Die USA auf dem Weg in die nächste Finanzkrise
Die USA auf dem Weg in die nächste Finanzkrise

Die USA auf dem Weg in die nächste Finanzkrise

Die US-Währung zieht an. Doch die Flucht in den Dollar erinnert an die Zeit vor dem Zusammenbruch 2008. Und dann wabert da eine gigantische Pensionskrise. Der Dollar ist der letzte noch stehende Dominostein.

 

Sind die USA auf dem Weg in die nächste Finanzkrise, oder ist das alles Gerede von Leuten, die dem Land immer nur Ungemach wünschen? Hier kommt die Bestandsaufnahme eines führenden Bloggers im Nachbarland Kanada:

„Über 60 Milliarden Dollar wurden von Menschen wie Tom in Form von Edelmetallen wie ETFs weggewischt. Scharenweise flüchten Anleger jetzt aus dieser Anlageform, da klar ist, dass die Vereinigten Staaten wachen und nicht schrumpfen. Wie ich gestern erwähnt, stiegen die Immobilienpreise um 12 Prozent, Hausverkäufe erreichen ein 8-Jahres-Hoch, die Arbeitslosigkeit sank um 3 Prozent, das Vertrauen der Verbraucher kehr zurück, der US-Dollar ist stärker geworden, Unternehmen arbeiten gewinnorientiert, die Inflation ist eingedämmt, der Autoabsatz rockt, das Staatsdefizit ist gesunken, und jetzt hat die Zentralbank entschieden, dass es an der Zeit ist, die Anreize zu reduzieren.“

Hmmm: Die Häuserpreise klettern, die Verkäufe am Immo-Markt boomen, die Arbeitslosigkeit geht zurück (wenn man vom jüngsten Monat absieht), die Zuversicht der Konsumenten scheint groß, der US-Dollar legt kräftig zu, die Wall Street-Firmen haben eine tolle Gewinnserie, die Inflation ist gezähmt, die Autoverkäufe brummen. Ist das China vor 5 Jahren, oder wirklich die USA, möchte man fragen.

Erbarmungslose Analyse

So viel zur Einschätzung von Garth Turner im Blog The Greater Fool. Turner hat mit vielem Recht. Er schreibt gut und er argumentiert stichhaltig. Zwischendurch verliert man oft wieder die Lust dort zu lesen, weil seine Beiträge thematisch sehr eng formatiert sind. Aber dann zieht es einen zurück in den Strudel, den er mit seinen erbarmungslosen Analysen erzeugt.

Mein Verdacht mit dieser etwas arg optimistischen Einschätzung der Lage in den USA: Wunschdenken. Kanada liefert immer noch zwei Drittel seiner Ausfuhren in die USA. Und das Ahornland ist auch größter Energie-Lieferant der Yankees. – They better be healthy, man !!

Doch hier kommt, was wir gestern aus den USA sonst noch hörten. Und das hört sich alles andere als gut an.

Höhere Zinsen

Erstens: Sorgen um die wabernde Pensionskrise lassen die Renditen von Bonds in Illinois in die Höhe schießen. Der Bundesstaat verkaufte zur Wochenmitte für 1,3 Milliarden Dollar Obligationen. Auf die 25jährigen Schuldscheine müssen 5,65 Prozent  gezahlt werden. Das ist ein Aufschlag gegenüber hochwertigen kommunalen “Muni”-Bonds von 160 Basispunkten, also 1,6 Prozentpunkten.

Noch am Dienstag hatte der Aufschlag 138 Basispunkte betragen. Jetzt ist wieder der Rekordabstand vom Januar 2011 erreicht. Zwei Downgrades in den vergangenen Wochen haben dazu beigetragen, dass die Kosten für die Schulden des Bundesstaates jetzt schneller ansteigen und sich auf spanisches wie italienisches Bond-Niveau begeben.

Capitol Hill in Washongton / Quelle: Wikipedia/Ralf Roletschek

Capitol Hill in Washongton / Quelle: Wikipedia/Ralf Roletschek

Im Klartext: Die Schuldenkrise schmort auch in den USA ungebremst weiter. Im Gegenteil, jetzt wo die Anleihekurse fallen und die Zinsen steigen, verlieren Pensionsfonds wieder Geld, und die Schulden der öffentlichen Haushalte, von Washington bis Los Angeles, müssen höhere Zinslasten tragen.

Enttäuschendes Wachstum

Zweitens: Fitch setzt Chicago auf die Abschussliste für eine Kredit-Abstufung. Die Stadt sitzt auf Außenständen von 8,7 Milliarden Dollar. Wie kann eine Stadt, gleich welcher Größe, so eine Schuldenlast abtragen?

Auch hier wachsen den Politikern – und den Steuerzahlern – die ungedeckten Pensionszusagen über beide Ohren, während die Zinsen zu klettern beginnen und diese Last in die Höhe treiben.

Chicago-Bürgermeister Rahm Emanuel weist einen Teil der Schuld dem Bundesstaat Illinois zu, weil der seine Pensionslasten ebenfalls nicht in den Griff bekommt. „Wenn wir da etwas erreichen wollen, müssen wir sofort damit anfangen”, mahnt Emanuel. Chicago muss 19,2 Milliarden Dollar an künftigen Pensionsleistungen auftreiben.

Drittens: Der Präsident der Fed-Zweigstelle in Richmond, Jeffrey Lacker, sagt den USA für noch einige Jahre enttäuschendes Wachstum vorher. Das BIP-Plus von 1,8 Prozent im ersten Quartal entspricht Lackers Erwartungen: „Die Wirtschaft sagt uns, das ist alles, wozu wir gerade fähig sind, und wir werden auch weiterhin ein recht enttäuschendes Wachstum erleben.”

Ominöse Warnung

Und Lackers Ex-Kollege Thomas Hoenig, inzwischen Chef der Einlagensicherung FDIC, malt ein Gespenst an die Wand. Seine Organisation, so Hoening, könne jeweils eine große Bankpleite bewältigen. Aber eine größere Krise könne zu mehreren Bailouts führen. Die Autorität, die das Finanz-Reformpaket Dodd-Frank der FDIC gegeben habe, könne für einen größeren Einbruch eventuell nicht ausreichen. Dem Kongress stehe bei der nächsten Krise wieder ein Rettungsfonds ins Haus.

Eine ominöse Warnung kommt auch vom Chief Investment Officer bei Merk Investments, Axel Merk. Der US-Dollar sei der letzte Domino, der jetzt noch stehe. Und dessen Stärke werde nicht lange anhalten. Der Greenback hat in seiner laufenden Rally seit Mitte des Monats knapp 3 Prozent zugelegt. In 2008 habe es auch eine Flucht in den Dollar gegeben, so Merk, doch damals hätten auch die US-Staatsanleihen gut zugelegt.

Diesmal aber könne sich dort niemand verstecken.

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Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel