Die Umdeutung der Geschichte
Die Umdeutung der Geschichte

Die Umdeutung der Geschichte

Demonstranten halten die Flagge hoch, die Flüchtlinge willkommen heißt © GEOLITICO Demonstranten halten die Flagge hoch, die Flüchtlinge willkommen heißt © GEOLITICO
So wird die Geschichte der antiken Völkerwanderung verdreht: Rom ist nicht am Migrantenüberfluss, sondern an Ausländerhass zugrunde gegangen.

In der Migrationskrise führen wir einen Kampf um die richtige Sichtweise historischer Ereignisse. Das ungeschriebene Gesetz der politischen Korrektheit sieht vor, dass manche Vorgänge in der Geschichte nicht in falscher Weise instrumentalisiert werden dürfen. Dabei ist es schwierig, immer zu wissen, welche Geschichtsvorgänge der politischen Korrektheit unterstehen und was eigentlich die korrekte Auslegung eines geschichtlichen Ereignisses ist. Geht man über einen bestimmten Rahmen hinaus, kann das zur gesellschaftlichen Ächtung bis hin zur Existenzbedrohung führen. Aber die antike Geschichte war bisher verschont geblieben, genau das hat sich seit Ende 2015 geändert.

In seinem zweiteiligen Beitrag erörtert der Verfasser, wie der geschichtliche Vorgang in den Zeiten der Migrationskrise zum Gegenstand einer politischen Diskussion mit Bezug zur aktuellen Zeit geworden ist. Im ersten Teil schrieb er: „Rom-Vergleiche sind nicht statthaft“. Der zweite Teil beschäftigt sich mit politisch korrekten Deutungsmustern.

Die politisch nicht korrekte Auslegung bzw. Präsentation des Themas „Antike Völkerwanderung und Untergang Roms“ wird in unserer Zeit plötzlich zum Politikum. Im ersten Teil des Beitrags wurde der ziemlich beispiellose Vorgang einer Publikationsablehnung eines geschichtswissenschaftlichen Textes aus Gründen einer möglichen politischen Missinterpretation und eines Missbrauchs vonseiten Dritter behandelt. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung hatte einen von ihr selbst bestellten Text[1] über die antike Völkerwanderung des renommierten Althistorikers Alexander Demandt für ihre Zeitschrift „Die politische Meinung“ abgelehnt mit der Begründung, es bestehe, die Gefahr, dass „allzu einfache Parallelitäten zur aktuellen Lage“ konstruiert werden könnten.

Fazit im ersten Teil des Beitrags war: Eine Ablehnung mit dieser Begründung ist als bedenkliche Vorgehensweise anzusehen, damit wird versucht, politisch korrekte Inhalte für die Sicht auf die Geschichte durchzusetzen.

Eine weitere Vorgehensweise zur Durchsetzung der politischen Korrektheit auch in Bezug auf bestimmte Geschichtsereignisse ist differenzierter. Hier wird die Sache auf der Deutungsebene ausgekämpft. Die korrekte Interpretation wird vorgegeben, so dass der geschichtliche Vorgang instrumentalisiert werden kann, um z. B. die aktuelle Politik der deutschen Bundesregierung in der Migrationskrise als die einzig richtige Vorgehensweise hinzustellen. Dies wird in der Folge an einem Beispiel beschrieben.

Fremdenfeindlichkeit als Reaktion auf den Staatszerfall

Wie man „richtig“ und politisch korrekt über die antike Völkerwanderung schreibt, hatte schon im November 2015 der wirtschaftspolitische Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und studierte Historiker Ralph Bollmann vorgemacht.[2] Schon die Einleitung lässt keine Frage offen, wohin die argumentative Reise geht:

„Das Wort ,Völkerwanderung’ klingt plötzlich wieder sehr aktuell. Wie war das damals vor 1500 Jahren? Im Römischen Reich herrschten Wohlstand und Offenheit. Es zerfiel, als die Einheimischen die Nerven verloren und dem Hass auf die Flüchtlinge nachgaben.“

Sowohl Demandt als auch Bollmann stimmen zwar in ihren Artikeln überein, dass die gescheiterte Integration der germanischen und anderer Völker in das Römische Reich in der Spätantike zumindest im Westteil zum Untergang führte. Demandt weist aber den ursprünglich fremdenfreundlichen Römern keine Schuld zu, sondern sieht die schiere Masse der ins Reich dringenden Menschen als Überforderung eines schon auf tönernen Füssen stehenden Großreichs an.

Die Fremdenfeindlichkeit im untergehenden (west-)römischen Reich wird als Reaktion im Staatszerfall gesehen, der infolge der militärischen, politischen und ökonomischen Probleme dann nach Beginn der Völkerwanderung um ca. 375/376 n. Chr. binnen hundert Jahren eintrat.

Ralph Bollman gesteht zu, dass man antike Völkerwanderung und heutige Migrationskrise durchaus vergleichen kann:

„Wenn sich Hunderttausende von Flüchtlingen zu Fuß auf den Weg machen, dann scheint diese Parallele nahezuliegen“.

Aber Ralph Bollmann kennt die Schuldigen ganz genau. Es sind die „Einheimischen“, die die „Nerven verloren“ haben und „dem Hass auf die Flüchtlinge nachgaben“, denn sonst wäre Das Römerreich nicht zerfallen. Mit dem Wort „Hass“ bringt der Journalist auch den entscheidenden Begriff in die Diskussion, der dem geneigten Leser anzeigt, dass hier die moralisch einwandfreie und politisch korrekte Argumentation über Roms Untergang vorliegt. Bollmann weiß offenbar genau, dass im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr. nur Flüchtlinge über die Reichsgrenze kamen, nicht etwa auch Soldaten, Abenteurer oder brutale Beutemacher. Deshalb ist für ihn Roms Untergang und das Entstehen des Mittelalters die schlimme Folge des Versagens in der Flüchtlings- und Integrationspolitik Roms.

Erstaunlich ist, dass Ralph Bollmann auf innere Entwicklungen im Römerreich, die als Faktoren für den späteren Zusammenbruch wichtig sein könnten, nicht besonders intensiv eingehen will. Erwähnt werden von ihm nur Theorien, die den Sturz des Reiches durch Dekadenz und moralischen Verfall erklären, allerdings nur, um sie (richtigerweise) als eher irrelevant beiseite zu schieben.

Hervorgehoben wird von Ralph Bollmann die Integrationskraft des Imperiums „gegenüber Menschen aus allen erdenklichen Kulturen und Regionen“. Die Blütezeit des Römischen Reiches wird von Bollmann geradezu als multiethnisches Vorzeigeprojekt geschildert, das eine dem „modernen Westen“ vergleichbare Wohlstandszone ohne Grenzen entstehen ließ:

„Die Fremden kamen nach Rom zunächst als Gastarbeiter, ähnlich wie in die westeuropäischen Länder des späten 20. Jahrhunderts. In der Expansionsphase des Imperiums war es üblich, sich die Arbeitskraft der Besiegten zunutze zu machen und sie als Sklaven ins Innere des Reichs zu verschleppen. Durch die verbreitete Praxis der Freilassungen wurden in der Folge immer mehr ehemalige Sklaven zu römischen Bürgern. Blonde Germanen sollten im Straßenbild der Hauptstadt bald ebenso alltäglich sein wie dunkelhäutige Zuwanderer aus Nordafrika. Mit der Verleihung des Bürgerrechts an alle freien Reichsbewohner im Jahr 212 war der Status des „Civis Romanus“ endgültig von ethnischen Schranken befreit.
Die aus dem Stadtstaat übernommene politische Kultur und die tolerante Vielgötterei der Römer sicherten die Anschlussfähigkeit an die übrigen Kulturen des Mittelmeerraums bis in den Nahen und Mittleren Osten. Innerhalb der mediterranen Wohlstandszone, durchaus mit dem modernen Westen vergleichbar, gab es keine Grenzen, dafür aber einen regen Austausch von Menschen, Waren und Dienstleistungen. Das kam breiten Bevölkerungsschichten zugute.“

Warum schwand die Integrationskraft Roms?

Nun ist natürlich die Gleichsetzung zwischen verschleppten Sklaven besiegter Völker und Gastarbeitern in Westeuropa etwas kühn, aber es ist schon klar, was er sagen will: Rom war nicht fremdenfeindlich und hatte davon profitiert. Nichts anderes im Übrigen hatte Demandt in seinem gecancelten Beitrag auch ausgesagt. Bollmann beschreibt, bevor er zu seiner eigenen Interpretation des spätantiken Geschehens ansetzt, kurz unterschiedliche Sichtweisen auf die Völkerwanderung, die in der Forschungsdiskussion im Laufe der Zeit entstanden sind: die Interpretation des 19. Jahrhunderts der Völkerwanderung als Kampf verschiedener Nationen, die Transformationstheorie von der eher friedlichen Verwandlung der Antike in die christliche Welt des Mittelalters oder die neuere Forschungsmeinung über einen einschneidenden Zivilisationsbruch mit dem Verlust an Wohlstand und Lebensqualität. Ralph Bollmann schließt sich eher der Theorie des Zivilisationsbruchs an, damit ergibt sich aber die Frage, wie es zum Niedergang der globalisierten Welt der Antike kam:

„Klar scheint zu sein, dass gegen Ende des vierten Jahrhunderts ein lange funktionierendes Gleichgewicht zu kippen begann. Eine konstruktive Entwicklung wandelte sich zu einem destruktiven Prozess. Aber warum gelang irgendwann nicht mehr, was jahrhundertelang nahezu reibungslos geklappt hatte? Warum schwand die Integrationskraft Roms, wieso rückten die Zonen der Unsicherheit immer näher an das Zentrum des Imperiums heran? Schließlich waren die Einwanderer nicht gekommen, um die Strukturen der mediterranen Wohlstandszone zu zerstören. Sie wollten vielmehr an ihnen partizipieren.“

Der Journalist räumt ein, dass aus der instabilen Peripherie des Imperiums ein immer größerer Druck auf die Grenzen ausgeübt wurde, aber die Hauptursache des Untergangs ist ein Mentalitätswandel in der römischen Bevölkerung, die fremdenfeindlich wurde und damit die bisherige „Politik der Offenheit“ beendete, die Roms Wohlstand begründet hatte.

„Vor allem aber beeinflusste der beschleunigte Wandel die Mentalität der angestammten Bevölkerung in den Kernzonen der mediterranen Welt. Die Veränderungen weckten Ängste. Ein allgemeines Krisenbewusstsein brach sich in hysterischen Debatten Bahn, die Integrationsbereitschaft der Einheimischen schwand.

Der Untergang des Imperiums, die Errichtung neuer Grenzen machte am Ende alle zu Verlierern. Die Römer büßten durch ihre schwindende Integrationsbereitschaft und teils panische Reaktionen ein, was sie so beharrlich verteidigen wollten. Auch die Germanen erreichten nicht, was sie eigentlich anstrebten: die Teilhabe am Wohlstandsraum, der sich nun stattdessen ganz allmählich auflöste. An seinem Erhalt hätten alle Beteiligten ein Interesse gehabt. Mit einer klugen Politik der Offenheit wäre es womöglich geglückt.“

Die Hass-Argumentation

Damit formuliert Bollmann immerhin einen weiteren möglichen Grund für Roms Untergang, den 228., wenn man sich an die Auflistung des Althistorikers Demandt in seinem Standardwerk zum spätantiken Zusammenbruch (Der Fall Roms, München 1984/erw. Aufl. 2014) orientiert. Dort hat er bisher 227 Faktoren für den Niedergang Roms, die zu verschiedenen Zeiten genannt wurden, gesammelt. Diese Begründung der „schwindenden Integrationsbereitschaft“ ähnelt zwar dem aufgeführten Faktor „Integrationsschwäche“, hat aber dennoch einen anderen Beiklang, indem der vorgebliche Mentalitätswandel in der Bevölkerung und nicht etwa ökonomische oder soziale Gründe als Verhinderung einer Integration genannt werden.

Aber was war Ursache und was Folge? Ebenso wenig ist die Behauptung zu entkräften, dass der „Mentalitätswandel“ erst einsetzte, als durch die Überforderung des Römischen Reiches die Integration der Germanen krachend gescheitert war. Der „Hass“ auf die neuen Mitbürger wäre dann die Reaktion auf den unaufhörlichen Niedergang einer als ewig angesehenen politischen Ordnung.

Bollmann führt in seinem Artikel aus, dass die Bevölkerung des Römerreichs lange Zeit unbehelligt geblieben sei von den Konflikten an der Peripherie, man hätte keine Vorstellung von den Völkern außerhalb der Grenzen des Reiches gehabt. Und dann zieht Bollmann wieder die Parallele zur heutigen Situation:

„Wie sich die vielen Bürgerkriege und Völkermorde außerhalb des Imperiums im Einzelnen abspielten, interessierte die Römer kaum.
Doch plötzlich ließ sich das Geschehen nicht mehr ignorieren. Nicht, dass die Barbaren den Krieg auf das Gebiet des Imperiums getragen oder die Römer militärisch bedroht hätten. Es waren Flüchtlinge, die auf einmal vor der Tür standen. Sie wollten das Imperium nicht zerstören. Sie waren vor Krieg und Verwüstung, vor Hunger und materiellem Elend geflohen, und sie begehrten das genaue Gegenteil davon: Teilhabe an den Segnungen des Wohlstands.“

So wie es eben in unserer globalisierten Welt 2015/16 auch der Fall ist, in der die Europäische Union an die Stelle des Römischen Reichs getreten ist. So will Ralph Bollmann die Geschichte sehen: Jahrhundertelang seit den Wanderungen von Kimbern und Teutonen in vorchristlicher Zeit hat Rom seine Grenzen gegen barbarische Einfälle verteidigt, der Limes wurde schließlich nicht zum reinen Spaßvergnügen der Grenzsoldaten angelegt. Aber „plötzlich“ stehen nur noch arme „Flüchtlinge“ vor der Tür, die das Reich nicht militärisch bedrohen, dafür aber vor „Hunger und materiellem Elend“ in ihren Heimatländern das Weite suchen.

Ralph Bollmann treibt die Parallelisierung der Vorgänge noch weiter. Der römische Kaiser Valens wird positiv gesehen, er habe schließlich mit den Goten ein geregeltes Einwanderungsverfahren in das Imperium vereinbart. Und als man 376 n. Chr. der Aufnahme eines ganzen Wanderverbandes der Goten (die späteren Westgoten des Alarich) zugestimmt habe, hätte man auf römischer Seite nicht nur „Wir schaffen das!“ gesagt, sondern seine Berater hätten das Glück des Kaisers gepriesen, der sich auf diese Weise ein unbesiegbares Heer schaffen könne:

„Die Politik sah in den Einwanderern also vor allem willige Arbeitskräfte für die Wachstumsbranche der inneren und äußeren Sicherheit.“

„Rom war wie New York“

Nur leider sei die ganze Sache dann aus dem Ruder gelaufen, es habe eben zu dieser Zeit schon an der Willkommenskultur gefehlt, weil u. a. auch die öffentlichen Repräsentanten vor Ort alles getan hätten, um die erfolgreiche Eingliederung zu verhindern. Und so kam es zu einem kulturellen Missverständnis nach dem anderen. Es sei dann 378 bei Adrianopolis leider zu einer „Eskalation der Gewalt“ gekommen, bei der der Kaiser (und Zweidrittel seines Heeres) das Leben verloren.

Sein Nachfolger Kaiser Theodosius habe dann die Goten vier Jahre später über einen neuerlichen Vertrag und zum Wohle aller in das Reich integriert. Nur leider habe der Antigermanismus, vergleichbar mit dem heutigen Islamhass, immer weiter zugenommen, während die Integrationsbereitschaft gesunken sei. Vor allem im Westen, während im oströmischen Reichsteil, der ja dann auch 1000 Jahre länger bestand, vorbildliche Arbeit geleistet wurde. 410 n. Chr. fielen dann die „frustrierten Einwanderer“ unter der Führung des Westgoten Alarich in Rom ein, eine Tat mit einer vergleichbaren Schockwirkung wie der des 11. Septembers 2001.

„Wie New York heute war Rom in der Antike das Symbol für eine ganze Zivilisation und deren Sicherheitsversprechen. Der Einzug der Goten in Rom war weniger ein externer Konflikt als eine Auseinandersetzung innerhalb des Reichs. Auch Alarich war schließlich schon ein militärischer Befehlshaber des Imperiums gewesen, im Osten. Erst als ihm diese Anerkennung im Westen versagt blieb, griff er zu den Waffen.“

Die Integrationsfähigkeit Roms sei nun nachhaltig gestört gewesen, und ausgerechnet die Christen seien die eifrigsten Kritiker der Einwanderung geworden. Die Eroberung durch die Goten wäre noch nicht der Untergang an sich gewesen, dazu sei die Mittelmeerwelt zu eng vernetzt gewesen:

„Dass die Integration innerhalb des Imperiums nicht mehr gelang, führte gleichwohl zu einem dramatischen Verlust an Lebensqualität. Die Einheit der Mittelmeerwelt löste sich Stück für Stück auf, neue Grenzen entstanden – eine Entwicklung, deren Wiederholung der deutschen Bundeskanzlerin anderthalb Jahrtausende später aus durchaus pragmatischen Gründen als nicht erstrebenswert erscheint.
Für Rom jedenfalls gab es zum Festhalten an der Offenheit den Fremden gegenüber keine vernünftige Alternative.“

Nun ist die Parallele zur heutigen Zeit mustergültig zu Ende geführt. Hätten die Römer damals eine so umsichtige und vorausschauende Politikerin wie Angela Merkel gehabt, wäre es zum Zivilisationsbruch in der Antike gar nicht erst gekommen, oder umgekehrt gesehen: Europa wird nicht untergehen, weil unsere Politiker und die Mehrheit unserer Bevölkerung alternativlos die entsprechende Integrationsbereitschaft aufbringen und an der Globalisierung festhalten. Uns bleibt dadurch erspart, was die (West-)Römer leider durchmachen mussten:

„Lebenswerter war das, was danach kam, jedenfalls nicht. Die Einheit des Imperiums löste sich in eine Vielfalt feudaler Herrschaftssysteme auf. Umgekehrt wurde das Leben in den einzelnen Städten eintöniger, die Buntheit der Lebensformen schwand. Erst seit dem späten Mittelalter, im Zuge einer neuen Globalisierung, kehrte sich das Verhältnis wieder um. Zum Wohle aller Beteiligten.“

Dass dieser Artikel Ausdruck einer regierungsfreundlichen Meinung ist, wird eventuell auch der Autor zugeben, zu offen werden die Vorgänge in der Antike und in der aktuellen Politik zusammen angesprochen: Alternativlose Integration als Hauptaufgabe in einer globalisierten Welt, das weise Wirken der deutschen Bundeskanzlerin, ihr Wir-schaffen-das-Mantra. Um diese regierungsfreundliche Interpretation des römischen Untergangs wirklich beurteilen zu können, muss man die ökonomische, politische und militärische Situation, in die das Römerreich seit der Zeit der Soldatenkaiser hineingeriet, etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Der schröpfende Staat

Seit ca. 230 n. Chr. wurde das Römerreich von einem expandierenden Imperium zu einem rein defensiven. Große militärische Erfolge wurden nicht mehr in neu eroberten Gebieten erzielt, sondern auf eigenem oder zumindest sehr grenznahem Boden. Es ging nur noch um die Vertreibung von Aggressoren und die Wiederherstellung der Sicherheit für die Grenzbevölkerungen des Reichs. Territoriale Gewinne (und damit immer auch verbunden Gewinne an Gold, neuen Sklaven und langfristigen Tributzahlungen der neu Unterworfenen) fielen in Zukunft aus. Rom musste seine kaiserliche Hofhaltung und seine Kriegsmaschinerie nun aus dem Inneren und bei der eigenen Bevölkerung finanzieren. Die Kaiser des dritten Jahrhunderts versuchten dieser misslichen Lage erst einmal durch Münzverschlechterung zu entgehen, die Soldaten z. B. wurden über Münzen bezahlt, das immer weniger Edelmetall enthielt.

Aber letztendlich blieb nur noch ein probates Mittel aller Regierungen zu allen Zeiten: Man musste die fehlenden Mittel über Steuern eintreiben. An die reiche Schicht des Senatoren- und Ritterstands wollte man nicht gehen, zu sehr waren deren Interessen mit denen des jeweiligen Kaiserhauses verbunden, also blieb nur der Teil der Bevölkerung, der noch im Stande war, eigenes Geld zu verdienen. Anfang des 4. Jahrhunderts war der römische Staat zum unerbittlichen Steuereintreiber geworden. Der christliche Rhetoriklehrer und Kirchenvater Lactantius (geb. um 250, gest. um 320), der noch unter den Christenverfolgungen Diokletians zu leiden hatte, beschreibt die römische Eintreibepraxis:

„Die Steuerschätzer waren überall, alles beunruhigten sie, es kam zu schrecklichen Szenen wie im Krieg und unter feindlicher Besetzung. Die Äcker wurden Scholle für Scholle vermessen, Weinstöcke und Bäume gezählt, Tiere jeder Art aufgeschrieben. Menschen Kopf für Kopf aufgezeichnet. In den Gemeinden wurden die Stadt- und die Landbevölkerung zusammengebracht, alle Marktplätze waren voll mit Scharen von Familien, ein jeder war da mit seinen Kindern und seinen Sklaven, Foltern und Schläge durchdrang alles, Söhne wurden auf die Streckbank gelegt, damit sie gegen ihre Eltern aussagten, selbst die treuesten Sklaven wurden gequält, damit sie gegen ihre Herren, Frauen, damit sie gegen ihre Männer zeugten. Wenn all das scheiterte, wurden sie gefoltert, damit sie gegen sich selbst aussagten, und wenn der Schmerz gesiegt hatte, wurde ihnen Eigentum zugeschrieben, das sie gar nicht hatten. Nicht das Alter, nicht die Gesundheit taugte zur Entschuldigung (…).“

Rene Pfeilschifter, dessen lesenswerter Geschichte der Spätantike (Die Spätantike, München 2014, S. 28) dieses Zitat entnommen ist, merkt etwas treuherzig an, dass Lactantius hier doch etwas übertreibe, so hätte es gewöhnlich keine Folter gegeben, bei Täuschungsversuchen aber durchaus. Fakt ist, dass der römische Staat Geld benötigte, um seine Sicherheitsaufgaben zu erfüllen. Und selbstverständlich war man auch offen für Sparmaßnahmen. Statt sich seine Soldaten aus der immer wehrunwilligeren römischen Bevölkerung zu holen, ging man verstärkt dazu über, die Armee mit sehr viel billigeren Germanen von außerhalb der Reichsgrenze zu bestücken, die außerdem ein sehr viel bessere militärische Leistungsfähigkeit besaßen als alle Soldaten aus dem Reichsinneren. Wer aus einer Kriegergesellschaft wie der germanischen kam, dem musste man für das Kriegshandwerk nicht mehr viel beibringen.

In der Spätantike begann der Prozess der Germanisierung der römischen Armee, die letztendlich damit endete, dass sie zu einem Großteil aus Soldaten dieser Volksgruppen bestand, befehligt von germanischen Heermeistern in römischen Diensten. Wenn man aber nun nicht danach fragt, wie es um die Bereitschaft der Römer stand, diese Einwanderer zu integrieren, sondern danach, welche Integrationsfähigkeiten die Neuzugänge mitbrachten, muss man ehrlicherweise zugeben, dass die Nachfrage nach Germanen außer zum Kriegsdienst und als Sklaven in den Bergwerken und Latifundien in der antiken Zivilisation nicht allzu groß war. Wie wird sie der Römer der damaligen Zeit wohl wahrgenommen haben?

Rom gerät in die Defensive

Dass Rom im 3. Jahrhundert n. Chr. in die Defensive geraten war, lag an Veränderungen im Osten und im Norden. Im Osten war mit dem Aufstieg der Sassaniden ein neues persisches Großreich entstanden, das aggressiv nach Westen drängte. Im Norden hatte sich die germanische Welt gewandelt: mit den Sachsen, Franken, Alemannen und Goten waren in einer Zeit des ständigen Kontakts mit der antiken Supermacht, in der sich friedliches Miteinander und militärische Auseinandersetzungen abwechselten, gentile Großverbände entstanden, die sehr viel schlagkräftigere und größere Heerhaufen aufbringen konnten als ihre Vorfahren. Die germanischen Kriegerverbände hatten zum Entsetzen der Römer nun eine Reichweite entwickelt, die sie tief in römisches Gebiet vordringen ließ.

Gotische Kriegergruppen wurden z. B. 238 n. Chr. zur Geißel der römischen Provinzbewohner in Dacien, Thrakien, Mösien und Illyrien. Weitere Plünderungen konnte man oft nur durch jährliche Tributzahlungen für die Respektierung der römischen Reichsgrenzen verhindern. 251 n. Chr. wurde Kaiser Decius mitsamt seinem Heer von einem gotischen Verband unter ihrem Anführer Kniva vollständig geschlagen. Decius war der erste römische Kaiser, der in einer Schlacht gegen die nördlichen Barbaren fiel.

Im Grunde wurde von den Anführern der germanischen Großverbände in dieser Zeit keine andere „Politik“ gegenüber Rom betrieben, als sie von den germanischen Kleinkönigen vorher oder später von den Hunnen, Ostgoten oder Vandalen im 5. Jahrhundert betrieben wurde. Man führte Überfälle und Beutezüge in das römische Reich durch, und je erfolgreicher sie waren, desto größer wurde das Prestige der Anführer der kriegerischen Gefolgschaften, die diese Aktionen unternahmen. Mit der Beute konnte man die Leute im eigenen Siedlungsraum beeindrucken und weitere junge Krieger dazu veranlassen, in die eigene Gefolgschaft einzutreten. Zahlten die Römer Tribute, steigerte auch das das Prestige der Anführer.

Mit der Zeit gelang es einzelnen Anführern immer zahlreichere und größere Gefolgschaftsgruppen an sich zu binden, so dass immer mächtigere Verbände entstanden. Dabei war man nicht darauf aus, den römischen Gegner völlig ausbluten zu lassen, man hatte eine parasitäre Verbindung zum Römischen Reich, man ernährte sich von ihm. Allerdings waren die Gefolgschaftsherren abhängig vom Erfolg, sie mussten immer wieder beweisen, dass man mit ihnen Beute machen konnte, sonst wendeten sich die Krieger wieder ab. Damit waren die Römer aus dem unruhigen Norden und Südosten Europas einer beständigen Aggression kampfbereiter Gefolgschaftsgruppen ausgesetzt. Eine Integration dieser verschiedenen und sich dauernd bewegenden Gruppen samt ihrem familiären Anhang in das Römerreich war schlicht nicht möglich, und die Römer konnten den Zustrom lange Zeit abwehren.

Unter Kaiser Claudius II. Gothicus wurden zwar in der Reichskrise des 3. Jahrhunderts entscheidende Siege erfochten, so dass die Grenzen erst einmal stabilisiert werden konnten, aber die Provinz Dacia musste aufgegeben werden, in ihr siedelten und herrschten nun die Goten. Die Kaiser Diokletian und Konstantin konnten dann für einige Zeit die Völker im Norden in Schach halten, aber in der Folge ließ die Kampfkraft Roms nach, während es Germanen, Alanen und Hunnen gelang, auf der Basis des Gefolgschaftswesens an den Reichsgrenzen immer besser organisierten Stammesverbände und übergreifende und Stammeskoalitionen zu etablieren, deren Kampfkraft nun nicht nur die Grenzbevölkerung, sondern die gesamten Reichsbevölkerung gefährden konnte.

Als weitere Faktoren der Machtverschiebung sind zu nennen, dass die Germanen in Ausrüstung, Waffen- und Belagerungstechnik sowie ihrem taktischen Vorgehen zum römischen Kriegswesen aufschließen konnten und dass bessere landwirtschaftliche Produktionstechniken zu einem Anwachsen der Bevölkerung führten.

Als 376 n. Chr. vor den Hunnen flüchtende Teile der Schwarzmeer-Goten unter ihrem Anführer Fritigern um Einlass in das Römische Reich und Siedlungsland baten, stand den Römern kein ungeordneter germanischer Haufen, sondern ein kampfkräftiges Heer mit einer ausgezeichneten Reiterei gegenüber. Der damalige Kaiser der Osthälfte Valens sah in ihnen vor allem eine willkommene Verstärkung seiner eigenen militärischen Kampfkraft und ließ die ganze Fluchtgruppe über die Donau.

Ausbluten im ständigen Bürgerkrieg

Die schiere Masse überforderte allerdings die staatlichen Strukturen vor Ort, die Goten konnten nicht richtig versorgt werden und begannen mit Plünderungen. Das Ganze eskalierte 378 in der Schlacht von Adrianopolis, in der die Goten siegten und ca. zwei Drittel des oströmischen Heeres umkam, auch der Kaiser fiel in diesem Gemetzel.

In früheren Zeiten wäre es für die römischen Kaiser gerade nach einer verlorenen Schlacht undenkbar gewesen, das Ziel der Vertreibung der Eindringlinge aufzugeben, in der Spätantike verlor Rom in immer größerem Maße die militärischen Optionen, nicht nur weil das Geld zum Unterhalt des Heeres knapp wurde, sondern weil die internen Machtkämpfe sich intensivierten. Die siegreichen Goten verblieben innerhalb der Reichsgrenzen und wurden 382 vom neuen Kaiser Theodosius mit einem speziellen Vertrag (foedus) „integriert“.

Es war kein Unterwerfungsvertrag, wie man sie früher mit den Föderaten geschlossen hatte, sondern ein Vertrag auf Augenhöhe. Die Goten wurden auf Reichsland im Balkan angesiedelt, so dass die Verbindung zur bisherigen Heimat und damit weitere Verstärkung von anderen gotischen Gruppen möglich war. Die Ansiedlung erfolgte nicht zerstreut, sondern in einem geschlossenen Siedlungsgebiet, unter eigenen Gesetzen und befreit von Abgaben. Sie wurden weiter mit Nahrungsmitteln unterstützt und erhielten außerdem noch Jahresgelder durch das Reich.

Der Begriff „Parallelgesellschaft“ reicht für diesen Status nicht mehr aus, hier wurde ein eigener Herrschaftsbereich für die Goten geschaffen. Da der Kaiser die Goten nicht mehr im Feld besiegen konnte, machte er eben aus der Not eine Tugend, als Gegenleistung sollten die integrierten Goten nun die Donaugrenze sichern. Die Langfristwirkung dieser Maßnahme wurde entweder nicht gesehen oder verharmlost. Welche Faktoren auch immer beim Zusammenbruch des Römischen Reichs zusammengewirkt haben, die territoriale Überdehnung und der immer stärker werdende militärische Druck, der an seinen Nord- und Ostgrenzen ausgeübt wurde, ist mit Sicherheit als einer der Hauptgründe für den Zerfall anzusehen.

Aber monokausale Erklärungen reichen keinesfalls aus, um den Untergang des römischen Reichs in seiner bisherigen Form zu erklären. In einer neueren Darstellung (Henning Börm, Westrom, Stuttgart 2013, S. 114 ff.) wird als Hauptursache die Unfähigkeit der römischen Elite gesehen, untereinander einen politischen Ausgleich zu finden, so dass das Reich im ständigen Bürgerkrieg langsam ausblutete.

Schon Valens und Theodosius ging es vor allem darum, ihre eigene Truppenstärke durch gotische Soldaten aufzustocken, egal welche Folgen das für das Reich insgesamt haben sollte. Die Westgoten, wie man sie jetzt nennen kann, wurden von Theodosius nicht nur gegen germanische oder hunnische Eindringlinge gebraucht, sondern auch in den innerrömischen Auseinandersetzungen.

Im letzten Lebensjahr des Kaisers 394 n. Chr. kam es in der Schlacht am Frigidus zwischen seiner Armee und der des weströmischen Usurpators Eugenius zu einem der blutigsten Gemetzel der römischen Geschichte. Ein Aufgebot der Goten von ca. 20.000 Mann unter ihrem Anführer Alarich auf oströmischer Seite spielte dabei eine wesentliche Rolle. Theodosius siegte vollständig, aber die Folgen der Schlacht waren enorm. Das weströmische Heer war größtenteils aufgerieben worden, so dass gerade der Westteil des Reiches gegenüber neuen Eindringlingen und Angriffen Anfang des 5. Jahrhunderts schutzlos wurde, 406 überschritten dann Vandalen, Sueben und Alanen ungehindert den Rhein und drangen tief ins westliche Reichsgebiet ein.

Die Goten hatten nach antiken Quellen in der Schlacht am Frigidus 10.000 Mann verloren. Alarich fühlte sich vom oströmischen Kaiser nicht mit genügend Siedlungsland belohnt, so dass er schließlich mit seinen Westgoten rebellierte, nach Italien zog und 410 Rom eroberte. Der weströmische Reichsteil konnte ihm nichts mehr entgegensetzen.

Die Eliten beförderten den Verfall

Aber obwohl der Druck von außerhalb der Grenzen größer und die wirtschaftliche Situation im Innern immer prekärer wurde, ließen die verfeindeten römischen Eliten nicht ab, ihr Spiel um die Macht weiter zu verfolgen. Im 5. Jahrhundert wurden aufgrund mangelnder eigener Ressourcen in immer größerem Maße verschiedene Völker, z. B. Westgoten, Vandalen oder Hunnen, in die internen Machtkämpfe mit einbezogen.

Mit besonderem Blick auf Westrom heißt es in der Darstellung des Historikers Henning Börm, dass weder der Angriff der Feinde von außen bzw. dann das Wirken der germanischen Neusiedler im Innern oder eine innere Dekadenz entscheidend gewesen seien, denn dann könne man nicht erklären, warum Ostrom, das sich strukturell nicht sonderlich von Westrom unterschied, 1000 Jahre länger überlebt habe. Das unverantwortliche Verhalten der herrschenden Eliten aber, die das Gesamtwohl des Reiches den eigenen Ambitionen unterordnete, könne besser den Zusammenbruch eines einst mächtigen Großreiches erklären:

„Eskalierende Machtkämpfe im Zentrum führten zu einer Schwächung des Zusammenhalts und der Abwehrkraft. Als Schließlich die Entscheidung gefallen war, dass die Reichseinheit verloren war, bildeten sich auf den Trümmern Nachfolgereiche.“ (Börm, S. 115)

In immer unruhigerer Zeit im 5. Jahrhundert wurden die internen Konflikte härter und es wuchs der Einfluss der Militärs am Hofe,

„zumal die internen Konflikte außenpolitische Probleme provozierten, deren Lösung wiederum kompetente Feldherrn erforderte. Diese Machtkämpfe, die immer wieder zu Bürgerkriegen eskalierte, boten den foederati, die seit dem 4. Jahrhundert eine Normalität geworden waren, ebenso wie plündernden Gruppen an den nun zunehmend ungesicherten Reichsgrenzen immer größere Spielräume“. (Börm, S. 115)

Börm bringt einen interessanten Vergleich aus der deutschen Geschichte, indem er ausführt, dass sich gewisse Parallelen zum Dreißigjährigen Krieg aufdrängten: „ein lange schwelender, dann wieder eskalierender Bürgerkrieg, an dem sich Söldnerheere und auswärtige Mächte beteiligen“ (Börn, S. 116).

Auch die Interpretation des Reichsverfalls vor allem durch eskalierende Machtkämpfe der Eliten muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ist aber als wichtiger Faktor um einiges logischer als das Scheitern der Integration der Germanen durch mangelnde Integrationsbereitschaft der römischen Bevölkerung.

Man kann aber festhalten: Mit der Niederlage von Adrianopolis und dann der Rebellion der westgotischen Föderaten ab 395 begann der Zerfall des Imperiums und mit ihm der weitere verstärkte Zuzug von nördlichen Wandergruppen. In diesem Zerfallsprozess wuchs auch das Leid für die Bevölkerung, die nun für die militärische Schwäche und die Machtspiele ihrer Eliten bezahlen musste. Der Historiker Rene Pfeilschifter (Die Spätantike, S. 127) bringt es auf den Punkt, wenn er sich gegen den Begriff „Transformation“ für die Beschreibung dieser Vorgänge wendet:

„Der richtige Begriff ist hier Untergang. Und das, was am ehesten zum Untergang des Reiches beitrug, waren eben die Barbaren aus Mittel- und Osteuropa. Ich bitte den Leser zu bedenken, was das auf den vorangegangenen Seiten fast leichthin gebrauchte Wort ‚plündern‘ konkret bedeutet: fremde Männer in den Straßen, eingetretene Türen, geraubtes Gut, gestohlenes Vieh, Verstümmelung, Sklaverei, Mord aus Übermut, Vergewaltigung, Ende der vertrauten Welt. Auf dem Balkan, im Voralpenland, in Gallien, Britannien, Spanien, Italien und schließlich auch in Afrika geschah das im fünften Jahrhundert immer und immer wieder.“

Deutung im Sinne der Kanzlerin

Damit soll der Ausflug in die Geschichte hier beendet und wieder an den Ausgangspunkt zurückgekehrt werden: dem Beitrag des Journalisten Ralph Bollmann über die Völkerwanderung. Zuerst ist natürlich notwendigerweise anzumerken, dass jeder die Freiheit hat, Geschichte aus seiner Sicht zu schildern und zu interpretieren. Ralph Bollmann unterstützt mit seiner Sicht des Endes der Antike unverhohlen und fast provokativ die Politik der Kanzlerin. Das darf er, aber er darf als Apologet einer Politik der Massenzuwanderung, denn um keine andere Sache geht es in diesem Text, auch kritisiert werden.

Mit seinem Beitrag liefert er die aktuell „richtige“ Deutung des Endes der antiken Welt im Sinne der Anhänger einer weiteren Fortsetzung der Globalisierung, indem er die komplexen Ursachen des Zusammenbruchs eines Großreichs beiseitelässt und als Hauptgrund für den Untergang ein emotionales Fehlverhalten der damaligen Reichsbevölkerung postuliert: der Hass auf die neuen Zuwanderer. Er macht damit diejenigen Menschen, die am meisten unter dem Umbruch von der Antike in das Mittelalter zu leiden hatten, von Opfern zu Tätern, die an ihrem Leid eigentlich selbst schuld sind.

Diese Auslegung der Geschichte ist fast zwangsläufig für Bollmann, da er entgegen aller Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft die ab Ende des 4. Jahrhunderts ins Reich eindringenden Germanen auf Biegen und Brechen als Schutzsuchende sehen will und auf keinen Fall auch als Aggressoren, Räuber und Mörder. Hätte Bollmann hier Zugeständnisse gemacht, wäre der Vergleich nach hinten losgegangen. Die fremdenfeindliche Haltung vieler Römer würde plötzlich nachvollziehbar werden. Und wenn der Vergleich zwischen Antike und Neuzeit zuließe, dass in beiden Fällen Schutzsuchende und gewaltbereite Glücksritter als Migranten kamen, wie verantwortungsvoll ist dann Merkels Politik in der heutigen Zeit?

In der heutigen Integrationsdebatte wird unterschieden zwischen struktureller und kultureller Integration. Wenn man die gescheiterte Integration der Germanen ins Römerreich zum Thema macht, könnte man fragen (was Bollmann natürlich nicht macht), wie weit die Germanen für eine Integration in die Arbeitsgesellschaft der Antike gerüstet waren. Wie schon erwähnt, gab es da außer der Fähigkeit, als Söldner sein Geschick beim Töten von Gegnern auszuspielen, nicht allzu viel.

Von einer kulturellen Integration brauchen wir angesichts der entstehenden Parallelgesellschaften, die sich schließlich zu eigenen Königreichen verdichteten, gar nicht erst reden. Man könnte auch danach fragen, wer die (misslungene) Integration der Germanen vor allem betrieben hat, nämlich die um die Macht konkurrierenden römischen Eliten, während die Masse des Volks das Nachsehen hatte. Aber auch das würde ja wieder zu unangenehmen Fragen in Bezug auf unsere aktuelle Situation führen. Bollmann fragt auch diesbezüglich lieber nicht.

So lautet dann das Fazit zu Ralph Bollmanns Artikel: In einer Zeit, in der die antike Völkerwanderung ein Politikum geworden ist, kann das Römische Reich in politisch korrekter Auslegung natürlich nur durch den Hass der einheimischen Bevölkerung auf die Flüchtlinge zugrunde gegangen sein. Unter Rücksichtnahme auf die aktuelle Politik der Regierung wird die Geschichte der antiken Völkerwanderung so hingebogen, bis sie als abschreckendes Beispiel, wie man es auf keinen Fall machen darf, für die aktuellen Geschehnisse passt.

Vielleicht wird man Ralph Bollmanns Beitrag in einer späteren Zeit als typischen Gesinnungsbeitrag einer zahm gewordenen Presse zitieren. Als ein gutes Beispiel, wie in einer konfusen Umbruchszeit der europäischen Demokratie selbst die Geschichte und die Schlüsse, die man aus ihr zu ziehen hat, der Bestätigung der aktuellen Politik dienen mussten. Hoffen wir, dass auch spätere Zeiten solche Versuche kritisch sehen werden.

 

Anmerkungen

[1] http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/untergang-des-roemischen-reichs-das-ende-der-alten-ordnung-14024912.html

[2] http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/die-voelkerwanderung-ein-begriff-macht-karriere-13874687.html