Söder kann Strauß nicht beerben

Bayern / Soeder / Franz Josef Strauß / Quelle: Pixabay: lizenzfreie Bilder, open library: Ralphs_Fotos; https://pixabay.com/de/photos/flagge-fahne-bayern-bayrisch-3561417/ Bayern / Soeder / Franz Josef Strauß / Quelle: Pixabay: lizenzfreie Bilder, open library: Ralphs_Fotos; https://pixabay.com/de/photos/flagge-fahne-bayern-bayrisch-3561417/

Bei der Wahl am 8. Oktober 2023 geht es für die CSU um ihre Identität als quasi Staatspartei. Franz Josef Strauß hat dieses Image geprägt. Warum Markus Söder es nicht bewahren kann.

Der wird nie Kanzler werden. Der ist total unfähig; ihm fehlen alle charakterlichen, geistigen und politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles“, sagte Franz Josef Strauß (FJS) bei einer CSU-Tagung Ende der 1970er Jahre über Helmut Kohl. Strauß irrte sich gewaltig, und Helmut Kohl entpuppte sich als ausgesprochen langlebiger Kanzler mit 16 Jahren Amtszeit.

Dass FJS auf einer Jagd beim Fürsten Thurn und Taxis einen Herzinfarkt erlitt und am 3. Oktober 1988 starb, zwei Jahre vor der Deutschen Einheit, darf als Ironie der Geschichte gesehen werden. Übrigens: Mit Kaiser Ludwig starb im Oktober 1347 bei Fürstenfeldbruck schon einmal ein Bayernherrscher bei der Jagd. Beide, Strauß und Kaiser Ludwig, waren kraftvolle, tatendurstige Männer, die dem Alpenstaat ihren jeweils eigenen Stempel aufdrückten. In ihre Fußstapfen will spätestens mit der kommenden Landtagswahl auch Markus Söder treten. Doch wie einst Strauß an Kohl zweifelte, zweifeln bis heute viele Bayern an Söder.

Söders Fetisch Strauß

Im aktuellen Wahlkampf plakatiert die CSU nicht allein das Konterfei ihres Ministerpräsidenten, sondern auch das des FJS, der mit einem seiner zahlreichen Bonmots zitiert wird: „Wir wollen mit rechtsradikalen Narren und Extremisten nichts zu tun haben.“ Der bekennende Strauß-Fan Söder – es hing ein Poster von Strauß in seinem Jugendzimmer – sieht sich fast schon genötigt, die CSU-Ikone aus der Gruft heraufzubeschwören. Denn es sieht nach den Umfragen nicht glänzend für seine Partei aus. Sie dümpelt bei für die CSU mageren 37 Prozent dahin und muss wieder koalieren, was zu FJS-Zeiten unvorstellbar war.

Bei den Landtagswahlen mit FJS als Spitzenkandidat erzielte die CSU zwischen 1978 und 1986 Ergebnisse zwischen 56 und 59 Prozent. Nur unter dem wenig bayerisch wirkenden Mineralwasser-Fan Edmund Stoiber holte die Partei sogar 60 Prozent, was den Anspruch als quasi Staatspartei unterstrich. Söder müssen die Tränen kommen, wenn er an diese Erfolge seiner Vorgänger denkt. Wenn nicht ein Wunder geschieht, dann dürfte die CSU an diese Ergebnisse nicht mehr anknüpfen können. Doch wer trägt für diesen Niedergang die Verantwortung?

Bayerische Trinität: Ludwig II., Strauß und Söder

Markus Söder, der auf seinen Wahlplakaten mit Dr. Söder firmiert, was Strauß trotz seiner hohen Bildung nicht nötig hatte, erklärt die negative Entwicklung sinngemäß so: Früher gab es keine Freien Wähler und keine AfD, und überhaupt habe sich die politische Landschaft und die Gesellschaft völlig verändert. Mit dieser Binsenweisheit hat Söder recht, aber das darf für die letzte Volkspartei im Land keine ausreichende Erklärung sein.

Noch wählen Bürgerliche aus dem Mittelstand, der Bauernschaft, den Gewerkschaften, den Freien Berufen Söders Partei. Noch vereint sie diese in anderen Bundesländern auseinander driftenden Milieus in einer Partei. Doch wo sind die Rezepte der CSU, die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse zu gestalten oder zu verändern? Fehlanzeige. Und das Motto Laptop und Lederhose büßt schon lange seine Strahlkraft ein.

Hätte Strauß heutzutage das richtige Rezept? FJS war der Überzeugung, konservativ zu sein heiße, an der Spitze des Fortschritts zu stehen. Steht die Söder-CSU an der Spitze des Fortschritts, so wie Strauß es meinte? Nämlich nicht dem Zeitgeist hinterherzulaufen, sondern ihn zu bestimmen?

Ja, Bayern ist in vielen Bereichen noch immer spitze: Wirtschaft,  Forschung, Sicherheit und Tourismus. Das Land zwischen Spessart und Karwendel ist letztlich das einzige Bundesland, das zu einer Marke mit internationaler Ausstrahlung geworden ist. Nicht zuletzt hat König Ludwig II. dazu beigetragen, der mit seinen phantastischen Schlössern, seinem exzentrischen Lebensstil und dem tragisch-geheimnisvollen Ende Bayern einen Märchenstoff für die Ewigkeit geschenkt hat. Millionen von Touristen danken es dem Kini und der Freistaat dankt es ihnen.

Söders CSU im Zangengriff

Auch Markus Söder sprach während des Wahlkampfs immer wieder von Bayern als Märchenland. Bei ihm klingt es allerdings wie das Pfeifen im Walde. Die Freien Wähler und die AfD stehen wahlweise als Böse Hexe oder Pumuckel hinter den Fichten. Beide wollen mit der CSU regieren – jedoch dürfen nur die Aiwangeristen an die Pfründe der Regierung. Aiwanger ist Söders Pumuckel, der sich am Leim der Macht festklebt und seinem Herrn treu zu Diensten steht. Söder hat es ihm in der Flugblatt-Affäre gedankt.

Und was hätte Strauß dazu gesagt? Einer der besten Parodisten von FJS, Helmut Schleich, hat es auf den Punkt gebracht: „Freie Wähler? Zu meiner Zeit war das überhaupt nicht vorstellbar gewesen!“

Strauß war ein begnadeter Redner, selbst im angeheiterten Zustand. Er war humanistisch gebildet und ein mit allen Wassern gewaschener Vollblutpolitiker. Sehr wahrscheinlich hätte aber auch er gegen die Freien Wähler und die AfD wohl kein Patentrezept gehabt. Dass er die AfD wählte, wenn noch unter uns wäre, wie es die Partei beim letzten Landtagswahlkampf plakatiert hatte, darf jedoch getrost bezweifelt werden.

https://www.youtube.com/watch?v=nN4C1oUOIFg

Söder ist lediglich ein Nachlassverwalter der Zeit des FJS, und die heutige CSU steht nicht an der Spitze des Fortschritts, sondern an der des beliebigen Mainstreams. Dafür erhält die Partei sehr wahrscheinlich am 8. Oktober nach 2018 erneut einen Denkzettel.

Und genau genommen hat sich Söder unfreiwillig zum Antipoden des hoch verehrten Strauß entwickelt. Sein Erbe ist er definitiv nicht, dazu hat er zu viele strategische Fehler gemacht. Söder ist ein Taktierer. Horst Seehofer äußerte sich voller Abscheu über Söders „Schmutzeleien“. Hingegen war FJS erfolgreicher Stratege und Taktiker, wenn es sein musste. Er und seine CSU sind eingekeilt zwischen Freien Wählern und AfD auf der rechten sowie den Grünen auf der linken Seite.

Über eines indes würde sich FJS freuen: den politischen Tod der Bayern-SPD. Doch das wird alles nicht ausreichen, die Marke CSU auch in Zukunft mit der Marke Bayern auf Dauer zu verbinden.

Söder ist im Gegensatz zu Strauß ein Zauderer und ein Fähnchen im Wind. FJS stand eisern gegen alle Anfechtungen des damaligen Zeitgeists. Völlig unfähig, wie Strauß irrtümlich über Kohl wütete, ist Söder zwar nicht. Doch sollte sich der bayerische Ministerpräsident dieses Zitat seines Vorbilds zu Herzen nehmen:

„Weltanschauungen sind dogmatische Bastarde, gezeugt aus ungeduldiger Quasi-Religiosität, die gleichsam die Apokalypse nicht erwarten kann“.

Ansonsten droht das Ende der CSU als Volks- und Staatspartei im besten Sinne.

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Nathan
Nathan
7 Monate her

Söder hat mit seinen Verkleidungen beim Nockherberg immer den Depp der (bayrischen) Nation gespielt, ein Komiker eben. Wie Selensky. Und nun muß er sich als Ministerpräident zwangsweise staatsmännisch geben. Wie Selensky.
Klappt aber nicht, auch wenn er seine Pony-Dummi-Frisur nun Haargel-gestylt aufrichten läßt. Irgendwie kann man ihn nicht ernst nehmen und es scheint immer ein zu verdecken bemühtes Grinsen durch. Söder hochgespült, aber ein Staatsmann ist er nicht!

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