Der dubiose Gurlitt-Kunstschatz und seine surreale Geschichte
Der dubiose Gurlitt-Kunstschatz und seine surreale Geschichte

Der dubiose Gurlitt-Kunstschatz und seine surreale Geschichte

Er galt als verschwunden, bis Reporter von „Paris Match“ ihn aufspürten. Wer ist dieser Mann, der in München-Schwabing einen Milliarden-Kunstschatz lagerte? Eine Geschichte voller Widersprüche.

Die Nachricht war ein Paukenschlag. Zollfahnder konfiszierten in einer Münchener Wohnung 1.500 Kunstwerke im Schätzwert von ca. 1 Milliarde Euro. Die Umstände dieses Fundes werfen jedoch viele Fragen auf. Zum Beispiel wie diese große Sammlung von weltbekannten Künstlern fast 70 Jahre vor allen Behörden verborgen bleiben konnte. Nach allen zugänglichen Informationen muss man davon ausgehen, dass der Verbleib dieser Schätze bekannt war.

Dieser Tage veröffentlichte Focus-Online den Artikel über die „Meisterwerke zwischen Müll – Fahnder entdecken in München Nazi-Schatz in Milliardenhöhe“, der auf eigenen Informationen beruhgte. Anschließend folgten darüber Berichte in sämtlichen Medien. Die wirklich spannenden Fragen blieben jedoch selbst in der daraufhin eiligst von der Staatsanwaltschaft einberufenen Pressekonferenz unbeantwortet oder wurden erst gar nicht gestellt. Im Gegenteil: So wurde die Zurückhaltung der Bilder mit der genauen Prüfung begründet, aber gleichzeitig vermittelt, dass nur eine einzige Kunsthistorikerin  die 1.500 Bilder begutachtet. Neben diesen Widerspruch ranken sich viele Merkwürdigkeiten um diese Geschichte. Hier soll versucht werden, die Lücken und die Geheimnisse offen zu legen und diese mit Fragen zu füllen.

Beauftragter von Goebbels

Die Beschlagnahmung der gefundenen Kunstwerke erfolgte bereits zwischen dem 28. Februar und 2. März 2011, also vor über zwei Jahren. Grund für die Hausdurchsuchung war ein Verdacht auf Steuerhinterziehung. Der Verdacht ergab sich aus einem Ereignis, das wiederum vier Monate zurück lag. Aber gehen wir die bisher vorliegenden Informationen einmal chronologisch durch.

Der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt war einer von vier Beauftragen des Propagandaministers Goebbels, die für die Veräußerung der „entarteten Kunst“ zuständig waren, die das Naziregime beschlagnahmte. Durch seine Kontakte und Fachkenntnis gelang es ihm im Laufe der Kriegsjahre eine beachtliche Privatsammlung mit mehr als 100 Werken anzulegen. Nach Kriegsende wurden diese Bilder im Jahr 1945 von den Alliierten beschlagnahmt. Hildebrand Gurlitt musste durch das Entnazifizierungsverfahren. Da er nie offiziell einer Nazi-Organisation angehörte, er eine jüdische Herkunft nachweisen und sich als „Retter“ für die von den Nazis verschmähte Kunst beweisen konnte, überstand Gurlitt die Verhöre erfolgreich und bekam nach fünf Jahren bis auf zwei alle seine Bilder wieder zurück. Das klingt bis hierhin nicht unschlüssig. Merkwürdig ist jedoch folgendes: Allein im Juni 1944 erwarb er in Paris Kunstschätze für über drei Millionen Reichsmark für das „Führermuseum“ in Linz.

Kunstschätze angeblich verbrannt

„Der Dresdner Kunsthändler gehörte nicht nur zu den offiziellen ‘Verwertern’, die mit den 1937 in allen deutschen Museen sichergestellten Werken ‘entarteter Kunst’ handeln durften. Er hatte auch direkten Zugang zu den Berliner Speichern und Depots, in denen die Nazis etwa 20000 konfiszierte moderne Werke lagerten“, schreibt das Jugendmagazin der Süddeutschen, „Jetzt“.

Viele der für die Nazis gehandelten Bilder behielt Hildebrand Gurlitt für sich. Auf Nachfrage der Alliierten nach deren Verbleib gaben diese sich mit der Erklärung zufrieden, dass die Kunstwerke in der Villa seines Elternhauses gelagert und während des Dresdner Feuersturms, dem Flächenbombardement 1945, verbrannt wurden. Was aber die Alliierten mit einer einfachen Nachforschung vor Ort – neben des Nichtfindens von entsprechender Asche – hätten herausfinden können:

„Dr. Matthias Lienert hat all das in einem Forschungsprojekt untersucht: Die Villa der Eltern wurde beim Bombenangriff auf Dresden am 13. und 14. Februar zerstört, bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Aber der Keller ist intakt geblieben. Und es ist verbürgt, dass die Witwe von Cornelius Gurlitt, die Marie Gurlitt, im Keller nach dem Angriff lebte.” mdr-info, 5. 11.2013

Geldquellen für Geheimdienste?

Es stellt sich also die Frage, ob Hildebrand Gurlitt seine Kunstsammlung nur unter Auflagen zurück erhalten hatte. Wäre es möglich, dass Gurlitt die angeblich verbrannte Sammlung im Sinne der US-Besatzer aus Dresden, dem damaligen Sektor der Sowjetunion, in den Westen schaffen und dort für die Amerikaner weiter verwahren sollte? Diente diese Schatzkammer vielleicht als eine der geheimen Geldquellen, über die die Geheimdienste im Kampf gegen den Kommunismus Operationen und Organisationen wie z.B. Gladio finanzierten? Das klingt spekulativ. Nur muss man auch diese Frage stellen, denn es bleibt weiter dubios.

In diesem Münchener Wohnhaus befand sich die Wohnung mit den Bildern / Foto: GEOLITICO

In diesem Münchener Wohnhaus befand sich die Wohnung mit den Bildern / Foto: GEOLITICO

Hildebrand Gurlitt konnte nach dem Krieg seine Kenntnisse weiterhin verwerten und nutzte dafür seine internationalen Kontakte. 1948 wurde er Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen. 1956 kam Gurlitt bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Sein Sohn Cornelius war zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Wenn bei den Behörden auch nur den geringste Verdacht blieb, dass der bedeutende Kunstschatz noch existierte und eben nicht wie von Gurlitt angegeben verbrannte, dann hätten sie spätestens jetzt die Verbliebenden und deren „Nachlass“ wieder ins Visier genommen. Man muss mit einer hohen Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die US-Behörden sich nicht so einfach beirren ließen – nicht bei einer international so bedeutenden Sammlung.

Alles gelogen

Bis zum Jahr 2010 blieb der Kunstschatz nach heutigem Kenntnisstand verschollen und die Familie Gurlitt verschwand aus dem Licht der Öffentlichkeit. Nur die Witwe Helene Gurlitt wurde im Zusammenhang der angeblich vernichteten Bilder und den dazu gehörigen Unterlagen erwähnt, deren Verbrennung sie noch einmal in den 1960er Jahren bestätigte. 2010 kam nun durch einen „Zufall“ heraus, dass sowohl sie als auch Hildebrand Gurlitt gelogen hatten. Zu diesem Zufall kommen wir noch. Aber gab es schon vorher Hinweise darauf, dass die Gurlitts Zugang zu diesem vermissten Schatz hatten? In Wikipedia heißt es dazu:

„Der österreichische Kunsthistoriker Alfred Weidinger zeigte sich über die angebliche Entdeckung dieser Sammlung verwundert, ihre Existenz und Ausmaße sei allen Kunsthistorikern im süddeutschen Raum bekannt gewesen.“

In der 3sat-Sendung „Kulturzeit“ vom 6.11.2013 wurde der Galerist Eberhard Kornfeld in Bern interviewt. Dieser erzählte, dass er vor 23 Jahren, im Jahr 1990, das letzte Mal geschäftlichen Kontakt mit Cornelius Gurlitt hatte, als dieser drei Bilder lieferte. Auf die Nachfrage, ob es einen Verdacht gab, dass diese Bilder unrechtmäßig zu Gurlitt gekommen sind, antwortete Kornfeld:

„Also unrechtmäßig liegt bei ihm vielleicht Einzelnes an Raubkunst. Aber der ganze Bestand, der aus der „entarteten Kunst“ stammt, den also die Nazis beschlagnahmt, dann verkauft haben, das hat er rechtmäßig besitzen und durch Erbschaft erworben.“

Medien und Finanzbehörde werden stutzig

Letzter Kontakt vor 23 Jahren? Nach den Berichten der Augsburger Staatsanwaltschaft fiel Cornelius Gurlitt bei einer Routinekontrolle auf der Bahnfahrt von Zürich nach München auf. Das war am 22. November 2010. Er führte 18 druckfrische 500-Euro-Scheine bei sich, also 9.000 Euro. Bemerkenswert hierbei sind zwei Fakten. Erstens: Bis zu 10.000 Euro dürfen als Bargeld ausgeführt werden, es lag also keine strafbare Handlung vor. Zweitens: Gurlitt soll angegeben haben, dass er in der Schweiz die Galerie Kornfeld aufgesucht habe, was Kornfeld jedoch in der Sendung „Kulturzeit“ indirekt bestritt. Trotzdem: Der Sohn aus einer berühmten Kunsthändlerfamilie war demnach in Sachen Kunst unterwegs. Das soll die Fahnder stutzig gemacht haben?

Gurlitt rückte plötzlich in den Blickpunkt der Behörden, allen voran der Finanzbehörde. Bis diese schließlich eineinhalb Jahre später, am 28. Februar 2012, die Münchener Wohnung von Cornelius Gurlitt durchsuchte und dabei auf den Kunstschatz mit 1.500 Werken gestoßen war. Bekannt wurde dieser überraschende Fund erst durch Focus-Online. Von wem und aus welchem Grund Focus die Informationen bekam, bleibt im Dunkeln. Der Bundesregierung war der als „geheim“ eingestufte Fall schon Monate vorher bekannt. Und tatsächlich: So als ob nichts in diesem Zusammenhang geschehen wäre, teilte die Bundesregierung noch am 13. Juli 2013 der Öffentlichkeit mit: „Provenienzrecherche und Suche nach NS-Raubkunst wird gestärkt“ und stellte hierfür Fördermittel zur Verfügung.

Papierarbeiten als Indizien

Was kann jedoch nun ausschlaggebend dafür gewesen sein, die geheime Kunstsammlung auffliegen zu lassen, wenn wir spekulativ davon ausgehen, dass Behördenkreise davon gewusst haben? Spiegel-Online folgert richtig:

„In einem Rechtsstaat wie Deutschland verhängt kein Richter einen Beschluss für eine Wohnungsdurchsuchung auf Basis eines legalen Bargeldfundes in der Jackentasche eines Bahnreisenden. Das bestätigt auch Oberstaatsanwalt Nemetz: “Wir hatten andere Indizien, die dem Richter als Anfangsverdacht für die Anordnung einer Hausdurchsuchung vorgelegen haben.“

Welche Indizien? Nach der Kontrolle im Zug im November 2010 tauchte der Name Gurlitt ein Jahr später in einem Artikel der „Zeit“ auf:

„Positive Signale kommen auch aus dem Kunsthaus Lempertz in Köln. Dort sollen am morgigen Freitag zwei Papierarbeiten zum Aufruf kommen, die sich beide vor 1933 im Besitz des berühmten jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim befunden haben. Flechtheim floh Ende Mai 1933 über die Schweiz und Paris ins Exil nach London, wo er im März 1937 starb. Eine davon, Max Beckmanns großformatige Gouache Löwenbändiger von 1930, gehörte schon 1934 dem Kunsthistoriker Hildebrand Gurlitt, der später für die Nationalsozialisten sogenannte »Entartete Kunst« aus deutschen Museen ins Ausland verkaufte.“

Rätselelhafte Reaktionen

Somit war der Öffentlichkeit im November 2011 bekannt, dass Gurlitt ein Gemälde aus seinem fragwürdigen Besitz veräusserte. Das dürfte auch einigen Familien nicht entgangen sein, denen die Nazis die Kunstwerke raubten. Noch immer suchen diese enteigneten Familien nach den gestohlenen Kunstschätzen, um deren Herausgabe zu verlangen.

Als Focus-Online die Berichterstattung am Sonntag in Gang setzte, endete der Artikel mit einem Absatz, dessen Inhalt später nicht mehr auftauchte, der inzwischen jedoch neu gelesen werden kann:

„Zu den jetzt entdeckten Werken zählt auch ein Bild von Henri Matisse, das einst dem jüdischen Sammler Paul Rosenberg gehört hatte. Rosenberg musste vor seiner Flucht aus Paris seine Sammlung zurücklassen. Seine Enkeltochter Anne Sinclair, die Frau des ehemaligen Topbankers Dominique Strauss-Kahn, kämpft seit Jahrzehnten um die Rückgabe der von den Nazis gestohlenen Bilder. Von einem jetzt aufgetauchten Frauen-Porträt von Matisse wusste Anne Sinclair bis heute nichts.“

Wo ist Cornelius Gurlitt?

Fest steht, dass der Verdacht auf Steuerhinterziehung nicht den Ausschlag für die Durchsuchung der Wohnung gegeben hat und der Fund der Kunstsammlung kein Zufall war. Das bestätigte laut Spiegel-Online vom 5.11. 2013 der zuständige Staatsanwalt:

„Auf die Frage, ob Ermittlern, die einem wie auch immer Verdächtigen in welcher Form auch immer auf den Fersen sind, eine Geschäftstätigkeit wie die Versteigerung eines hunderttausend Euro teuren Werkes entgehen könne, lächelt Nemetz verschmitzt: “Kein Kommentar”. Nur so viel verrät er: Die Entdeckung der Gemälde sei “kein Zufallsfund” gewesen.“

Und Cornelius Gurlitt? Er wirkt wie ein Gespenst. Bis er nun Schwabing auftauchte, galt Gurlitt asl verschwunden. Reporter von der französischen Illustrierten „Paris Match“ fanden ihn in München. Das Foto, das „Paris Match“ publizierte, zeigt einen älteren Herrn: graue Haare, karierter Schal, schwarzer Mantel. Laut Staatsanwaltschaft liegt nichts gegen ihn vor. Man hat wohl keine Fragen an den Mann mit dieser Geschichte. In Deutschland ist er nirgendwo gemeldet. In Zeiten von Informationsüberflutung und Google wirkt diese Figur bis heute wie einige der jetzt gefundenen Gemälde: Irgendwie surreal.

Weitere Texte von Björn Kügler/Denkland finden Sie hier.

Über Björn Kügler

Björn Kügler ist freier Schreiber. Auf GEOLITICO beschäftigt er sich vornehmlich mit gesellschafts-politischen und sicherheitspolitischen Themen. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Weitere Artikel