Ehrgeizige Pläne für ein deutsches Osteuropa und ein immer wieder scheiternder Wilhelm Karl von Urach

BOULEVARD ROYAL

Vilnius Litauen / Osteuropa / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, opan library: Peggy_Marco; https://pixabay.com/de/photos/vilnius-litauen-osteuropa-fassade-1029634/ Vilnius Litauen / Osteuropa / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, opan library: Peggy_Marco; https://pixabay.com/de/photos/vilnius-litauen-osteuropa-fassade-1029634/

Einst hegte das deutsche Kaiserreich einen Plan: Osteuropa wird deutsch, und Russland ist raus: Wie Wilhelm Karl von Urach der Monarch in spe Europas wurde.

Dichtung und Wahrheit

In Arnold Zweigs Romanzyklus „Der große Krieg der weißen Männer“ kommt Wilhelm Karl im Band „Einsetzung eines Königs“ zu literarischen Ehren. Darin fällt seine Wahl zum König der Litauer im Juli 1918 einer Intrige der deutschen Militärbehörden im besetzten Litauen zum Opfer. Zweig garniert die Geschichte mit einem Mix aus Dichtung und Wahrheit. So ist der sozialdemokratische Abgeordnete Kilian Hemmerle, der für die Bestätigung der Wahl Wilhelm Karls in der Berliner Politik werben soll, frei erfunden. Tatsächlich wählte gegen Ende des Ersten Weltkriegs die litauische Nationalversammlung den Schwaben zum König. Wieso ein Königreich Litauen und weshalb ausgerechnet der Uracher?

Königssatelliten im Osten

Litauen war wie die beiden anderen baltischen Staaten, ein Zankapfel zwischen Russland und Deutschland. Während des Ersten Weltkrieges befreit von der Zarenherrschaft durch deutsche Truppen, wusste die politische Führung in Berlin und Wilna nicht so recht, wie es mit dem kleinen Land an der Ostsee weitergehen sollte. Die Reichsregierung konnte sich mit einem unabhängigen Litauen als Satellitenstaat und Puffer gegenüber Russland anfreunden. Die Litauer waren zumindest froh, der russischen Knute entronnen zu sein. Einen deutschen Hegemon mit einem deutschstämmigen Hochadligen als König zu haben, schien verlockender als unter russischer Herrschaft zu leben.

Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse in Osteuropa kommt es zum Déjà-vu. Das Deutsche Reich versuchte nicht allein Litauen und die anderen Balten als Vasallenstaaten zu gewinnen, sondern auch die Ukraine. Für die damalige deutsche Regierung war Kiew der Dreh- und Angelpunkt für eine neue Ostpolitik. Eine unabhängige Ukraine mit einem eigenen Monarchen in einer deutschen Einflusssphäre sollte endgültig Fakten schaffen: Osteuropa wird deutsch, und Russland ist raus.

Intrigen kosten die Krone

Doch es kam anders und vor allem für den frisch gewählten litauischen König mit dem historisierenden Namen Mindaugas II. Gewählte Herrscher aus dem Ausland neigen dazu, sich der Geschichte der neuen Heimat zu bemächtigen, indem sie die Namen mythischer Helden oder Gründerkönige wählen. Wilhelm Karl wollte mit Mindaugas an den ersten litauischen König anknüpfen, der im Mittelalter zusammen mit Polen ein Großreich aufbaute.

Der Schwabe bereitete sich aus der Ferne akribisch auf Sprache, Geschichte und Gebräuche seiner künftigen Heimat vor. Doch er hatte die Rechnung nicht mit Kaiser Wilhelm II. gemacht. Jener begann gegen die Wahl seines entfernten Vetters zu intrigieren.

Dafür gab es verschiedene Gründe, sicherlich auch die Unsicherheit Berlins, ob ein an Preußen angegliedertes Litauen nicht doch besser wäre als ein selbstständiger Satellitenstaat. Für Wilhelm II. waren aber Herkunft und Blaublütigkeit immer schon wichtig, oft wichtige als Talent und Können. Sein Standesgenosse aus dem Schwäbischen war ihm nicht so richtig standesgemäß, um eine Krone tragen zu dürfen. Was hat das blaue Blut des Urachers verwässert?

Made in Germany beim Adel hat ausgedient

Wilhelm Karl von Urach / Quelle: Wikipedia, public domain: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mindaugas_II.jpg

Monaco wars oder genauer gesagt, die Mutter Wilhelm Karls, Prinzessin Florestine aus dem Hause Grimaldi. Eine Heirat mit einem Spross aus der Piraten-Dynastie galt bei Europas Hochadel damals als halbseiden. Für Wilhelm II. war Florestine für ein Mitglied eines altadligen Geschlechts wie Württemberg eine Mesalliance – Prinzessin hin oder her. Außerdem sah sich der Kaiser höchstselbst als die deutlich besser geeignete Partie für den litauischen Thron oder das Ganze gleich an Preußen anschließen.

Das Intrigenkarussell drehte sich immer schneller, und der etwas naive Wilhelm Karl wurde mit Wucht im November 1918 daraus herausgeschleudert. Die Litauer nahmen die Wahl zurück, angesichts des bevorstehenden Zusammenbruchs der Hohenzollern-Monarchie und der deutschen Niederlage keine allzu überraschende Entscheidung. Kaum gewählt, noch nicht einmal Litauen besucht und so schnell alle hochfliegenden Pläne zerstoben.

Wilhelm Karl war ein richtiger Pechvogel, denn nicht allein die litauische Krone zierte nicht seinen Kopf. Ähnlich wie bei Litauen und der Ukraine wurde er auch für ein neues Königreich Polen gehandelt, das zum Gürtel der deutschen Vasallenstaaten in Mittel- und Osteuropa gehören sollte. Doch die Polen waren überhaupt nicht begeistert, nach dem Zaren einen Deutschen als Herrscher vor die Nase gesetzt zu bekommen.

Der Widerstand der polnischen Eliten gegen diesen Plan war so massiv, dass Wilhelm Karl gegenüber der Reichsregierung dankend ablehnte. Der deutsche Prinzenexport, der vor allem im 19. Jahrhundert höchst erfolgreich war, wie zum Beispiel in England oder Belgien, schien an ein Ende gekommen zu sein.

Wilhelm Karl war 1913 Favorit erster Fürst von Albanien zu werden, als Ergebnis des Ersten Balkankriegs gegen das Osmanische Reich. Es kam 1914 zur Gründung des Fürstentums unter den Schutzmächten Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und Russland. Ein letztes friedliches Stelldichein der europäischen Großmächte vor dem großen Kladderadatsch von 1914.

Letzte Ausfahrt Monaco

Für Wilhelm Karl lief die Sache mit der Fürstenkrone nicht gut! Die bekam ein anderer Deutscher: Prinz Wilhelm zu Wied, erster Fürst von Albanien. Er versuchte gegen Clan-Strukturen, ethnische, religiöse Konflikte, Armut und eine nicht vorhandene Infrastruktur anzugehen. Dazu ein Volk, das sich Wunder von dem Deutschen erwartete – nach sechs Monaten war Schluss! Der Kurzzeit-Fürst gab entnervt auf und verließ die Baracke, die sich Schloss schimpfte, in der damaligen Hauptstadt Durrës.

Jahre später nahm sich dann ein waschechter Albaner die Krone und ernannte sich selbst zum König – wenn auch nicht für lange. Dem Uracher Wilhelm Karl dürfte der schnelle Abgesang seines Wieder Standesgenossen eine Mahnung gewesen sein, künftige keine halb garen Angebote für Throne in fernen Ländern mehr anzunehmen. Nur einmal war er wirklich einer Krone zum Greifen nahe: in der Heimat seiner Mutter.

1910 kam es in der pittoresken Mini-Monarchie an der Côte d’Azur zu einem Aufstand gegen Fürst Albert I. Seine Hoheit sah sich Forderungen ausgesetzt, die unerhört waren: Reformen, Demokratie! Um nicht vom Thron gestoßen zu werden, gab der Fürst nach und ließ eine Parlamentskammer einrichten, die allerdings erst unter seinem Ur-Ur-Enkel, dem heutigen Fürsten Albert II. als einigermaßen demokratisch bezeichnet werden kann.

Bei der abgesagten Revolution in Monaco zog Frankreich die Strippen, doch Paris wollte alles, aber bestimmt keinen Deutschen auf dem monegassischen Thron sehen. Albert I. ließ sich durch gutes Zureden der französischen Schutzmacht davon überzeugen, mit einigen kosmetischen Reformen für den Erhalt der Grimaldis auf dem edlen Felsen zu sorgen.

Flucht in die Wissenschaft

Und noch einmal 1919 durchkreuzten Paris und die Fürstenfamilie Wilhelm Karls Thronansprüche. Der einzige Sohn seines Vetters Albert I., Louis, hatte nur ein Kind. Charlotte war seine illegitime Tochter von einer Revuetänzerin – böse Zungen sprechen gar von einer Wäscherin! Doch der Adel weiß sich zu helfen: Charlotte wurde legitimiert, ihre Mutter erhielt einen schönen Titel und die Erbfolge war gerettet. Seine Tochter verzichtete zugunsten ihres Sohnes Rainier, dem Vater des amtierenden Fürsten, auf den Thron. Ende gut, alles gut?

Für die Litauer, die Polen und die Albaner erst seit 1990er-Jahren – dem Fall des Eisernen Vorhangs sei Dank. Für Monaco läuft es immer gut und das geht nur mit den Grimaldis und keiner Uracher Seitenlinie des Hauses Württemberg. Wilhelm Karl hat sich unter anfänglichen Protesten ob der Schachzüge bei der monegassischen Thronfolge mit seinem Schicksal abgefunden. Er entdeckte sein Herz für die Wissenschaft, promovierte in Geografie an der Universität Tübingen und starb schließlich 1928 in Rapallo. Auch ein Schicksalsort der deutschen Geschichte.

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Ketzerlehrling
Ketzerlehrling
23 Tage her

Ausgerechnet die Schmuddelkinder müssen es sein. Deutschland gibt sich nur mit denen ab, die ihm massiv schaden und auf ein Niveau herunterziehen, welches völlig inakzeptabel ist. Aber dieses dumme Volk erkennt seine Feinde nicht, sondern liefert sich ihnen völlig aus.

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