Vom Tod der Wachstumsgesellschaft

Schon heute ist der Niedergang des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells in Singapur zu besichtigen. Es verkommt zum menschenverachtenden Raffke-System.

Singapur war der Ort, an dem ich mich 1993 als Journalist in Asien verliebte: Orientalischer Charme, Wärme, exotische Gerüche, dazu feine Gewürze, leckeres Essen und eine Orgie von Farben. Hier wimmelte es vor ethnischen Gruppen und Kontrasten. In der Stadt wuselte es. Die Boom-Ära der Tigerstaaten vor der asiatischen Finanzkrise trieb ihrem Höhepunkt entgegen. Alle an diesem Ort waren eifrig, ehrgeizig, schnell unterwegs und freundlich.

Die Straßen waren abgeschleckt, ein Hauch von Schweiz mitten in Fernost. Zwar kosteten in Singapur schon damals viele Produkte und Dienstleistungen deutlich mehr als in anderen Ländern Südostasiens. Doch im Vergleich zu Deutschland war alles gut erschwinglich. Weihnachten 2013 (wir haben von 1997 bis 2004 in Asien gelebt), kam ich als Tourist zum ersten Mal nach zehn Jahren wieder. Mit Frau und drei Kindern im Alter von 8, 11 und 17 Jahren.

Dollarzeichen in den Augen

Um es kurz zu machen: Wir waren geschockt von den horrenden Preisen in dem Stadtstaat. Singapur, so mussten wir bereits am ersten Abend erkennen, hat sich zu einer Raffke-Republik entwickelt, einer Apotheke unter den teuersten Standorten dieser Welt. Und eine Stadt, in der noch mehr als damals die Dollarzeichen in den Augen funkeln.

Nach dem Einchecken in der Unterkunft baten wir einen Taxifahrer, uns für das erste Abendessen zum Lau Pa Sat zu fahren, ein Food-Pavillon, der mit seiner vielseitigen Küche aus dem ganzen asiatischen Raum auch bei Einheimischen beliebt ist. Hier hatte ich während meiner acht Jahre in Asien bei vielen Besuchen gerne gegessen. Der Fahrer setzte uns dort wie gewünscht ab. Wir zahlten, stiegen aus und sahen: Das Food-Center war verrammelt, wegen Umbauarbeiten.

Abzocke im Restaurant

Der Taxifahrer hat es sicher gewusst, weil dieses Food-Paradies einer der großen Anziehungspunkte der Stadt ist. Einen entsprechenden Hinweis an uns, im Idealfall vor der Fahrt, hielt er nicht für nötig. Der Umsatz ging vor. Enttäuscht und etwas missmutig machten wir uns auf den Weg zum nahe gelegenen Boat Quay, wo eine lange Kette von Restaurants mit vorwiegend asiatischen Speisen die Touristen anlockt. Nach acht Jahren in Asien wusste ich, dass man hier besonders aufpassen muss, um nicht abgezockt zu werden.

Also verhandelten wir mit dem Chef, bevor wir bestellten: Keine versteckten Zulagen, nur die zuvor für jede Speise ausgehandelten Preise. Was wenig später an den Tisch geliefert wurde, hat uns die Sprache verschlagen. Portionen, die so klein waren, dass wir ungläubig auf die übersichtlichen Teller starrten. Als die Rechnung kam, platzte uns allerdings der Kragen. Nicht nur das komplette Gedeck wurde berechnet, sondern auch noch 2,50 (1 Sing.-Dollar = 0,58 Euro). Dollar für die Benutzung des Glases, aus dem meine Frau den Weißwein für 16 Dollar getrunken hatte.

Der Kunde als Beute

Der Wirt strich nach unseren heftigen Protesten die meisten Unverschämtheiten von der Rechnung. Aber wir verließen den Ort in ziemlich schlechter Stimmung und in der Gewissheit, hier nur als Beute betrachtet worden zu sein. Dabei hatte alles am Flughafen so gut angefangen: Nach weniger als 10 Minuten waren wir durch die Passkontrolle und den Zoll, hatten die Koffer eingesammelt, Geld vom Automaten abgehoben und das Taxi in die Stadt gebucht.

Wer in Frankfurt aus Asien oder Nordamerika ankommt – und alleine auf die Koffer 45 Minuten warten muss – weiß: Dies ist kaum zu übertreffende Effizienz. Doch mit dieser amuse-gueule wickelt die Stadt gezielt – und gekonnt – ihre Besucher ein, um sie kurz darauf auszunehmen. Wer so von der Effizienz des Ortes eingenommen ist wie Touristen und Geschäftsleute, die nur wenige Minuten vom Flieger zum Taxi brauchen, meckert nicht, wenn schon die Fahrt in die Stadt 60 Dollar kostet.

18 Dollar für eine Aufzugfahrt

Nach dem Debakel am Boat Quay wollte ich meine Familie mit einem Besuch der Long Bar im Raffles Hotel entschädigen und wieder den Stimmungspegel anheben. Hier war der Singapur Sling erfunden worden, mein Lieblingsgetränk. Deshalb war das Hotel einmal der Ort mit dem höchsten Gin-Konsum auf der Welt gewesen. Doch ein Blick auf die Getränke-Karte ließ uns erbleichen: 27 Dollar für einen Singapur Sling. Der kleine Abstecher mit jeweils einem Drink für uns 5 kostete 128,30 Dollar.

Und so ging es in einem fort, 5 Tage lang ein Preis-Schocker nach dem anderen, darunter 18 Dollar für die simple Fahrt mit dem Aufzug aufs Dach des Marina Bay Sands-Komplexes. Die hyper-luxuriöse und futuristische Anlage mit drei Hoteltürmen und einem vier-stöckigen Kasino hat einen SkyPark, ein Dach das aussieht wie ein aufgesetztes Schiff. Die Attraktion dort ist ein spektakulärer Pool, aus dem man vom Beckenrand in die Tiefe schauen kann. An vielen touristischen Orten der Insel gelten Kinder jedoch schon ab 12 als Erwachsene, wir mussten also auch hier 3 Erwachsenen-Tickets lösen. Für unsere beiden Jüngsten gab es lediglich drei Dollar je Ticket Nachlass.

Kasino-Mekka

Zu dem riesigen Marina Bay Sands-Komplex gehören zahlreiche Luxus-Läden, Edel-Restaurants und eine Eis-Arena. Hier sind schon Justin Bieber und David Beckham abgestiegen. Mit Hilfe des Marina Bay Sands ist der Stadtstaat zum zweitgrößten Kasino-Mekka der Welt aufgestiegen. Mit über 25.000 Besuchern am Tag, darunter viele reiche „High Roller“ aus China, die in den 30 VIP-Räumen pro Wette mehrere Jahresgehälter auf den Tisch legen, hat das Kasino laut Einheimischen schon im ersten Jahr seine Kosten hereingespielt. Es soll bis 2015 immerhin 0,8 Prozentpunkte zu Singapurs BIP beisteuern. Die beiden Kasinos – Marina Bay Sands and Resorts World auf Sentosa – sind maßgeblich daran beiteiligt, dass sich in den zwei Jahren bis 2012 die Einnahmen des Stadtstaates aus dem Tourismus auf 23 Mrd. Singapur-Dollar fast verdoppelten.

Doch reiche Glücksspieler, ebenso wie Immobilien-Spekulation und der Boom, den Chinas WTO-Beitritt 2001 für den Außenhandel der Insel auslösten, haben die Preise in den Himmel getrieben. Als Resultat haben von Januar bis November 2013 laut der Sunday Times in Singapur 435 Restaurants geschlossen. Sie konnten Mietpreis-Erhöhungen zwischen 40 Prozent und 140 Prozent nicht mehr tragen. Viele gewerbliche Immobilien gehören Trusts, die im Gegenzug für massive Steuerprivilegien ihren Gewinn an die Aktionäre ausschütten. Diese üben auf das Management enormen Druck aus, mittels hoher Mieten die Dividende zu maximieren.

Eliten brauchen Wachstum

Während unseres Besuchs gab der amerikanische Festplatten-Hersteller HGST bekannt, dass er in Singapur über 500 Leute entlässt und Produktion ins billigere Thailand verlegt. Noch 5 Monate zuvor waren bei HGST die Sektkorken geflogen, weil das Unternehmen im Rahmen eines Regierungs-Programms den 1-Millionsten Arbeiter weitergebildet hatte. Ebenfalls während unseres Besuchs in Singapur wurde das erst einen Monat zuvor eröffnete Westin Singapore Hotel für 468 Millionen Dollar an die Daisho-Gruppe verkauft, ein japanischer Developer und Investor.

Bei 305 Zimmern übersetzt sich der Kaufpreis in 1,5 Millionen pro Zimmer. Wer sich vorstellt, wie schwer es sein mag diese Investition wieder herein zu holen, ahnt, wie schwer es Singapur haben wird, weiter zu wachsen. Die Eliten in der Stadt brauchen jedoch Wachstum, um an der Macht zu bleiben. Dafür müssen sie die Zuwanderung fortsetzen, was für wachsenden Widerstand sorgt. Doch bleibt das Wachstum aus, könnte es für die Regierung an der Macht eng werden.

Reiche Chinesen, Inder und Indonesier

Dieser Balance-Akt ist mit unterschiedlichen Eliten, aber ähnlich hohem Unmut, in weiten Teilen der Region zu beobachten. Er könnte in offene Proteste umschlagen – wie in Thailand und Malaysia bereits zu sehen – und die Erfolgs-Story empfindlich dämpfen. Horrende Preise schockieren die Besucher Singapurs allerorten in der Stadt. Für einen Abend in der Lantern Bar auf dem Dach des Fullerton-Hotels mit zwei Drinks je Person zahlten wir – um das Feuerwerk an Silvester sehen zu können – 650 Dollar. Als wir im Tourismus Center darauf aufmerksam machten, dass Eltern mit zwei oder mehr Kindern sich über Familien-Tickets mit etwas Nachlass freuen würden, ernteten wir nur höfliches Nicken, aber der Gesichtsausdruck war klar: Wir brauchen Familien mit so vielen Kindern gar nicht.

In der Tat setzt die Stadt vor allem auf ihre Kasinobesucher, reiche Chinesen, Inder und Indonesier sowie die Geschäftsleute, die dem Inselstaat Investitionen bringen. Anders kann man die Preisstruktur des touristischen Angebots kaum interpretieren. Die Stadtrundfahrt mit dem Touri-Bus kostete uns 80 Dollar. Doch Singapur stößt zunehmend an Grenzen. Weiteres Wachstum kann in einer so kleinen Stadt mit 5,4 Millionen Einwohnern – und der bekannten Effizienz – nur durch Einwanderung erzielt werden. Das will die Regierung, wie sie 2013 in einem umstrittenen White Paper darlegte. Demnach soll die Bevölkerung bis 2030 auf bis zu 6,9 Millionen Einwohner ansteigen.

Erste Unruhen seit den 60er Jahren

Darunter sind auch viele Billigarbeiter aus anderen Teilen Asiens. Unter solchen Arbeitern kam es Anfang Dezember im Stadtteil Little India zu den ersten Unruhen seit den 60er Jahren. Ein Zusammenhang zwischen den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter und den Unruhen konnte nach offiziellen Angaben nicht festgestellt werden. Eine Untersuchungs-Kommission soll in sechs Monaten ihre Ergebnisse vorlegen. Dieser Zeitraum wird gut ausreichen, um das Interesse an dem brisanten Vorfall weitgehend aufzulösen. Eine Absicht besteht dabei sicher nicht (Anmerkung der Redaktion).

Für die Stadt ist die kräftige Zuwanderung eine Belastung, denn unter Einheimischen wächst die Wut darüber, dass die Hälfte (?) der Insel aus Einwanderern, Gastarbeitern, Expats und Touristen besteht. Außerdem sorgt es für Unmut, dass bei Großveranstaltungen wie dem jährlichen Formel-1-Rennen die Preise von Hotelzimmern um 100 Prozent steigen, während Taxifahrer und Bedienungen mit demselben Lohn auskommen müssen. Es sterben also nicht nur Restaurants, sondern sicher auch viele Träume von Menschen, die sich neuerdings zu den Verlierern der Erfolgsgeschichte dieser Stadt zählen.

Noch nie so arm gefühlt

Diesen Zusammenhang schilderte uns voller Empörung der Taxifahrer, der uns am letzten Tag wieder zum Flughafen fuhr. In einer solchen Umgebung eine Familie gründen und zu ernähren, ist eine schwierige Aufgabe. Auch die Regierung und die Behörden in Singapur sehen hier offenbar zumindest Motivations-Bedarf. Sie versuchen, mit Kampagnen und Finanzhilfen die Geburtenrate nach oben zu massieren. Sie zeigen auf öffentlichen Bussen große Bilder der glücklichen Modellfamilie mit zwei Kindern, weil die Geburtenrate auf ein historisches Tief von 1,2 Sprösslingen je Frau gefallen ist. Erst bei 2,1 Kindern bliebe die Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil.

Es ist daher keine Seltenheit, wenn Zeitungen wie der Asian Scientist besorgt fragen, „ob Singapur 2030 mit der Vermehrung aufhört.“ Ich nehme als westlicher Familienvater, der sich noch an keinem Ort der Welt so arm gefühlt hat wie diesmal in Singapur, nur eines mit: Mit der viel gerühmten Freundlichkeit und den erschwinglichen Preisen ist es an diesem Ort erst einmal vorbei.

So, jetzt könnt Ihr mich da unten ruhig auf den Index setzen. Ich kann mir sowieso keinen Besuch mehr auf der Insel leisten. Und selbst wenn, dann würde ich das nächste Mal lieber nach Mexiko fliegen.

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel