Die erkaltete CDU

Stadtluft war noch nie das Lebenselixier der CDU. In jenen Zentren, wo sich die Welt zuallererst globalisiert, wo der Fortschritt das Leben beschleunigt, wo Kulturen verschmelzen und ein gemeinsamer Wertekanon nur hinderlich ist, wenn ein jeder nach seiner Façon glücklich werden möchte, da wirkte eine Partei mit christlichem Selbstverständnis schon immer wie von gestern.

So wundert es kaum, dass nur drei der zehn größten deutschen Städte von Christdemokraten regiert werden, nämlich Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart. Seit der Kanzlerschaft Konrad Adenauers haben SPD-Oberbürgermeister in den meisten Großstädten das Sagen

Die CDU hat ihre Wahlen immer auf dem Land gewonnen, in den Metropolen war sie zweitstärkste Kraft. Das aber ist sie nun nicht mehr. In Bremen fiel sie hinter die Grünen zurück. Und in einigen Berliner Stadtteilen votieren bereits weniger als zehn Prozent der Wahlberechtigten für die CDU. Eine so geringe Zustimmung ist auch für eine Nicht-Großstadt-Partei zweifellos bedenklich.

Entsprechend alarmiert reagiert die CDU. Ihr Generalsekretär Hermann Gröhe bläst zur Stadtoffensive. Denn erstens wird im Herbst auch in Berlin gewählt. Zweitens soll die CDU bei künftigen Wahlen insgesamt wieder erfolgreicher werden.

Aber muss sich die Partei nicht erst einmal fragen, warum sie an Zuspruch verliert? Wo liegen die Ursachen? Was vermissen die Wähler? Was stört sie? Diese Fragen jedoch stellt weder Gröhe noch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel. Dabei hat gerade Merkel die Partei in den vergangenen zehn Jahren stärker verändert, als alle Vorsitzenden in fünf Jahrzehnten vor ihr.

Auf dem Leipziger Parteitag 2003 ersetzte die Partei zentrale Grundsätze ihrer Nachkriegspolitik radikal durch neue. Dort verabschiedete sich die CDU etwa von der solidarischen Finanzierung der Sozialversicherung und verlangte eine weitgehende Liberalisierung der von ihr erfundenen sozialen Marktwirtschaft. Vier Jahre später votierte die CDU dann für die zuvor vehement bekämpften Mindestlöhne und trennte sich von ihrem traditionellen Familienbild. Jetzt wollte die Merkel-CDU sozialdemokratischer als die SPD sein.

Das letzte und vielleicht eindrucksvollste Wendemanöver legte sie in der Atompolitik hin. Erst verlängerte sie die Laufzeiten der Kraftwerke, nun will sie den Atomausstieg in nur zehn Jahren. Je nach Lage der Demoskopie wird die Merkel-CDU also mal rot, mal grün angestrichen. Doch Konstanten, die den bürgerlichen Kern der CDU definieren, aus denen sie Kraft schöpft und sich ihrer selbst vergewissern kann, die gibt es immer weniger.

Noch unter Helmut Kohl hatten die Christdemokraten eine klare Vorstellung davon, was ihre Partei ausmacht, wo sie sich abgrenzt von SPD und Grünen. Vielleicht war sie zuweilen etwas bieder in ihrem Ordnungsstreben, ihrem Patriotismus und ihrer Hinwendung zur christlichen Soziallehre. Aber sie besaß ein Wir-Gefühl und eine sichere Heimat in der festen Ordnung dörflicher Gemeinschaften. Genau dieses Gefühl vermisst sie heute.

Unter Angela Merkel ist der CDU das christdemokratische Lebensgefühl, sprich ihr zutiefst bürgerliches, wert-konservatives Selbstverständnis abhanden gekommen. Das ist das Dilemma der CDU. Stadtluft war noch nie ihr Lebenselixier.

Günther Lachmann am 3. Juni 2011 für MDR Figaro – Kultur und gut.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel