Der Bürger muss die Krise bezahlen

 In seinem neuen Buch entwirft der Ökonom Daniel Stelter Entschuldungsszenarien für die Euro-Zone. Der Steuerzahler muss dabei unvorstellbare Summen aufbringen.

Anfang Mai 2014 erschien im Finanzbuch-Verlag ein interessantes Buch von Daniel Stelter zum Thema „Krise“: „Die Krise   … Ist vorbei … Macht Pause …. Kommt erst richtig. Was passiert mit unserem Geld?“[1] In 77 kommentierten Abbildungen versucht der Autor, die Weltfinanzkrise auf den Punkt zu bringen. Während zum Beispiel Marc Friedrich und Matthias Weik in ihrem neuesten Buch „Der Crash ist die Lösung“ schwerpunktmäßig mit Text arbeiten und dabei immer wieder Schaubilder zur Verdeutlichung des im Text Dargelegten anführen, geht Stelter den umgekehrten Weg. Die Schaubilder sind die Basis des Buches und der Text dient nur noch zur näheren Erklärung der Grafiken.

Um es vorweg zu sagen: Die Weltfinanz- und Schuldenkrise zu verdeutlichen, das gelingt Daniel Stelter hervorragend; es gibt aber Kritisierbares und einen Wermutstropfen. Dazu noch später mehr. Daniel Stelter arbeitete bis letztes Jahr in hoher Position bei der BCG (Boston Consulting Group), nach seinem Ausscheiden betreibt er, so die eigene Definition Stelters, das auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Think Tank und Diskussionsforum „Beyond the Obvious“, in dem „zielführende Antworten auf die ökonomischen Fragen unserer Zeit“ entwickelt werden.

Blick durch Stelters Brille

Daniel Stelter wird diese Vorstellung wahrscheinlich eher etwas beunruhigend finden, aber in meinem Denken ist er untrennbar zusammen mit dem RTL-Schuldenberater Peter Zwegat abgeheftet: Beide haben eine Brille, durch die sie sehr ernste Blicke in unsere krisengeschüttelte Welt werfen können; beide sind Berater, die den zu Beratenden all zu oft sehr unangenehme Dinge zu sagen haben; beide haben etwas gegen destruktive Schulden.

Aber während Zwegat an der gesellschaftlichen Basis tätig ist und versucht, in vielen Fällen bis zur Schmerzgrenze und völlig verantwortungslos verschuldete Schuldenmacher wieder in die Spur zu bringen und ihnen einen Weg aus der Schuldenfalle zu zeigen, ist Daniel Stelter für das große Ganze zuständig, für die Verschuldung im globalen bzw. im europäischen Rahmen. Hier ist das Thema die zu hohe Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatleuten. Diese Verschuldungssituation, so die Sicht Stelters, blockiert jede Lösung, die aktuelle Politik z. B. der „Euro-Rettung“ ist nur eine Vermeidung eigentlich unvermeidlicher schmerzhafter Bereinigungen. Seine Grundüberzeugung hat er sowohl in seinem neuesten Buch als auch in einigen begleitenden Interviews dargetan:

„Pünktlich zur Europawahl ist es in der Tat gelungen, den Eindruck zu erwecken alles sei im Griff. Krise zu Ende. Doch ein Blick auf die Fakten ist erschütternd: Wir haben eine Krise die durch zu billiges Geld und zu viele Schulden ausgelöst wurde mit noch billigerem Geld und noch mehr Schulden bekämpft. In allen Krisenländern liegt die Verschuldung von Staaten, privaten Haushalten und Unternehmen relativ zum Bruttoinlandsprodukt deutlich über dem Niveau von 2008. (…). Noch haben die Rettungspolitiker weitere Instrumente im Köcher. Die Zinsen werden weiter gesenkt, die EZB kauft direkt Wertpapiere auf. Sogar die Annullierung der aufgekauften Staatschulden durch die Notenbanken in USA, England, Japan und perspektivisch auch der EZB wird ernsthaft diskutiert. Keiner will dem Wähler offen gestehen, dass seine Ersparnisse gefährdet sind. Also wird das Spiel auf Zeit weitergehen und die Politik auf ein Wunder hoffen. Doch das wird nicht kommen. Und dann stehen drei Szenarien im Raum: der bereits angesprochene Vertrauensverlust in Geld mit einer erheblichen Inflation, die offene Pleite einiger Schuldner oder die viel diskutierte Vermögensabgabe.“[2]

Am Ende seines neuen Buches hat er deshalb auch äußerst unangenehme Nachrichten – in diesem Falle vor allem für die Eurozonen-Europäer -, wenn es um die Bewältigung der immer noch vorhandenen Krise geht[3]:

  1. Schuldenberg bereinigen (offizielle Schulden durch Schuldenschnitte für die Staaten, durch höhere Besteuerung für die Bürger und durch Inflation, versteckte Schulden durch höheres Rentenalter und niedrigere Renten sowie ein effizienteres Gesundheitssystem).
  2. Wachstum stärken durch Mobilisierung von Arbeitskräftepotenzial, Bildungsinvestitionen, Innovation.
  3. Finanzsystem stabilisieren durch Begrenzung des Kreditwachstums, sprich: Es dürfen einfach nicht mehr so viele Schulden gemacht werden. Außerdem fragt Stelter hier etwas zaghaft: Ist das Zentralbankmonopol gerechtfertigt?

„Offizielle Schulden bereinigen“

Vor allem der Punkt „offizielle Schulden bereinigen“ hat es in sich. Aber sehen wir uns erst einmal an, wie das neue Buch aufgebaut ist und welche Abfolge von Schaubildern gezeigt wird. Das erste Kapitel nennt Stelter lapidar „Die Party“, hier geht es darum, dass durch Verschuldung in den westlichen Industriegesellschaften ein Wohlstandslevel gehalten wurde, der nicht erwirtschaftet wurde. Das dritte Schaubild (S. 8) dieses Kapitels verdeutlicht zum Beispiel, dass in den Eurozonen-Ländern Irland, Spanien, Portugal und den Niederlanden im Vergleich zu anderen Ländern auch (Nichtfinanz-)Unternehmen und Privathaushalte am höchsten verschuldet sind.

Wenn man diese Schuldenberge alle zusammenrechnet, stehen diese Länder auch an der Spitze der Verschuldung und nicht etwa Griechenland. Dafür ist Griechenland wieder dabei (S. 10, Schaubild 5), wenn es um die Verschuldung der Banken geht: die Banken in Irland, Spanien und Griechenland haben zwischen 2000 und 2008 einen geradezu irrealen Stand erreicht. Im zweiten und dritten Kapitel, benannt „Die Blase platzt“ und „Bekämpfung der Krise“, wird der Absturz der westlichen Industriestaaten nach 2008 illustriert. Das Platzen der Immobilienblase in den USA führt aufgrund des Weiterverkaufs von Ramschkrediten (Verbriefungspraxis) an Banken und Versicherungen außerhalb der USA und wegen der globalen Vernetzung der Banken, die nun von ihren Staaten gerettet werden mussten, zur Weltwirtschafts- und Finanzkrise.

Im weiteren Gefolge wurden die Notenbanken der jeweiligen Länder, indem sie Banken und Staaten „billiges“ Geld zur Verfügung stellten, zu den einzigen Helfershelfern der in die Krise geratenen Banken und Staaten. Die Rettungsaktion der Notenbanken geht weiter, inzwischen ist in der Eurozone sogar die Rede von einem Leitzins gleich Null und von negativen Zinsen auf Sparguthaben. Was die EZB aber nicht erzwingen kann, ist ein stabiles reales Wirtschaftswachstum in der ganzen Eurozone (S. 51, Schaubild 41). Verheerend ist der Anstieg der Arbeitslosigkeit (Schaubild 42, S. 52) in der Euro-Südperipherie (vor allem auch der Jugendarbeitslosigkeit). Das m. E. zweifellos interessanteste Kapitel ist von Daniel Stelter „Wie raus aus der Krise?“ benannt. In diesem Abschnitt des Buches behandelt er schwerpunktmäßig die Eurozone und stellt dar, welche Lösungsmöglichkeiten er für die Krise dort sieht.

Politisch höchst problematische Entscheidungen

Darüber hinaus wird hier auch deutlicher, dass eine Lösung der Krise per Schuldenschnitt, was Stelter ohne Zweifel präferieren würde, gerade hier politisch höchst problematische Entscheidungen erfordern würde. Zu Anfang wird das Grundproblem benannt (S. 58, Schaubild 46): zu hohe Schulden und zu wenig Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Peripherie. Fortschritte, was die Wettbewerbsfähigkeit angeht, gesteht er zwar zu, aber das reicht nicht. Bei der Bewältigung von Schulden sieht er vier Möglichkeiten:

  • Sparen und zurückzahlen, was allerdings die Krise eher verstärkt (S. 64, Schaubild 51) und zu immer größeren politischen Spannungen führt. Fazit von Stelter: keine Option.
  • -Mit hohem Wirtschaftswachstum aus den Schulden herauswachsen. Aber gerade hohe Schulden sind ein Bremsklotz für Wachstum (S. 70, Schaubild 56). Neben dem Trend zum abnehmenden Produktivitätswachstum kommt noch die Überalterung in vielen westlichen Gesellschaften dazu, sie wird sich weiter negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken (S. 74, Schaubild 79). Fazit von Stelter: keine Option.
  • Mit Inflation der Geldmenge die Staatsschulden entwerten und damit auch die Sparvermögen der Bürger. Das ist ohne Zweifel eine Option, auf die die Regierenden in aller Welt in der Vergangenheit immer wieder gesetzt haben. Stelter hat hier keinerlei Probleme zuzugeben, dass Inflation für ihn eine Option wäre. Das Problem für ihn ist eher, dass im Umfeld hoher Schulden Inflation schwer zu erzeugen ist (S. 89/90, Schaubilder 70/71).
  • Durch eine „Restrukturierung“ von Schulden die Schuldenstände reduzieren. Gläubiger und Schuldner einigen sich auf eine Umschuldung, die Erlass, Zinssenkung und Streckung der Tilgung beinhalten kann.

Das ist für Daniel Stelter die eigentliche Option (S. 78 bis 87, Schaubilder 62 bis 69) zur Krisenlösung, die in der Folge etwas näher betrachtet wird. Stelter entwickelt folgenden Gedanken: Das vorgegebene Ziel für Staatsschulden sollte 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eines Staates sein (Schaubild 62), darüber hianus gehende Schulden sind auf Dauer nicht mehr tragbar. Da in den einzelnen Ländern nicht nur der Staat, sondern auch die (Nichtfinanz-)Unternehmen und die Privathaushalte tief verschuldet sind, kommt man, wenn man die Tragfähigkeit der Gesamtschulden in einem Land errechnen will, auf 180 Prozent (60 x 3) des BIP für alle Schulden der öffentlichen Hand, der Unternehmen und der Privathaushalte (Schaubild 63).

Der Schuldenüberhang z. B. in der Eurozone beläuft sich mit dieser Rechnung auf 7294 Milliarden Euro (Schaubild 64). Allerdings sind die ungedeckten Versprechen der einzelnen Staaten hier noch gar nicht enthalten. Stelter im Fazit dieses Schulden-Abschnitts in Bezug auf die eurozonale Situation:

„Eine Finanzierung über Vermögensabgaben wären teilweise denkbar, erfordert aber eine europäische Umverteilung.“ (S. 87)

Die Umverteilung könnte gemäß Daniel Stelter so aussehen: Deutschland ist in absoluten Zahlen der vermögendste Staat in Europa (Schaubild 65, 9282 Milliarden Euro). Eine Vermögensabgabe von zehn Prozent, wie sie in einigen Studien (darunter eine von ihm, die er für BCG erstellt hat) könnte dort 928,2 Milliarden Euro erbringen, wobei der Begriff „Vermögen“ noch zu definieren wäre. Der Schuldenüberhang Deutschlands von 682 Milliarden Euro wäre damit gut zu „erledigen“ (Schaubild 64), aber nicht bei den meisten anderen überschuldeten Euro-Staaten (Schaubild 66; es werden hier aber nicht alle Staaten der Währungsunion aufgeführt).

Umverteilung der Schulden

Absolut erschreckend ist nicht etwa Griechenland, sondern sind Staaten wie Irland mit einem möglichen Erlös von 10 Prozent einer Vermögensabgabe von 13 Milliarden bei einem Schuldenüberhang von 370 Milliarden Euro oder Spanien mit einer möglichen Abgaben-Einnahme von 613 zu einem Überhang von 1234 Milliarden Euro. Als Alternative einer zehnprozentigen Vermögensabgabe für alle Bürger in der Eurozone stellt Stelter nun eine Lösung der Schuldenproblematik vor, die die Umverteilung der Schulden innerhalb der Eurozone auf der Basis einer Vermögensabgabe nach Maßgabe des Anteils am BIP vorsieht, was natürlich zu einer horrenden Mehrbelastung der Deutschen führen würde (Schaubild 67, Titel: „Solidarität wäre teuer“).

Der Anteil der Bundesrepublik am BIP der Eurozone beträgt zurzeit etwa 29 Prozent. Das zentrale Schaubild 67 zeigt, was passieren würde, wenn alle Schulden der Eurozone zusammengelegt würden und gemäß dem Anteil am BIP zu tilgen wären. Für Deutschland würde sich eine „Schuldenerhöhung“ von 1369 Milliarden Euro ergeben, denn der zu bewältigende Schuldenüberhang würde für die Deutschen von 682 auf 2051 Milliarden Euro steigen. Die Vermögenssteuer für die Deutschen müsste statt der Summe von 928 Milliarden bei einer 10-Prozent-Steuer nun 2051 Milliarden Euro erbringen, um auch die Schulden der anderen mit abzudecken. Das ist eine Mehrbelastung von 1123 Milliarden durch die eurozonale Umverteilung. Das wäre dem duldsamen Wähler auch in Deutschland doch erst einmal zu erklären.

Ein Land wie Italien, das im Durchschnitt sehr vermögende Bürger hat (und gegenüber Deutschland deshalb im Vergleich weit vorne liegt), hat einen tatsächlichen Schuldenüberhang von 1283 Milliarden Euro, müsste aber bei einer gemeinsamen Veranlagung aller privaten, unternehmerischen und staatlichen Schulden in der Eurozone gemäß seinem BIP-Anteil nur 1204 Milliarden Euro zahlen. Das ist immerhin noch ein Schuldenerlass von 81 Milliarden Euro.

Wodurch wäre der gerechtfertigt? Leider ist hier ein schwerer und sehr unerfreulicher Fehler im zentralen Schaubild 67 zu vermerken (jedenfalls in der mir vorliegenden 1. Auflage 2014 des Buches). Für sämtliche aufgeführten Länder außer für Deutschland sind alle Werte in der Balken-Tabelle verkehrt dargestellt: Die Zahlenwerte für den tatsächlichen Schuldenüberhang wurden mit denen der gemäß des BIP-Anteils ausgerechneten Zahlenwerte vertauscht. Damit wird aber in der Tabelle die Brisanz dieses Umverteilungsansatzes verschleiert. Italien hat z. B. in dieser Darstellung einen kleineren tatsächlichen Schuldenüberhang als es seinem Umverteilungsbetrag entspricht. Für Irland z. B. sehen die Werte aus, als würde es massig viel Geld (370 Milliarden) in den gemeinsamen Topf spenden statt herauszuholen.

Gefundenes Fressen für den Front National

Richtig ist aber, dass unter den in der Tabelle aufgeführten Ländern der Eurozone nur Deutschland und Frankreich bei diesem Umverteilungsschlüssel Nettozahler wären, die anderen Länder würden besser dastehen. Hier wird deutlich: Der Norden wird für den Süden zahlen. Und in dieser Tabelle gehört auch Frankreich zum Norden, auch wenn es Deutschland ist, das den Löwenanteil zu übernehmen hätte.

Das wäre ein gefundenes Fressen für den Front National, der in Frankreich gerade die Europa-Wahl dominiert hat. Die technische Umverteilung von Schulden und die politischen Möglichkeiten dazu können ziemlich weit auseinander liegen. Wer dieses Schaubild in seiner richtigen Ausführung studieren will, muss das schon zitierte Interview von Daniel Stelter in den DWN lesen[4]. Die dort gezeigten Schaubilder sind aus Stelters Buch entnommen, das zuletzt aufgeführte entspricht dem Schaubild 67, zeigt aber die richtige Anordnung der Werte an.

Diese verkehrten Werte im zentralen Schaubild 67 sind sehr ärgerlich, durch die fehlerhafte Darstellung der Werte wird die Mehrbelastung z. B. für Deutsche und Franzosen verschleiert. Der Fehler entwertet aber auf keinen Fall das gesamte Buch und die Diskussion, die Daniel Stelter damit anstoßen will, auch wenn man diesen Vorschlägen auf keinen Fall in dieser Form folgen will. Denn Daniel Stelter merkt zurecht an:

„Die politische Diskussion in Brüssel geht in diese Richtung. Wie viel Solidarität Deutschland dabei an den Tag legen muss, wird sich zeigen.“ (S. 84)

In Brüssel hat man auf jeden Fall bestimmte Vorstellungen darüber, wie die Währungsunion endgültig in eine Schuldenunion verwandelt werden könnte. Bis jetzt haben sich allerdings noch nicht all zu viele Politiker (der Süd-Peripherie) aus der Deckung gewagt. Das könnte sich aber jetzt nach den EU-Wahlen ändern. Ein Szenario, wie es Daniel Stelter schildert, ist für viele sicher eine wünschenswerte Option. Vor allem zur der Darstellung der Schuldenrestrukturierung per Vermögensabgabe durch Daniel Stelter ergeben sich doch einige Anmerkungen und Fragen:

Das neue Buch von Danile Stelter erscheint im Finanzbuchverlag, ISBN 978-3898798754

Das neue Buch von Danile Stelter erscheint im Finanzbuchverlag, ISBN 978-3898798754

  • Nach einer Studie der EZB, die 2013 veröffentlicht wurde[5], rangieren die Deutschen mit ihrem mittleren Vermögen pro Haushalt (Median-Vermögen) nur an einer der letzten Stellen innerhalb der EU bzw. der Eurozone. Auf Platz 1 stehen die Luxemburger, auf Platz 2 Zypern, Plätze 5 und 6 haben Spanien und Italien inne. Es gebe methodische Mängel der Studie, sagen die einen. Es zeigt deutlich auf, sagen wiederum andere, dass die Bürger von Staaten, die laxer besteuern und mehr Schulden aufnehmen, nun einmal ein höheres Vermögen haben. Auf diese Problematik geht Daniel Stelter nicht ein, wenn er das Thema „Umverteilung der Schulden in der Eurozone“ behandelt. Es ist nicht nachzuvollziehen, warum Deutschland als Vermögensriesen dargestellt wird, aber die Vermögenssituation der Bürger bzw. der Haushalte im Vergleich der Eurostaaten außen vor gelassen wird. Natürlich würden die politischen Eliten der Krisenstaaten ein Zusammenwerfen aller Schulden gutheißen, würde doch ein solches Vorgehen das Ausmaß einer jahrzehntelangen expansiven Verschuldung elegant abfedern.
  • Angesichts ungleicher Vermögensverhältnisse im Vergleich der Haushaltsvermögen, die die Deutschen eher an letzter Stelle sieht, ist aber die Frage zu stellen, ob Daniel Stelter eine angemessene Lösung für eine „Restrukturierung“ der Schulden gefunden hat: ein Abschöpfen von Geldern aus dem Euro-Norden per BIP-Anteil, um es in die verschuldeten Krisenstaaten zu pumpen, deren Regierungen, Unternehmen und Bürger damit in den Genuss eines ungeheuren Rettungsschirms kommen, ohne dass die Frage nach der Verantwortung für eigene Fehler gestellt wird. Gesetzt den Fall und nur als Gedankenspiel, es gäbe keine andere Lösung der Schuldenkrise als die Große Europäische Vermögensabgabe, wäre genauso gut auch eine zweistufige Vorgehensweise zu überlegen. Die Schuldenbereinigung müsste in einer ersten Stufe eine Vermögenssteuer in den Krisenländern selbst umfassen, die angesichts der gewaltigen Summen natürlich nicht nur 10 Prozent betragen kann. Ob die noch relativ stabilen Länder hier auch schon ihren eigenen Lastenausgleich fahren wollen, bliebe ihnen überlassen, für die Krisenländer wäre es Pflicht. In einer zweiten Stufe erst könnte dann versucht werden, gravierende Mängel, die eventuell nach der Stufe Eins in den Krisenländern noch vorhanden sind, durch eine Umlage bei den beteiligten Euro- und eventuell auch weiteren EU-Staaten (europäische Solidarität beschränkt sich schließlich nicht nur auf eine Währungszone) zu beseitigen, die aufgrund der Vorstufe in den Krisenländern keinen monströsen Umfang mehr hätte. Man sieht: auf jeden Fall gäbe es für kreative Köpfe noch viele Möglichkeiten, weitere Spielarten einer Krisenlösung per „Schuldenrestrukturierung“ zu entwickeln.
  • Aber Vorschläge zur Vermögensumverteilung in der Eurozone, egal wie sie lauten und von welcher Seite sie kommen, sind nicht in der politischen Wirklichkeit verankert, das zeigt nicht zuletzt die Wahl zum Europa-Parlament. Man muss einmal mehr die Frage an Daniel Stelter richten, in welchem politischen und verfassungsrechtlichen Rahmen eine Umverteilung zur Begleichung aller Staats-, Unternehmens- und Privatschulden innerhalb der Eurozone durchgeführt werden soll. Er hat hier eine sehr theoretische und finanztechnische Sicht der Dinge. Letztendlich wäre ein Lastenausgleich – und darum handelt es sich bei der von Daniel Stelter angedachten „Schuldenrestrukturierung“ – nach der zwischenstaatlichen Einigung, wer in welchen Ausmaß Zahlungen erhält und wer sie zu leisten hat, in den Einzelstaaten umzusetzen. Die Politiker dort müssten versuchen, eine Zustimmung in der Bevölkerung für diese Maßnahmen zu bekommen. In manchen Staaten würde es Volksabstimmungen geben, natürlich nicht in Deutschland, wo die politische Elite inzwischen offen jede direkte Beteiligung der Bevölkerung an wichtigen Weichenstellungen in der Politik ablehnt. Wäre eine Entscheidung zugunsten der großen Umverteilung gefallen, beginnt die gewaltige Aufgabe einer zentral durchgeführten Vermögenseinschätzung und Abgabeerhebung mit entsprechenden Zwangsmaßnahmen. Manchem Bürgern wird erst mit dem Zwangsbescheid über den eurozonalen Lastenausgleich klar werden, das er auch „dran“ ist. Das würde alles sehr interessant werden, vor allem in dem Flickwerk der bestehenden politischen Strukturen. Es ist auch nicht vorstellbar, dass in Deutschland das Bundesverfassungsgericht, so euro-freundlich es in den letzten Jahren geurteilt hat, nicht auch bremsend beteiligt wäre.
  • Eine weitere Frage ist, wie nachhaltig diese Umverteilung, dieser Schuldenreset denn wäre. Weder ist auf die Schnelle ein staatliche Konstruktion in der Eurozone in Sicht, die künftig eine unverantwortliche Aufschuldung der üblichen Verdächtigen verhindern würde, noch wird es ohne einen wirklichen Crash freiwillige Veränderungen am Geldsystem geben, z. B. eine Aufhebung des Zentralbankmonopols. Aber vielleicht ist das für Daniel Stelter gar nicht so wichtig. Klar ist, dass die Schuldenregulierung, die er für die Eurozone vorstellt, eine Lösung des Problems darstellte, die der globalen Finanzindustrie sehr recht wäre.
  • Am Ende ist dann doch die Inflation das Thema. Daniel Stelter diskutiert sie als eine der Möglichkeiten für eine Entschuldung, sieht sie aber als nicht sehr wahrscheinlich an. Nur kann er wirklich abschätzen, welche unkonventionellen Ideen die Zentralbanken noch ausprobieren werden, um die Inflation in Gang zu setzen? Ein Mitleid mit den sogenannten Klein-Sparern ist jedenfalls nicht zu verspüren. Und müsste da im Hintergrund nicht die Angst sein, dass das Ganze außer Kontrolle gerät, wenn z. B. die Notenbanken irgendwann die direkte Finanzierung von Staatsausgaben betreiben würden? Das neue Buch von Stelter ist trotz aller vorgebrachten Kritik (das havarierte Schaubild kann in der nächsten Auflage korrigiert sein; die etwas einseitige Sicht auf die Lösung der Schuldenproblematik wird wohl bleiben) originell, anschaulich, provokativ und informativ. Es verschafft einen guten und schnellen Überblick über die Weltfinanzkrise und die Verschuldungskrise der westlichen Industrieländer.

 

Anmerkungen

[1] https://www.m-vg.de/finanzbuchverlag/shop/article/3310-die-krise-ist-vorbei-macht-pause-kommt-erst-richtig/

[2] DWN, „Keiner will dem Wähler gestehen, dass seine Ersparnisse gefährdet sind“: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/05/17/keiner-will-dem-waehler-gestehen-dass-seine-ersparnisse-gefaehrdet-sind/

[3] Die Krise, S. 99, Schlusskapitel „Der Ausblick“

[4] DWN, „Keiner will dem Wähler gestehen, dass seine Ersparnisse gefährdet sind“: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/05/17/keiner-will-dem-waehler-gestehen-dass-seine-ersparnisse-gefaehrdet-sind/

[5] Tagesanzeiger, „Deutsche haben am wenigsten Vermögen“: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Studie-Deutsche-haben-am-wenigsten-Vermoegen/story/27947376