Der verschwiegene Prozess mit mysteriösen Spuren zum BND

Die deutschen Medien erwähnen den Luxemburger „Bombenleger“-Prozess mit keinen Wort. Dabei führen seine Spuren über geheime Nato-Armeen direkt zum BND. Der soll  für Terroranschäge veranwortlich sein.

Die deutschen Sicherheitsbehörden werden im bevorstehenden NSU-Prozess sicher einen großen Schaden davon tragen. Eine noch viel größere Sprengkraft dürfte für die Organe jedoch ein ganz anderer Gerichtsprozess auslösen – auch im Bundestag. Denn in Luxemburg wird gerade der „Bombenleger“-Prozess verhandelt.

Die Spuren führen auch zu „Gladio“, den geheimen Nato-Armeen, deren Existenz in Deutschland nie aufgearbeitet wurde. Nun bringt ein Zeuge den Bundesnachrichtendienst (BND) mit dieser Geheimarmee in Verbindung und macht diesen für den Terroranschlag auf das Oktoberfest 1980 in München verantwortlich.

Das Gericht in Luxemburg untersucht im dort genannten “Bommeleeer-Prozess” zur Zeit eine zweijährige Anschlagserie von Mitte 1984 bis 1986. Angeklagt sind zwei Elite-Gendarmen. Von einer Jahrhundertaffäre ist dort die Rede, da für die Aufklärung relevante Akten vernichtet wurden und zahlreiche Hinweise unberücksichtigt blieben. Vermutet wird, dass die Täter bei den Sicherheitsbehörden Unterstützung und schließlich Schutz fanden.

In Deutschlands Presse findet dieser Prozess, deren Verlauf noch andauert und sich wie ein Krimi liest, kaum Beachtung. Was völlig unverständlich ist, denn die Pleiten, Pech und Pannen sind ähnlich frappierend wie die in der Aufklärung der sogenannten „NSU-Mordserie“.

Und es gibt noch eine interessante Verbindung zum NSU-Prozess und dem V-Leuten- und Geheimdienstnetzen in der Bundesrepublik: Am dritten Prozesstag forderten die Anwälte der Verteidigung eine nähere Untersuchung der geheimen Nato-Armee „Stay Behind“ und der Verbindungen zu den Geheimdiensten. Die Verteidigung trägt die Historie dieses in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannten Netzwerkes vor und zitiert das gesamte Vorwort von Dr. Daniele Gansers „Nato-Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung“ (Stichwort „Gladio“, das bisher einzige Standardwerk zu diesem Thema) und führt Verbindungen zwischen dem damaligen Chef des Luxemburger Geheimdienstes (Srel) Charles Hoffmann und der CIA bzw. dem Petagon auf. Pikant:

„Wie das „Luxemburger Wort“  aus zuverlässiger Quelle erfuhr, fand im Januar 2006 tatsächlich ein solches Treffen zwischen Premier Jean-Claude Juncker, Justizminister Luc Frieden, Srel-Chef Marco Mille und dessen Mitarbeitern André Kemmer und Frank Schneider statt – und dieses wurde ohne Wissen der Regierungsmitglieder aufgezeichnet. Thema der Unterredung war unter anderem eine mögliche Verstrickung zwischen Stay Behind und der Bommeleeër-Attentatsserie.“

Am 24. Prozesstag wurde berichtet, dass es bei diesem Treffen auch um die Anwesenheit von Licio Gelli in Luxemburg während der Bombenabschläge ging. Dazu muss man wissen, dass Gelli der Chef der P2-Loge in Italien gewesen ist (zu der übrigens auch Silvio Berlusconi gehörte). Diese geheime Loge kontrollierte bis Ende der 1980er Jahre das politische Geschehen und hatte Verbindungen zum Gladio-Netzwerk, das für diverse Terroranschläge in Italien verantwortlich gemacht wurde („Gladio“ war der Name der Nato-Geheimarmee in Italien). In einem spektakulären Gerichtsprozess wurden all diese Verstrickungen aufgearbeitet, P2 aufgelöst und die Existenz der Nato-Geheimarmeen in Europa nachgewiesen.

Jean-Claude Juncker, noch bis kurz vor Prozessbeginn Chef der Euro-Gruppe, soll nun vor Gericht als Zeuge vernommen werden.

Für einen weiteren Paukenschlag, auch für Deutschland, sorgte schließlich ein neuer Zeuge, der sich bei der Verteidigung meldete. Der Deutsche Historiker Andreas Kramer sagte vor dem Gericht aus, dass sein Vater Mitarbeiter des BND und des „Stay Behind“-Netzwerkes war und als solcher nicht nur die Anschläge in Luxemburg koordinierte, sondern auch für die Terroranschläge in Bologna und dem Oktoberfest in München (beide 1980) verantwortlich war. Selbst wenn dieser Zeuge sich nur wichtig machen will und seine Geschichte sich als frei erfunden herausstellen sollte: Die Existenz und das Wirken dieser geheimen Parallelarmeen in Europa, auch in Deutschland, wird in Luxemburg juristisch aufgearbeitet und festgestellt werden.

Tagesschaubericht über Waffenfunde

1981: Tagesschaubericht über Waffenfunde in der Lüneburger Heide

Ein kurzer Blick zum Oktoberfestattentat 1980: Bei den damaligen Ermittlungen gab es mehrere Hinweise und Zeugen, die der Version vom Einzeltäter wiedersprachen. Diese wurden aber ignoriert und wichtige Zeugen kamen plötzlich zu Tode. Eine der Schlüsselpersonen war damals der Rechtsextremist Heinz Lembke. Dieser belieferte die rechtsextremistische Wehrsportgruppe Hoffmann mit Waffen. Zu dieser Gruppe gehörte auch der angebliche Einzeltäter Gundolf Köhler. Später stellte sich Lembke, Herr über ein gewaltiges Waffendepot, der Polizei, um reinen Tisch zu machen. Doch in der Nacht vor seiner Aussage starb er in seiner Zelle. Mehr dazu im Artikel „Augen zu und durch! Die historische Verstrickung der BRD mit dem Rechtsextremismus.” vom 06. Dezember 2011. Dieser Artikel endet mit folgendem Schluss:

„Bisher wurden Untersuchungen zu den genannten Themen vom Parlament abgelehnt. So stellte im Herbst 2009 Bündis 90/Die Grünen Abgeordnete Jerzy Montag zusammen mit anderen Abgeordneten einen umfassenden Fragekatalog zum Thema Gladio und dem Oktoberfest-Attentat dem Parlament vor, dieser wurde aber nicht berücksichtigt. O-Ton Jerzy Montag in der empfehenswerten ARTE Dokumentation “Die geheimen Armeen der NATO – Operation Gladio”:

“Es ist naheliegend und durch Fakten belegt, dass diese rechtsextremistische, gewaltbereite und gewalttätige Szene vom Verfassungsschutz, von Nachrichtendiensten mit V-Leuten durchsetzt war. Und deswegen ist es für die Politik wichtig zu erfahren, in welchem Zusammenhang diese Information und die Führung dieser Leute durch deutsche Sicherheitskräfte und das Attentat selbst in Verbindung stehen.”

Zurück zur “Zwickauer Zelle”: Im Schutt der explodierten Wohnung des Terror-Trios fanden die ermittelnden Beamten eine “Todes-Liste” mit 88 Namen, potentielle Ziele der Rechtsextremisten. Ein Name auf dieser Liste: Jerzy Montag.“

Womit wir beim bevorstehenden NSU-Prozess sind. Die vielen Ungereimtheiten sollen hier gar nicht alle aufgezählt werden, abgesehen  davon, dass es außer den Bekenner-Videos (die auch nach dem letzten, dem Trio angelasteten Mord im April 2007 nie als Bekenner-Videos verschickt wurden) und der einmal im Wohnwagen und dann plötzlich im verbrannten Haus gefundenen Waffe, der Cesna, keine Hinweise gibt, die Mundlos und Böhnhard als Täter ausweisen. Im Gegenteil: Beobachtungen von Zeugen an Tatorten lassen offenbar auf andere Täter schließen.

Die Frage nach dem Gladio- bzw. Stay Behind-Netzwerk in Deutschland muss so oder so endlich gestellt werden. Denn was wäre, wenn dieses Netzwerk immer noch existiert? Dies würde die NSU-Morde und die Pleiten, Pech und Pannen bei den Sicherheitsbehörden möglicherweise in ein ganz anderes Licht rücken.

Weitere Texte von Björn Kügler/Denkland finden Sie hier.

Über Björn Kügler

Björn Kügler ist freier Schreiber. Auf GEOLITICO beschäftigt er sich vornehmlich mit gesellschafts-politischen und sicherheitspolitischen Themen. Kontakt: Webseite | Facebook | Twitter | Weitere Artikel