Protest flutet die Wall Street
Protest flutet die Wall Street

Protest flutet die Wall Street

Und die Wut ist doch zu groß: Gegen manipulierte Zinsen und Preise, stagnierende Löhne, Klima und Kriegstreiberei gehen in New York nun auch Prominente auf die Straße.

Die Ultrareichen dieser Welt türmen bergeweise Bares auf[1], weil sie den Finanzmärkten nach der gedopten Rally seit 2009 endgültig nicht mehr trauen. Und während Wall Street-Firmen noch tonnenweise eigene Aktien zurückkaufen – und damit Boni fördernde Kurspflege betreiben – kaufen die Insider in den Vorstands-Etagen persönlich immer weniger Wertpapiere[2]. Sie rümpfen die Nase über diese Rally, die – an ihrer inneren Kraft gemessen – nie eine war.

Vielleicht spürt das große Geld auch, dass sich diesmal wirklich etwas zusammenbraut, mehr als zwei Jahre nach dem vielversprechenden Start von Occupy Wall Street, jener Kampagne, die so kläglich endete. Gestern belagerten Demonstranten die Wall Street und wollten die New York Stock Exchange stürmen[3]. Sie wurden davon abgehalten, weil New Yorks Polizei gewarnt war.

Verlorene Zukunft

Doch der Unmut im Volk über manipulierte Zinsen, Preise und Märkte sowie über stagnierende Löhne, astronomische Einkommens-Gefälle und erneute Kriegstreiberei im Nahen Osten hat einen Siedepunkt erreicht und beginnt, sich Bahn zu brechen. Diesmal wird er von noch mehr jungen Menschen genährt als vor zwei Jahren.

Da dürften viele der hoch verschuldeten Studenten dabei sein, die ihre theoretische und tatsächliche Schuldengrenze erreicht haben. Ihr Zukunft ist schon ziemlich futsch. Jetzt wollen sie wenigstens die Bilanz ihres eigenen Beitrags zu möglichen Veränderungen retten und gehen verstärkt auf die Straßen.

Am Sonntag hatte New York bereits Dutzende verstopfter Straßenblocks mit 400.000 Demonstranten erlebt. Und selbst die verdutzten CNBC-Moderatoren, die sich über Occupy noch lustig gemacht hatten, mussten diesmal LIVE auf Sendung eingestehen, dass hier eine weggeworfene, extrem verschuldete und ihrer Perspektiven weitgehend beraubte Generation aufbegehrt.

Flucht aus fossilen Investments 

Wie der Wind sich vorsichtig zu drehen beginnt, haben wir gestern auch gesehen, als der Rockefeller-Clan[4], der durch Öl unvorstellbar reich wurde, mit dem Ausstieg aus öl-bezogenen Investments begann. Das sollte man als vorsichtiger und kritischer Beobachter zunächst als Propaganda verbuchen. Doch die Fluchtbewegung aus fossilen Investments schwillt unübersehbar an. Jetzt trägt sie, egal in welchem Umfang, den klebrigsten, schwärzesten und korruptesten Namen aus dem Öl-Gewerbe auf ihrem Marschbefehl.

Für mich sind die genannten Zeichen zumindest zum Teil ermutigend. Man schaue sich nur mal die Symbolik hinter den vergangenen Tagen in New York an. Das größte Internet-Unternehmen Asiens, der größte Online-Einzelhändler der Welt sogar – Alibaba – sammelt bei westlichen Sparern 25 Mrd. Dollar ein, um die westliche Konkurrenz mit der beginnenden globalen Expansion anzugreifen.

Die westlichen Sparer und Anleger helfen mit diesem IPO nicht nur, eine neue wirtschaftliche Weltordnung zu finanzieren, die sich von Amerika zu etablieren beginnt, sie beginnen auch einen erneuten Sturm auf die Wall Street. Und selbst unter dem alten Geldadel, der im späten 19. Jahrhundert geformt worden war, regt sich Widerstand gegen Entwicklungen, die vor allem den 99% am Herzen liegen.

Prominente marschieren mit

Wir haben zwar noch keinen hochrangigen Banker nach der Finanzkrise im Knast gesehen. Aber die großen Banken der Wall Street zahlen seit Monaten mehr Geldstrafe, als sie Dividenden ausschütten können. Dass hier die Steuerzahler, sofern sie Aktien besitzen, nach den Bailouts noch einmal zur Kasse gebeten werden, stimmt, aber der Wind dreht.

Und wer sich die Proteste am Sonntag in New York genau angschaut hat, der konnte sehen: Da marschieren auch verstärkt Prominente mit, die bisher die Klappe gehalten haben. Und selbst Mitglieder der institutionellen Eliten tauchen plötzlich in den Demonstrationszügen auf.

Alles leise Anfänge. Aber es sind Anfänge. Jetzt gilt es, mitzumachen.

 

Anmerkungen

[1] Robert Frank, „Billionares are hoarding piles of cash“, CNBC: http://www.cnbc.com/id/102021996

[2] Lu Wang, „Insider Buying Dries Up Defying $275 Billion of Buybacks“, Bloomberg: http://www.bloomberg.com/news/2014-09-22/insider-buying-dries-up-defying-275-billion-of-buybacks.html

[3] Ben Rooney, „Scenes from #FloodWallStreet: ‚Corporate capitalism = Climate chaos“, CNN: http://money.cnn.com/2014/09/22/investing/climate-protest-wall-street/index.html?iid=HP_LN

[4] John Schwartz, „Rockefellers, Heirs to an Oil Fortune, Will Divest Charity of Fossil Fuels“, New York Times: http://www.nytimes.com/2014/09/22/us/heirs-to-an-oil-fortune-join-the-divestment-drive.html?_r=2

 

Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel