Star Wars und die letzte Königin der Mongolei

BOULEVARD ROYAL

Mongolisches Maedchen in traditioneller Kleidung / Mongolei / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: CaiHuuThanh; https://pixabay.com/de/photos/mongolisches-mädchen-7336313/ Mongolisches Maedchen in traditioneller Kleidung / Mongolei / Quelle: Pixabay, lizenzfreie Bilder, open library: CaiHuuThanh; https://pixabay.com/de/photos/mongolisches-mädchen-7336313/

Genepil der Mongolei war eine Kunstfigur. Ihre Herrschaft währte kurz – ihr exaltierter Stil überdauerte in der Science-Fiction-Saga Star Wars.

Sie kamen in der Nacht und holten die Mutter ab. Sie legte uns Bonbons auf die Kopfkissen, wie sie es immer getan hatte, nachdem wir zu Bett gingen. Wir sahen sie nie wieder.“ So schildert eine Tochter von Genepil das Verschwinden ihrer Mutter in einer Dokumentation über die Wirren in der Mongolei in den 1920er Jahren bis zur Ära Stalins.

Fragiles Priester-Königtum

Mit dem Ende der Qing-Dynastie in China 1911 brach die Äußere Mongolei mithilfe des zaristischen Russlands aus dem chinesischen Reich heraus. Unverhofft kam Ngawang Lobsang Chökyi Nyima Tendzin Wangchug als Bogd Khan auf den nie dagewesenen mongolischen Thron. Zu diesem Zeitpunkt war der Herrscher der höchste Lama in der Mongolei und sollte aus dem unabhängigen Land einen funktionierenden Staat machen.

Nach jahrhundertelanger chinesischer Dominanz und einer nomadischen Tradition, die bis heute besteht, war das ein schwieriges Unterfangen. Der Bogd Khan richtete ein buddhistisches Priester-Königtum ein, wie er aus Tibet kannte – und was eine finstere Feudalherrschaft war. In der dortigen Hauptstadt Lhasa im Potala-Palast des Dalai Lama wuchs er auf und wurde in der mongolischen Hauptstadt Ulan Baator zum Geistlichen ausgebildet. Der Monarch war Witwer, kinderlos und brauchte eine neue Frau.

In einem komplizierten Auswahlprozedere lamaistischer Mönche unter 18-20-jährigen Frauen fiel die Wahl auf die 1905 in der Nordmongolei geborene Genepil. Die bereits verheiratete junge Mongolin fügte sich – nicht zuletzt war es eine große Ehre für ihre Familie, sie dem Herrscher zur Frau geben zu dürfen. In der konservativen Nomadenkultur sind arrangierte Ehen bis heute außerhalb der wenigen Städte noch üblich. Die Königsherrlichkeit dauerte für Genepil allerdings nur gut ein Jahr. Dann war der Gatte tot! Und die buddhistische Monarchie gleich mit.

Schwierige Geburt eines Staates

Boga Kahns Herrschaft war von Anfang an krisengeschüttelt. Bereits 1919 marschierten chinesische Truppen in die Mongolei ein und wollten das abtrünnige Gebiet der Republik China einverleiben. Sie hatten die Rechnung jedoch ohne einen Hasardeur deutsch-baltischer Herkunft, Roman von Ungern-Sternberg, gemacht. In den Wirren der russischen Revolution kämpfte er mit seinen Truppen für die Wiederherstellung des Zarenreichs und nutzte die Chance, seine monarchischen Träume in der Mongolei zu verwirklichen. Brutal metzelte er die wenigen chinesischen Truppen in Ulan Baator nieder und setzte den Khan als Marionette 1921 wieder ein.

Bis zum Tod des Priester-Königs 1924 herrschte Angst und Schrecken im Herrschaftsgebiet Sternbergs. Weder gab es eine funktionierende Verwaltung noch eine vernünftige Regierung, geschweige denn eine einsatzfähige Armee. Sternberg war der eigentliche Geburtshelfer der mongolischen Monarchie, die er gegen die Dekadenz des Westens und den Kommunismus als Bollwerk aufbauen wollte.

Sternberg war ein von fernöstlichen Philosophien faszinierter Esoteriker, ein fanatischer Antisemit und ein Schlagetot wie er im Buche stand. Auch bei der Auswahl Genepils soll er seine Finger im Spiel gehabt haben. Böse Zungen unterstellten ihm ein Verhältnis mit der Königin, die der lendenlahme Khan angeblich nicht mehr schwängern konnte.

Dem üblen Treiben Sternbergs und seiner Soldateska machte die Mongolische Revolutionäre Volksarmee mit Hilfe der Sowjetunion 1921 ein Ende. Nach einem kurzem Schauprozess erschoss ihn ein sowjetisches Kommando, dem er noch ‚Lang lebe der Khan‘ zugerufen haben soll.

Alter Traditionen neu erfunden

Sternberg soll für die Hofhaltung und die Ausstattung Genepils mit verantwortliche gewesen sein. Seine Faszination für alles Buddhistische, Chinesisch-Mongolische hat traditionelle Kostüme, Trachten und Rituale wiederbelebt und in einer wilden Melange übersteigert.

So trat Genepil mit kunstvollen Frisuren auf, die in stundenlanger Handarbeit auf ihren Kopf geflochten wurden. Die überbordenden Kleider mit Samt, Brokat und mehreren Schichten Stoff ließen die Königin wie eine kunstvolle Puppe wirken. Oder eine Marionette – wie das ganze buddhistische Priester-Königtum eine Operettenmonarchie, eine Erfindung war.

Genepils opulenter, exotischer Stil regte später die Macher der Star Wars-Saga an. In den Filmen 1-3 sieht Natalie Portman als Königin Padmé Amidala so aus wie Genepil der Mongolei. Das Ende der Film-Königin ist dramatisch, sie stirb kurz nach der Geburt ihrer Kinder. Auch hier zeigen sich gewisse Parallelen zu Genepil.

Nach dem Tod ihres Mannes und dem Ende der Monarchie kehrt Genepil zu ihrer Familie in die nördliche Mongolei zurück. Im Zuge so genannter stalinistischer Säuberungen verurteilten die Kommunisten sie und ihre Angehörigen 1938 zum Tode. In der Star Wars-Saga lebt sie als Figur der Popkultur fort.

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Nathan
Nathan
1 Jahr her

Geolitico, als Blatt „politische“ Kultur, sollte sich wieder mehr mit der Politik in Deutschland befassen als mit Themen der Boulevard-Presse. Bemerkt der Herr Lachmann nicht den Verlust an Kommentatoren??

Lisa Hutchison
Lisa Hutchison
Reply to  Nathan
1 Jahr her

Also ich finde diese diversen Artikel recht interessant und eine angenehme Abwechslung der ewigen politischen Kommentare in einer Welt die momentan total aus dem Ruder laeuft. 🙂

fufu
fufu
Reply to  Nathan
1 Jahr her

Es gab ja bekanntlich Zeiten vor Jahren mit 100en Kommentaren, erinnere an die giftige Damenriege und andere Einpeitscher. Gebracht hat es derzeit nichts. Einfach zu erklaeren. Die ganz fanatischen Elemente fuer Volk und Nation haben laengst das Zeitliche gesegnet, sei es durch 2 Weltkriege oder Seneszenz. Die Ueberlebten oder noch Lebenden haben sich eingerichtet, Oppertunismus war angesagt. Jetzt, wo es letztgenannten an den Kragen geht regt sich Widerstand an die AfD als Protestpartei ist im Aufwind. Aber nicht wegen Sorge um Volk und Nation sondern Sorge um Verlust der kleinbuergerlichen Privilegien, die Inflation, das Haeuschen… Der schreibende Opportunist hat sich… Read more »