Hyperinflation 1923: Trauma der Deutschen

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Mehr als die Niederlage im Ersten Weltkrieg erschütterte die Deutschen die unkontrollierte Inflation von 1923. Wie die Ereignisse vor 100 Jahren zur Obsession einer harten Währung führten.

Im Juni 1923 kostete in den Kaiser’s Lebensmittelläden in Berlin ein Ei 800 Mark, der Liter Milch 1440 Mark, ein Kilo Kartoffeln 5000 Mark und 1 Dollar entsprach 100.000 Mark. Im November mussten die Kunden astronomische Summen zahlen: Fürs Ei blätterten sie 320 Milliarden hin, ein Liter Milch schlug mit 360 Milliarden zu Buche, für den Sack Kartoffeln rollten sie mit der Schubkarre an, in dem 90 Milliarden in Bündeln lagen und der Dollar-Mark-Kurs belief sich auf 1:4,21 Billionen Mark.

Auf dem Höhepunkt des Währungsverfalls griff die Reichsregierung unter Gustav Stresemann durch: Währungsschnitt und Einführung der Übergangslösung der Rentenmark, der ab 1924 die neue Reichsmark als stabiles Zahlungsmittel folgte.

Kriegerisches Vorspiel

Für die Reichsleitung mit Wilhelm II. an der Spitze war die Sache im Spätsommer 1914 klar: In ein paar Wochen ist für Deutschland der Krieg gewonnen. Dann wird Kasse gemacht, und zwar bei den Besiegten, ganz vorne dabei der Erzfeind Frankreich. Wie schon 1871 sollten hohe Summen von Paris nach Berlin fließen nach dem gewonnenen Krieg gegen die Franzosen.

Den wenig freundlichen Umgang der deutschen Seite hatte man in der französischen Elite nicht vergessen. Dass die hochfliegenden deutschen Pläne von 1914 vier Jahre später krachend scheiterten, sorgte in Paris für einen Rachetaumel. Das Deutsche Reich konnte sich einen so langen Krieg nicht leisten. Er basierte auf ungedeckten Schecks und den berühmt-berüchtigten Kriegskrediten, die mit der Niederlage nicht beglichen werden konnten. Vor allem Frankreich ließ den Verlierer östlich des Rheins bluten: Mit 132 Milliarden Goldmark.

Rache und Widerstand

Dadurch hatte die ohnehin fragile Weimarer Republik bereits Anfang der 1920er Jahre einen massiven Schuldenberg gegenüber den Siegermächten anhäufen müssen. Doch auch bei der eigenen Bevölkerung stand sie mit den Kriegsanleihen in Höhe von Hunderten Millionen Mark in der Kreide. Das Vertrauen in die Republik und die sie stützenden Parteien aus SPD, Zentrum und Liberalen schwand zusehends.

Als französische Truppen Anfang 1923 wegen verspäteter Reparationszahlungen das Ruhrgebiet besetzten, spitzte sich die Lage dramatisch zu. Die Regierung in Berlin rief zum passiven Widerstand, zu Sabotageakten und zum Streik auf. Im Gegenzug zahlte sie die Löhne an die streikenden Arbeiter, Angestellten und Beamten weiter. Doch damit öffnete die Regierung die Büchse der Pandora: Deutschland geriet in einen nie gekannten Sog der dramatischsten Geldentwertung, die das Land je erleben sollte.

Nach Verhandlungen mit den Alliierten kam Berlin seinen Zahlungsverpflichtungen wieder nach, und dafür brachte die Regierung immer mehr Geld in Umlauf. Ein schwerwiegendes Problem dabei war, dass es für die zunehmende höhere Anzahl Banknoten keine materiellen Gegenwerte im Land gab. Der Teufelskreislauf der Inflation drohte das Land zu zerstören. Wie sollte es weitergehen?

Teufelskreislauf Inflation

Immer mehr Geld war binnen Tag und Stunden immer weniger wert. Die Preise und Löhne explodierten, die Mark war zum Spielgeld verkommen. Jeder versuchte, seinen Lohn sofort nach der Auszahlung auszugeben, allerdings konnten sich die Menschen in rasender Geschwindigkeit kaum mehr etwas davon kaufen. Wer seinen Lohn am Monatsende erhielt, war de facto pleite.

Viele Lebensmittelläden bunkerten ihre Produkte und entzogen sie dem unkontrollierbaren Warenverkehr, an dem sie nichts mehr verdienen konnten. Im Herbst 2023 explodierte die Inflation in nie dagewesen Ausmaß: Man rechnete nun für Waren des täglichen Bedarfs in Milliarden und Billionen. Die Kunden transportieren in Schubkarren das Geld, die wertlosen Billionen-Bündel waren ein beliebtes Heizmaterial und die Rückseiten der Scheine taugten noch als Schmierpapier.

Die Suizid-, Kriminalitäts- und Auswanderungsrate stieg deutlich an, es kam zu Plünderungen in den Städten und Kartoffelraubzügen auf dem Land. Wer es sich leisten konnte, weil er über Dollar- oder Pfund-Devisen verfügte, stürzte sich ins Vergnügen und den Drogenkonsum. Inflation wurde zum deutschen Trauma.

Wer bezahlt die Zeche?

Die klein- und mittelbürgerlichen Milieus trug die Lasten, die sich aus den Folgen des Ersten Weltkriegs ergeben hatten. Regelrecht über Nacht schmolzen jahrelang angesparte Rücklagen dahin. Die Wechsel für die Kriegskredite an den Staat waren wertlos. Besonders schlimm traf es die Rentner, die Anspruch auf Leistungen der Sozialversicherung hatten – Ebbe in der Kasse! Aber auch die Beamten zählten zu den Verlierern. Für sie galt, dass die so genannten Teuerungszulagen für ihre Gehälter mit der rasanten Geldentwertung nicht mithalten konnten.

Es gab allerdings auch Krisengewinnler: die Schuldner. Wer sich beispielsweise 1920 für eine Immobilie oder ein Grundstück verschuldet hatte, der war über Nacht seine Schulden los. Es galt der Grundsatz Mark = Mark und damit konnten Darlehen, die bei einem stabilen Kurs aufgenommen wurden, mit der entwerteten Währung zurückgezahlt werden.

Dabei war ausgerechnet der Staat der größte Nutznießer. Als am 15. November 1923 der Währungsschnitt mit der Einführung der Rentenmark erfolgte, war die Weimarer Republik saniert. Die Kriegsschulden in Höhe von 154 Milliarden Mark beliefen sich dann nur noch auf 15,4 Pfennige.

Trauma und Scheinblüte

Die Alliierten erkannten, dass es so nicht weitergehen konnte. Vor dem Hintergrund der desaströsen wirtschaftlichen Lage in Deutschland kam es zu mehreren Abkommen, die die Reparationszahlungen abmilderten. Das bekannteste darunter ist der Dawes-Plan, auf dessen Grundlage die Bundesrepublik bis 2010 die letzten Summen an die Sieger des Ersten Weltkriegs zurückzahlte.

Ab Mitte der 1920er-Jahre erholte sich die deutsche Wirtschaft und das Land galt wieder als kreditwürdig. Es begann die Scheinblüte der Goldenen Zwanziger, in der die Menschen in den Metropolen wie Berlin und München Deutschland Trost und Ablenkung suchten. Wie Pilze sprossen Bars und Nachtclubs aus dem Boden, Kunst und Kultur trieben neue Blüten, und Deutschland gehörte in diesen Jahren zur Avantgarde für alles Neue.

Hitler als Krisengewinnler

Jedoch drohte im Hintergrund bereits der Abgrund. Nicht zufällig dilettierte Adolf Hitler mit seinem Umsturzversuch in München am 9. November 1923 auf dem Höhepunkt der Hyperinflation. Damit erhielt der kommende Diktator einen beträchtlichen Bekanntheitsschub im In- und Ausland.

Ein spanischer Korrespondent in Berlin führte mit Hitler ein Interview, in dem es um die Gründe für seinen Putschversuch ging: „Das wichtigste Problem heutzutage sind die hohen Lebenshaltungskosten“, betonte Hitler und versprach: „Wir wollen das Leben billiger machen.“ Dazu müssten die Kaufhäuser, die vielfach in jüdischer Hand seien, unter staatliche Führung gebracht werden, forderte Hitler und hob hervor: „Von diesen nationalen Kaufhäusern erwarten wir alle möglichen Wunder.“

Der aus Barcelona stammende Reporter bewies fast schon hellseherische Fähigkeiten, als er über seine Begegnung mit dem NS-Chef meinte: Er habe ein Interview mit dem zukünftigen Ex-Diktator von Deutschland geführt und Hitler sei der dümmste Mensch, den wir jemals das Vergnügen hatten kennenzulernen. Mit der Ansicht stand er 1923 sicherlich nicht alleine da. Hat die Politik aus dem Grauen der Hyperinflation gelernt?

Fetisch D-Mark und Euro-Inflation

In der Bundesrepublik etablierte sich später mit der D-Mark die zweitweise stabilste Währung der Welt. Fast schon kulthaft verehrten zuerst die Deutschen West und auch heimlich die Deutschen Ost die Mark. Spruchbänder in der Wendezeit mit Forderungen wie „Kommt die D-Mark nicht zu uns, dann kommen wir zu ihr“ sprechen tief aus der (ost-)deutschen Seele. Sie war und ist noch immer tief geprägt von den Ereignissen 1923.

Bei den Beratungen zur Einführung einer EU-Gemeinschaftswährung gab es Stimmen, die das Geld Mark oder Euro-Mark nennen wollten. Der Nimbus war ungebrochen, aber ein solcher Name wäre wohl doch zu Deutsch gewesen. Und wie steht es heute mit Euro und Inflation?

Die aktuellen Krisen wecken Erinnerungen an das Jahr 1923. Wenn die immensen Kosten für Energie, Corona-Folgen, Migration und Waffenlieferungen an die Ukraine über Steuern und letztlich auch über eine konventionelle Neuverschuldung nicht mehr bezahlt werden können – was dann?

Dann könnte es zu vergleichbaren Auswirkungen wie von 1919 bis 1923 kommen. Das Deutschland gut hundert Jahre später könnte zu einem tatsächlichen Kipp-Punkt gelangen, der nichts mit dem Klima zu tun hat, sondern mit einer neuen Hyperinflation.

Wenn der Staat seinen Verpflichtungen allein noch mit sicherheitsfreiem Geld aus der Druckerpresse nachkommen kann, dann drohen Verhältnisse wie 1923. Und womöglich durch die digitale Möglichkeiten noch wirksamer und drastischer als vor hundert Jahren. Ein erneutes Währungs- und Inflationstrauma wäre nicht mehr auszuschließen.

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Ketzerlehrling
Ketzerlehrling
5 Monate her

Wieviele Traumata dieses Volk im Laufe seiner Geschichte erlitten hat, kann man nur anhand der zugänglichen Informationen entnehmen. Haben sie diese Traumata verdaut, verarbeitet und etwas dazugelernt? Nein, haben sie nicht.

Nathan
Nathan
Reply to  Ketzerlehrling
4 Monate her

Meinen Sie das Volk (die Deutschen) oder die durch die unautorisierte Abschaffung der DM von Außerdeutschen abhängigen Regierungen?

Robert
Robert
4 Monate her

Die Inflation begann schon vor den aktuellen Krisen, denn die Verschuldung im Euroraum stieg beträchtlich, als 2007-8 die Banken mit viel Geld unterstützt wurden, und später die PIIGS. Nun wanken die Banken erneut. Wird die Lösung weitere Verschuldung sein?

Nathan
Nathan
Reply to  Robert
4 Monate her

Nein! Wir sollten aus EU und Euro austreten und endlich frei(!) werden!

fufu
fufu
Reply to  Robert
4 Monate her

Schon mit dem Umtauschkurs der DM zum Euro, 2:1??, real 50% Kaufkraftverlust. Haben die meisten schon vergessen.

fufu
fufu
Reply to  Robert
4 Monate her

Ohne weitere Verschuldung geht es nicht, das ist in einem Kreditgeldsystem systemimanent. Einfach zuhoeren was die Funktionseliten sagen. Draghi, die EU ist seit 20 Jahren zurueckgefallen (besteht da vielleicht ein Zusammenhang mit dem Euro?), Euro und EU sind in Gefahr wenn nicht in Kuerze die gemeinsame Verschuldung, Bankenunion und Fiskalunion kommt. VdL, Beitrittsverhandlungen mit 10 weiteren Staaten inklusive Georgien und Ukraine. Pistorius, kriegsfaehig werden. Habeck, der „oekologische“ Umbau der Wirtschaft….

Das wird teuer. Und es ist nicht alles…. Zukunftsmusik die Mittelmeerunion, die Eingliederung Nordafrikas inkl Israel.

Manfred Rummel
Manfred Rummel
4 Monate her

Der Erste Weltkrieg – wie im Übrigen auch der Zweite Weltkrieg – wurde vorsätzlich von einer Clique von einflussreichen, deutschfeindlichen Männern, unter Führung von Alfred Milner, und später maßgeblich finanziert von Rothschild, zur VERNICHTUNG des Deutschen Reichs vom Zaun gebrochen. Das alleinige Ziel war die deutsche Wirtschaft als Konkurrenten auszuschalten um das British Empire zu schützen. Dies war nur durch einen Krieg möglich. Die katastrophalen Folgen des VÖLKERRECHTSWIDRIGEN VERSAILLER-ZWANGSDIKTAT für das Deutsche Reich waren derart grauenhaft, und führten zur Verelendung der Deutschen und schluß- endlich zur Hyperinflation. Zum Zweiten Weltkrieg kommen noch eine Reihe weiterer Aspekte hinzu, die jedoch ein… Read more »

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