Der Siegeszug des Kapitals

Wer hat, dem wird gegeben: Kapitaleinkünfte wachsen seit Jahrhunderten schneller als die gesamtwirtschaftliche Leistung. Die Aufstiegs-Erzählung war ein Märchen.

Eduardo Porter stellt in der New York Times eine freche Frage: Was, wenn die reichsten 1 Prozent in einigen Jahren nicht ein Fünftel des Volkseinkommens einstreichen, sondern die Hälfte ? Eine illusorische Frage ? Eine unrealistische Annahme ? Nicht, wenn man sich das neue Buch des Ökonomen Thomas Piketty von der Paris School of Economics „Kapital im 21. Jahrhundert“ anschaut. Piketty reiht darin lange Datenketten über das Steueraufkommen vergangener Jahrhunderte in verschiedenen Ländern auf und vergleicht den aktuellen Befund mit historischen Werten zur Einkommensverteilung.

Die Konstante, die wie ein roter Faden mit wenigen Ausnahmen durch die Geschichte läuft, ist demnach: Kapitaleinkünfte – bezogen auf Maschinen, Land, Wertpapiere und Immobilien – wachsen fast immer schneller als die gesamtwirtschaftliche Leistung. Das war zuletzt nur unterbrochen von den Jahrzehnten, in denen zwei Weltkriege, Hyper-Inflation und eine zerstörerische Große Depression weltweit Vermögen vernichteten.

Dauerbesoffene Celebrities

Piketty sieht vor diesem Hintergrund die Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts zurück ins 19. Jahrhundert driften. Denn die Reallöhne stagnieren, während die Firmengewinne den höchsten Anteil am Nationaleinkommen seit den 30er Jahren erreichen. Und die reichsten 10 Prozent der 315 Millionen Amerikaner schneiden sich mehr vom Kuchen ab als anno 1913 oder auf dem Höhepunkt des Gründer-Zeitalters.

Einkünfte aus Vermögen steigen die überwiegende Zeit schneller als die Löhne. Das geht solange, sagt Piketty, bis die Reichen so wohlhabend sind, dass sie nicht mehr viel reinvestieren und stattdessen den Großteil ihrer Einkünfte in den Konsum leiten. Liest man täglich die britische DailyMail mit ihren schockierenden Bildern dauer-besoffener, verkokster und mit meterlangen Garderoben ausgestatteter Celebrities, dann gewinnt man den Eindruck, dass wir fast wieder an diesem Punkt angelangt sind.

Noch Zeit bis zum großen Finale

Während der Gründerzeit – einer Epoche mit krasser Konzentration von Einkommen – wuchs der Kapitalstock auf das Welteinkommen von 5 Jahren an. So jedenfalls die Zahlen von Piketty. Zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts, 1950, fiel diese Rate unter 3 Jahre. Zu Beginn unseres Jahrzehnts lag sie wieder bei 4. Am Ende dieses Jahrhunderts soll sie auf fast 7 angestiegen sein. Das große Finale dürfte demnach noch einige Zeit auf sich warten lassen.

Ich weiß nicht, was unsere russischen Freunde dazu sagen werden, aber ich kann mir das durchaus vorstellen. Wie die politische und soziale Entwicklung auf dieser Welt im Verlauf dieses Szenarios aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht nehmen sämtliche Blogger bis dahin Bewusstseins-Drogen, bevor sie schreiben, oder kritzeln ihre Botschaften mit blutigen Heugabeln auf die Monitore.

Arbeitswelt der Roboter

Ich kann mir mit meinem heutigen Wissen eine Welt mit so enorm ansteigender Ungleichheit nur als eine vorstellen, in der es immer weniger Jobs gibt und die verbliebenen Arbeitsplätze kaum noch etwas bezahlen. Falls so eine Wirtschaft noch wachsen soll, wenn überhaupt, dann nur mit massiven Produktivitätszuwächsen, die eine rasant fortschreitende Automatisierung mit dem Vormarsch der Roboter erzielt.

Aber was sollen Roboter  kaufen, wenn sie kein Auto fahren, keine Kühlschränke brauchen und keine iPhones benutzen? Sie werden auch keine Pflegefälle, die teure Gesundheits-Systeme am Laufen halten. Und Lebensmittel gehen sie auch nicht einkaufen.

Wir werden in einer hoch automatisierten Welt leben, in der Preise für alles, was Menschen dann noch kaufen müssen, in den Himmel geschossen sind, die große Masse aber verarmt ist. Das wäre eher Richtung 15. Jahrhundert, wenn man die Automatisierung ausblendet und nur die Einkommensverteilung sieht.

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel