Fast ein Königreich: Die Ukraine und Wasil der Bestickte

Ukraine / Kiew / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: nextvoyage; https://pixabay.com/de/photos/gebäude-häuser-ukraine-flagge-kiew-7120297/ Ukraine / Kiew / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: nextvoyage; https://pixabay.com/de/photos/gebäude-häuser-ukraine-flagge-kiew-7120297/

Die Geschichte der Ukraine birgt Erstaunliches: Einem schillernden Sprössling der Habsburger wäre es fast gelungen, eine unabhängige Monarchie zu schaffen.

Ende 1918 waren drei Kaiserdynastien von Krieg und Revolution weggefegt. Die Habsburger machten sich allerdings Hoffnungen, jenseits Wiens auf alten Thronen zu bleiben oder neue zu besteigen. Einem schillernden Sprössling aus der K- und K-Sippe wäre es fast gelungen, eine unabhängige ukrainische Monarchie zu schaffen.

Ob es Wilhelm Franz von Habsburg-Lothringen gefallen hätte, dass in Kiew seit Mai 2021 ein Denkmal für ihn steht und in anderen ukrainischen Städten Straßen und Plätze nach ihm benannt sind, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Der in der spannungsgeladenen Endphase des weitverzweigten Habsburgerreichs geborene Prinz strebe zwar nach Höherem, galt aber andererseits als bescheiden und volksverbunden.

Besonders begeisterten ihn die Ruthenen, wie die Ukrainer in den Zeiten Österreich-Ungarns genannt wurden. Ruthenien, Galizien, Bessarabien, Bukowina, Russinen – an diesen historischen Namen für Landschaften und Menschen, die sich im Nordosten des Habsburgerreichs tummelten, spiegeln sich die Konflikte, die sich in dem 1991 gegründeten ukrainischen Nationalstaat derzeit tragisch entladen.

Ukraine, Polen, Ungarn: Ironien der Geschichte

Sein ehrgeiziger Vater Admiral-Erzherzog Karl Stephan, ja Österreich-Ungarn hatte eine Marine durch seine Besitzungen entlang der Adria, arbeitete auf die Wiederherstellung eines unabhängigen polnischen Throns hin, den seine Vorfahren im Bündnis mit Preußen und Russland beseitigt hatten. Das Wiener Erzhaus entwickelte sich über die Jahrhunderte durch seine vielfältigen Besitzungen, Völker und Kulturen zu einem Gegenentwurf der Idee des Nationalen. Ein chauvinistischer Nationalismus war den Habsburgern völlig fremd – sie waren die europäische Dynastie schlechthin. Doch durch die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs versuchten sie ihren Anspruch als große Herrscherfamilie zu erhalten, indem sie nationale Bestrebungen unterstützen, wie in Polen oder in dem Flickenteppich verschiedener Volksgruppen, der sich heute Ukraine nennt. Ein Widerspruch?

Nicht für die Habsburger, die lieber auf Diplomatie und lukrative Eheschließungen als Kriege setzten. Karl Stephan verheiratete seine Töchter mit altem polnischen Adel, um deren Gunst für eine Thronbesteigung zu gewinnen. Ganz nach dem traditionellen Familienmotto: Tu felix Austria nube. Allerdings musste er seine Ambitionen auf die polnische Krone aufgeben.

Die wenig royalistisch gesinnten Sieger des Weltkrieges machten ihm einen Strich durch die Rechnung. Polen erstand wieder, aber als Republik unter Marschall Pilsudski. Ein Thron blieb tatsächlich erhalten, wenn auch vakant: in Ungarn. Dort wollten die alten Eliten und auch die Siegermächte keinen Habsburger mehr thronen sehen.

Wie in Polen regierte ein hoher Militär, Admiral Horty, als Reichsverweser autokratisch über die Magyaren. Vielleicht wollte Horty sich selbst als König einsetzten und spielte auf Zeit. Einige Historiker deuten das zumindest in diese Richtung. Ein dilettantischer Putschversuch des Ex-Kaisers Karl 1921, um sich erneut die Stephans-Krone aufzusetzen, scheiterte kläglich. Das Image der Kaisersippe war in Budapest damit ziemlich ruiniert und ist eine eigene Geschichte wert. Nun blieb noch die Ukraine, die sich in den turbulenten Monaten ab Ende 1918 zu formieren begann. Aber wer wollte diesen neuen Staat überhaupt?

Ukrainischer Kunststaat

Nicht allzu viele. Eine nationale Gesinnung gab es in diesem Gebiet zwischen Polen, Ungarn und Russland kaum. Ein Einfallstor für einen mit Land, Sprache und Leuten vertrauten Habsburger Prinzen. Damals galt unter den Bewohnern dieser weitläufigen Region das Motto: Besser ein Deutschösterreicher als Polen oder Russen an der Macht. Die unter Präsident Selenskyj entdeckte Liebe für Polen, die von Warschau heftig erwidert wird, ist neu. Traditionell mag man sich nicht. Der polnische Nationalstaat seit 1918 liebäugelte immer wieder mit der Eingliederung der heutigen west-ukrainischen Territorien rund um Lemberg, und die Polen hielten sich durchaus für etwas Besseres gegenüber jenen, die wir heute Ukrainer nennen.

Wilhelm oder ukrainisch Wasil schwang sich auf, dem neuen Staat eine Krone und Zukunft zu bescheren. Er war perfekt vorbereitet, nicht allein durch seine Herkunft und seine Sprachkenntnisse. Er liebte diese Ruthenen, Galizier, Bessarabier, Russinen. Er war regelrecht vernarrt in sie und soll von einer Befriedung zwischen Krone und Demokratie geträumt haben.

Im Weltkrieg befehligte der Habsburger auf eigenen Wunsch ukrainische Einheiten, die er mit viel Mitgefühl geführt haben soll. Seinen Ehrennamen Wasil der Bestickte erhielt er, weil seine Hoheit unter der der österreichischen Uniform das traditionelle besticke Hemd trug, die Wyschywanka. Sie ist derzeit in der Ukraine besonders groß in Mode, welch Überraschung, und putzige Erstklässler tragen die Tracht stolz anlässlich ihrer Einschulung.  

Wasil Wyschywanka – fast ein König

Seine Kontakte zur Kiewer Elite wie dem Metropoliten der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche und monarchisch gesinnten Anhängern einer unabhängigen Ukraine halfen letztlich nichts. Erst spielten die Deutschen beim Frieden von Brest-Litowsk nicht mit, ein autonomes Ost-Galizien mit der Bukowina unter Wilhelms Führung zu errichten, dann durchkreuzten die Alliierten seine Pläne. Die Russen stellten sich ohnehin quer, und auch die Polen wollten keine wie auch immer geartete gekrönte, selbständige Ukraine in ihrer Nachbarschaft.

Nach einer kurzen Zeit als Chef für Außenbeziehungen im Kiewer Verteidigungsministerium 1919 zog sich Wilhelm-Wasil nach schweren politischen Unstimmigkeiten mit dem Machthaber der ukrainischen Volksrepublik, Symon Petljura, vom geliebten Schauplatz zurück. Im Münchner Exil versuchte der Prinz eine ukrainische Freiwilligenarmee aufzustellen gegen die zunehmende kommunistische Dominanz in Kiew, was durch den Vertrag von Rapallo von 1922 zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion letztlich scheiterte und verboten wurde.

Ein Déjà-vu der Geschichte? Nur heute unter umgekehrten Vorzeichen: Deutschland an der Seite der Ukraine, nicht mehr an der Russlands.

Nazi-Flirt und Doppelspion

Innerlich entsagte er der fiktiven ukrainischen Krone nie so ganz und streunerte als Lebemann und Dandy durch die Zwischenkriegszeit mit bevorzugten Aufenthalten in den Metropolen Paris und Madrid. Dort erwarb er sich den Ruf einer heißen Skandalnudel, die sowohl mit den attraktivsten Damen und schönsten Männern gleich welcher sozialen Schicht intim verkehrte. Seine verschwenderischen Feste mit Champagner in Strömen, die berüchtigten Bad Taste-Partys, die seinem Stand den Spiegel vorhalten sollen, galten als legendär: Adel von seiner besten Seite, alles spieß-bürgerliche ist ihm fremd.

Jedoch bewahrte er sich seine Liebe für die Menschen in seinem Fast-Königreich und unterhielt enge Bande zu ukrainischen Exilanten. Nicht nur die Pläne für eine ukrainische Monarchie waren gescheitert, auch der kurzlebige erste Kiewer Nationalstaat war durch Lenins Zugriff zerstoben. Was nun, Wilhelm-Wasil? Hic salta Ucrainia?

Während des Zweiten Weltkrieges überlegten die Deutschen was sie mit diesem riesigen Grenzland, was Ukraine übersetzt heißt und was sie besetzt hatten, anfangen sollen. Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, ähnlich wie Wilhelm-Wasil Luxus, Verschwendung und politischen Kapriolen zugeneigt, entsann sich des Habsburgers. Der Deutsche wollte den Habsburger als Aushängeschild gewinnen für eine Führerschaft der so genannten Karpaten-Ukraine im Verbund mit Ungarn.

Doch das war nicht nach dem Geschmack Wasils, der sein Ziel einer unabhängigen Ukraine weiter nachhing. Durch den NS-Chefideologen Alfred Rosenberg erhoffte er sich mehr Hilfe für seine Pläne, was anfangs auf fruchtbaren Boden fiel, aber durch den Kriegsverlauf und Querelen über die Zukunft der Ukraine im politischen Berlin zerschlug. Als Folge daraus wurde er zum Doppelspion für Großbritannien und Frankreich gegen Deutschland und nach dem Krieg gegen die ihm verhasste Sowjetunion. Seine hochfliegenden Pläne für eine unabhängige Ukraine durchkreuzten immer wieder die Deutschen und am Ende die Russen.

Wilhelm-Wasil – tragische Figur der Geschichte

Seinen Schlussakkord setzte der sowjetische Geheimdienst 1947 in Wien, wo sich der Habsburger weiter für die Belange der Ukraine einsetzen wollte. Standhaft hielt er den Befragungen der Russen stand, die ihn für Spionage gegen die Sowjetunion zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilten. Die blieben ihm (wahrscheinlich) erspart, da er an einer Lungentuberkulose in einem sowjetischen Krankenhaus 1948 verstorben sein soll. Andere Quellen berichten von Todesdaten zwischen 1950 bis 1955 und einem elenden Ende in einem Kerker.

Wiederholt sich Geschichte? Darüber sinnieren Historiker bis heute ohne eindeutige Aussage. Beim Beinahe-Monarchen der Ukraine, seinem Lebensweg, den politischen Verwerfungen der Ukraine bis zum heutigen Tag, lässt sich eine Antwort geben: Ja, sie wiederholt sich. Oder wie es Karl Marx sinngemäß meinte bei der Thronbesteigung Napoleons III.: Geschichte ist einmal Tragödie und einmal Farce. Bei Wilhelm-Wasil und der Ukraine ist es beides. Und vielleicht sollten die Ukrainer nochmal über die Monarchie nachdenken.

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