Schottland für Briten kein Verlust

London / Quelle: By FiatLUX (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons London / Quelle: By FiatLUX (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Die deutschen Medien stellen eine Abspaltung Schottlands als schweren Nachteil für die Briten dar. Die Überprüfung der Wirtschaftsdaten sagt etwas anderes.

Die deutsche Presse berichtet häufig genüsslich vom Austrittswunsch der Schotten aus dem Vereinigten Königreich. Weil sie den Briten den Brexit verübelt und die Schotten als Brüder im Geiste erkennt. Die alte Parole „Gott strafe England“ ist in den Berliner Redaktionen wieder präsent. Die Regierungspartei in Edinburgh, die Schottische Nationalpartei, will diesen Austritt wirklich. So weit so gut.

Begründet wird das von der schottischen Regierung mit dem Austrittswunsch der Briten aus der EU. England hatte mit 53,4 % für den Brexit gestimmt, Wales mit 52,5 %, aber Schottland war mit 62 % dagegen. Da geht wirklich nichts zusammen, da muss man sich trennen. Das ist Demokratie.

Ideologisches Projekt

Die Journalisten des Mainstrams stellen die Abspaltung Schottlands als Nachteil für Britannien dar. Ob das tatsächlich so ist, gilt es zu untersuchen.

Das Vereinigte Königreich hat 65,1 Millionen Einwohner, davon Schottland 5,3 Millionen. Das sind 8,1 % der Einwohner. Der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon sind das zu wenig Leute: Sie hat kürzlich auf einem Parteitag britische Brexit-Gegner zu einem Umzug nach Schottland aufgerufen. „Kommt hierher, um zu leben, zu arbeiten, zu investieren oder zu studieren“. Sie vergaß das grauselige Wetter in Schottland zu erwähnen. „Kommt hierher, um zu frieren“, hat sie unterschlagen.

Das Bruttoinlandsprodukt des Gesamtreichs betrug 2015 2.858 Milliarden US-$, das von Schottland 230 Milliarden US-$, also 8 %. Der Gas- und Ölreichtum vor der schottischen Küste bringt seit 2015 nichts mehr. Die Förderkosten liegen über den Einnahmen.

Schottland lieferte 2015 für 12,3 Milliarden Pfund (GBP) Waren in die EU, für 16,3 Milliarden GBP ins Nicht-EU-Gebiet, davon 4,6 Milliarden in die USA, und für 49,8 Milliarden GBP nach Rest-Großbritannen. (Ohne Öl und Gas). Das heißt, die EU-Exporte machten knapp 16 % aus, wenn England, Wales und Nordirland die EU verlassen. Man erkennt deutlich: Wirtschaftlich macht der Austritt Schottlands aus Großbritannien und der Verbleib in der EU keinen Sinn. Der Austritt Schottlands aus dem Königreich ist ein ideologisches Projekt, welches von den Systemmedien aus Rachedurst betrieben wird.

Deshalb hatte der britische Ex-Premierminister Gordon Brown, der ja Schotte ist, einen grandiosen Vorschlag: Schottland sollte weiter dem Königreich angehören und trotz Brexit eigene Verträge mit anderen Ländern der Europäischen Union abschließen dürfen. Das hört sich nach dem favorisierten Bilateralismus von Donald Trump an. Damit kam er bei den schottischen Nationalisten ganz schlecht an. Die wollen ganz oder gar nicht.

Schottland ist sozialistische Hochburg

Die umgekehrte Perspektive: England kann die Abspaltung der Schotten wirtschaftlich relativ egal sein, denn für England ist der schottische Absatzmarkt sehr nebensächlich. Militärisch entsteht ein kleines Problem. Der in Schottland befindliche Stützpunkt Faslane ist für die Marine ihrer Majestät von besonderer Bedeutung. Am Ende des Gare Loch befindet sich die Heimatbasis für die U-Boote der „Vanguard“-Klasse. Hier wäre eine vertragliche Lösung gefragt.

Ansonsten entstehen für die Briten riesige politische Chancen den Sozialismus zu beerdigen. Denn die Sitze im Unterhaus sind folgendermaßen verteilt:

England 533
Schottland 59
Wales 40
Nordirland 18

Von den schottischen Abgeordneten im Unterhaus gehören 56 der linken Schottischen Nationalpartei an, einer den in London regierenden Konservativen, einer den Liberaldemokraten und einer Labour. 2010 stellten die Konservativen auch nur einen Abgeordneten, die Liberalen 11, die Schotten 6 und Labour 41. Bei den Wählerstimmen sah es 2015 ähnlich aus (im Vergleich zu 2010):

Schottische Nationalparte 50,0 % (+ 30,1 %)
Labour 24,3 % (- 17,7 %)
Konservative 14,9 % ( – 1,8 %)
Liberaldemokraten 7,5 % (- 11,4 %)

Das heißt, Schottland ist eine einzige sozialistische Hochburg. Zwei Drittel bis drei Viertel der Einwohner drehen linksrum. Ohne Schottland sähe das Londoner Unterhaus so aus:

Konservative 330 Abgeordnete
Labour 231 Abgeordnete
Liberaldemokraten 7 Abgeordnete
Sonstige 23 Abgeordnete

Klare Mehrheit für May

Die Konservativen hätten eine komfortable Mehrheit, um die sie kaum fürchten müssten. Ihre Mehrheit im Unterhaus würde von 50,8 auf 55,8 % anwachsen. Ein Sieg von Labour bei Unterhauswahlen würde ohne die rund fünfzig linken schottischen Wahlkreise schwierig werden. Vermutlich würde Theresa May mit dem Austritt Schottlands ihre ungefährdete Wiederwahl sichern.

Früher hatte das NEUE DEUTSCHLAND am Wochenende eine Kulturbeilage: DIE GEBILDETE NATION. Auf der letzten Seite dieser Beilage stand 1963 eines schönen Wochenendes eine ganze Latte Schottenwitze. Warum lernen die meisten Schotten Blindenschrift? – Weil man dann auch ohne Licht lesen kann. Und ähnlich.

Mit dieser sprichwörtlichen Sparsamkeit ist es vorbei. Die fetten Jahre mit hohen Ölpreisen haben die Sitten in den Highlands nachhaltig verdorben. Man trägt zwar noch karierte Röcke und wirft mit Baumstämmen um sich. Die Finanzverwaltung guckt jedoch ebenfalls kariert: Schottland hat mittlerweile ein Haushaltsdefizit von fast 10 % des BIP. Vergiss es, dass der Autor des Buchs „Der Wohlstand der Nationen“, Adam Smith, ein Schotte war.

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Über Wolfgang Prabel

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16 Kommentare zu Schottland für Briten kein Verlust

  1. waltomax // 25. März 2017 um 09:40 //

    Wenn sich die Briten aus der EU verabschieden und ein freies Schottland dort verbleibt, dann ist das gut für Europa. Das vereinigte Königreich verliert sich dann in der Bedeutungslosigkeit. Die Politik, die Europäer gegen sich selber auszuspielen und Kriege anzuzetteln, verschwände endlich.

    • Goldluzi // 25. März 2017 um 11:00 //

      Ja ne is Klar 🙂 Dein Europa ist gescheitert du Geschichtenschreiber.

    • hubi stendahl // 25. März 2017 um 12:06 //

      Das alles ist Spiegelfechterei. Ja sogar eine Narretei. Der Austritt müsste im Parlament IN LONDON beschlossen werden. Wie sollte das geschehen? Schottland ist völlig abhängig von London.

      • waltomax // 25. März 2017 um 13:03 //

        @Hubi: Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands und dann Verbleib in der EU. Beides wird von den Schotten beabsichtigt. Souveräner Staat entscheidet souverän. Bitte besser informieren…sonst wird Kritik unqualifiziert.

      • Greenhoop // 25. März 2017 um 13:34 //

        @Waltomax

        Die britische Regierung muß die Abstimmung genehmigen und das meinte @Hubi wohl.

      • hubi stendahl // 25. März 2017 um 14:15 //

        @Greenhoop

        Die britische Regierung muss die Abstimmung genehmigen und das meinte @Hubi wohl.

        Hallo Greenhoop, danke, exakt!

    • Skyjumper // 25. März 2017 um 22:00 //

      Ja, das wäre wahnsinnig gut für die EU. Nur was genau daran denn eigentlich? Dass die EU den Nettozahler als Mitglied verliert und dafür einen weiteren armen Schlucker bekommt?
      Merkwürdiger Betrachtungsansatz wenn man berücksichtigt dass sich die EU zwar gerne als Wertegemeinschaft darstellt, in Wirklichkeit aber ein reiner Wirtschaftsverband ist.

  2. Peter G. // 25. März 2017 um 16:04 //

    Was wäre wenn….? Gesetzt den Fall, Schottland könnte die Union mit England verlassen, was mit einer überzeugenden Mehrheit bei einer Abstimmung möglich sein müsste, wie verhielte sich die EU bei einem Beitrittsantrag Schottlands? Das Selbstbestimmungsrecht der Völker hochhalten und gleichzeitig den Briten eins auswischen? Aber was dann mit den Katalanen und Basken, den Venetern, evtl. sogar den Bajuwaren?

    • waltomax // 25. März 2017 um 17:12 //

      Selbstbestimmung für Bajuwaren, warum nicht? Als ein solcher bin ich sehr für ein Europa der Regionen. Bayern würde sicher gut zu Österreich und Südtirol passen.

      Eines ist sicher: Wenn der erwartete Finanz- und Wirtschaftscrash kommt, dann wird es in einem Maße Mord und Totschlag geben, dass die Überlebenden ohnehin wieder in kleinen Einheiten anfangen müssen.

      Die Frage ist nicht, ob und wann dies eintritt, denn ein Niedergang und Zerfall bestehender Strukturen werden unvermeidlich sein.

      Die eigentliche Frage ist, wie wir diesen Phasenübergang vom Zentralismus zum dezentral organisierten Dasein gestalten. Oder ob der Lauf der Dinge ihn erzwingen wird, blutig und leidvoll.

      Passiv erduldeter Zivilisationsbruch oder aktiver Kontextwechsel…!

    • Skyjumper // 25. März 2017 um 22:10 //

      @Peter G.
      Ja, das wäre ein Dilemma für die EU. Schließlich tönte es doch noch bei der letzten Abstimmung zur Abspaltung warend, dass ein Beitritt Schottlands als unabhängiger Staat von erheblichen Schwierigkeiten geprägt wäre.
      Ich bin allerdings ziemlich sicher dass es nun, unter den neuen Bedingungen (Brexit) ganz einfach wäre. Und kaum einer der ach so kritischen Bürger würde diese Wendehalspolitik bemerken. Das sieht man ja auch schön daran wie wenig auf die 180° Wende in den Mainstreampresseberichten reagiert wird. Vor dem letzten Referendum war die Presse nahezu einhellig der Meinung dass es wirtchaftlich ganz schlecht für Schottland sei sich von England zu trennen. Nach dem Brexit ist es nun umgekehrt

      Aber hey, die Schafherde glaubt eben nahezu alles ohne mal selbst zu hinterfragen.

  3. waltomax // 25. März 2017 um 17:21 //

    Erlittener Zivilisationsbruch oder aktiv gestalteter Kontextwechsel…?
    Von der klassischen Industriegesellschaft zur nachindustriellen Bürgergesellschaft. Da geht’s lang.

    Man frage sich, welcher Politiker des Pudels Kern erfasst hat und thematisiert.

  4. waltomax // 25. März 2017 um 19:35 //

    Ergänzend sei bemerkt, dass sich die Eliten nicht für einen „sanften Wandel des Tages“ entschieden haben, sondern für die Eindämmung und Abschwächung zukünftiger Verteilungskämpfe mittels Genozides.

    In die Tilgung unnützer Fresser ist auch, wie immer, die Medizin und das gesamte Gesundheitssystem eingebunden.

  5. Hajo Blaschke // 26. März 2017 um 13:47 //

    @ Goldluzi Was für ein Blödsinn, waltomax hat doch völlig recht. Wer glaubt, GB würde die EU nur wegen deren Wirtschaftspolitik verlassen, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden. GB will wieder seinen Überwachungs- und Kontrollstatus gegenüber dem Kontinent einnehmen. Wäre Schottland nicht mehr in einem Staat mit England, wäre es endgültig mit „Rule, Britannia, britannia rule the waves“ vorbei. Und das wäre gut so!

  6. Dresdner // 26. März 2017 um 14:18 //

    Grundsätzlich wäre es schon ein Verlust, aber nicht ökonomisch.

    Die größten U Boot Basen liegen in Schottland, genauso die Nato Stützpunkte.

    Dze

  7. Hajo Blaschke // 27. März 2017 um 22:20 //

    @ Dresdner Aus der NATO wollen die Schotten doch gar nicht raus.

    • Skyjumper // 28. März 2017 um 16:00 //

      @Hajo Blaschke
      Bevor die Schotten da rauswollen könnten, müßten sie ja auch erst einmal eintreten 😉
      Und was die Atom-U-Boote in Faslane anbelangt: Die liegen zwar in Schottland, gehören aber den „Rest“Briten.

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