, bis es genau wegen dieser ungesunden Verschlankung für die Funke-Gruppe so attraktiv wurde, dass diese dafür 920 Millionen Euro auf den Tisch legte.

Verzicht auf kritisches Denken

Die Manager des Niedergangs glauben, dass sie unbegrenzt an der Renditeschraube drehen können, weil ihnen die inhaltliche und formale Qualität egal ist. Sie glauben auch, dass die Leser sich das unbegrenzt gefallen lassen, weil ja in allen Konkurrenzprodukten das gleiche passiert. Deshalb gehört es zu dieser virtuellen Welt dazu, dass sie ihre selbst verschuldeten Auflagenverluste ausschließlich dem Internet vorwerfen.

Gleichzeitig ziehen diese verantwortungslosen Verantwortlichen sich eine neue Generation von Journalisten heran, die für ein Viertel des Lohns rund um die Uhr anwesend ist und zum Ausgleich auf sprachliche Fähigkeiten und kritisches Denken verzichtet. Als ich in den achtziger Jahren beim Berliner Tagesspiegel volontierte, flog noch jeder raus, der Trage mit Bahre verwechselte oder „gewunken“ schrieb. Heute werden diese Fehler von den jung-dynamischen Chefs in die Texte notfalls noch reinredigiert. So sind die Medien einerseits ein Transporteur des Niedergangs wie auch sein prominentes Opfer.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel