Für Deutschland ist die D-Mark Gold wert!

Die Alternative für Deutschland hat die D-Mark-Debatte belebt. Euroanhänger beschwören seither dramatische Folgen für den deutschen Export, die Gesamtwirtschaft und den Arbeitsmarkt. Eine Analyse von JOACHIM JAHNKE.

Schacht 12 der ehemalige Zeche Zollverein in Essen / Quelle: Wikipedia/ Thomas Robbin

Schacht 12 der ehemalige Zeche Zollverein in Essen / Quelle: Wikipedia/ Thomas Robbin

 

Derzeit läuft in Deutschland eine heftige, von den Eurogegnern angestoßene Diskussion über die eventuellen Folgen eines deutschen Austritts aus dem Euro bzw. eines Zerbrechens der Einheitswährung für den deutschen Export und die deutsche Wirtschaft insgesamt. Euroanhänger beschwören dramatische Folgen für den deutschen Export, die Gesamtwirtschaft und den Arbeitsmarkt. Die Gegner halten solche Befürchtungen für weit übertrieben. Auch der Chef des Ifo-Instituts Prof. Sinn hat sich kürzlich dieser Meinung angeschlossen. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit liefern starke Argumente gegen eine Dramatisierung der gesamtwirtschaftlichen Folge eines Scheiterns des Euro oder eines deutschen Euroaustritts.

1. Export und Euro

Rechnet man den Euro seit seiner Einführung 2002 zum Einführungskurs in DM um, so hat die DM ihren Wert über die gesamte Periode seit 1949 gegenüber dem amerikanischen Dollar als der Hauptreservewährung der Welt, in der auch die meisten Handelsgeschäfte Deutschlands mit dem Nicht-Euroraum abgeschlossen werden, fast verdreifacht (Abb. 17829). Dramatische Krisen hat das nicht verursacht. Tatsächlich hat die deutsche Exportwirtschaft in der Regel den Aufwertungseffekt durch vermehrte Anstrengungen um ihre Wettbewerbsfähigkeit aufgefangen und dabei insbesondere die Qualität und das technologische Niveau ihrer Exportpalette nach oben gezogen.

Wechselkurs Dollar zur D-Mark

Andererseits verbilligte jede Aufwertung die Importe und stützte damit sowohl die Industrie von der Kostenseite her wie die Verbraucher, die nun mehr Geld in der Tasche behielten und für den Einkauf deutscher (und anderer) Güter ausgeben konnten, was der Binnenkonjunktur zugute kam. Dementsprechend entwickelten sich zwischen 1991 und dem Jahr 2001 die Gesamtwirtschaftsleistung und die Nachfrage privater Haushalte parallel mit etwa gleicher Steigerungsrate, die im Jahresdurchschnitt bei 1,5 Prozent lag (Abb. 14744).

Entwicklung deutsches Bruttoinlandsprodukt

Mit der Einführung des Euro kam es zwar zu einer Abwertung, was dem deutschen Export nützte. Gleichzeitig aber verschlechtere sich die Entwicklung der Nachfrage privater Haushalte im Inneren auf eine durchschnittliche Steigerungsrate von nur noch 0,6 Prozent. Die deutschen Verbraucher kamen nun nicht mehr in den Genuss der erheblichen, aufwertungsbedingten Verbilligung der Importe wie in früheren Jahren. Sie mussten außerdem weitgehend eingefrorene Löhne und absinkende Sozialleistungen verkraften, weil nun die deutsche Wirtschaft immer einseitiger auf Export getrimmt wurde.

Der abwertungsgestützte Zuwachs im deutschen Export zahlte sich also gesamtwirtschaftlich nicht aus. Zudem beruht vieles der Exportleistung auf dem Subventionseffekt von Krediten an die Europartner, deren Rückzahlung zu großen Teilen derzeit sehr unsicher ist. In der Schlussrechnung kann sich also das Bild der einseitigen Exportorientierung noch erheblich weiter verschlechtern.

Wirkung der Aufwertungen

Soweit die deutsche Wirtschaftsleistung zeitweise zurückging, hatte das wenig mit Aufwertungseffekten der DM zu tun. In einer ersten Phase bis Mitte der 60 Jahre war es das zu erwartende Abflauen des starken Wiederaufbaueffekts in den Nachkriegsjahren, wobei die erstarkte Wirtschaftsleistung ganz natürlich auch die DM gegenüber dem Dollar stärkte.

Die starke Aufwertung zwischen 1985 und dem Ausbruch der internationalen Kreditkrise hatte kaum Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaftsleistung, die erst mit der Kreditkrise in die Rezession rutschte. Anfang der 1990er Jahre gab es zwar bis 1993 einen kurzzeitigen Einbruch der Wirtschaftsleistung, doch der war dem Ende des Wiedervereinigungsbooms zu verdanken. Die verschiedenen Aufwertungen hat die deutsche Wirtschaft also verkraften können.

Seit 1992 kann man wegen der nun vorliegenden Exportdaten den Wechselkurs mit der Exportleistung direkt vergleichen (Abb. 17830). Obwohl zwischen 1995 und der Einführung des Euro 2002 die DM um 51 Prozent aufwertete, stieg der deutsche Export in realen Werten bis zum Jahr 2000 kontinuierlich an. Seit 1994 kam es nur zu einem einzigen Exporteinbruch in den negativen Bereich, und der war im Jahr 2009 der globalen Kreditkrise und nicht dem Wechselkurs geschuldet. Auch zwischen dem Währungsverhältnis und der Exportleistung lässt sich also kein überzeugender Zusammenhang feststellen.

Wechelkurs zum Dollar

Schließlich ist zu berücksichtigen, dass sich bei einem Exporteinbruch, sollte er nach Scheitern des Euro wegen des Aufwertungseffekts anhalten, auch der Wechselkurs einer wieder eingeführten DM an den Devisenmärkten zurückbilden würde. Denn nur ein starker Export hat eine starke Währung zur Folge. Schon deshalb bliebe das Drama in Grenzen.

Nicht vergessen werden darf außerdem, dass die deutsche Exportindustrie inzwischen Vorprodukte in starkem Umfang im Ausland fertigt, dann nach Deutschland importiert und mit dem Endprodukt wieder exportiert. So enthielten schon im Jahr 2006 nach Schätzung des Statistischen Bundesamts die deutschen Warenexporte mit stark steigender Tendenz zu 46,5 % ausländische Wertschöpfungsanteile (Abb. 17831), heute dürfte es etwa die Hälfte sein. Eine Aufwertung der DM würde den Import dieser Vorprodukte entsprechend verbilligen und damit den Effekt jeder Aufwertung auf den deutschen Export stark begrenzen.

Inländische Wertschöpfung

Und noch etwas: Mit einer unterbewerteten Währung verschenkt Deutschland ständig volkswirtschaftliche Leistung, die praktisch unter Wert verkauft wird. Volkswirtschaftlich ist das wirklich unsinnig, zumal die deutschen Verbraucher mit überhöhten Importpreisen die Zeche zahlen und die Exportsubvention aufbringen. Wird der Export auf diese Weise künstlich befeuert, so kommt es zu einer gewaltigen Fehlallokation knapper humaner und sachlicher Ressourcen, die sehr schwer zu korrigieren ist und Deutschland enorm abhängig von der Entwicklung auf den Auslandsmärkten macht.

Ohne den Euro wäre es dazu nicht gekommen und nur außerhalb des Euro wird diese Entwicklung zu korrigieren sein. Solange Deutschland im Euroverbund fährt, zieht die schwache Wirtschaftsleistung an der Europeripherie die gemeinsame Währung notwendigerweise nach unten und macht sie für Deutschland viel zu schwach.

2. Euro und Transferleistungen

Bei der Beurteilung der Folgen eines Zerbrechens des Euros sind aus deutscher Sicht die Kosten des Verbleibs in Form von Transferleistungen und anderen Nachteilen zu berücksichtigen. Dauerhafte Transferleistungen werden in dem Maße immer wahrscheinlicher, wie die Krisenländer unter dem sozialen Druck ihrer Bevölkerungen vor Sparmaßnahmen zurückschrecken und die Haushaltsdefizite und Verschuldung weiter hochfahren. Auch die jetzt unvermeidbar gewordene Verlängerung der Laufzeiten für die Hilfskredite um zwei Jahre ist in dieser Hinsicht kein beruhigendes Zeichen.

Transferleistungen werden auch wahrscheinlicher, wenn die Vergemeinschaftung der Bankenschulden nicht abzuwenden sein sollte. Wenn die EZB über die Notenpresse immer mehr Beistandsleistungen erbringen muss, steigen die Gefahren für die Geldwertstabilität.

3. Euro und die große Politik

Das geflügelte Merkel-Wort „Scheitert der Euro, scheitert Europa“ beschreibt eine Situation, zu der es angeblich keine Alternative gibt. Doch angesichts des sich aufbauenden Konfliktpotenzials ist die Gefahr für Europa mindestens ebenso groß, wenn zu jedem Preis am Euro festgehalten werden sollte.

4. Wo bleibt die Gesamtanalyse?

Leider vermeiden sowohl die politisch in Deutschland Verantwortlichen wie auch die Wissenschaft eine gründliche Analyse aller Umstände. Damit tappt die deutsche Öffentlichkeit im Dunkeln und wird praktisch entmündigt.

 

 Jochaim Jahnke war viele Jahre Mitglied des Exekutivkommittees der Europäischen Bank für Wiederaufbau in London. Er ist Autor vieler Bücher zur Globalisierung, zu finanziellen, sozialen und Umweltfragen. Er betreibt das Infoportal Deutschland & Globalisierung.