Börsianer spekulieren auf Kredit wie nie zuvor
Börsianer spekulieren auf Kredit wie nie zuvor

Börsianer spekulieren auf Kredit wie nie zuvor

Wir leben in Zeiten der furchtlosen Börsianer. Die US-Wertpapierkredite haben im September ein Allzeithoch von 401 Milliarden Dollar erreicht, schreibt CLAUS VOGT*.

Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse / Quelle: Wikipedia / Christoph F. Siekermann Handelssaal der Frankfurter Wertpapierbörse / Quelle: Wikipedia / Christoph F. Siekermann

 

Nichts befeuert die Phantasie der Börsianer stärker als steigende Kurse. Je länger die Aktienpreise steigen, desto zuversichtlicher werden die Anleger, dass der Aufwärtstrend anhalten wird. Je teurer, desto besser, scheint die Devise zu lauten. Und überaus teuer sind Aktien bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des von der Kreditratingagentur Standard & Poors herausgegebenen „Weltleitindex S&P 500“ von 19,3 Punkten und dem auf den US-Ökonomen Robert James  Shiller zurückgehenden KGV von 24,6 Punkten ja längst.

Aber Banalitäten wie die fundamentale Bewertung, Risikokennzahlen oder schwache Wirtschaftsdaten können euphorisierte Börsianer natürlich nicht beeindrucken. Sie sind in Feierlaune und der festen Überzeugung, dass diese Party niemals enden wird.

Und warum auch nicht? Wer sagt denn, dass jede Party enden muss? Vielleicht hat ja tatsächlich eine neue Menschheitsepoche begonnen. Eine paradiesische Epoche, in der Wohlstand nicht mehr durch harte Arbeit entsteht, sondern durch die magischen Kräfte eines ehemaligen Princeton University-Professors, der die Kunst des Gelddruckens auf eine völlig neue Ebene gehoben hat.

Wetten auf steigenden Preise

Immerhin gab es schon Zeiten, in denen Menschen noch sehr viel absurdere Dinge zu glauben bereit waren: Dass die Erde eine Scheibe sei zum Beispiel. Oder ein Kaiser ein Gott. Oder die Deutsche Telekom ein dynamisches Wachstumsunternehmen. Und heißt es denn nicht, der Glaube könne Berge versetzen?

Wie auch immer dem sei, Tatsache ist, dass die Börsianer zurzeit so bullish sind wie selten zuvor. Beispielsweise befindet sich die Cash-Quote der US-Aktienfonds mit 3,7 Prozent in der Nähe historischer Tiefs. Und in den vergangenen drei Wochen erlebten diese Fonds Mittelzuflüsse von 41 Milliarden Dollar. Das ist der höchste Wert der vergangenen 10 Jahre. Die Bull/Bear-Ratio der Rydex-Fondsfamilie zeigt, dass für jeden Dollar, der hier auf fallende Kurse gesetzt wird, Wetten in Höhe von 5 Dollar auf steigende Preise abgeschlossen werden. Die niedrigen Put-Call-Ratios bestätigen dieses Bild.

Der folgende Chart zeigt Ihnen den Kursverlauf des S&P 500 seit 2007 sowie die Investors Intelligence Bull/Bear-Ratio, ein Sentimentindikator, der auf einer Auswertung der unabhängigen US-Börsenbriefe basiert. Dieser Indikator hat einen Extremwert von 3,19 Punkten erreicht. Wie selten und wann genau das in der Vergangenheit der Fall war, sehen Sie auf dem Chart.

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Wertpapierkredite boomen       

Abschließend zum Thema Sentimentindikatoren möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die US-Wertpapierkredite lenken. Diese wichtige Kennzahl hat im September ein Allzeithoch von 401 Milliarden Dollar erreicht. Der Höchstwert des Jahres 2000 belief sich auf 278 Milliarden Dollar und fiel mit dem Höhepunkt der damaligen spektakulären Aktienblase zusammen.

Erst im Januar 2007 wurde dieser Wert überschritten. Er erreichte im Juli den Höchststand des damaligen Zyklus bei 381 Milliarden Dollar, just als auch die Aktienmärkte ihr Top markierten. Im Gleichschritt mit den Aktienkursen ging es dann bergab. Die Summe der Wertpapierkredite fiel im Februar 2009 auf das zyklische Tief von 173 Milliarden Dollar.

 Furchtlose Börsianer

Die Rekordmarke aus dem Jahr 2007 wurde erst im April 2013 mit 384 Milliarden Dollar leicht überschritten, bevor es im September zu der oben genannten weiteren deutlichen Zunahme des Spekulierens auf Kredit gekommen ist. Die freundliche Börse im Oktober legt in Verbindung mit anderen Sentimentindikatoren die Vermutung nahe, dass sich der Anstieg weiter fortgesetzt hat.

In den vergangenen drei Monaten hat die Geldmenge MZM annualisiert um stattliche 11,4 Prozent zugelegt. Während die Börsianer keine Furcht mehr kennen, deutet dieser scharfe Anstieg des US-Geldmengenwachstums darauf hin, dass den Zentralbankbürokraten der Angstschweiß auf die Stirn getreten ist und sie erneut geldpolitisch Vollgas geben.

Panik unter den Gelddruckern

Warum? Ist es etwa die Angst vor der eigenen Courage? Oder die Angst vor steigenden Zinsen? Oder gar vor dem sich abzeichnenden verheerenden Ende des atemberaubenden geldpolitischen Experiments der vergangenen Jahre, das im Widerspruch zu allen geldpolitischen Erfahrungen und Theorien steht?

Wahrscheinlich verhält sich alles sehr viel banaler. Wahrscheinlich macht sich unter den Herren der Gelddruckmaschine Panik breit, weil sie erkennen mussten, dass die US-Wirtschaft trotz ihrer herkulischen Bemühungen nicht vor dem erhofften Aufschwung steht, sondern vor einer Rezession.

Und Rezessionen müssen in diesen verrückten Zeiten bekanntlich verhindert werden, koste es, was es wolle. Also: Vollgas geben, Augen zu und durch.

Claus Vogt / Foto: Privat

Claus Vogt / Foto: Privat

*Claus Vogt ist Gründer der Vermögensverwaltung Aequitas Capital Partners GmbH, einer auf vermögende Privatanleger und institutionelle Investoren spezialisierten Vermögensverwaltung. 2004 schrieb er zusammen mit Roland Leuschel das Buch “Das Greenspan Dossier”. Mehr zu Claus Vogt finden Sie hier.