Nicht jeder Dienst bringt Leistung
Nicht jeder Dienst bringt Leistung

Nicht jeder Dienst bringt Leistung

Zustellerin der Post / Quelle: Wikipedia; Foto: Sir James; Illustration: GEOLITICO Zustellerin der Post / Quelle: Wikipedia; Foto: Sir James; Illustration: GEOLITICO
Jeder einzelne ist für das Funktionieren unserer Strukturen mitverantwortlich. Das ist mühsam, aber wichtiger als folgenlos gegen G-7 oder Genmais zu demonstrieren.

Nicht einmal das Anrufen Himmlischer Heerscharen hilft gegen die Tücken des Niedergangsalltags. Da hatte doch der Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung BZ, der auf Facebook auch sein privates Wesen präsentiert, im Internet Dichtgummis für seine Waschmaschine bestellt, doch der DHL-Bote blieb aus und die Wäsche schmutzig. Der Mann wünschte sich daraufhin, Gott möge auch einmal etwas im Internet bestellen, worauf dieser in der Folge höchstwahrscheinlich die DHL gerechterweise dem Höllenfeuer überantworten werde.

Dass auf Gott kein Verlass mehr ist, hätte er spätestens wissen können, als auf dem evangelischen Kirchentag dessen weltliche Vertreter in ihrer Botschaft an die Gläubigen ungesühnt vom Gebrauch von „Mikrofoninnen und Mikrofonen“ sprechen konnten, aber das nur nebenbei. Heute wollen wir uns einmal auf die Dienstleistungsgesellschaft konzentrieren, und können das Fazit schon vorwegnehmen: Wer sich den deutschen Lieferdiensten ausliefern muss, ist geliefert.

Blendgranaten des Marketings

Diese Erkenntnis musste auch ein Autor des Magazins Cicero machen, der vergeblich auf eine Kiste Wein wartete, die ihm der DPD bringen sollte. DPD steht nicht, wie man erwarten könnte, für „Deutscher Paketdienst“, sondern für „Dynamic Parcel Distribution“. Das klingt doch gleich ein ganzes Stück seriöser, oder? So, wie uns die DHL-DPD-Konkurrenz GLS in Deutschland schon früh als „German Parcel“ ganz weltläufig auf Englisch sagte, mit wem es die Germans zu tun haben.

Doch dynamisch ist in dieser Branche eben bestenfalls die Entwicklung des Profits. Der Mann vom Cicero schlug deshalb vor, das Unternehmen DPD doch besser unter „Daily Parcel Desaster“ laufen zu lassen. Vielleicht würde ein „laufen lassen“ auch den Verkehr grundsätzlich etwas beschleunigen, wenn dann nicht mehr Lieferfahrzeuge in zweiter und dritter Spur parken würden.

Herr Cicero fand seinen Wein schließlich nach mehrfacher Nachfrage in einem chinesischen Möbelladen gut versteckt hinter einem wertvollen Paravent. Auf die Idee, in diesem Etablissement zu suchen, sei er durch den Internetauftritt seines Dienstleisters des Nichtvertrauens gekommen, auf dem man sogar in Echtzeit virtuell höchst präzise am „Live Tracker“ verfolgen könne, wo sich das Paket gerade befinden soll – mit der Betonung auf „soll“. Eine solche Suche, meint der Mann, sei im übrigen „eine interessante Beschäftigung für Leute, die sonst gern Mikado spielen oder stundenlang auf Aquarien starren“.

Fakt ist, und das ist typisch für die Niedergangsgesellschaft, dass in dem Maße, in dem die Dienstleistung schlechter wird, die Blendgranaten des Marketings immer spektakulärer vor unseren Augen explodieren. Diese Erfahrung musste auch ich gerade machen: Um 8:37 kommt die E-Mail ins Haus, die Sendung (genaugenommen eine Spindel DVDs) werde auf die Stunde genau zwischen 9:18 und 10:18 eintreffen. Diese Präzision hat sogar einen einprägsamen Namen, ist damit also quasi amtlich: „Predict“. Das bedeutet in einer aussterbenden Sprache einerseits „vorausberechnen“, aber auch „weissagen“. Ein klug und gerichtssicher gewählter Begriff.

„Lokale Versandexperten“

Um 10:06 kommt die als freudig verkaufte Botschaft – wieder per E-Mail -: „Wir haben Neuigkeiten“. Das Paket sei erfolgreich zugestellt worden, allerdings bei einer Firma XYZ, schreiben meine „Your Delivery Experts“. Weitere Informationen fänden sich auf der hinterlassenen Paket-Infokarte. Nun bin selbst ich ratlos, denn ich habe tatsächlich keine Infokarte, kein Paket und vor allem keine Ahnung, wer, was und wo XYZ welchen Geschäften nachgehen könnte.

Als stolzer Mitnutzer des Internets kann ich das Problem energisch angehen. Erschwerender Weise findet sich auf dem üppigen Internetauftritt der Firma DPD keine Adresse und keine Telefonnummer, aber, gewitzt wie unsereiner inzwischen ist, gibt es ja ganz winzig und ganz rechts unten ein Impressum. Also, rein ins Glück. Ich erreiche eine komplett auf Englisch verfasste Seite der „dpd-group“, die im beschaulichen Aschaffenburg zuhause ist – aber müsste der Ort dann nicht besser AshApeCastle oder Monkeybuttcastle so ähnlich heißen oder wenigstens so angegeben werden?

Mit einem Klick aufs Kleingedruckte kann man die Seite allerdings ins Deutsche verwandeln und findet dort auch einen im Text gut versteckten Kontakt-Link. Kontakt ist natürlich relativ bei einem weltumspannenden Unternehmen aus Aschaffenburg, und deshalb erscheint nun ziemlich verwirrend eine Weltkarte, auf der man sich weiterklicken kann, um zu erfahren, dass die Lieferwagen der DPD CO2-neutral fahren. Beruhigend. Sie liefern zwar nicht, aber sie fahren umweltfreundlich.

Beinahe hätte ich den kleinen, im Bild versteckten Link „Lokale Versandexperten“ übersehen, wobei sich nun endgültig bei mir der Grimm aufbaut, in welch krassem Missverhältnis der sprachliche und grafische Aufwand hier zur eigentlichen Leistung steht. Und weil diese Kluft zwischen Realität und Virtualität generell immer größer wird, weil es inzwischen – und nicht nur hier – selbstverständlich ist, konkretes Versagen oder sogar Verweigern von Leistung unter immer dicker werdenden Schichten von Seidentapeten zu begraben, beschließe ich in diesem Moment, diesen Post zu schreiben.

Stadtbildschädliche Abholstationen

Aber meine DVDs will ich auch noch haben. Ich finde und klicke also „Länderliste“ und finde Deutschland in der nicht alphabetischen Liste tatsächlich zwischen Ungarn und Frankreich. Hurra. Und hier steht auch grau auf grau eine Servicenummer – gleich neben der Parole: „die neue Freiheit von DPD“. Die Freiheit nehm’ ich mir dann – doch leider: Ich lande in der Warteschleife und erhalte schließlich die Zusage eines Rückrufs innerhalb von drei Stunden. Gut, dass ich nichts Verderbliches bestellt habe.

Wohlgemerkt, es geht hier nicht (nur) um ein persönliches Abarbeiten von Frust, es geht um die Beschreibung eines Defekts in der DNS unserer Gesellschaft. Pakete zuzustellen ist ein Geschäft, und nach der Logik des Postkapitalismus kann man nur ausreichend verdienen, wenn man den Arbeitsaufwand der Mitarbeiter in dem Maße erhöht wie man ihren Verdienst und ihre soziale Sicherheit senkt. Daran scheitert aber nicht nur die Arbeitsmoral, sondern inzwischen auch die Möglichkeit, die Arbeit überhaupt erledigen zu können. Den Rest müssen dann eben die Kunden erledigen. Die Volkswirtschaft wird so in Form von privater Zusatzarbeit mit Unsummen belastet.

Längst plant die DHL, und sicher planen es auch ihre „Konkurrenten“, überall stadtbildschädliche Abholstationen zu errichten, wo sich Oma Erna dann ihren Fernseher aus der „Box“ ziehen darf. Ein entsprechender PR-Text stand kürzlich in den Zeitungen, angereichert mit unverlangten Kommentaren des von der „Verbesserung“ begeisterten Journalisten. Da diese Boxen auch in den Innenhöfen der Wohnblocks aufgestellt werden sollen, kann man also wohl angemessen von „Hofberichterstattung reden“. Natürlich muss der Vermieter für diesen „Service“ auch noch bezahlen, was er ganz entspannt auf die Miete umlegen wird.

Früher gab man die Briefe in Hausnähe in den Briefkasten, während die Post die Briefe an die Tür brachte. Nun sind die meisten Briefkästen verschwunden, und dafür gibt es bald überall Abholstationen. Willkommen in der Servicegesellschaft.

Als mich kürzlich unerwarteterweise ein DHL-Paket zuhause und nicht im Copyshop erreichte, fragte ich den Boten nach seiner Sicht der Dinge und erfuhr, dass er statt früher zwei Straßen nun deren acht zu bearbeiten habe. Die immer wieder aufflammenden Poststreiks, wie der erst im Sommer weitgehend gescheiterte, haben deshalb meine uneingeschränkte Sympathie, erst recht, weil das Sozialsystem bei der Post gerade durch dubiose Gründungen von Tochterfirmen namens „Delivery“ unterlaufen wird.

Widerstand ist möglich

Meine Sympathie hat auch das immer wieder gescholtene Amazon, das nun aufgrund der desaströsen Erfahrungen einen eigenen Lieferservice aufbauen will. Auch Amazon wird weiter seine Mitarbeiter ausplündern, aber ich habe die Hoffnung, dass es dort wenigstens ein direktes Interesse gibt, die Lieferungen beim Kunden ankommen zu lassen. Und wenn die gerade erhobenen politischen Forderungen Gehör finden – was zu erwarten ist – wird Amazon schon bald flächendeckend ein eigener Luftraum für Lieferdrohnen zugewiesen. Dann ist der menschliche Faktor endgültig aus den Bilanzen getilgt.

Aber nicht alles ist schlecht: Der versprochene Rückruf von DPD kommt tatsächlich mit der Information, wo sich XYZ befinde. Auch meiner Bitte um eine Reklamationsmöglichkeit wird entsprochen, und zeitnah trudelt ein entsprechender Rückruf ein. Das wäre beispielsweise bei DHL unvorstellbar. Mein Protest wird zur Kenntnis genommen und auf weiteres Drängen eine zweite Zustellung zugesagt. Innerhalb von zehn Minuten steht der wutschnaubende Bote vor der Tür, der „selbstverständlich am Morgen geklingelt“ habe. Die Benachrichtigungskarte hatte er dann in der Eile wohl vergessen…

Es ist also manchmal noch Widerstand möglich. Und bei DPD sitzen anscheinend hier und da noch ein paar Leute, die ihren Job ernstnehmen. Was im Umkehrschluss leider auch heißt, dass es noch schlechter werden kann. Doch die kleine Geschichte zeigt, dass wir uns wehren können, dass jeder einzelne von uns für das Funktionieren unserer Strukturen mitverantwortlich ist. Das ist mühsam, aber wenn es viele tun, ist es vielleicht wichtiger, nachhaltiger und erfolgreicher als folgenlos gegen Globalthemen wie G-7 oder Genmais zu demonstrieren.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel