Wenn Unfreiheit das Denken besetzt
Wenn Unfreiheit das Denken besetzt

Wenn Unfreiheit das Denken besetzt

Die selbstgerechte Political Correctness ist es, die den Trotz der Entmündigten weckt und eine längst überwunden geglaubte rechte Gesinnung mit neuem Leben erfüllt.

Dass Musik eine vernichtende Wirkung entfalten kann, versicherte uns schon das Alte Testament mit seiner Geschichte von den Posaunen von Jericho. Auch aus eigener Erfahrung kennen wir die schweren psychischen Störungen, die beispielsweise Heinos Interpretation von „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ oder Rapmusik in der Nachbarwohnung auslösen kann. Neu ist die Information, dass die britische Handelsmarine Musik von Britney Spears nutzt, um damit vor der Küste Somalias Piraten zu vertreiben. Im Nachhinein stellt sich nur die Frage, warum man da nicht eher drauf gekommen ist. Immer wieder wird Musik aber auch politisch instrumentalisiert.

Erst kürzlich wurde hier auf die famose Performance von Conchita Wurst beim ESC hingewiesen, die einerseits unser Gehirn für neue Denkweisen öffnen konnte und andererseits zur antirussischen Propaganda genutzt wurde. Wie Musik bisweilen auch in den Mühlen der Political Correctness zermahlen werden kann, zeigte der Skandal um den verhinderten Echo-Auftritt der Tiroler Heimatband „Frei.Wild“. Schon am 25. September 2011 hatte ein ähnlicher Vorfall meine Aufmerksamkeit erregt.

 Das Lieblingslied der Nationalsozialisten

In der Niedergangsgesellschaft, in der kaum einer noch über Leistung zum Erfolg kommen kann, haben Karriereshows im Fernsehen absolute Konjunktur. Hier kann man noch heraustreten aus der Realität der grauen Masse, aus dem Räderwerk eines unüberschaubaren und zunehmend ungerechten Systems, und zum Star werden. Na ja, die meisten werden dann doch keine Top-Models, Pop-Stars oder Spitzen-Ballerinas – und auch die Krone des Dschungel-Königs, seien wir ehrlich, taugt nicht so recht für den Alltag. Was tatsächlich bleibt ist, dass einige wenige einen gehypten Wettbewerb gewinnen, während viele mitfiebern und dabei am eigenen Realitätsverlust arbeiten.

Realitätsverlust der höheren Ordnung bewiesen jedoch gerade die Macher des Österreichischen Rundfunks bei ihrer Castingshow „Die große Chance“. Da hatte doch ein Kandidat auf der Mundharmonika ein als Volkslied angekündigtes Stück gespielt, das einige Zuschauer an das Horst-Wessel-Lied erinnerte. Das müssen recht betagte Zuschauer gewesen sein, denn das Lieblingslied der Nationalsozialisten und ihrer SS ist seit 66 Jahren sowohl in Deutschland als auch in Österreich verboten und somit weitgehend unbekannt. Nicht nur der unsägliche Text, sondern tatsächlich auch die an sich unschuldige Melodie unterliegt diesem Verbot.

Ein Rapper, ein Zirkusdirektor und einer Primaballerina

Diese gesetzlich erwünschte Unkenntnis aller Nichtrentner störte weder die Empörung der aufrechten Altlinken noch den ORF. Der entfernte (in der Pressemeldung heißt es unschön: „eliminierte“) auf die Proteste hin kurzerhand den Song aus Wettbewerb und Internet. Man wolle auch die Rechtslage prüfen und entsprechende Schritte einleiten, hieß es.

Dummerweise ist bekannt, dass das Wessellied auf verschiedene deutsche, englische und französische Volkslieder und Opern zurückgeführt wird. Besonders das in den Anfangstakten identische Lied vom „Wildschütz Jennerwein“ wird als völlig unpolitischer Vorläufer genannt. Nun wäre vielleicht zu wünschen, dass dieses Volkslied wegen seiner ästhetischen Qualität verboten würde, doch politisch verfolgt wird es nicht. Die Wahrscheinlichkeit jedenfalls, dass da einer mit dem Jennerwein „Die große Chance“ witterte und nun politpopulistisch abgeschossen wurde, ist jedenfalls groß.

Leider haben wir nicht die Möglichkeit zu prüfen, ob bei den Österreichern in vorauseilender Korrektheit Unrecht getan wurde, denn weder das Nazi-Lied noch der Castingbeitrag steht unserem mündigen Menschenverstand aufgrund der beschriebenen rigorosen Auslesepolitik zur Verfügung. Es scheint ausgeschlossen, dass der Fernsehsender in der Kürze der Zeit eine tragfähige Analyse der beiden so ähnlichen Melodien beibringen konnte. Immerhin hatten in der Sendung weder die Verantwortlichen noch die üblicherweise überaus qualifizierte Jury bestehend aus einem Rapper, einem Zirkusdirektor, einer Sängerin und einer Primaballerina etwas zu beanstanden.

Trotz der Entmündigten

Und darum geht es: Zum Beweis der eigenen politischen Korrektheit und aus Angst vor einer öffentlichen Verurteilung in einem gesellschaftlichen Klima eingeschränkter Meinungsfreiheit wird nicht rechtsstaatlich gehandelt und die Sachlage geprüft, sondern Zensur ausgeübt.

Nach dem Orwellschen „Neusprech“ haben wir jetzt also auch ein „Neublas“. Und das ist kein Einzelfall. Immer noch und immer mehr verstecken sich gefährliche neue totalitäre Strukturen ausgerechnet hinter dem ideologischen Mäntelchen des Kampfes gegen längst überlebte totalitäre Strukturen. Die Unfreiheit braucht dann keinen politischen Machtapparat mehr, wenn sie das Denken in den Schaltstellen des öffentlichen Lebens längst besetzt hat. Nicht nur mit Verboten von Melodien wird auf die Freiheit gepfiffen. Die Schere im Kopf, das windschnittige Ausrichten an der neuen, selbstgerechten Gesinnung der Political Correctness, ist aber leider genau das, was den Trotz der Entmündigten weckt und die alte rechte Gesinnung mit neuem Leben erfüllt.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel