Der Wahnsinn hinter unserer Bio-Ernährungsdiktatur
Der Wahnsinn hinter unserer Bio-Ernährungsdiktatur

Der Wahnsinn hinter unserer Bio-Ernährungsdiktatur

Im Biowahn werden zum einen Schuldgefühle erst erzeugt und dann ausgenutzt. Zum anderen manifestiert sich darin ein klassisches Dekadenzphänomen. Gesund ist das nicht.

 

Der Edel-Italiener hat seine berühmte Bohnensuppe zwar noch im Angebot, doch verweist er auf der Speisekarte zeitgemäß darauf, welch schändliche Folgen die auf Genuss folgende Furzerei für das Weltklima hat. Was waren das noch für Zeiten, in denen man die Bohnen schlicht mied, um seine Mitmenschen nicht mit den biologischen Folgen zu traktieren.

Nun wird politisch korrekt gegessen – also auch auf den schnellen Hamburger verzichtet, denn der kommt von Kühen, und na, Ihr wisst schon… Aber nicht nur wegen der großen Fragen der Welt, sondern auch hinsichtlich persönlicher Betroffenheit muss sich das Essen inzwischen ideologischer Angriffe erwehren. Ganze Kohorten von selbsternannten Ernährungsexperten erzählen uns, was unserer Gesundheit guttut. Und wie es bei Experten häufig und bei Ideologen meistens so ist, liegen sie damit ganz schön daneben. Dem Geschäft schadet es nicht: „Bio“ ist schwer angesagt.

Romantische Gegenwelt

Bioprodukte haben bei Verbrauchern Hochkonjunktur; ein Umsatzplus von knapp 10 Prozent pro Jahr kann nicht lügen. Mehr als 2,5 Milliarden Euro wurden 2011 in der Hoffnung auf Gesundheit durch Ernährung investiert und auch teilweise deftige Preiserhöhungen schreckten nicht. Im Gegenteil: Was teuer ist, muss ja wohl auch gut sein. So träumen sich Stadtmenschen, die einen Acker und eine Kuh nur aus dem Fernsehen kennen, eine romantische Gegenwelt von Gerechtigkeit, Gesundheit und Beherrschbarkeit der Natur.
Der Wunsch, auf Nummer sicher zu gehen, ist nachvollziehbar angesichts der für den Verbraucher nicht mehr überschaubaren Risiken von der Gentechnologie, über Bestrahlung, Antibiotika, Geschmacksverstärker und andere versteckte Dickmacher bis hin zur Vitaminfreiheit durch Züchtung oder Lagerung. Doch bei einem kollektiven Umkehrschluss von allzu künstlicher Natürlichkeit reagiere ich natürlich allergisch.

Krankheitserreger im Bio-Anbau

Dazu musste es auch nicht umformatierte Bio-Eier im letzten Februar oder die EHEC-infizierten Sprossen geben, die 2011 mehr als 50 Todesopfer forderten und wohl von einer Biogärtnerei in der Lüneburger Heide stammten. Zufälle oder kriminelle Einzelfälle geschehen, und die hygienischen Zustände in der Massentierhaltung sind in der Tat ein systemisches, gesundheitsgefährdendes Problem.
Doch das garantiert dem Bio-Essen keinen Heiligenschein. Laut Focus, dem ich hier einige Fakten entnehme, fanden Wissenschaftler in einem Amsterdamer Labor unter 120 Gemüseproben sieben, die mit gefährlichen resistenten Bakterien verseucht waren. Fünf der sieben stammten aus dem Biolandbau. 2006 nahm eine Ladenkette in Österreich Biohirse aus den Regalen, sie enthielt Stechapfelsamen. Schon 15 dieser Samenkörner können für einen Erwachsenen tödlich sein. Und noch grundsätzlicher: In einer Auswertung von 54 Lebensmitteluntersuchungen heißt es bei der Stiftung Warentest: „In unseren Tests schnitten viele Bioprodukte bei der mikrobiologischen Prüfung schlecht ab.“

Fäkalien und Ungeziefer

All das könnten immer noch Zufälle sein, doch die ideologischen Prämissen des Bio-Kults stellen der eigentlich guten Idee immer wieder Beine. Wir wollen gar nicht von jener Ökolandwirtschaft reden, bei der man die Saat bei Vollmond ausbringen muss. Aber es gibt Tabus wie den Verzicht auf Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel und Konservierungsstoffe, die Folgen haben. Wer keinen Kunstdünger benutzt, der muss mit Scheiße düngen, und kaum etwas ist mit mehr Keimen besetzt als diese.

Ohne moderne Konservierungsmethoden wurden in früheren Zeiten ganze Dörfer durch verdorbene Nahrungsmittel, durch Schimmel, Maden und Bakterien, ausgelöscht. Und wer keine Pestizide benutzt, holt sich gegebenenfalls Krankheiten und Ungeziefer auf seine Erzeugnisse.

Weisheiten der Biogötter

Pflanzen wachsen, wenn sie mit den richtigen Nährstoffen versorgt werden. Warum die nun nicht aus dem Kunstdünger kommen sollen, wohl aber aus Fäkalien, wissen die Biogötter. Zu den Pestiziden, sagt der Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, Andreas Hensel, sie seien nach Wahrnehmung der Verbraucher „böse Chemie“ während die oftmals viel höhere Gefahr durch natürlich vorhandene Gifte verharmlost werde.
Laut Robert-Koch-Institut erkranken jedes Jahr 150.000 bis 200.000 Menschen in Deutschland durch biologische Verunreinigungen auf Lebensmitteln. 5000 Amerikaner sterben jährlich durch Lebensmittelinfektionen. Umgekehrt haben Untersuchungen ergeben, dass die von natürlichen Chemikalien in Obst und Gemüse ausgehende Krebsgefahr 10.000-mal höher ist als die von Pestizidrückständen. Allein der Kohl produziert zur Abwehr von Fraßfeinden 49 giftige Stoffe, was Bioverbände dann schon mal als „sekundäre Pflanzenstoffe“ schönen, die einen wichtigen Beitrag zur gesunden Ernährung leisteten.

Zuviel des Guten

Und selbst wenn alles mit der Biomasse in Ordnung sein sollte, kann der menschliche Körper schon durch ein Zuviel-des-Guten Schaden nehmen. So warnte Stiftung Warentest kürzlich vor Multivitaminsäften, weil beispielsweise durch das Provitamin A im Karottensaft das Risiko für Lungenkrebs steige.
Das Grundproblem bei den geltenden Heilslehren ist nämlich, dass kein Mensch so richtig weiß, was und wie viel wirklich gesund ist. Vor- und Nachteile sind in strittigen Fällen meistens nicht bestimm- oder quantifizierbar, und deshalb entweder nur intuitiv oder eben ideologisch einzuordnen. Also kann jeder kommen und aus dem Nichtwissen Kapital schlagen.

Eine Biolehrerlehranstalt schwärmt im Internet, Ernährung helfe bei Haarausfall und bei der Krebs-Prophylaxe; Chlorophyll schütze, nähre, vitalisiere und heile. Natürlich versorge eine vegane Ernährung „perfekt mit allen Nähr- und Vitalstoffen“. Nur im Kleingedruckten am Ende wird relativiert: „Wir übernehmen keine Haftung für Schäden irgendeiner Art, die direkt oder indirekt aus der Verwendung der Angaben entstehen.“

Klassisches Dekadenzphänomen

Ein amerikanischer Farmer erzählte mir einmal, dass er seine schönen Äpfel an die Supermärkte verkaufe, seine missratenen hingegen an die Biomärkte. Die Biostandards sind vage, müssen vage sein, denn wie wollte man hier objektiv standardisieren? Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes darf sich nun selbst ein Mineralwasser „Bio“ nennen: Was an einem Wasser wohl Bio sein soll?
Hier manifestiert sich ein klassisches Dekadenzphänomen. Weil es den Leuten zu gut geht, wollen sie immer mehr investieren, um ihren Status zu sichern, ohne überhaupt zu wissen, was gut für sie ist. Am Fressen, Saufen und faul auf der Couch Liegen will man nichts reduzieren, also kauft man sich scheinbar Gesundheit.

Tarifbetrug im Bioladen

Diese Investitionen kommen Geschäftemachern gerade recht, die sich mit absurden Versprechungen überbieten. Es ist bei der angesagten Goldgräberstimmung sicherlich auch kein Zufall, dass viele Bioläden ihren Mitarbeitern dramatisch schlechte Löhne zahlen. Der Berliner Marktführer „Bio-Company“ mit 26 Geschäften hält sich genauso wenig an den Tariflohn wie der bundesdeutsche Spitzenreiter „Denn’s Biomarkt“ (inklusive Deppen-Apostroph). Eine Kassiererin geht mit 7,50 Euro statt den tariflich zugesicherten 10,66 Euro nach Hause. Die Gewerkschaft Verdi berichtet von regelmäßigen unbezahlten Überstunden.
Sicher erleichtert den Ketten auch der moralische Impetus der Branche die Ausbeutung. Schließlich dient die unbezahlte Mehrarbeit einer guten Sache – und deshalb gibt es auch nach Selbstaussage „attraktive Zusatzangebote“ für die Freizeit (welcher Freizeit?) der Mitarbeiter: Theater, Chorsingen, Yoga und eine Bieneninitiative.

Ohne Gluten und Laktose

Weil es so schick klingt, stürzen sich währenddessen kaufwillige Konsumenten nun bar jeder Nahrungsmittelunverträglichkeit auch zunehmend auf laktosefreie Produkte, boykottieren Gluten und Fruktose, weil sie glauben, das mache schlank, und die Amerikaner haben mal wieder der Zeit voraus erkannt, dass Getreide dumm macht. Der Berliner Starkoch Tim Raue kocht nur noch gluten- und laktosefrei, dies passe zu seinem leichten, asiatischen Kochstil … Der größte deutsche Anbieter glutenloser Nahrung wächst dementsprechend jährlich um 10-15 Prozent. Dabei beschwört jede Diät, selbst wenn sie sinnvoll ist, die Gefahr von Mangelerscheinungen herauf.
Kein Wunder, dass es inzwischen laktosefreien Schinken und entsprechende Putenbrust zu kaufen gibt, obwohl diese Lebensmittel ohnehin keine Laktose enthalten. Ebenso kein Wunder deshalb, wenn die Preise dann fast doppelt so hoch sind. Aber was tun wir nicht alles für unsere virtuelle Gesundheit.

Übersprungshandlungen

Im Biowahn werden Schuldgefühle erst erzeugt und dann ausgenutzt. Der Mensch glaubt in unserer immer noch protestantisch geprägten Kultur, er sei für seine Krankheiten selbst verantwortlich. Dabei ist er das in der Regel nicht, sondern seine Gene oder seine Umwelt. Dennoch fühlt er sich verpflichtet, seinen „unsittlichen“ Lebensstil mit diversen Übersprungshandlungen zu kompensieren. Die Ärzte spielen das Spiel mit. Weil sie meist keine Ahnung haben, wo das Problem liegt, empfehlen sie gebetsmühlenartig Bewegung, Alkoholverzicht, wirkungsfreie Nahrungsergänzungsmittel und eben „gesunde Ernährung“. Wenn der Betroffene dann zufällig ein nichttrinkender Sportler ist, wird er eben zum Psychotherapeuten geschickt.
Richtig ist hier der Umkehrschluss: Psychische Gesundheit ist in jedem Fall vom Lockerlassen und manchmal auch vom schuldkomplexfreien Überschreiten von Grenzen abhängig. Eine Ernährungsdiktatur lässt verkrampfen und einseitige Strategien verfolgen. Was für unsere körperliche Disposition das Beste ist, erfahren wir nicht aus fragwürdigen Studien und kommerziell oder esoterisch instrumentalisierter Volksweisheit, sondern am ehesten durch persönliche und kollektive Erfahrungswerte.

Essen, was schmeckt

Gesundheit kann man sowieso nicht kaufen, auch nicht über den Umweg teuer oder kompliziert erworbener und zugeführter Lebensmittel. Selbstverständlich kann man sich die Gesundheit aber durch eine schlechte Ernährung versauen. Die Wahrheit liegt also wiedermal in der Mitte. Auf jeden Fall ist das, was als gesund verkauft wird, in der Regel nicht gesundend, sondern höchstens möglicher Teil einer gesunden Ernährung. Die Einflussnahme ist dabei aber verschwindend gering, denn der Körper zieht sich fast alles, was er braucht, aus jeder verfügbaren Nahrung.
Deshalb empfehlen entspannte Ernährungswissenschaftler auch Fleisch als wesentliches Nahrungsmittel, denn wer alle lebenswichtigen Stoffe rein pflanzlich beziehen wolle, müsse sich in Ernährungsdingen sehr gut auskennen und diszipliniert speisen, um keinen Mangel zu erleiden. Und sie raten ebenso entspannt, nur bei wirklichem Hunger und genau das zu essen, von dem man weiß, dass man es mag.

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Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel