Hoeneß-Ankläger verspielten den Wohlstand an die Banken

Niemand sollte glauben, es gehe in der Affäre um Uli Hoeneß vor allem um Recht und Moral. Es geht um den letzten Akt in einem Schulden-Drama, das nach Millionen schuldbewußten kleinen Büßern verlangt.

 

Nur wer hoch genug aufsteigt, kann so tief fallen wie jetzt Uli Hoeneß. Seit Jahrzehnten ist er eine der schillerndsten Figuren des deutschen Fußballs. Als Spieler gewann er in den 1970er Jahren mit dem FC Bayern alle internationalen Titel; mit der Nationalmannschaft wurde er Europameister und Weltmeister. Er war ein gefeierter Star, bis er schließlich in der legendären „Nacht von Belgrad“ im Elfmeterschießen den deutschen Sieg und damit den Europameistertitel 1976 gegen die Tschechoslowakei verschoss. Das war der schwärzeste Tag und in seiner Spieler-Karriere und der Tag, der alle Erfolge bis heute überschattet. Seither begleitet dieser verschossene Elfmeter sein Leben.

Es kann einer noch so gut sein, wenn er dann aber in einem entscheidenden Augenblick versagt, zerstört es das Bild, das wir von ihm hatten und damit oft genug alles, was er vorher geleistet und geschaffen hat. Dabei hat sich dieser Mensch durch diesen einen Fehltritt nicht im Geringsten verändert, seine einsti

gen Leistungen sind so anerkennenswert wie eh und je. In der öffentlichen Wahrnehmung jedoch ist er plötzlich ein Verlierer. Oder wie jetzt in der Steueraffäre, ein Schuldiger, vielleicht gar ein Geächteter.

Steuerkriminalität hat einen Namen

Mit Uli Hoeneß hat die Steuerkriminalität in Deutschland nunmehr einen Namen und ein Gesicht. Im gleißenden Licht der öffentlichen Hoeneß-Anklage verblassen die medialen  Debatten um Postchef Klaus Zumwinkel, Boris Becker oder Peter Graf, den Vater von Tennis-Star Steffi Graf. Und das hat nicht das G

eringste mit dem sozialen Engagement des Angeklagten zu tun.

Hoeneß war nie die moralische Instanz, als die er jetzt gern dargestellt wird. Er hat das eine oder andere Soziale getan wie so viele andere auch. In der öffentlichen Debatte dient der Verweis auf die Moral derzeit lediglich als eine Art Folter-Instrument: „Schaut Euch den an“, soll es heißen. „Der wollte immer der Gute sein. Dabei ist er auch nur so einer Steuerhinterzieher, ein Zocker.“

Das Bundesfinanzministerium in Berlin / Quelle: Wikipedia/Peter Kuley

Das Bundesfinanzministerium in Berlin / Quelle: Wikipedia/Peter Kuley

Das ist er zweifellos. Er hat’s ja selbst zugegeben. Was soll er mehr sagen? Was soll er tun? Er steht mit dem Rücken zur Wand und kann gegen diejenigen, die mit dem Finger auf ihn zeigen und sich zu öffentlichen Sittenwächtern aufspielen, nur wenig ausrichten.

Er ist den Scheinheiligen ausgeliefert, die selbst nicht frei von Schuld sind. Doch das einzusehen, hieße ja, das eigene Handeln zu reflektieren, sich daran zu erinnern, wie sie selbst vor zehn und mehr Jahren gesprochen und welches Klima sie gemeinsam mit der Politik in diesem Land geschaffen haben. Solche Selbstkritik aber ist den Medien ebenso fremd wie der Politik, zu der sie sich nur allzu gern ins Bett legen.

Vergiftete Demokratie

Also muss man sie daran erinnern, was sie, die jetzt die Anklage führen, einst anrichteten. Sie sind den Finanzmärkten und den Konzernen zu Kreuze gekrochen. Sie haben jenen Herren gedient, die Steuern und Abgaben immer schon verteufelten und soziales Engagement als Charakterschwäche auslegten. Sie haben dem Geist des Neoliberalismus gehuldigt, der die Demokratie vergiftet, weil er den Staat und jede Form von Verantwortung für ein Gemeinwesen verachtet.

Unli Hoeneß / Quelle: Wikipedia/Uli Hoeneß und Peter Grimberg

Unli Hoeneß / Quelle: Wikipedia/Uli Hoeneß und Peter Grimberg

Sie haben der Basta-Politik des „dritten Weges“ applaudiert,  das Wort Solidarität aus ihren Zeitungsspalten gestrichen, Arbeitslose als Faulenzer und Schmarotzer denunziert und den Leuten, die den Versprechen auf Rente und soziale Sicherung geglaubt hatten, gesagt, sie sollten von nun gefälligst selbst für sich vorsorgen und den Gürtel enger schnallen. Sie haben den Menschen Lohnverzicht abverlangt und fanden nichts dabei, dass Konzerne mit Milliarden-Gewinnen in diesem Land keinen Cent steuern bezahlten.

Sie haben zugesehen, wie westdeutsche Städte verfielen, weil ihnen genau diese Steuern fehlten. Es war ihnen egal, dass Kinder in baufälligen Schulen unterrichtet, Schwimmbäder geschlossen und Abwassersysteme in windigen Cross-Border-Leasingverfahren zu Spekulationsobjekten gemacht wurden. Und diese Leute wollen sich jetzt zu Richtern über einen Steuersünder aufschwingen?

Es ist gerade mal drei Jahre her, dass ein Mann wie Peter Sloterdijk unter dem Applaus der feinen liberalen Gesellschaft  laut über die „Abschaffung von Zwangssteuern“ nachdachte. Die „gebende Hand“ der Wohltätigen solle stattdessen freiwillige „Geschenke an die Allgemeinheit“ verteilen. In diesem Denken gibt es keine Steuerhinterzieher, sondern nur Wohltäter. Und derjenige, der am unteren Ende der sozialen Hierarchie steht, ist in diesem Sinne selbst dafür verantwortlich.

Das Gericht der Scheinheiligen

All diese Scheinheiligen, die jetzt mit dem Finger auf Hoeneß zeigen, haben bis heute nicht zugegeben, dass sie mit ihrem Reden und Handeln zur Finanzkrise beigetragen haben. Sie haben mitgemacht, als die Politik ohne mit der Wimper zu zucken  Volksvermögen in Billionenhöhe an die Finanzmärkte verpfändete, um die Banken zu retten, die sich heillos verspekuliert haben. Sie opferten das Gemeinwohl argloser und wohlschaffender Bürger für die Millionen-Boni einiger Investmentbanker wohl wissend, dass sie damit Europa in die bisher schwerste Wirtschaftskrise stürzten, Millionen Menschen ihrer Existenz beraubten und erstmals in der Geschichte der EU soziale Unruhen provozierten. Und all diese Leute wollen jetzt über einen wie Ui Hoeneß richten?

Noch dazu ist ihre Klage nur allzu durchsichtig. Wieder einmal geht es ihnen nämlich schlicht ums Geld. Sie brauchen Geld, noch mehr Geld als das, was sie den Bürger schon genommen haben, um alle die Schulden zu bezahlen, die sie mit der Bankenrettung angehäuft haben. Denn es geht allein um Banken. All die Hilfspakete haben weder Griechenland, Spanien, Portugal oder Zypern gerettet, sondern immer nur die Banken.

Damit Politik und Finanzwirtschaft das Geld zusammenbekommen, wollen sie nun auch in Deutschland massiv Steuern erhöhen. In Griechenland, Spanien und Portugal haben sie es vorexerziert. Die Grünen und die SPD sagen es bereits offen. Finanzminister Wolfgang Schäuble soll bereits Pläne für einen Lastenausgleich, also eine Abgabe auf Immobilien in der Schublade haben.

Schon ab einem Jahreseinkommen von 60.000 Euro sollen die Bürger zur Ader gelassen werden. Und da braucht es natürlich eine Drohkulisse, damit dem niemand zu widersprechen mag. Außerdem braucht dieser Griff in die Taschen der Bürger eine Art Legitimation. Dafür muss nun Hoeneß herhalten. „Seht, wir lassen keinen davonkommen“, ist die Botschaft. Alle sollen ihr Schärflein über den Staat zu den Banken tragen.

Was jetzt geschieht, ist der letzte Akt in einem Drama, das vor Jahren mit den ersten Exzessen an den Finanzmärkten begann. Auch Uli Hoeneß wollte mitspielen, zocken und gewinnen. Leider gehen Dramen nie gut aus.

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Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist, Autor und strategischer Berater der Thüringer AfD-Fraktion. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel