Böhmermann irrlichtert über Liechtenstein

BOULEVARD ROYAL

Liechtensetin / Boehmermann / Quelle Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Leonhard Niederwimmer; https://pixabay.com/de/photos/schloss-festung-wald-nebel-bäume-5704327/ Liechtensetin / Boehmermann / Quelle Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: Leonhard Niederwimmer; https://pixabay.com/de/photos/schloss-festung-wald-nebel-bäume-5704327/

Das Bankgeheimnis und die vermeintlich pseudo-demokratischen Strukturen in Liechtenstein treiben ZDF-Mann Jan Böhmermann die Sorgenfalten auf die Stirn.

Eine Verfassung, die alle glücklich macht

Als „Republik Oberrheintal“ hätte Liechtenstein als eigenständiges Land nicht überlebt, meinte der regierende Fürst Hans-Adam II. in einem Interview anlässlich des 300. Gründungsjubiläums des Fürstentums. Mit der Republik drohte der Fürst auch schon mal, wenn die kleine Gruppe von Monarchie-Gegner aufmüpfig wurde.

Bei einer letzten Verfassungsreform, in der es um eine Stärkung des fürstlichen Vetorechts bei Gesetzen ging, war seine Durchlaucht nicht amüsiert über Kritik daran. Dann sollen sie eben die „Republik Oberrheintal“ machen, so die Aufforderung Hans-Adams gegenüber seinen Kritikern. Sinngemäß beschied er seinen Untertanen bei einer Ablehnung der Reform den Familiennamen Liechtenstein dem Land zu entziehen und ihn mit Sack und Pack nach Wien mitzunehmen.

Das Palais Liechtenstein in der österreichischen Capitale ist ohnehin der Lieblingssitz des Fürsten, und es lebt sich dort nicht nur prächtiger, sondern noch diskreter als in der Kleinstadt Vaduz mit ihren knapp 6000 Einwohnern. Jan Böhmermann waren diese merkwürdigen Verhältnisse in den Alpen eine investigative Reportage wert, und schließlich muss er das Royale in seinem TV-Format irgendwie rechtfertigen.

ZDF-Belehrungsstunde trifft auf Wirklichkeit

In seinem Hintergrundbericht über die Machtverhältnisse in Vaduz prallte der selbst ernannte Satiriker mit der Wirklichkeit im Fürstentum zusammen. Seine Reporterin fand bei ihren Befragungen liechtensteinischer Bürger partout niemanden, der die Republik ausrufen wollte. Böhmermann musste daher in die Mottenkiste greifen.

Nachdem er etwas dröge die Zuschauer wie ein Erdkundelehrer über Lage, Größe (viertkleinstes Land Europas!), Bevölkerung aufgeklärt hatte, griff er zu seinem Zweitfach als Geschichtslehrer. Und siehe: eine quasi-diktatorische Fürstenfamilie und ein Weltkonzern mit Geschäftsverbindungen in der NS-Zeit!

Dass Liechtenstein zwar eine Erbmonarchie ist, aber auf parlamentarisch-demokratischer Grundlage steht, blendet der ZDF-Clown aus. Das Fürstentum hat ein demokratisch gewähltes Parlament, eine liberal-konservative Regierung, unabhängige Justiz und sogar eine freie Presse. Für Böhmermann ist all das irrelevant, denn dieser Fürst hat Macht!

Reale Macht, die bei den Standesgenossen Hans-Adams meist nur noch theoretisch vorhanden ist, wie beispielsweise in Großbritannien. Oder sie beschränkt sich auf rein zeremonielle Aufgaben wie in Schweden. Der Fürst dürfe seine Unterschrift bei Gesetzen verweigern, empört sich der Satiriker und sieht Liechtenstein kurz vor der Ausrufung der Diktatur.

Wenn Jan Böhmermann im Sozialkundeunterricht aufgepasst hätte, dann wüsste er, dass der deutsche Bundespräsident Gesetze prüft und im Zweifelsfall seine Unterschrift verweigern darf. Das passiert zwar selten, da die Bundespräsidenten im Regelfall ehemalige Parteikader sind – aber einen vergleichbaren Vorwurf Böhmermanns gegenüber Frank-Walter Steinmeier ist bislang nicht bekannt. Und dann dieser fast schon obszöne Reichtum der Fürstenfamilie, die mit mehreren Milliarden Euro an der Spitze der Vermögenspyramide europäischer Dynastien steht. Für Böhmermann ist klar, dass es da nicht mit rechten Dingen zugehen kann und das Bankgeheimnis damit zusammenhängen muss.

Abrissbirne Böhmermann

Natürlich ist die Existenz Liechtensteins untrennbar mit der Fürstenfamilie verbunden. Sie gibt dem Kleinstaat nicht allein den Namen – sie stiftet die Identität. Das ist eher mehr als weniger in vergleichbaren Ländern so, wie in Monaco oder Luxemburg. Dort käme ernsthaft niemand auf die Idee, eine Republik zu etablieren. Diese Mini-Monarchien bekommen die internationale Aufmerksamkeit, weil sie Monarchien sind.

Für das Bankengeheimnis einzustehen, ist eine souveräne Entscheidung Liechtensteins. Dass sich die Landesregierung nicht dem Druck der EU beugen will, anders als die Schweiz es macht, ist bemerkenswert. Und eben nicht quasi-undemokratisch, wie Böhmermann es suggeriert.

Der Reichtum der Fürstenfamilie scheint für den ZDF-Mann sehr dubios, aber für chronisch sozialneidische Menschen wie Böhmermann ist der Reichtum der anderen immer schlimm. Der Hobby-Geschichtslehrer verkennt allerdings, dass Liechtenstein und seine Dynastie sich über die Jahrhunderte der Existenz weder am Sklavenhandel, noch durch Auspressen der wenigen Untertanen bereichert haben.

Der Aufstieg der Fürstenfamilie hatte viel mit politischem Geschick, erfolgreicher Diplomatie und glücklichen Zufällen zu tun, die oft eine entscheidende Rolle spielen. Erst in jüngerer Zeit ist die Fürstenfamilie mit einer Hausbank und klugen Investitionen reich geworden, zuvor speiste sich das Vermögen über landwirtschaftliche Betriebe in Böhmen und im östlichen Österreich.

Der Reichtum kommt auch dem Land zugute, das sich über eine funktionierende Infrastruktur und hohe Lebensqualität auszeichnet. Die berühmten fürstlichen Kunstsammlungen sind für jeden in Vaduz und Wien zugänglich, auch für den ZDF-Hampelmann. Die Fürstenfamilie wirkt bis heute als Mäzen in Kultur und Wissenschaft. Als letztes Überbleibsel des Heiligen Römischen Reiches steht es praktisch unter Denkmalschutz. Ein Denkmalstürmer wie Böhmermann versteht das nicht, er versteht sich nur auf Abbruch. Ach, da war doch was mit Hitler?

Fürstentum auf ewig

Der Welt-Werkzeugmacher Hilti hatte das Pech, in der NS-Zeit Geschäfte mit Deutschland zu machen. Die Spitzenprodukte des Konzerns waren und sind begehrt, und „Made in Liechtenstein“ bürgt für Qualität und sorgt für Arbeitsplätze weltweit. Für Böhmermann ist das nicht genug: Hilti sollte sich schuldig bekennen und am besten auf allen Firmenseiten Abbitte leisten.

Böhmermann ist ein guter Deutscher im Sinne des Zeitgeists, der gern andere belehrt. Der ZDF-Geschichts- und Erdkundelehrer wäre der perfekte Pressesprecher für Außenministerin Baerbock. Der Fürstenfamilie und ihren Liechtensteinern wird es einerlei sein, was ein Mainzer Spießer über sie denkt. Dass es jemals eine „Republik Oberrheintal“ geben wird, steht jedenfalls wohl nicht zu befürchten. Selbst im McDonald’s zu Vaduz hängt über der Bestelltheke und bruzzelndem Rindfleisch ein Porträt des Fürsten.

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3 Comments
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Roland
Roland
6 Monate her

Gibt es noch dümmere Menschen wie Böhmermann

Incamas SRL
6 Monate her

Ich habe schon viele Jahre mit dem Fürstentum zu tun. Ganz einfach, es lebt sich besser ohne Sozialdemokraten, Ökosozialisten und dümmliche Böhmermännchen.

Thomas Bargatzky
Thomas Bargatzky
6 Monate her

Ist Liechtenstein denn kein Beispiel für die Vielfalt Europas? Das ist aber doch sonst eine gute Sache, oder? („Was Diversität ist, bestimme ich“ – jemand hat das in anderem Zusammenhang schon einmal so ähnlich gesagt).

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