Spielwiese neuer Bürgerlichkeit
Spielwiese neuer Bürgerlichkeit

Spielwiese neuer Bürgerlichkeit

Europawahl? Berlin stimmt über den Bau notwendiger Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld ab. Hinter dem Volksentscheid steht der Protest selbstgefälliger Minderheiten.

Europawahl – was ist das? Irgendwelche Hanseln versorgen sich mit neuen Pfründen, na und? Das ist uns hier natürlich keinen Post, keine zweite Zeile wert. Der parallel in Berlin stattfindende Volksentscheid ist hingegen ein ganz anderes Kaliber. Eine Bürgerinitiative möchte auf der Freifläche des ehemaligen Tempelhofer Flughafens die von der Stadt geplante Mischung aus Grünanlage und Wohnbebauung verhindern. Auch wenn das Ansinnen noch scheitern könnte, ist es doch allein wegen der im Vorfeld gesammelten 220.000 Unterschriften ein beredtes Beispiel für eine neue Gutsherrenmanier mit der eine neue Generation (meine) von Weltverbesserern anderweitige Anstrengungen für ein funktionierendes Gemeinwesens torpediert. Anstrengungen, die tatsächlich selbst im Niedergang bisweilen noch vorhandenen sind.

Ironie des Schicksals, dass der ehemalige Zentralflughafen Tempelhof vor einigen Jahren beinahe per Volksentscheid zum Weiterbetrieb eines defizitären und gefährlichen Flugbetriebs gezwungen worden wäre. Nun breitet sich hier eine grüne Wüste aus. Nicht einmal Spontanvegetation konnte sich relevant entwickeln. Doch die Fläche entwickelt einen großen Reiz auf die Berliner, die hier die Chance haben, mitten in der Stadt einmal fast bis zum Horizont gucken zu können. Parallel dazu zwingt die wachsende Wohnungsnot der schnell wachsenden Stadt die Landesverwaltung, Bauflächen zu finden und bereitzustellen.

Bürgergärten und Minigolf

Der Kompromissvorschlag des Senats, von den 300 vorhandenen Hektar Freifläche 70 abzuzwacken, um in Randbereichen Platz für 4700 Mietwohnungen zu schaffen, soll nun durch den Volksentscheid gekippt werden. Es interessiert die Antragsteller nicht, dass nach Adam Riese 230 Hektar, also mehr als das Dreifache, für eine Grünfläche übrigblieben, was knapp 500 Fußballfeldern entspricht. Mit 350 Hektar ist der Central Park in New York auch nicht entscheidend größer als die nach einer Bebauung verbleibende Freifläche, und der ist dabei noch vollgestopft mit Gebäuden, Straßen, Sportanlagen und Gewässern.

Bei Flächenangaben ist noch nicht berücksichtigt, dass direkt der Volkspark Hasenheide mit weiteren 50 Hektar und etliche begehbare Friedhöfe angrenzen. Eine für künftige Bewohner innerstädtische Lebensqualität schaffende Randbebauung des derzeit zugigen und unaufgeräumten Tempelhofer Feldes käme im Übrigen der Grünfläche womöglich sogar zugute, eine parkähnliche Gestaltung oder wenigsten Bepflanzung sowieso. Die schon installierten Bürgergärten oder der alternative Minigolf könnten dort problemlos weiterexistieren. Stattdessen will die Initiative den Status quo derart radikal sichern, dass jede Veränderung der öden Freifläche und auch ein zentraler See verhindert wird.

Rückendeckung gibt es vom Naturschutzbund BUND, der nicht nur hier den Naturschutz als Antagonismus zum Menschen interpretiert. Am liebsten würde der Bund das ganze Feld menschenfrei machen, um die dort siedelnden Feldlerchen zu schützen. Verhältnismäßigkeit geht anders. Gegen das Wasserbecken wurde jedenfalls schon Mal erfolgreich vor dem Verwaltungsgericht geklagt, weil „es keinen ökologischen Nutzen“ habe. Dafür haben die Bürger nun keinen See, und das Land Berlin muss jährlich für 300.000 Euro Regenwasser in die Kanalisation pumpen.

Selbstgefällige Minderheiten

Nicht umsonst nennt sich also die zuständige Bürgerinitiative „100 Prozent Tempelhofer Feld“. Kompromisslosigkeit ist Programm. Alles soll so bleiben, wie es ist, Wohnungen müssten eben woanders gebaut werden, möglichst weit weg, denn man selbst hat ja schon eine. Wo das dann sein soll, wissen die initiativ-aktiven Bürger nicht, wollen es auch gar nicht wissen. Sie gehören nämlich zu der stetig wachsenden gesellschaftlichen Schicht selbstgefälliger Minderheiten, die mit Maximalforderungen und Volksentscheiden das Allgemeinwohl auch noch dort außer Kraft setzen wollen, wo es die orthodoxen Mächtigen noch nicht für nötig erachtet haben.

In ihrer individualistischen Logik leugnen sie, dass es in einem Gemeinwesen immer um das Abwägen und Ausgleichen unterschiedlicher Interessen sowie die Umsetzung des Machbaren geht. Diffus irgendwo links orientiert, weil man zwar dazugehören, aber lieber nicht über Zusammenhänge nachdenken will, kämpft man mal für Milieuschutz und billige Mieten, mal für einen Kindergarten am Altenheim oder die Umwandlung einer Durchgangsstraße zur Spielstraße und ein anderes Mal eben gegen Wohnungsbau.

Gepflegte Revoluzzer-Image

Der gemeinsame Nenner ist, das lokale, individuelle Interessen auf Kosten der Allgemeinheit durchgesetzt werden sollen. Diese neue Oberflächlichkeit wird von einer ausgeprägten Selbstgerechtigkeit begleitet, so dass es nicht stört, dass billige Mieten marktwirtschaftlich gesehen nur haltbar sind, wenn über Wohnungsneubau die Nachfrage befriedigt und damit der Druck von den Mietkosten genommen wird.

Das Tempelhofer Feld wird so zur Spielwiese für die neue Bürgerlichkeit, also für die Reichen und Schönen, deren schick gepflegtes Revoluzzer-Image sich nicht mehr um soziale oder anderweitige Gerechtigkeit, Ausbeutung der Menschen oder den Ausverkauf des Landes kümmert, sondern um die eigene kleinteilige Lebensqualität. Eine Spielwiese der Oppositionen, die ihnen von den Mächtigen elegant zur Ruhigstellung überlassen wird. Wir wären jedenfalls besser dran, könnte das Volk über Europa abstimmen und den Politikern in Tempelhof das Feld überlassen.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel