So wird der Kunde domestiziert

Der Überfluss in den Supermärkten ist ein Überfluss an überflüssigen Produkten. Da stellt sich die Frage: Wie kommt es trotz Marktwirtschaft zu solcher Mangelwirtschaft?

 

Nicht alles ist Käse, aber mit dem Käse geht es doch eigentlich schon los: Wer hat einmal versucht, in einem Discounter seiner Wahl eine Packung Doppelrahmfrischkäse zu kaufen? Den richtigen, den weißen, den Vater aller Frischkäse? Den, der im Volksmund zumeist und zu unrecht auf „Philadelphia“ reduziert wird? Dann wisst ihr, wovon ich spreche. Der ist nämlich meistens nicht zu haben.

Stattdessen hat der Hersteller Varianten auf Lager mit Knob- und Bärlauch, fettarm und –frei, mit Joghurt und Schmand, rot und grün, mit Kräutern und Gewürzen. So gut wie kein Mensch will das künstlich aufgepumpte Zeug essen, weshalb man in einem zerwühlten Haufen von Käsefälschungen wühlen muss, stets hoffend, doch noch ein Original zu erhalten. Für die Variante „Natur“ müsste man eigentlich inspiriert wie einst Gerd Müller exakt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Und das Phänomen beschränkt sich keineswegs auf den einen  Hersteller. Wie kommt es trotz Marktwirtschaft zu solcher Mangelwirtschaft?

Produkte, die niemand braucht

Vordergründig, weil von jeder Sorte fair und demokratisch in Sortimentstableaus immer die gleiche Anzahl abgepackt wird. In Deutschland gibt es eben keine diskriminierten (Käse-)Minderheiten mehr. Was aber vom Verbraucher nicht gewollt wird, bleibt nicht nur beim Käse trotzdem liegen. Warum also produzieren die Betriebe mit erhöhtem Aufwand Dinge, die nachweislich nicht gebraucht werden? Oder besser gefragt, warum zieht sich das Phänomen seit vielen Jahren durch alle Discounter, ohne dass über Kommunikation mit dem Handel oder über Remittenden das Problem irgendjemand zu Bewusstsein kommt?

Der Kommentar ausgewählter befragter Verkaufskräfte in den Filialen ist ein Teil der Antwort: ein „Häh?“, mit einem stimmlosen „Lass mich doch in Ruhe, du Penner“. Und hier sind wir schon beim eigentlichen Thema dieses Posts: bei der Dienstleistungsgesellschaft. Denn beim Philadelphia-Phänomen ist der Käse mit dem Käse nicht gegessen, sondern es geht sozusagen um die Wurst: Als Mann versuche man doch mal, in einem Schuhgeschäft im Herbst ein paar ordentliche, angenehm zu tragende Winterstiefel oder im Frühjahr etwas Luftiges zu bekommen.

Überfluss an Mangel-Erscheinungen

Oder, in abgeschwächtem Maße, das beliebte „Gold“-Bier in einem Wust obskurer Biersorten (Penny hat seinen Verkaufsrenner gleich ganz aus dem Sortiment genommen). Oder wo gibt es noch Jeans ohne Zwangslöcher oder Stickgirlanden. Nicht zu vergessen, dass der Buchhandel Unmengen Bücher praktisch direkt für den Grabbeltisch produziert, während ein wegweisendes Werk wie „Chaos mit System“ von einem gewissen Konrad Kustos froh sein muss, wenn es von einem Kleinverlag herausgebracht wird.

Letzteres natürlich nur nebenbei, denn jeder könnte aus der eigenen Erfahrung die Liste eines solchen so unnötigen wie unverständlichen Überfluss an Mangel-Erscheinungen nach kurzem Überlegen sicher beliebig verlängern. Das Philadelphia-Phänomen wirkt auch über den Einzelhandel hinaus.

Grundlage von Zivilisation

Im kommunalen Bürgerbüro etwa winden sich an einem Schalter die Warteschlangen gleich mehrfach um die Plastikpalmen, während am anderen Schalter die Beamten wie einst Fox Mulder aus Langeweile Bleistifte an die Bürodecke werfen. Und was sollen die arbeitslosen Facharbeiter und Ingenieure jenseits der 40 sagen, für deren nicht existierende Jobs dringend Auszubildende und aufwändig anzuwerbende Inder gesucht werden?

Das alles lässt sich nicht mehr mit zufälligen Missgeschicken erklären, das ist ein Chaos mit System. Selbstverständlich wäre es möglich, Angebot und Bedarf besser aufeinander abzustimmen, wenn die Beteiligten miteinander kommunizierten. Genau das, also die Grundlage von Zivilisation, ist den Wirtschaftsprozessen des Niedergangs aber weitgehend abhanden gekommen. Ohne Kommunikation ist die Korrektur von Fehlern nicht möglich, sie bleiben erhalten, während neue sowieso dazukommen. Es entwickelt sich eine Fehlerlawine.

Sinnlose Neuerungen

Je komplizierter und anspruchsvoller die Distributionstheorien, die an den Fachschulen gelehrt werden, desto mehr verstecken sich die Beteiligten hinter virtuellen, standardisierten, dysfunktionalen Abläufen. Vielleicht ist es aber auch nicht nur Kommunikationsunfähigkeit, sondern sogar Kommunikationsunwilligkeit? Sind also die Produktverantwortlichen so verliebt in ihre Ideen, dass sie nicht mehr hören wollen, was daran falsch sein könnte? Müssen sie sinnlose Neuerungen zum Erfolg quälen, indem sie im eigenen Hause die Konkurrenz des traditionell Erfolgreichen abwürgen, um dem Chef ihre innovative Effizienz zu beweisen?

Den Händlern jedenfalls ist alles egal, weil sie ja warten können, bis der Kunde dann doch, der Not gehorchend, den postmodernen Kräuterkäse kauft. Oder er schlägt nach ausreichender Regallagerzeit 30 Cent drauf und verkauft ihn als Frischrahm-Schimmelkäse.

Print Friendly, PDF & Email
Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel