Hans-Olaf Henkels Spiel mit der AfD

Hans-Olaf Henkel ist ein Kritiker der Euro-Politik. Vor der Bundestagswahl warb er für die AfD, ohne  der Partei beizutreten. Tritt er nun für sie zur Europawahl an?

 

Kandidiert er, oder kandidiert er nicht? Hans-Olaf Henkel macht es spannend. Man könnte auch sagen, er lässt die Alternative für Deutschland ganz schön zappeln. Denn die wartet nun schon seit Wochen auf ein öffentliches Bekenntnis des früheren IBM-Managers, ob er denn nun für die AfD in den Europawahlkampf zieht oder nicht.

Henkel gehörte dem Gründerkreis der Wahlalternative 2013 an, aus dem die AfD schließlich hervorging. Zuvor war er auf Veranstaltungen der Freien Wähler aufgetreten, die ebenfalls hofften, den Eurokritiker in ihre Reihen aufnehmen zu können. Doch Henkel ließ auch sie zappeln und wandte sich dann im Sommer scheinbar zielstrebig und fest entschlossen der AfD zu.

Im „deutschen Meer der Gleichmacherei“

„Ich habe die AfD bereits per Briefwahl gewählt“, bekannte er auf einer Pressekonferenz mit führenden Repräsentanten der Alternative wenige Tage vor der Bundestagswahl in Berlin. Und schon da erwarteten nicht nur Beobachter, dass der Mann, dessen Herz früher für die FDP schlug, nun der neuen Partei betreten werde. Am Rande der Veranstaltung sprach er offen mit der AfD-Spitzenleuten darüber, wann er am günstigsten seinen Eintritt in die Partei bekanntgeben könne. Getan hat er es allerdings bis heute nicht.

Stattdessen nutzte er die Veranstaltung im September zur Abrechnung mit seiner verflossenen politischen Liebe, der FDP. Im „deutschen Meer der Gleichmacherei“ sei ihm die FDP immer wie ein liberaler Fels in der Brandung erschienen, sagte er. „Liberale Leuchttürme wie mein Soziologieprofessor Ralf Dahrendorf und der frühere FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff, übrigens beides Eurogegner der ersten Stunde, garantierten einen klaren Kurs“, erläuterte er und fügte unmissverständlich hinzu: „Seit deren Nachfolger die wichtigsten liberalen Grundsätze auf dem Altar des Euros opferten, ist die FDP für mich unwählbar geworden.“ Mit dieser Ansicht war er ganz offensichtlich nicht allein, denn nur drei Tage später flog die FDP erstmals seit 1949 aus dem Bundestag. Es war der schwärzeste Tag in ihrer Geschichte.

Politisch heimatlos

Doch Henkel ist nach wie vor politisch heimatlos. Wer sich in der Partei umhört, erfährt, dass es in den Landesverbänden Bedenken gegen eine Kandidatur des früheren Präsidenten des Bundesverbandes der Industrie gibt. Wer aber wissen will, welcher Art diese Bedenken sind, der stößt auf Schweigen. Er erfährt auf diese Weise allerdings eines: Der Hamburger mag von den Mitgliedern geschätzt werden, verehrt wird er offenbar nicht. Und das mag durchaus auch mit seiner Zögerlichkeit zu tun haben.
Kritisch wird von Anhängern der AfD im Internet jedoch immer auch Henkels Nähe zur Finanzindustrie erwähnt. Mit Henkel würde man den Bock zum Gärtner machen, heißt es dort.

Repräsentant der Finanzindustrie

Gemeint ist seine Tätigkeit für das Unternehmen Bank of America Merrill Lynch. Henkel repräsentiert das Deutschland-Büro der beiden nach der schweren Finanzkrise des Jahres 2008 fusionierten Unternehmen. Damit ist er tatsächlich ein Exponent jener Branche, der vorgeworfen wird, aus der europäischen Schuldenkrise durch gezielte Spekulationen eine manifeste Finanzkrise gemacht zu haben. Das macht ihn im Kreise der AfD angreifbar.

Merrill Lynch ist eine US-amerikanische Traditionsbank. Im Jahr 2006 fusionierte sie ihr Investment-Geschäft mit dem Finanzunternehmen BlackRock, dem weltweit größten Vermögensverwalter. BlackRock nutzt den Produktnamen Merrill Lynch z.B. für Investmentfonds ihrer Analgegesellschaft „Merrill Lynch International Investment Funds“ (MLIIF), die auch in Deutschland angeboten werden.

Nord- und Südeuro

Weil Merril Lynch einen Berg von giftigen Papieren und wertlosen Subprime-Krediten in der Bilanz hatte, musste die Bank 2007 Wertberichtigungen in Höhe von 23,2 Milliarden Dollar vornehmen und war reif für die Fusion mit der Bank of America. Auch heute ist die Bank noch nicht aus den Negativschlagzeilen. Rund 1200 dunkelhäutige Mitarbeiter verklagten die Bank wegen rassistischer Diskriminierung. In diesem Jahr ließ sich Merrill Lynch auf einen Vergleich über 160 Millionen Dollar ein.

Henkel selbst macht aus seinem Engagement für die US-Finanzindustrie ebenso wenig einen Hehl wie aus seiner Kritik an der Euro-Rettungspolitik. Von ihm stammt die Idee eines Nord- und eines Südeuros, weil die Volkswirtschaften der nördlichen und der südlichen Mitgliedsstaaten zu unterschiedlich seien.

Die AfD als Bühne?

Seiner Ansicht nach sollten Deutschland, die Niederlande, Belgien, Österreich, Finnland und Luxemburg zum Nordeuro gehören, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und Portugal zum Südeuro. Mit diesen Vorstellungen liegt allerdings nicht auf AfD-Linie. Die plädiert zwar auch für eine „geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebiets“ und will in den Südländern die ursprünglichen Währungen als Parallelwährungen wieder einführen. Mit diesem Konzept ist Parteichef Bernd Lucke vor der Bundestagswahl durch die Talkshows getingelt.

Bislang ist unklar ob und inwiefern sich Henkel mit den Thesen der AfD in der Euro-Frage anfreunden kann. Und so ist bei manchem in der Partei die Befürchtung groß, Henkel wolle die AfD nur als Bühne zur Selbstdarstellung nutzen, die ihm ansonsten immer seltener geboten werde. Allzu lange kann Henkel mit seinen Plänen allerdings nicht mehr hinterm Berg halten. Denn im Januar entscheidet ein Bundesparteitag der AfD über die Europakandidaten.

Über Günther Lachmann

Der Publizist Günther Lachmann befasst sich in seinen Beiträgen unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel