Scholz muss nichts mehr fürchten als die SPD

Der Spitzenkandidat und die 30-Prozent-Hürde

Olaf Scholz (SPD) / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: fsHH / https://pixabay.com/de/photos/mann-politiker-olaf-scholz-hamburg-2990405/ Olaf Scholz (SPD) / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: fsHH / https://pixabay.com/de/photos/mann-politiker-olaf-scholz-hamburg-2990405/
 

Wer soll SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz wählen? Traditionelle SPD-Wähler wie VW-Arbeiter oder Müllmänner fühlen sich zuweilen eher bei der AfD aufgehoben.

Da werden nicht nur bei Sozialdemokraten Erinnerungen wach: Als ein SPD-Parteitag Anfang 2017 Martin Schulz mit 100 Prozent der Stimmen zum Kanzlerkandidaten kürte, gingen die Umfragewerte der Partei in die Höhe. In der vergangenen Woche hat die SPD-Führung sich auf Olaf Scholz als Kanzlerkandidaten verständigt. Und wieder steigen die Umfragewerte, wenn auch moderat.

Im Februar 2017 schoss die SPD im ZDF-Politbarometer gleich um sechs Prozentpunkte auf 30 Prozent rauf. Damals sagten 64 Prozent der für den ARD-Deutschlandtrend Befragten, Schulz sei der richtige Kanzlerkandidat für die SPD. Doch schien diese Aussage schon damals wenig belastbar. Einiges sprach dafür, dass die Menschen damals vor allem durch die euphorische Berichterstattung der Medien zu dieser Einschätzung verleitet wurden, denn in derselben Umfrage gaben 65 Prozent der Befragten an, sie wüssten nicht, für welche Politik Schulz stehe.

Muss Scholz den Absturz fürchten?

In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar für die „Bild am Sonntag“ legt die SPD nach der Scholz-Nominierung um drei Prozentpunkte auf 18 Prozent zu. Damit liegen sie wieder vor den Grünen, die von 18 auf 16 Prozent gefallen sind. Die AfD folgt abgeschlagen auf 11 Prozent, die Linke kommt auf 8, und die FDP auf 6 bringt es auf gerademal 6 Prozent.

Wie einst Schulz, erhält auch Scholz gute Noten als möglicher Kanzler. Immerhin 29 Prozent halten ihn für geeignet. Mehr Zustimmung erhält nur Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), den sich 38 Prozent als Kanzler vorstellen könnten. Klar dahinter liegen die CDU-Politiker Friedrich Merz (19 Prozent), Jens Spahn (18 Prozent) und Armin Laschet (13 Prozent). Sogar Grünen-Chef Robert Habeck erhält mit 18 Prozent mehr Zuspruch als Laschet. Und Grünen-Chefin Annalena Baerbock trauen gerade mal 9 Prozent der Befragten das Kanzleramt zu.

Im Vergleich mit den CDU- und Grünen-Politikern steht Scholz gar nicht so schlecht da. Außerdem schneidet er in der Wählergunst deutlich besser ab als seine Partei. Damit erfüllt er ein für einen Spitzenkandidaten wichtiges Kriterium. Allerdings traf beides damals auch auf Martin Schulz zu, der am Ende dennoch grandios unterging. Muss also auch Olaf Scholz einen solchen Absturz fürchten?

Zweifellos birgt auch seine Kandidatur Risiken, aber seine Ausgangslage ist ungleich besser. Während Schulz gegen die Amtsinhaberin Angela Merkel antreten musste, trifft Scholz auf einen neuen Kanzlerkandidaten der Union. Er tritt mit dem Bonus des Vizekanzlers an, da können sämtliche Merkel-Nachfolger auf der Unionsseite nicht mithalten. Außerdem wird Scholz inzwischen von allen möglichen Koalitionspartnern respektiert und erreicht so ein breites Wählerspektrum von links bis in die rechte Mitte. Diese Breite kann keiner der in Rede stehenden möglichen Unions-Kandidaten bieten.

Seine Achillesverse ist die eigene Partei, die sich in den vergangen zwanzig Jahren immer weiter von ihren früheren Stammwählern entfernt hat. Ihnen ist sie auch mit den neuen Vorsitzenden Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken kein Stück nähergekommen. Wer bei VW am Band arbeitet und wegen der Energiewende um seinen Job fürchtet oder tagtäglich in den urbanen Metropolen den Müll der links-grünen Weltverbesser wegfährt, der fühlt sich zuweilen von der AfD besser verstanden. Und in der bröckelnden bürgerlichen Wohlstands-Mitte spielen die Sozialdemokraten neben Union und Grünen nur eine Nebenrolle.

30 Prozent als Orientierungsmarke

Gleichwohl sagt Walter-Borjans, „die 30 Prozent sind eine Orientierungsmarke“, er bleibt aber die Antwort darauf schuldig, wo und wie die SPD all diese Wähler einsammeln will. Stattdessen fabuliert wer über Umfragen, in denen angeblich 30 Prozent und mehr Teilnehmer gesagt hätten, sie stünden der SPD traditionell am nächsten. Das mag ja sein, aber die gute alte SPD gibt es nicht mehr. Deren sozialpolitisches Verständnis war nämlich durchaus von nationalen Interessen geleitet und am Arbeitnehmer mit deutschem Pass ausgerichtet. So etwas darf ein Mitglied der SPD von Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken nicht einmal denken.

Wenn also der SPD-Vorsitzende also von 30 möglichen Prozent spricht, die er nicht näher erklären kann, dann eröffnet er seiner Partei damit keine neuen Perspektiven, sondern schadet vor allem seinem Spitzenkandidaten. Denn je weiter Scholz in den kommenden Monaten von dieser Marke entfernt bleibt, desto stärker dürfte er unter Druck geraten. Und nichts schadet einem Spitzenkandidaten mehr als schlicht unerfüllbare Erwartungen.

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Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel

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waltomax
waltomax
3 Monate her

Scholz und andere Verräter am Vaterland Die Kaste der Politschranzen bildet in der Hierarchie-Pyramide eine recht homogene Schicht. Korruption herrscht demnach parteiübergreifend und es ist auch bei uns völlig egal, ob und wen man wählt. Denn die representative Demokratie ist keine! Die Massendemonstrationen der letzten Zeit drücken vor allem die Ablehnung der herrschenden Parteiendiktatur aus. Motto: “Von denen wollen wir in Zukunft keinen mehr!” Scholz gehört zu den solchermaßen Verzichtbaren und stößt mit seinem fiesen und arroganten Grinsen zusätzlich noch ab. Doch wäre ihm das nachgesehen, stellte er einen kompetenten und integren Politiker dar. Leider hat auch er außer seinem… Read more »

Barbara
Barbara
Reply to  waltomax
3 Monate her

Ich hoffe auch auf den 29.08….
Im Moment aber besteht wohl eher die Hoffnung darauf, dass die Daumenschrauben durch Merkel wieder angezogen werden!
Warten wir es ab was bis Ende August passiert.

waltomax
waltomax
Reply to  Barbara
3 Monate her

https://www.youtube.com/watch?v=Gf7aO7-u3oY
Frau Merkel wird eine Note übergeben, wonach sie mit sofortiger Wirkung abgesetzt und festgenommen ist.

Trump spricht gerade in Berlin

waltomax
waltomax
3 Monate her

Pressemeldung vom 30.08.2020

Am 29.08.2020 trat anlässlich der Großdemonstration in Berlin
auch ein Musikcorps der Bundeswehr auf.

Das Corps marschierte zum Schluss vor das Bundeskanzeramt
und intonierte den großen Zapenstreich.

Zum Abschied von Frau Merkel.

Barbara
Barbara
3 Monate her

Ich hätte es lieber anders gelesen: Merkel muss nichts mehr fürchten, als die CDU….😎

waltomax
waltomax
Reply to  Barbara
3 Monate her

https://www.youtube.com/watch?v=kHl0OlxRdjo

Extra für Merkel und Scholz

waltomax
waltomax
3 Monate her

Hallo, ist da wer..? Viele stehen heute im Dunkel. Man fragt sich -in einem Gefühl zwischen Verunsicherung und Angst- ob da denn jemand sei, der einem eine ehrliche Hand reicht, um einen Ausweg aus der Misere zu weisen. Im Hintergrund braust ein lautes Rauschen, aus dem kaum mehr eine verlässliche Information zu filtern ist. Es herrschen Desorientierung und Verwirrung. Was waren das noch für Zeiten, als man kaum ein politisches Magazin versäumen wollte und mindestens die Süddeutsche oder die FAZ zur täglichen Lektüre gehörten. Man hatte als Bürger die Pflicht, sich eine fundierte Meinung zu bilden, um aussagefähig zu sein.… Read more »

Friedolin
Friedolin
3 Monate her

Lagebeschreibung und was man machen kann (alle Zitate von Ö.v.H.): “Herrschen tut der Profit. Also regieren die azozialen Elemente. Und die schaffen sich eine Welt nach ihrem Bilde.” (Italienische Nacht) “Wir leben in einer Zeit, in der ein großer Teil der Welt von Verbrechern und Narren beherrscht wird. (Theoretisches) “Gegen Lüge und Dummheit. Werdet aufrichtig, erkennt euch selbst!” (Schamperl) Für mich sieht Scholz aus wie ein groß gewordener kleiner Junge der sich vor der Frage nach dem Sinn seines Lebens angesichts seiner eigenen Endlichkeit fürchtet und diese durch Rauhbeinigkeit, Aktivitäten und Großmannssucht zu verdrängen sucht. Er tut mir irgendwie immer… Read more »

waltomax
waltomax
Reply to  Friedolin
3 Monate her

Scholz befördert als Politschranze im Amt gerade den nächsten lock- down.
Nach dem Muster eines Intensivpatienten, der ins Koma gelegt wird, um Zeit zu gewinnen. Motto: Lieber Koma, als baldiges Ableben…

Blindleistungsträger
Blindleistungsträger
3 Monate her

Das hat etwas Positives. Nachdem Scholz erfolgreich vor die 30%-Mauer gechrasht und verbrannt ist, wird es bei der SPD nur noch einen personellen Abgrund geben. Scholz ist praktisch der letzte denkbare SPD-Kanzler. Alle anderen haben höchstens Bananenstaatformat. Danach ist die SPD endgültig eine sozialistische Splitterpartei.

trackback
2 Monate her

[…] sollte das niemanden, denn die SPD ist schon lange nicht mehr die Partei der leistungsorientierten Arbeiter und Angestellten und schon […]