MH-17 und der Tod ohne Wahrheit
MH-17 und der Tod ohne Wahrheit

MH-17 und der Tod ohne Wahrheit

Der Bericht der Kommission zum Absturz des Passagierflugzeuges MH17 nennt keinen Schuldigen. Kein Wunder. Außer den Opfern hat niemand Interesse an der Wahrheit.

Viel ist es nicht, was der Bericht zur Absturzursache des Passagierflugzeuges MH-17 der Malaysia Airlines zutage brachte. Die mit 289 Reisenden besetzte Maschine war am 17. Juli förmlich „in der Luft durchsiebt“ worden und dabei in mehrere Teile auseinandergebrochen, teilte die Untersuchungskommission mit. Damit ist klar: MH-17 wurde abgeschossen. Vermutlich von einer Boden-Luft-Rakete. Aber wer hat sie abgefeuert? Diese Frage ließ die Kommission offen.

Über acht Wochen dauerten die Untersuchungen. In der Zeit schossen alle möglichen Spekulationen ins Kraut. Dabei wäre es falsch, der Kommission einen Vorwurf zu machen. Denn ihre Recherchen beschränken sich auf die Absturzstelle und die weit zerstreut liegenden Wrackteile. Das ist erstens eine mühselige Arbeit, zweitens birgt sich von vorn herein wenig Chancen herauszufinden, wer der die Maschine vom Himmel holte. Bestenfalls wird die Kommission herausfinden können, welche Waffe die Täter benutzten.

Schon seit langem Hinweise

Darauf wiederum gibt es schon seit langem Hinweise. Demnach war es mit ziemlich hoher Sicherheit eine Rakete russischer Bauart des Typs Buk M1, mit der sowohl die russischen als auch die ukrainischen Streitkräfte ausgestattet sind. Auch die pro-russischen Separatisten verfügen offenbar über solche Waffensysteme. Und diesen Informationen zufolge müsste die Suche nach Schuldigen an ganz anderer Stelle ansetzen. Wo, darüber berichtete die Los Angeles Times bereits am 22. Juli 2014.[1]

Bereits damals bekam die LA Times wichtige Hinweise, die US-Geheimdienste angeblich bei der Auswertung von Satellitenbildern gewonnen hatten. Dem Bericht zufolge hatten sie den Abschuss der Rakete, die 289 Menschen den Tod brachte, auf ihren Bildern festgehalten. Und auf diesen Bildern sollen auch Leute an der Abschussrampe zu sehen sein. Allerdings seien die Geheimdienste nicht in der Lage, die Nationalität oder gar die Identität der Betreffenden zu klären. Wörtlich schreibt die LA Times:

„U.S. intelligence agencies have so far been unable to determine the nationalities or identities of the crew that launched the missile.“

Das Tor zur Wahrheit

Darauf folgt ein Satz, der bis heute allen Spekulationen Tür und Tor öffnet, der aber ebenso gut auch das Tor zur Wahrheit weit aufstoßen könnte. Denn angeblich schlossen US-Offizielle die Möglichkeit nicht aus, dass die SA11-Rakete sei von einem übergelaufenen ukrainischen Soldaten abgefeuert worden sei, der an vergleichbaren Waffensystemen ausgebildet wurde. Offenbar trug der Mann also die Uniform der ukrainischen Armee. Die LA Times wörtlich:

„U.S. officials said it was possible the SA-11 was launched by a defector from the Ukrainian military who was trained to use similar missile systems.“

Niemand kann sagen, wie verlässlich diese Angaben sind. Und allein die Tatsache, dass ein Mann eine ukrainische Uniform trägt, heißt allerdings noch lange nicht, dass er tatsächlich Ukrainer ist. Es kann sich ebenso gut um einen pro-russischen Separatisten in einer erbeuteten ukrainischen Uniform handeln. Doch wird wohl kaum ein einzelner Mann mutterseelenallein die Rakete abgefeuert haben. Wer also waren die Männer, die ihm zur Hand gingen? Trugen auch sie ukrainische Uniformen?

Zweifelsfrei feststehen dürfte immerhin soviel: Sollte es diese Satellitenbilder tatsächlich geben, dann verfügen aller Wahrscheinlichkeit nach auch die russischen Geheimdienste über vergleichbare Aufnahmen des Abschussortes und der Täter. Und diese Bilder wären vermutlich mehr als jede technische Untersuchung der Wrackteile geeignet, Licht in das Dunkel dieser abscheulichen Tat zu bringen. Schließlich müssten sie nicht nur Uniform und Dienstgrad des Soldaten preisgeben, sondern wohl auch seine Gesicht oder das eine oder andere der umstehenden Kämpfer. Und nach diesen Gesichtern könnte man doch fahnden. Oder nicht?

Prozess gegen die Schuldigen

Je weniger Fakten bekannt sind, desto größer wird der Raum für Theorien. Aber nehmen wir einmal an, es gäbe diese Bilder. Dann stellte sich die Frage: Warum geben weder die US-Geheimdienste noch die Russen sie nicht frei? Darauf könnte es eigentlich nur eine einzige Antwort geben: Weil beide Seiten derzeit kein Interesse an der Wahrheit und einem internationalen Strafprozess gegen die Schuldigen haben. Oder anders ausgedrückt: Beide Seiten wollen den Konflikt.

Und was wären die Motive? Russland könnte ihn wollen, weil es die einmalige Chance sieht, die Ukraine zu teilen. In der militärischen Auseinandersetzung sind die pro-russischen Gruppen erfolgreicher als die ukrainische Armee.

Die ukrainische Führung wiederum könnte den Konflikt wollen, weil sie ihr eigenes Desaster nicht eingestehen muss, so lange der Konflikt noch nicht entschieden ist. Und die Passagiere der MH-17? Sie zählen zu den Toten eines Krieges. Und in dem stirbt die Wahrheit ja bekanntlich immer zuerst.

 

Anmerkung

[1] Brian Bennett, „U.S. officials believe attack against Malaysian plane was mistake“, Los Angeles Times: http://www.latimes.com/world/europe/la-fg-ukraine-intelligence-us-20140722-story.html

 

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel