Hunger und Faschismus: Die Mitschuld, die Ackermann gesteht

Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gesteht die Mitschuld der Banken am Hunger und der radikalen Zerstörung sozialer Ordnungen in Europa. Und nicht einmal die hinter dem Elend hervorlugende Fratze des Faschismus gemahnt uns zur Umkehr. Die nächste "Rettungsaktion" ist bereits in Arbeit.

Screenshot aus einem arte-Video am Ende des Artikels Screenshot aus einem arte-Video am Ende des Artikels

Bei diesen Worten hätte der deutschen Fernsehnation eigentlich der Atem stocken müssen. Josef Ackermann, einer der einst mächtigsten Banker der Welt, legt vor laufender Kamera ein öffentliches Geständnis über eines der schwersten gesellschaftspolitischen Verbrechen der jüngsten europäischen Geschichte ab. Und was geschieht? Nichts!

Es gibt keine einzige Nachfrage des unsäglichen Günther Jauch; der sonst so beredte und neumalkluge Daniel Cohn-Bendit schweigt; nicht einmal ein Raumen geht durch das Publikum, geschweige denn, dass jemand aufspringt und schreit: „Haltet den Dieb!“

Es herrscht eine fast schon pathologische Teilnahmslosigkeit. Der deutsche Fernsehzuschauer schert sich einfach nicht darum, wenn die Griechen im kommenden Winter frieren und hungern, weil eine kriminelle Vereinigung aus Banken und Politik ihr Land ausrauben.

Denn nichts anderes hat Ackermann gestanden: „An der Schuldenkrise gibt es ein Mitverschulden der Banken, weil wir erstens durch die ganzen Rettungsaktionen die Verschuldung der Staaten noch gesteigert haben und zweitens sicher auch, insbesondere in Spanien und Irland, durch die sehr großzügige Kreditversorgung eine Blase am Immobilienmarkt aufgebläht haben, was jetzt natürlich korrigiert werden muss.

Politik und Banken haben durch ihre Rettungsaktionen die Schulden der Griechen, Portugiesen und Spanier noch erhöht! Welch ein Hohn aus diesen Worten spricht! Merkt das denn keiner mehr? Es ist geradezu pervers, wie wir die Wahrheit verdrehen und ganz selbstverständlich von „Rettungsaktionen“ sprechen, die den Menschen doch nichts anderes bringen als die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen.

Die Zahl der Menschen, die ohne tägliche Essensrationen aus Sozialküchen nicht überleben könnten, hat sich seit dem vergangenen Jahr nahezu verdoppelt. Es sind vor allem Alte und Familien mit Kindern, die in diese Not gestürzt wurden. Der Sender „arte“ hat es in der Reportage „Der Hunger kehrt zurück“ eindrucksvoll dokumentiert. Doch nicht nur in Griechenland, längst fehlt es auch in Spanien am Nötigsten, wie die New York Times in einer Reportage belegt.

Und wir schauen einfach weg und lassen zu, dass die Falschen den Hungrigen zu Essen geben. In Griechenland sind es die Faschisten der Partei „Goldene Morgenröte“. Sie ziehen durch die Straßen und verteilen Essen an die Griechen. Ausländer aber verjagen und verprügeln die. Der Hunger hat die Faschisten stark gemacht. Schon greifen sie nach der Macht.

In den Umfragen liegen sie inzwischen bei 10,5 Prozent. Damit sind sie drittstärkste Kraft. Von der regierenden Nea Dimokratia wenden sich die Menschen längst wieder ab. Sie verlor fast fünf Punkte und liegt jetzt bei 25 Prozent.

Nicht nur bei den Armen, vor allem bei den Militärs genießen die Faschisten große Sympathie. Im vergangenen Herbst sollen „ultranationalistisch-patriotische Offiziere“ bereits einen Putsch geplant haben, den der damalige Präsident  Giorgios Papandreou nur durch die Entlassung der gesamten militärischen Führung und dem eigenen Rücktritt verhindern konnte.

Hunger und die radikale Zerstörung sozialer Ordnungen und der Lebensperspektiven der jungen Generation mitten in Europa: Das ist die Mitschuld, von der Josef Ackermann spricht. Und nicht einmal die hinter dem Elend hervorlugende Fratze des Faschismus gemahnt uns zur Umkehr. Die nächste „Rettungsaktion“ ist bereits in Arbeit.


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Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel