Kredit statt Lohn für US-Arbeiter
Kredit statt Lohn für US-Arbeiter

Kredit statt Lohn für US-Arbeiter

US-Dollar / Quelle: Wikipedia / Upload by Hohum US-Dollar / Quelle: Wikipedia / Upload by Hohum
Millionen US-Arbeitnehmer bekommen von ihren Arbeitgebern Kredite zum Überleben. So verdienen die Firmen noch an der Not ihrer Angestellten!

Am Sonntag stimmen die Schweizer darüber ab, ob sie ein Bedingungsloses Grundeinkommen einführen oder nicht. Mit dem Grundeinkommen hat sich GEOLITICO in dieser Woche schon einmal auseinandergesetzt, ebenso mit der Macht des Kapitals.

Vor diesem Hintergrund und angesichts des turbulenten US-Wahlkampfes erscheint zudem sinnvoll, auch mal wieder einen Blick auf die Einkommen in der größten westlichen Volkswirtschaft zu werfen. Denn was heute in den USA bereits gang und gäbe ist, das droht morgen vielleicht schon den Europäern. Und diese Aussichten sind alles andere als rosig.

Hohe Aktienkurse und niedrige Löhne

Denn am Zahltag ist bei vielen US-Arbeitnehmern bereits wieder – oder besser gesagt, immer noch – Ebbe in der Haushaltskasse. Seit langem halten die Löhne der breiten Masse mit den steigenden Lebenshaltungskosten nicht mehr Schritt. Wo aber die Lohnerhöhungen ausbleiben, suchen die Arbeitnehmer nach anderen Möglichkeiten, die Dinge des täglichen Bedarfs zu finanzieren.

Seit langem gibt es in den USA die Tradition sogenannter „Zahltag-Kredite“ (payday loans). Sie müssen zurückgezahlt werden, wenn der Arbeitnehmer seinen Lohn erhält, also am „Zahltag“. Ursprünglich entstanden sie, damit Arbeitnehmer damit kurzfristig entstandene ungewöhnliche Ausgaben finanzieren konnten. Inzwischen benötigen über 12 Millionen US-Arbeitnehmer diese „Zahltag-Kredite“, doch sie verwenden sie nicht für ungewöhnliche Ausgaben, sondern brauchen sie zwingend zur Finanzierung alltäglicher Dinge wie Arztrechnungen, Autoreparaturen usw.

Während Millionen US-Arbeitnehmer mit ihren Löhnen nicht mehr hinkommen, erklommen die Aktienkurse ihrer Unternehmen an den Börsen ungeahnte Höhen. Und die Vorstände der Unternehmen kassieren astronomische Gehälter und Boni. Erkauft wird dieser Reichtum einiger weniger mit einem immer höher wachsenden Schuldenberg der arbeitenden Bevölkerung. Wie gegensätzlich sich die Kapital-Profite und die Anteile der arbeitenden Bevölkerung am Bruttoinlandsprodukt entwickelt haben, zeigen die beiden folgenden Charts der US-Notenbank FED.

Anteil US-Loehne am BIP / Quelle: FED

Anteil US-Loehne am BIP / Quelle: FED

Entwicklung der Unternehmensgewinne in USA / Quelle: FED

Entwicklung der Unternehmensgewinne in USA / Quelle: FED

Leibeigene der Schulden

Das Verhältnis der Arbeiternehmer-Einkommen zum BIP war in der Geschichte der USA noch nie so gering und der Anteil der Unternehmensgewinne war noch nie so hoch. Eben diese Entwicklung ist wohl auch ein Grund, warum die Leute im aktuellen US-Wahlkampf dem Establishment die rote Karte zeigen und Donald Trump zujubeln.

Was zeigt die Lohnentwicklung in den USA? Aus der Weltfinanzkrise 2008 haben die sogenannten Eliten nichts gelernt. Im Gegenteil, denn sie versuchen, das an Überschuldung krankende System mit noch mehr Schulden am Leben zu erhalten. Sie tun dies nicht nur auf der Ebene der Regierungen und Notenbanken, sondern sind dabei, das gesamte System zu einem System der Schuldenknechtschaft, in dem alle zu Leibeigenen der Schulden werden – mit Ausnahme der wenigen Großkapitalisten.

Mit Ausnahme der zehn Prozent Reichen sind alle rund 300 Millionen US-Bürger die Knechte ihrer  gigantischen Staatsschulden und ihrer privaten Schulden. Allein zwölf Millionen Arbeitnehmer nutzen die sogenannten payday loans, fand „The Pew Charitable Trusts“ heraus. Denn ohne immer weitere Schulden können sie nicht mal mehr die ganz normalen Alltagsbedürfnisse finanzieren.

Und welche Lehre ziehen die Eliten aus Wirtschaft und Politik daraus? Sie erhöhen nicht etwa die Löhne, um so den Angestellten ein menschenwürdiges Dasein und ihnen den Weg aus der Schuldenknechtschaft zu ermöglichen.

Nein, die Konzern-Vorstände sind schließlich clever: Sie übernehmen das Kreditgeschäft von den Banken und bieten ihren Mitarbeitern nun selbst die payday loans an. Statt ihren Angestellten höhere Löhne zu zahlen, verdienen sie nun sogar noch an deren Not!

Was sagt Adam Smith?

Und sie verdienen gut, denn die Kosten eines solchen Darlehens reichen von zehn bis 30 Dollar für jede geliehenen 100 Dollar, schreibt das Consumer Financial Protection Bureau der US-Regierung.[1] Eine typisches Zwei-Wochen-Darlehen mit einer 15-Dollar-Gebühr pro entspricht 100 Dollar entspreche einem Jahreszins von fast 400 %, rechnet die Behörde vor. Im Vergleich dazu sind Kreditkarten-Schulden ein Schnäppchen: Kreditkartenunternehmen kassieren einen Jahreszins zwischen zwölf und 30 Prozent.

Diese Gier der Eliten hat aber letztlich einen hohen Preis. Nur den erkennt dieses mit Gier und Bauernschläue reichlich gesegnete Establishment nicht. Besäßen sie auch nur ein Fünkchen Intelligenz, dann hätten sie gelesen, was der von den selbsternannten Liberalen immer so hochgelobte Adam Smith in seinem Standardwerk „Der Reichtum der Nationen“ geschrieben hat:

„Unsere Händler und Unternehmer klagen viel über die negativen Auswirkungen hoher Löhne auf die Produktpreise und die Folgen für den Verkauf ihrer Waren im In- und Ausland. Sie sagen aber nichts über die schlechten Auswirkungen der hohen Gewinne. Sie werden still, wenn es um die Folgen ihrer eigenen Gewinne geht und beklagen sich ständig über diejenigen der anderen.
Während Mieten und Löhne mit dem Wohlstand der Bevölkerung steigen und mit dessen Rückgang sinken, muss es sich mit dem Profit genau umgekehrt verhalten: In reichen Ländern ist er gering, besonders hoch ist der Profit in armen Ländern. Und am höchsten sind die Profite in jenen Ländern, die am schnellsten in den Ruin treiben.“

Verstanden?

 

 

 

[1] http://www.consumerfinance.gov/askcfpb/1567/what-payday-loan.html

Über Thomas Castorp

Thomas (Hans) Castorp blickt vom Zauberberg herab auf die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Fragenstellungen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel