Gaulands persönliche AfD-Tragödie
Gaulands persönliche AfD-Tragödie

Gaulands persönliche AfD-Tragödie

AfD-Vize Alexander Gauland ist vom Sohn seiner Lebensgefährtin politisch und menschlich hintergangen worden. Der Mann lancierte eine kompromittierende Spiegel-Story.

Auch in der Politik liegen Freud und Leid selten so dicht beieinander wie es nun AfD-Vize Alexander Gauland erleben muss. Der Brandenburger Landesvorsitzende ist tief enttäuscht von dem Mann, dem er ein Gutteil des Wahlerfolges in Brandenburg zurechnet. Gemeint ist Stefan Hein, der Sohn seiner Lebensgefährtin, der, wie sich nun herausstellte, ihn politisch und menschlich hinterging.

Gaulands Tragödie begann mit einem „Spiegel“-Bericht. Nur eine Woche nach dem fulminanten Wahlerfolg der Brandenburger AfD musste er dort einen kompromittierenden Bericht lesen. „Oben auf und unten durch“, titelte das Magazin und warf ihm vor, die Reihen seiner gerade erst gewählten Landtagsfraktion „säubern“ zu wollen. „Kein Wort davon ist wahr“, versicherte Gauland seither immer wieder. Doch gegen ihn standen die Belastenden Informationen, die ein „Gauland-Getreuer“ dem Magazin zuspielte. Angeblich gab es E-Mails. Trotz aller Dementis blieb ein fahler Nachgeschmack.

Vier Männer im Fokus

Ständig mussten sich die Mitglieder der AfD-Landtagsfraktion Fragen nach ihrer Vergangenheit gefallen lassen. Konkret ging es um vier Männer, die Gauland nach Aussage des „Getreuen“ angeblich abschießen wollte: Steffen Königer, Andreas Kalbitz, Thomas Jung und Rainer van Raemdonck. Königer hatte in der Wahlkabine ein Foto seines Stimmzettels gemacht und später auf Facebook veröffentlich. Außerdem wurde ihm zur Last gelegt, früher für die rechts-konservative Zeitung „Junge Freiheit“ gearbeitet zu haben.

Andreas Kalbitz hatte 2003 einen Artikel in der rechtsextremen Jungen Landsmannschaft Ostpreußen veröffentlicht und in seinem inzwischen insolventen Hörbuchverlag etwa Ernst Jüngers „Waldgang“ und den „Heeresbericht“ von Edlef Köppen angeboten. Sein Verlag führte aber auch Hörbücher von Kurt Tucholsky. Jung und van Raemdonck hatten vor ihrem AfD-Engagment hohe Posten in der islamkristischen Partei „Die Freiheit“ inne. Van Raemdonck war außerdem Mitglied von SED und CDU gewesen. Aus all diesen Gründen sollten sie die Fraktion verlassen, hieß es.

„Jeder verdient eine zweite Chance“, nahm Gauland die Mitglieder seiner Landtagsfraktion daraufhin demonstrativ in Schutz. Ihnen stehe das gleiche Recht zu, dass 1990 den Mitgliedern der früheren SED zugestanden worden sei. Außerdem habe er nie wahrgenommen, dass Jung und van Raemdonck die Positionen ihrer alten Parteien verträten. Gegen das Magazin leitete er juristische Schritte ein.

Lauter falsche Behauptungen

Stefan Hein / Quelle: AfD

Stefan Hein / Quelle: AfD

Ein Woche rätselten Gauland und seine Mitstreiter, wer der ominöse „Getreue“ gewesen sein könnte, der als Quelle diente. Bis sich Stefan Hein sich offenbarte. „Er hat es mir nicht einmal selbst gesagt“, sagt Gauland. „Ich musste es von anderen erfahren.“

Für Hein hat die Affäre einschneidende Konsequenzen. Seine politische Karriere ist bis auf weiteres beendet. Die AfD teilte mit, der 30 Jahre alte Hein werde sein Landtagsmandat nicht annehmen und sich aus dem Landesvorstand zurückziehen.

„Herr Hein hat gegenüber der Fraktion angegeben, dass er die E-Mail geschrieben hat, die dem Magazin ,Der Spiegel’ als Grundlage für seine Berichterstattung am 22. September gedient hat und die auszugsweise in dem Magazin zitiert wird. Herr Hein hat diese E-Mail ohne Kenntnis und Mitwirkung anderer Mitglieder der Fraktion verfasst. Auch war die Fraktion über SMS und Telefongespräche zwischen ihm und der ,Spiegel’-Redaktion nicht eingeweiht“, schreibt die Fraktion.

Sämtliche in Heins E-Mail aufgestellten Behauptungen seien falsch. Weder habe es je Bestrebungen der Fraktion gegeben, einzelne Abgeordnete zum Verzicht auf ihr Mandat zu bewegen noch habe es Erwägungen gegeben, anonyme Anzeigen gegen zukünftige Abgeordnete zu erstatten. Es sei völliger Unsinn, dass ein kleines Team damit begonnen habe solle, die Vergangenheit einzelner zukünftiger Abgeordneter zu durchforschen.

Menschliche Niederlage

„Die von Herrn Hein und nachfolgend auch vom ,Spiegel’ genannten vier Abgeordneten genießen das uneingeschränkte Vertrauen der Fraktionsspitze und aller Mitglieder der Fraktion der AfD“, schreibt die Fraktion.

Gauland selbst stellte sich einer Vertrauensabstimmung und wurde einstimmig im Amt des Fraktionsvorsitzenden bestätigt. „So etwas darf man nicht aussitzen. Ich muss jetzt kämpfen, um das entstandene Misstrauen zu beseitigen“, sagt er.

Hein war Gaulands enger Vertrauter und neben Birgit Bessin Wahlkampfmanager des Landesverbandes. Er organisierte seine Termine, die beiden standen in ständigem telefonischen Kontakt. „Er hat großes Verdienst am Wahlerfolg“, sagt Gauland. Inzwischen haben sie sich ausgesprochen. „Doch er hat sein persönliches Urteil über einige Menschen zum Urteil aller erhoben“, sagt Gauland. „Das war eine große Fehleinschätzung seiner Handlungsmöglichkeiten. Eine Dämlichkeit.“ Sie verwandelte einen grandiosen Wahlerfolg letztlich in menschliche Niederlage.

 

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel